Angst!
Es war ein grauer Winternachmittag im Dezember. „Weißt du was, ich bringe schnell noch eines der Weihnachtspakete zur Post“, sagte ich zu meinem Mann. Jürgen war an den Augen operiert und konnte deshalb nicht Auto fahren, ich selbst hatte seit über 20 Jahren nicht mehr hinterm Steuer gesessen. „Lass das doch, es dunkelt schon“, bemerkte mein Mann. „Ach was, in diesem Monat wird es eh kaum hell und wenn ich Pech habe ist Morgen auch noch Glatteis, ich flitze schnell los“, entschied ich und gab meinem skeptisch blickenden Mann einen schnellen Kuss. Er seufzte nur und ließ mich ziehen.
Gleich das größte und schwerste der Pakete hatte ich auf meinen Hackenporsche geschnallt und so machte ich mich auf den Weg. Gerade erst war ich um die Ecke gebogen, als ich ihn bemerkte. Ein großer Mann ging im gleichen Abstand hinter mir her. Fast bereute ich meinen Entschluss, doch dann riss ich mich zusammen, es war erst kurz nach sechzehn Uhr, was sollte schon passieren. Dennoch blieb ich stehen, kontrollierte die Halterung meines Paketes und wollte den Mann vorbeilassen. Gerade als ich mich wieder auf den Weg machte, blieb er stehen und wartete auf mich. „Na, auch die Abkürzung über den Friedhof“, wollte er wissen? Ach je, gerade da hatte ich her gewollt, sollte ich einen Umweg machen? Das sieht ja aus, als hätte ich Angst. Angst, ich nie, redete ich mir ein und doch musste ich eingestehen, ich hatte Angst, aber merken lassen würde ich es ihn nicht. So blickte ich entschlossen zu ihm und lächelte nickend. „Na dann komm mal min Deern, so ein lüttes Ding kann man ja nicht allein lassen.“ Von der Seite schielte ich zu ihm hoch. Er sprach als sei er aus dem Norden und er sah auch so aus. Er war sehr groß und breit und trug eine dunkelblaue Wollmütze mit Rand, dazu einen Troyer in gleicher Farbe. In seinem Ohrläppchen steckte ein goldener Ohrring. Ein Seemann ging es mir durch den Kopf. Er sieht aus wie Hein, Hein Daddel spintisierte ich weiter und musste lächeln. „Gerade habe ich meinen Freund beerdigt“, berichtete er mir. „Nur achtundvierzig Jahre ist er geworden.“ Das Gespräch trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Was wollte er damit sagen? Ein dämmriger Winternachmittag. Ein großer Fremder mit mir auf dem Menschenleeren Friedhof und dann redete er auch noch von Sterben? Das dumpfe Gefühl in meiner Magengrube breitete sich aus.
Plötzlich höre ich laute Stimmen hinter uns. Erleichterung breitet sich in meiner Magen Gegend aus. Leider nur kurzfristig. „Hallo, schaut mal wen haben wir denn da? So alleine schöne Frau?“ Alleine? Hat der Typ keine Augen im Kopf? Verstohlen schiele ich zu Hein, wie ich ihn bei mir nun nenne. Der guckt stur geradeaus und nun beruhigt mich seine Anwesenheit. Dann blicke ich nach hinten. Drei grölende Kerle in Lederjacken nähern sich uns. Der erste, ein feister Kerl mit ekelhaftem Grinsen streckt seine Hand nach mir aus. Langsam und gelassen dreht Hein sich um, streckt den Arm aus und der Randale Heini läuft voll in seine Faust. Es sieht aus, als sei er gegen eine Mauer gerannt. Sein Gesicht verzerrt sich und Blut schießt aus seiner Nase. Die drei gucken völlig entsetzt, drehen sich um und geben Fersengeld.
Unbeeindruckt und ohne eine Regung läuft mein Begleiter neben mir her. „Danke“, sage ich. „Schon gut“, erwidert er. Den Weg über den Friedhof haben wir geschafft, erleichtert sehe ich das Ausgangstörchen am oberen Ende. Mein Begleiter bleibt stehen. „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt“, sagt er. „Gestatten, Hein, Hein Daddel.“ Dabei grinst er von einem Ohr zum anderen. „Das kann doch nicht wahr sein. Schnell ziehe ich ein Taschentuch hervor, in das ich hineinlache, ich möchte meinen Begleiter nicht verärgern, hat er mich doch gerade aus einer ziemlich misslichen Lage befreit. Als ich mich wieder unter Kontrolle habe und hoch blicke bin ich allein. Haben Schutzengel Humor?
©By Gitte