Auguste2!

Ihr habt immer wieder gefragt, wie es mit Auguste weitergegangen ist. Also gut ihr habt es so gewollt. Einige Zeit war vergangen und hatte ich am Anfang die Einsamkeit genossen wurde ich zusehends unzufriedener, ich war halt ein echter Stadtfrack. Es war so ein richtiger Postkitschkarten Abend, Ende Mai, stahlblauer Himmel, der Kuckuck rief anhaltend, die Insekten summten und die Blümchen dufteten, ein Bilderbuchabend und dennoch, ich war unzufrieden. Vergeblich versuchte ich es mir schön zu reden. Was willst du denn, du lebst in einer wundervollen Gegend, schau dich um, nach der Hektik und dem Stress in deinem Leben kannst du endlich ausruhen und was machst du Blödfön? Du bist unzufrieden, weißt du wie viele Leute dich beneiden? Aber es half nichts, ich wollte keine Idylle mehr, ich wollte Aktion. Hätte ich mal nicht so laut gedacht und was heißt schon Idylle? Wer hat schon einen Drachen als Haustier? Mittlerweile nannte ich Auguste Gusti, denn das Au, das in der Beziehung zwischen meiner Großmutter und mir prägnant war traf auf sie nicht zu. Unser Verhältnis war eher freundschaftlich entspannt.

 

Wie an den vorhergegangenen Abenden gingen Auguste und ich spazieren. Das heißt ich spazierte und sie hüpfte mit ausgebreiteten Flügeln neben mir her, denn wenn sie lief, trampelte sie so viel Staub auf und machte einen derartigen Lärm, das von Erholung keine Rede mehr sein konnte. Sie äugte immer wieder zu mir herunter, denn ich reichte gerade bis zu ihrem Knie, sie hatte ein feines Empfinden für meine Stimmungen und merkte gleich, wenn etwas nicht in Ordnung war. Meine Sinne waren in der Zeit mit Auguste sehr sensibel geworden und trotz meiner schwarzen Gedanken ahne ich mehr als ich es bemerkte, das sich etwas näherte. Horchend blieb ich stehen und veranlasste auch Auguste dazu. Sogleich bemerkte ich ein leichtes Zittern des Bodens unter meinen Füßen. „Guste es kommt jemand, Platz“, wies ich sie an. (der Einfachheit halber verwendete ich bei Auguste und Wolf die gleichen Kommandos) Auguste ließ sich auf den Boden fallen, was ein leichtes Erdbeben verursachte. Sie sah nun wie ein grüner Hügel aus. „Da ich nun an ihre Ohren heran kommt flüsterte ich ihr zu: „Zieh die Füße ein, ein Hügel hat keine und den Kopf runter.“ Gehorsam ruschelte sie ihre Füße dicht an ihren Leib und schnaufend und prustend grub sie ihren Kopf in die Erde. Plötzlich begann sie aufgeregt zu keckern. Was hatte sie entdeckt? Vorsichtig sah ich nach, den heran nahenden Feind völlig vergessend.  Aufgeregt schnuffelte Gusti in der Erde herum, ich bemerkte etwas weißes und sie versuchte vorsichtig es auszugraben. Plötzlich drang in mein Bewusstsein, das die Erde immer deutlicher zitterte. Ach je, die heran nahende Gefahr. Als ich nach oben blickte stockte mein Herz. Da stand noch eine Gusti und die war noch größer als die meine. Sie ragte hoch über mir. Was sollte ich machen? Einfach tot stellen sagte mein Instinkt, bewegungslos verharrte ich. Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie es ist wenn plötzlich so ein Tier vor euch steht, groß wie ein Haus? Das Blut war förmlich in meinen Adern geronnen. Gusti kannte ich, die war lieb, aber was war das für ein Tier und wo kam es her, Fragen über Fragen. Ganz langsam, Zentimeterweise drehte ich meinen Kopf in Gustis Richtung und sie guckte………verzückt, das ist das einzige Wort das es trifft. Gusti erhob sich und schob sich näher an den Koloss heran. Die beiden Gesichter näherten sich und sie begannen aufgeregt miteinander in dieser Keckersprache zu reden. Die langen Hälse verschlangen sich umeinander und hätte ich nicht eine solche Angst gehabt, wäre ich gerührt gewesen. Beide hatten plötzlich nur noch Augen für dieses weiße Etwas, ihre langen Zungen leckten abwechselnd darüber. Endlich schien sich Gusti meiner zu erinnern. Im gleichen Moment entdeckte mich ihr neuer Gefährte, er stieß einen Wutschrei aus, dass ich vorüber gehend taub war. Drohend hob sich sein Bein. Gusti eilte herbei und redete aufgeregt auf ihn ein, ich sah das Misstrauen in seinen Augen funkeln. Nachdem sie ihren neuen Gefährten besänftigt hatte neigte sie sich zu mir und erzählte mir eine schier unglaubliche Geschichte.

 

 

„Das ist Heinrich, er hat die große Drachenvernichtung mit seiner Frau Lana versteckt in einer Höhle überlebt. Dann wurde Lana schwanger und gerade, als sie das Ei legte wurden sie überfallen. Während Lana kämpfte, bat sie Heinrich das Ei in Sicherheit zu bringen und er flüchtete damit und vergrub es hier. Als er zurückkam, feierten die Menschen gerade ihren Sieg über Lana. Sie hatten sie getötet. Außer sich vor Wut rächte er sich an einigen, aber was nützte das, er war nun allein. So machte er sich auf den Weg sein Kind zu suchen und deshalb ist er nun hier.“

 

Du meinst das Weiße dort ist ein Drachen Ei? Ungläubig ging ich einen Schritt in diese Richtung, was Heinrich zu einem drohenden Knurren veranlasste, das mir wiederum das Herz in die Hose rutschen ließ. Gusti redete besänftigend auf ihn ein und bat mich beim Ausgraben behilflich zu sein, was ich gerne tat. Heinrich beobachtete jeden meiner Handgriffe und als ich endlich das Ei in der Größe eines Wassereimers in Händen hielt und es ihm vorsichtig entgegen streckte, neigte er seinen riesigen Kopf und streichelte es mit der Wange, dabei sah ich große Tropfen aus seinen Augen rinnen, ein Drache der weint, das rührte mich dermaßen an, das auch ich zu Weinen begann und auch Gusti heulte nun los. Man stelle sich das bitte bildlich vor, ein winzig kleines Menschenkind und zwei turmhohe Drachen heulen gemeinsam um die Wette.

 

Ach je, was war nun wieder das? Das Ei in meinen Händen vibrierte, erst ganz zart, fast unmerklich, dann immer stärker. Es knackte und knirschte und dann bildeten sich Risse. Selbst das Geheul der Drachen, das gerade noch orkanartig die Luft erfüllt hatte war verstummt, alle Blicke hingen an dem berstenden Ei. Vorsichtig ließ ich es zu Boden gleiten, gerade rechtzeitig, es barst auseinander und ein kleiner Drache, von der Größe eines Rottweilers schaute sich neugierig um. „Dein Kind Heinrich“, sagte ich und er schien zu verstehen.

 

Leider hieß es nun Abschied nehmen. Fragend blickte mich Gusti an und ich verstand. Ich küsste ihre schuppige Wange und flüsterte. „Machs gut und besucht uns mal.“ Dann wanderten die drei davon zu Heinrichs Höhle.

 

Nun war ich frei und meinem Rückzug in die Stadt stand nichts mehr im Wege, aber seltsam, es freute mich kein Stück, hatte ich doch eine liebe Gefährtin verloren.

© By Gitte