Abschied!
Wie oft heißt es im Leben
Abschied nehmen? Aber das es mir einst erging wie Hiob hätte ich mir nicht
träumen lassen, aber halt, das stimmt nicht, denn mir blieb eins, mein Mann.
Der erste Abschied war der
von meiner unbeschwerten Kindheit. Meine Mutter verließ die Familie und so fing
für mich der Ernst des Lebens bereits mit sechs Jahren an.
Der zweite Abschied war der
von meinem Heimatdorf und der stimmte mich gar nicht traurig. Jahre hatte ich
danach gefiebert hier herauszukommen, aus der Enge des kleinen Dörfchens, indem
jeder jeden kannte und man keinen Schritt unbeobachtet machen konnte. Da war ich zweiundzwanzig Jahre alt.
Der dritte und bis dahin
schlimmste Abschied war der von meiner Mutter, die mit fünfundvierzig Jahren
starb. Wir hatten nie ein besonders inniges Verhältnis und ich hätte nicht
vermutet, dass es mich so sehr traf.
Mit sechsundzwanzig Jahren
endete meine erste Ehe, wieder kein großer Verlust.
Als ich achtundzwanzig Jahre
alt war, starb mein Vater, er hatte lange gelitten und ich gönnte ihm seine
Ruhe.
1996 dann verließ uns unser
Kind. Nein, sie starb nicht, sie hatte jemanden kennen gelernt, der sie so
beeinflusste, dass sie mit uns nichts mehr zu tun haben wollte. Ein Jahr lang
brauchten wir um uns einigermaßen zu fangen und weitere zehn, um wieder das
Leben genießen zu können und abzuschließen.
2008 gab es dann die große
Wirtschaftskrise. Jeden Tag hörte man weitere schlimme Nachrichten. Es begann
in Amerika und wie fast alles von drüben schwappte auch sie über den großen
Teich. Ein neuer Abschied stand bevor, der Abschied vom Wohlstand. Die Preise
wuchsen ins Unermessliche. Zuerst versuchten wir zu ignorieren, dann kam der
Tag, an dem ich beschloss meine Puppen zu veräußern. Allerdings brachte das
nicht wirklich viel, denn alle Leute brauchten Geld und die Preise waren im
Keller. Es folgten mein Schmuck und dann diverse Elektro-Geräte. Hatten wir
versucht die Krise auszusitzen, mussten wir nun feststellen, so leicht war das
nicht. Mit großen Schritten rannte die Wirtschaft in die Inflation und es
dauerte und dauerte. Schon sah man die ersten Leute auf der Walz. Auch wir
würden nicht mehr lange die horrende Miete zahlen können und wenn unser Hauswirt die Geduld verlor, na
dann gute Nacht. Es kam der Tag. Lange schon lebten wir von der Hand in den
Mund und auch die Leute, die gespart hatten waren nicht wirklich besser dran,
als wir. Nur die mit Grundbesitz hatten wenigstens noch ein Dach über den Kopf.
Meine Freundin Susi gehörte zu jenen Glücklichen und sie bot mir an uns
aufzunehmen. Ein Auto besaßen wir nicht mehr und da wir die letzten Groschen nicht für die Fahrt ausgeben wollten, so
machten wir uns zu Fuß auf den Weg, begleitet von unserem treuen Schäferhund
Wolf. Mit ihm teilten wir brüderlich was wir hatten und das war manches Mal
wenig genug.
Die wenige wirklich
notwendige Habe verteilten wir in unsere Rucksäcke und dann machten wir uns auf
in eine mehr als ungewisse Zukunft. Einmal noch blickte ich zurück, denn man
sagt ja, dass man dann wiederkommt. Dreißig schöne Jahre hatten wir hier
verlebt. Seufzend machten wir uns eines Morgens auf den Weg. Wenigstens regnete
es nicht, es war früher Herbst und nicht zu kalt und nicht zu warm, ideal also
zum Wandern. Einerseits waren wir ziemlich gut durchtrainiert durch unseren
Hund, doch wir waren keine zwanzig mehr und nach einigen Stunden erlahmten
unsere Kräfte merklich. Dabei waren wir erst in Gelsenkirchen und wir hatten
uns vorgenommen es bis zum Abend bis Essen-Kray zu schaffen. Hier hatte mein
Mann Jahrzehnte lang gearbeitet und viele Bekannte, bei einem von ihnen hofften
wir für die Nacht unterschlüpfen zu können. Es dämmerte bereits, als wir
Gelsenkirchen-Rotthausen erreichten. Eine ziemlich herunter gekommene Gegend,
allerdings grenzte sie bereits an Essen-Kray und so kämpften wir uns tapfer
weiter. „Eine kleine Pause“, bat ich Jürgen in der Nähe des Marktplatzes und
wir ließen uns nieder. „Das ist gefährlich“, warnte Jürgen, „danach wird es
doppelt schwer wieder in Gang zu kommen.“ Beim Bäcker fragte ich nach altem
Brot und wir bekamen einen Kanten. Wasser hatten wir in einer Flasche dabei,
damit weichten wir das harte Brot auf und aßen, nachdem wir es in drei Teile
gebrochen hatten. Plötzlich begann Wolf zu knurren. Als wir uns umdrehten,
bemerkten wir zwei abgerissene Gestalten, die sich heran gepirscht hatten und
unsere Rucksäcke gestohlen hätten, wäre nicht unser wachsamer Wolf gewesen. Der
eine der Beiden warf böse einen Stein nach ihm, aber er verfehlte ihn. Das
Erlebnis brachte uns schnell wieder auf die Beine und wir marschierten weiter.
Als wir nach einiger Zeit
Essen-Kray erreichten, funkelten schon die ersten Sterne am Himmel und es wurde
merklich kühler. Wir freuten uns, unser Ziel erreicht zu haben, aber wie
staunten wir, als wir durch die kleine Vorstadt gingen. Porky, einstens eine beliebte Imbissbude, geplündert.
Ebenso Lebensmittelgeschäfte, Metzger und Bäcker. Hier war es noch um einiges
schlimmer als bei uns in dem kleinen Ort Westerholt. Eigentlich logisch, hier
wohnten noch mehr Leute, die satt werden wollten. Überall, wo Jürgen die
Klingelschilder nachsah, bei Bekannten schüttelte er traurig den Kopf, niemand
mehr hier, den wir kannten und vom dem wir uns Nachtlager und Hilfe erhoffen
konnten. Das reine Entsetzen packte uns, als wir an dem ortsansässigen
Altenheim vorbei kamen. Alte und kranke Leute lagerten auf der kleinen Wiese,
die das Anwesen umgab. Sie stöhnten und jammerten vor Kälte, Angst, Schmerz und
Hunger. Ungläubig betrachteten wir das Szenario. „Das kann doch nicht sein.
Oder“, wollte ich entsetzt wissen? „Du weißt doch, Alte und Kinder trifft es
immer zuerst“, antwortete Jürgen. „Es wird keiner mehr da sein, der zahlt und
wie uns unser Vermieter hinaus gehetzt hat, wird das hier auch geschehen sein.“
Ohne groß zu überlegen was wir taten, liefen wir zum Gebäude der Telekom. Hier
hatte Jürgen lange Jahre seinen Dienst versehen. Es brannte Licht im Büro und
wir schellten.
„Was wollt ihr“, knurrte ein
Mann, der uns geöffnet hatte unfreundlich an? „Mensch Jürgen“, der Mann wurde
beiseite geschoben und Michael, ein ehemaliger Kollege zog uns hinein. „Rückt
zusammen, der gehört zu uns“, ordnete er an. Die Räume waren voller Menschen,
Mitarbeiter hatten den gleichen Gedanken gehabt und hier Zuflucht gesucht, denn
es war trocken und warm hier. Allerdings war die Luft zum Schneiden. Büro, Zählerraum und sogar die Toiletten waren
belegt. Wie es aussah konnten wir nicht wählerisch sein. Wolf allerdings sollte
im Flur schlafen. Da wir ihn nie alleine ließen, legten wir uns zu ihm. Hier
war es nicht so warm, aber dafür war die Luft besser. Eigentlich hatte ich mir
Gedanken machen wollen, wie ich den alten Leuten helfen konnte, aber wir waren
so erschöpft, das wir sofort auf dem harten Boden einschliefen.
Am anderen Morgen brauchten
wir eine Weile um unsere steifen Knochen wieder bewegen zu können. Wir dankten
für das Nachtlager und machten und wieder auf den Weg. Über unser Ziel verloren
wir allerdings kein Wort, sonst hätte sich sicher einen Völkerwanderung
aufgemacht und Susi bot sicher noch mehr Verwandten und Freunden Zuflucht, so
das dort auch kein Platz mehr zu haben war. So begannen wir die zweite Etappe
unserer Odyssee, wir machten uns auf nach Essen-Rüttenscheid. Von da aus nach
Essen-Bredeney und dann nach Kettwig.
Hier wohnte meine Tante Edith und bei der verbrachten wir die zweite
Nacht. Sie hatte im Golfclub gearbeitet und eine Turngruppe geleitet, in der
Turnhalle wohnte sie nun, außerdem verfügte sie über ausgezeichnete Kontakte
und es gelang ihr auch immer wieder etwas Essbares aufzutreiben. Sie
beherbergte auch etliche Leute, denn sie ist sehr hilfsbereit.
Am dritten Tag schlugen wir
uns dann nach Neuss durch. Völlig erschöpft trafen wir bei meiner Freundin ein.
Vor ihrer Türe im Stadtpark waren etliche Lager entstanden. Daher wunderten wir
uns, dass sie relativ ruhig öffnete. Als sie uns sah rief sie: „Ja habt ihr es
denn noch nicht gehört?“ Verständnislos blickten wir sie an. Sie zog uns
hinein. Nachdem sie uns auf Stühle verfrachtet hatte, sagte sie: „Ihr könnt
wieder heim, seit gestern Abend gibt es eine neue Währung, alles wird gut.
Vermieter müssen ihre Mieter wieder aufnehmen und dürfen sich nicht
bereichern.“ Fassungslos sahen wir uns an, hätten wir nur noch zwei Tage
ausgeharrt. Nun nachdem alles überstanden war, musste ich doch noch heulen und
konnte lange nicht aufhören.
Diesmal sind wir noch einmal
davongekommen.
©y
Gitte