Auf dem Schiff

 

Die MS Carolina war ein solides Schiff, kein Luxusliner, aber auch kein kleiner Dampfer, sondern ein ozeantauglicher Kahn. Gina war acht Jahre und lebte mit Ihren Eltern in der Stadt. Ihre Tante hatte einen Engländer geheiratet und Gina, ihren Vater, ihren Cousin und ihre Oma eingeladen.

Mitten in der Nacht waren sie vom Essener Hauptbahnhof  mit dem Zug nach Emden gefahren. Es war sehr aufregend gewesen, denn Gina war noch nie in der Nacht unterwegs gewesen, alles sah so anders aus. Im Zugabteil legte ihr Vater ihr immer seinen Mantel über das Gesicht, denn sie sollte eine Weile schlafen. Gina dachte gar nicht daran, sie wollte sich keine noch so kleine Kleinigkeit von diesem Abenteuer entgehen lassen. In den frühen Morgenstunden kamen sie in Emden an. Frierend standen sie in der grauen Morgendämmerung am Kai. Gina betrachtete das Schiff. So ein großes hatte sie noch nie gesehen, sie wohnte zwar am Baldeneysee, aber dort fuhren nur kleine Touristenboote. Sie hüpfte ein wenig herum, um die Kälte zu vertreiben und auch, weil sie so aufgeregt war. „Du kannst wohl keinen Moment stille stehen“, fragte ihr Vater und schmunzelte dabei, während ihre Oma sie missmutig betrachtete.

 

Endlich wurde die Gangway hinuntergelassen und die Passagiere durften an Bord. Gina stellte tausend Fragen, bis ihr Vater sie zur Ruhe mahnte. Sie suchten ihre Plätze und Gina überlegte schon, wie sie der Aufsicht ihres Vaters entwischen konnte. „Ich gehe mal schnell zur Toilette“, meinte sie. „Das kommt nicht in Frage, ich begleite dich“, sagte ihr Vater. „Aber Paps, was willst du denn auf der Damentoilette“, kicherte Gina. „Außerdem ist sie da vorne, du kannst sie sehen. Wenn ich in einer Viertelstunde nicht zurück bin, kannst du ja Oma schicken, ich klettere auch nicht aus dem Fenster, du weißt ja, dass ich nicht schwimmen kann“. „Du bist vielleicht ein freches Früchtchen“, meinte ihr Vater, aber wieder schmunzelte er dabei. „Gibst du mir bitte Geld, dann kann ich mir eine Cola mitbringen“, bettelte Gina. Ihr Vater konnte ihr selten einen Wunsch abschlagen und so zückte er seine Geldbörse und gab ihr ein Geldstück. Zufrieden trollte sie sich. In der Toilettentüre sah sie sich um, keiner von ihrer Familie schaute her. Sie ging nach rechts und erkundete eine Weile das Schiff. Was gab es da alles zu sehen, die Mannschaft wieselte herum und beantwortete nebenbei etliche Fragen der Passagiere. Gina lief immer geradeaus, so konnte sie sich nicht verlaufen, sie brauchte nur umzudrehen und konnte den Weg zurückgehen. Plötzlich kam eine Durchsage. Liebe Passagiere, das Schiff legt in zehn Minuten ab, bitte nehmen sie ihre Plätze ein. Schnell machte Gina kehrt und lief zu ihrem Vater. Der war schon in heller Aufregung. „Wo um Himmels Willen hast Du gesteckt? Oma war auf der Toilette und hat dich nicht gefunden“. „Mach die doch nicht immer solche Sorgen, ich geh schon nicht verloren“, meinte Gina. „Stimmt, wer dich im dunklen klaut, bringt dich im Hellen schnell zurück“, frotzelte ihr Vater sie. Ein Brummen ertönte, ein Zittern durchlief das Schiff, dann setzte es sich in Bewegung. „Darf ich an Deck gehen“, bat Gina? „Nimm Willy mit“, meinte ihr Vater, Willy war Ginas Cousin, er war schon sechzehn Jahre alt und hatte mit ihr eigentlich nicht viel am Hut, aber wenn er sich so eine Weile loseisen konnte, sollte es ihm Recht sein. So begleitete er Gina an Deck. Sie beugten sich über die Reling und spuckten ins Wasser. „Komm“, meinte Willy, „wir suchen mal den Kapitän“. Das Schiff schaukelte ganz schön. Sie begegneten zwei Offizieren, die mit dem Rücken zu ihnen standen und sich unterhielten. Schon wollte Willy sie ansprechen, da überlegte er es sich anders, er legte den Finger auf den Mund und bedeutete Gina zu schweigen. „Wenn das nur gut geht“, sprach einer der Männer, es soll eine richtig steife Brise geben. „Sieh die mal den Horizont an“, meinte der andere, „Das sieht alles andere als gut aus“. Gina und Willy blickten auf, tatsächlich, die kleinen weißen Wölkchen hatten sich in der Ferne zu einer schwarzen Wand verdichtet. „Was macht ihr denn hier“, herrschte sie einer der Männer an, der sie nun entdeckt hatte. „Wir genießen die frische Luft“, gab Willy frech zur Antwort. „können sie uns nicht mal das Steuer zeigen“. „Ab unter Deck mit Euch, es wird bald ungemütlich“, meinten die beiden Offiziere. Willy und Gina trollten sich, aber nur, bis sie außer Sichtweite waren. Dann sahen sie sich weiter um, sie inspizierten die Rettungsboote und wanderten die Reling entlang. Mittlerweile wurden die Wellen immer höher. „Hast du Angst?“, wollte Willy wissen. „Klar“, gab er sich gleich selbst die Antwort, du bist ja noch ein Baby“. Das konnte Gina nun wirklich nicht auf sich sitzen lassen. „Natürlich nicht“, gab sie im Brustton der Überzeugung zurück. Obwohl ihr wirklich nicht gut war. Natürlich merkte Willy, wie bleich sie war, er lachte und meinte: „Komm, wir gehen rein“. Aber das wollte Gina nun keinesfalls, er würde sie immer damit ausziehen. „Pöh“, sagte sie. „Geh doch du Memme, ich bleibe hier“.

 

Das Wetter verschlechterte sich immer mehr, es wurde diesig und Nebelfetzen trieben umher, ein Sturm kam auf und zerrte an ihren leichten Mänteln und dem Tuch, das Gina um ihre langen Haare geschlungen hatte. Sie klammerte sich an die Reling. Die Wellentäler wurden immer tiefer und das Schiff tanzte trotz seiner Größe auf und ab. „Nun ist es genug, wir gehen zurück“, meinte Willy, dem nun auch langsam mulmig wurde. Der Sturm, der in Minutenschnelle aufgekommen war, riss ihm die Wortfetzen vom Mund. Stück für Stück tasteten sich die beiden zurück. Plötzlich blieb Gina wie angewurzelt stehen. „Was soll das“, schimpfte Willy, „wir müssen rein, wir sind patschnass.“ Das stimmte, denn es hatte in der aufgekommenen Dämmerung zu schütten begonnen. Gina starrte mit offenem Mund zu den Masten. „Sieh nur“, Willy folgte ihrem Blick. Da kletterte ein kleiner Mann in den Rahen behände herum.

 

„Der ist lebensmüde“, meinte Gina. „Schau dir das an, er winkt“. „Sieh nicht hin“, sagte Willy und schob Gina vorwärts. Endlich ereichten sie die Türe, die unter Deck führte. Sie stiegen erleichtert ins Innere des Schiffs. Erleichtert man Willy Gina in den Arm. „Man, hatte ich Angst“, bekannte er und Gina schmunzelte. „Wenn du das einer Menschenseele erzählst, verhau ich dich“, fügte er hinzu. Sie torkelten zu ihren Plätzen, überall lagen Leute herum und stöhnten. Viele lagen in ihrem Erbrochenen. Gina würgte. „Du wirst doch jetzt nicht schlapp machen, wir müssen schnellstens jemandem von der Mannschaft Bescheid sagen, dass da ein Mann in den Masten hängt.“

 

Überall hatten sich Kreise gebildet, die Passagiere, die sich noch auf den Beinen halten konnten hatten sich an den Händen gefasst und gingen mit den Fall der Wellen in die Knie und hoch, wenn es aus dem Wellental herausging. In jedem dieser Kreise gab jemand von der Mannschaft den Ton an. Gina und Willy stellten sich in einen solchen Kreis, rechts und links neben einen Matrosen. „Draußen ist ein Mann in den Masten“ sagten sie zu ihm. Der Matrose musste lachen, „Ganz sicher nicht kleines Fräulein“, meinte er nur. Es ging noch Ewigkeiten auf und ab und ab und auf. Dann war endlich die Macht des Sturmes gebrochen und das Schlingern ließ nach. Erschöpft suchten Willy und Gina nun ihre Plätze auf. „Gott sei dank, da seid ihr ja“, erleichtert atmeten Ginas Vater und ihre Oma auf, „wo habt ihr nur gesteckt?“ „Wir waren nur in einer anderen Gruppe“, beruhigte Willy sie und blinzelte Gina zu. „Wir hatten solche Angst um Euch“, meinte Oma. „Ihr wisst doch, Unkraut vergeht nicht“, sagte Willy. „Wir haben Leute von der Mannschaft kennen gelernt und verabschieden uns eben“, gab Willy Bescheid. „Macht aber nicht so lange, wir wollen Euch nicht suchen, beim Anlegen“, bekamen sie mit.

 

Willy und Gina trafen auf zwei ältere Matrosen. Sie erzählten wieder von dem Mann draußen. Die beiden blickten sich viel sagend an. „Was ist, wollen sie nicht mal nachsehen?“, fragte Willy. „Das hat keinen Zweck, was ihr gesehen habt, kann nur der Klabautermann gewesen sein“. „Der Klabautermann“, lachten Willy und Gina. „Das ist wohl das berühmte Seemannsgarn, was“? „Lacht nur, ihr Landratten“, meinte der Matrose. „Der Klabautermann hat schon viele Schiffe gerettet, ohne ihn wären wir jetzt sicher etliche Klafter tiefer. Damit ließ er die beiden stehen. Wieder ertönte die Stimme des Kapitäns, der alle Passagiere bat ihre Plätze einzunehmen, denn das Schiff legte in wenigen Minuten an. Erleichtert verließen alle das Schiff, wir waren noch einmal davon gekommen. Als Gina zurück blickte, sah sie auf der Mastspitze den Klabautermann sitzen, er winkte ihr zu. Gina kniff die Augen zusammen, als sie sie wieder öffnete war er verschwunden.

 

© By Gitte