Anton
der Hase
Anton
war mein Großvater, er war ein Wilderer. Für mich war er ein Jäger, denn als
ich zur Welt kam, war er schon pensioniert und marschierte jeden Morgen, in der
ersten Dämmerung mit seiner Flinte, seinem Rucksack, Proviant für den Tag und
seinem Jagdhund Terry in den Wald. Seine Eltern waren aus den Niederlanden nach
Deutschland gezogen und man kann mit Recht behaupten, dass er über einen
holländischen Dickschädel verfügte.
Meine
Oma Maria passte eigentlich überhaupt nicht zu ihm, war sie aus einem
gottesfürchtigen erzkatholischen Elternhaus, doch, wie sagt man so schön, wo
die Liebe hinfällt.
Oma
absolvierte bei einem Bauern damals dass so genannte Landjahr. Dieser Bauer
nahm die Flüchtlingsfamilie auf und Oma verfolgte „Ihren Anton“. Als es diesem
zu viel wurde, floh er in die Fremdenlegion. Er hielt trotzdem Kontakt mit den
Seinen und erfuhr, Oma hatte geheiratet und eine Sohn bekommen. Beruhigt kehrte
er nach Hause zurück, aber wie das Schicksal so spielt, Omas erster Mann bekam
eine Blutvergiftung und starb. Sie war wieder frei und nun heirateten die
beiden doch.
Opa
Anton fing auf der Zeche an und arbeitete dort als Bergmann. Sie bekamen
gemeinsam fünf Kinder, von denen einer mein Vater war. Die Jahre vergingen und
Opa wurde wegen Steinstaub pensioniert. Nun frönte er weiter seiner
Leidenschaft, der Wilderei. Oma betete derweilen für uns alle. Alle Kinder
erhielten Namen von Heiligen, mein Vater hieß Theodor Ludger.
Nun zurück zu Anton. Wie schon berichtet,
packte Oma in der Frühe seinen Rucksack, der enthielt eine Thermoskanne voll
Kaffee und belegte Brote. Opa schulterte ihn,
pfiff nach Terry und zog im Morgengrauen los in die Wälder. Uns Kindern
war es streng verboten die Wälder zu betreten, angeblich wegen der Bergschäden
in dieser Region, vielleicht aber auch deshalb, dass uns nicht eine von Opas
Kugeln traf.
Wenn
er heimkam, lag sein Gewehr auseinander genommen im Rucksack, unter dem
Wildbrett. Das Wild wurde im Wäschekeller geräuchert, wenn der Qualm
herausdrang und wir Kinder fragten was das sei, sagte man uns, Oma kocht die
Wäsche.
In
den Keller durften wir nie, das war streng verboten. Auch was es sonntags zu Essen
gab, fragte man nicht. Das Betreten des Speichers war uns ebenfalls untersagt,
angeblich war der Boden marode und es war zu gefährlich. Ab und zu hörten wir
ein Rumoren dort.
„Mäuse.“
sagte Opa und zwinkerte uns zu.
Erst
viel später erfuhr ich, dass Opa dort Frettchen hielt;
diese bekamen selten zu fressen und waren daher sehr blutrünstig. Sie wurden
von Opa in einem Sack mitgenommen und in die Fuchsbauten geschickt, dort bissen
sie den Fuchs und wenn der genügend Blut verloren hatte und geschwächt war,
schickte Opa den Hund rein, der ihn heraus holte.
Meine
Großeltern wohnten mitten im Wald uns für uns Kinder war es ein Paradies.
Doch
nun zur eigentlichen Geschichte.
Alle
sorgten sich um Anton, seine Geschwister, seine Frau, seine Kinder, ach
eigentlich alle, die ihn kannten.
„Das
kann nicht gut gehen.“ meinten sie.
Indes,
Jahre vergingen und Anton wurde nie erwischt. Seine Wilderei wurde entsprechend
immer frecher und dreister. Oma trug nun beim sonntäglichen Kirchgang die
schönsten Fuchspelze um den Hals, die wir Kinder immer sehr bewunderten, denn
sie besaßen kleine Gesichter mit Glasaugen und am anderen Ende kleine Pfötchen
mit Krallen. Oft ging Anton nun auch los, wenn die Sonne schon am Himmel stand,
er wurde immer unvorsichtiger.
.
Die
von ihm erlegten Tierscharen klagten nun bei Gott dem Herrn.
„Mich
hat er erschossen!“ klagte die Füchsin, „Meine drei Jungen sind elend
verhungert.“
Eine
ganze Herde Kaninchen kam herbei: „Wir sind auf dem Mittagstisch gelandet,
dabei lebten wir so gerne!“
Einige
Frettchen waren auch darunter: „Uns hat er verhungern
lassen, wir konnten mit so wenig Nahrung nicht auskommen“.
Etliche
Rehe und Hirsche traten hinzu: „Auch wir wurden erschossen und nicht aus Not,
etliches Fleisch blieb im Walde liegen, weil er es nicht tragen konnte!“
Nur
eine Ricke sprach für Anton: „Mir hat er bei lebendigen Leib den Bauch
aufgeschlitzt, aber er wollte mein Kitz retten, doch es war nicht lebensfähig.
Eine kleine Lock hatte mich erfasst, doch weil ich das Kitz trug, konnte ich
nicht so schnell springen.“
Die Klagen nahmen kein Ende.
Gott
hörte das alles an und sprach: “Ihr seit die Geschädigten, also steht es euch
an, das Urteil zu sprechen, was schlagt ihr also vor, soll mit Anton
geschehen“?
Alles
redete durcheinander und der Herr gebot ihnen Ruhe.
Einer
der Füchse trat vor:
„Mach
ihn zu einem Fuchs und erzähle den anderen Füchsen was er getan hat, dann
werden sie ihn zerreißen.“
„Glaubst
du, das ist lehrreich?“ sprach der Herr „Eine Grausamkeit mit einer anderen zu
vergelten?“
Beschämt
trat der Fuchs zurück.
„Du
hast Recht Herr“, sprach er und neigte das Haupt.
Die
Rehe und Hirsche traten hervor.
„Nun?“
fragte Gott, „was schlagt ihr vor?“
„Wie
wäre es, wenn er sich bei seinem Pirschgang im Wald verirrt und nicht heimfindet,
so dass er grausam verhungern muss?“
„Sind
nicht etliche von Euren Kindern verhungert und ihr habt sie beweint, da wünscht
ihr einem anderen, mag er auch noch so grausam sein ein solches Schicksal?“
Beschämt
traten auch die Rehe und Hirsche zurück.
Vier
Falken flogen herbei. „Wir könnten ihn hacken und sein Gesicht entstellen“,
schlugen sie vor.
„Dann
würden sich vor allem die entsetzen, die um ihn sind. Seine Kinder bekämen
Angst und nicht nur vor Anton, sondern auch vor der Natur, die solche
Grausamkeit möglich macht und sein Weib würde sich vor ihm ekeln. So würdet ihr
eher andere Strafen statt ihn.“
Beschämt senkten die Falken die Köpfe.
„Nun?“, wandte Gott sich an die Hasen.
„Welchen Vorschlag hättet ihr zu machen?“
Die
anderen Tiere blickten erstaunt auf. Was konnte von den kleinen und nicht
besonders angesehenen Hasen schon kommen, fragten sie sich, wenn selbst die
schlauen Füchse, die stolzen Rehe und Hirsche, die majestätischen Falken keinen
vernünftigen Rat wussten?
Ehrfurchtsvoll
rückten die Hasen näher:
„Wie
wäre es denn, wenn Du Anton für eine Weile zu einem von uns machen würdest? Er
könnte dann lernen, wie es ist, sein Leben auf der Flucht verbringen zu müssen
und vor fast allen Kreaturen fliehen zu müssen, denn wir sind klein und haben
weder Zähne, noch Klauen, die andere das Fürchten lehren, uns bleibt nur die
Flucht, wenn wir unser Leben behalten wollen.“
Gott
blickte nachdenklich auf den kleinen Sprecher. „Mir scheint, das ist ein sehr
guter Rat, was meint ihr dazu“, wandte er sich an die anderen Tiere.
Die
schauten verblüfft, stimmt, das war gut, sehr gut sogar genau genommen und das Ganze
war eine beschlossene Sache.
Sie
marschierten in den so genanten Erdenraum, von dort konnte man hinunter sehen.
Gott gab Anton in die Suchmaschine ein und außerdem alle seine persönlichen
Daten. Da tauchte er auch schon auf dem Bildschirm auf. Anton saß unter einer
riesigen Eiche und schlief, er hatte sein Vesperbrot verzehrt und machte nun
ein Nickerchen auf einer Lichtung im
Schatten des Baumes.
„Es sei“, sprach Gott und aus Anton wurde ein
kleiner Mümmelmann. Alle Tiere blickten gespannt. Anton erwachte, er hob seine
Vorderpfötchen, denn er glaubte es seien seine Arme, um sie zu strecken. Wumps
landete er auf dem Rücken. Auch Männchen machen will gelernt sein. Verwundert
riss er seine kleinen Augen auf und
betrachtete erst seine Pfoten, dann seinen behaarten Bauch und zu guter Letzt
schüttelte er den Hasenkopf, als könne er so den bösen Alptraum verscheuchen.
Aber o Weh, alles blieb wie es war und die Tiere im Himmel lachten Tränen über
sein verdutztes Gesicht. Anton sah sich um, er hockte in einem Kleiderberg, der
einmal der seine gewesen war. Plötzlich hörte er ein gefährliches Knurren. Er
schrak zusammen und drehte sich vorsichtig um. Am Nachbar Baum war sein Hund
Terry angebunden, der nun wie wild knurrte und Anstalten machte, sich auf Anton
zu stürzen. „Aus“, wollte Anton schreien, aber es kam nur ein Fiepsen heraus. Entsetzen breitete sich in ihm aus, das
KONNTE einfach nicht sein!
Vorsichtig
hoppelte er erst einmal aus Terrys Reichweite, denn wenn das Seil riss, dann
Gnade ihm Gott. Gott, dachte er. Genau, nur das konnte es sein, es gab ihn also
doch und nun zeigte er es ihm, Anton.
In
Anton stritten Reue und Wut miteinander. Er hatte allerdings wenig Zeit, seinen
Gedanken nachzuhängen. Es geschah genau, wie er es befürchtet hatte: Das Seil
zerfranste und Sekunden später war Terry frei.
Mit
wütenden Gebell stürzte er auf Anton zu, der rannte, wie er noch nie in seinem
Leben gerannt war, wenn Terry ihn erwischte, gab es keine Gnade, Anton hatte
ihn gut abgerichtet. Anton versuchte sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was er
über Hasen wusste, das ist nicht leicht, wenn man um sein Leben rennt. Er
spähte nach einer rettenden Höhle aus.
„Oh
nein“, rief eines der Häschen im Himmel, „das ist ja die Lichtung in der mein
Bau liegt.“
„Keine
Bange“, beruhigte ihn Gott. „Es ist ja nur der Hase Anton und er ist ganz
allein und fürchtet sich sehr.“
„Meine
Frau, meine Frau, sieh nur!“, rief der kleine Hase aufgeregt und richtig, auf
der Lichtung erschien ein zweiter Hase und winkte Anton zu sich, der flitze zu
ihm und in letzter Sekunde erreichten sie gemeinsam den schützenden Bau.
Im
Bau ließ Anton sich außer Atem fallen.
„Wer
bist du?“ fragte die Häsin. “Dich habe
ich hier noch nie gesehen.“ „Mein Name ist Anton, ich bin gerade erst angekommen“,
erzählte Anton und gelogen war das ja nun nicht.
„Das
sind meine Kinder“, stellte Marga, die Häsin, ihre Kleinen vor.
„Wo
ist denn Dein Mann?“ wollte Anton wissen.
„Den
hat der Jäger erwischt,“ weinte Marga und blanke
Tränen rollten über ihre Fellbäckchen.
Anton
wurde ganz schlecht. „Das wollte er sicher nicht, er wusste bestimmt nicht,
dass der Hase Familie hat“, sagte er.
„Na hör mal“, sagte Marga entrüstet, „wir
haben alle Familie, er hat die Hälfte davon ausgerottet.“ „Heute müssen wir aus
der Vorratskammer essen. Der Hund wird sicher nicht so schnell aufgeben und
wenn sein Herr kommt, ist es um uns geschehen, der kennt keine Gnade!“
„Vielleicht
ist er davongelaufen und sein Herr kommt nicht.“ meinte Anton verlegen.
Sie
mümmelten schweigend.
„Wie
komme ich hier nur raus“, überlegte Anton.
Ihm war alles sehr peinlich, man muss sich das
nur mal vorstellen, sie die Witwe des von ihm getöteten Hasen, war nun seine
Gastgeberin und Retterin.
„Gefällt
es dir nicht bei uns“, wollte Marga ein wenig gekränkt wissen. „Doch, doch.“
beruhigte Anton sie.
„Ich
weiß, es ist nur ein drei Zimmer Bau, aber uns reichte es immer.“ „Nein,“ sprach Anton, „Das ist es nicht. Die meinen werden sich
Sorgen machen, ich muss nach Hause!“
„Das
verstehe ich,“ meinte Marga, „komm mit, ich zeige dir
den Hinterausgang.“
Sie
durchquerten etliche verwinkelten Gänge und endlich
sah Anton den Himmel über sich.
„Leb
wohl,“ meinte Marga zum Abschied, „und pass auf dich
auf.“
„Das mache ich“, erwiderte Anton und strich mit der Pfote über
Margas Wange: „Vielen Dank für alles, du ahnst nicht, wie sehr du mir geholfen
hast“.
Sprachs und machte sich traurig auf den Weg.
Wo
soll ich nur hin, dachte er bei sich, keiner würde ihn in diesem Zustand
erkennen und er weinte und schluchzte vor sich hin.
Auch
einige der Tiere, die ihn vom Himmel aus beobachteten bekamen nun Mitleid mit
ihm. Eine Weile blickte der Herr in die Runde. „Dann sprach er: „Was meint ihr,
war das Strafe genug“? Die meisten der Tiere nickten und der Herr gab Anton
seine menschliche Gestalt wieder.
Der
fiel auf die Nase und als er sich aufrappelte, lag er nackt, wie Gott ihn
geschaffen hatte im Gras. Eine Weile sann er schweigend vor sich hin, er war
nackt, also war es kein Traum gewesen. Als er sich so betrachtete sah er ein
Cent großes Stück Fell auf seinem großen Zeh, das war ihm von seinem Abenteuer
geblieben.
Anton
erhob sich und pfiff nach Terry, der auch sogleich hocherfreut angesaust kam.
„Such
Terry, such Herrchens Sachen!“, wies Anton ihn an und Terry, der kluge Hund,
führte seinen Herrn zu den zurückgelassenen Kleidungsstücken. Anton zog sich an
und ging heim.
Seine
Frau beobachtete ihn eine Weile schweigend.
„Du
bist so verändert!“ meinte sie.
„Was
hältst du davon, wenn ich die Wilderei aufgebe?“ wollte Anton wissen.
„So plötzlich?“, wunderte sich Maria.
„So
plötzlich!“, bestätigte Anton lächelnd – und er lächelte selten.
Maria
staunte nur und Anton hielt Wort, er vergrub seinen Stutzen im Wald und
wilderte nie wieder.
Als
Maria eines Tages das Stück Fell auf seinem Zeh entdeckte wunderte sie sich
sehr.
„Vielleicht
eine Alterserscheinung.“, meinte Anton und lächelte wieder so seltsam, wie oft
in der letzten Zeit und Fleisch essen wollte er plötzlich auch nicht mehr.
©
By Gitte