Aurora!
Kennt ihr das auch? Je älter
ich werde, je schneller rast das Leben dahin
und reißt mich mit. Wo ist sie, die Beschaulichkeit des Alters? Nun ist
fast ein Jahr dahin geflogen und die Urlaubszeit steht wieder vor der Türe. Es
wird Zeit, die Erlebnisse des letzten Jahres aufzuschreiben, ehe sie von den neuen
Ereignissen überlagert werden. Obwohl…….. der letzte Urlaub ist in dieser
Beziehung sicher schwer zu Toppen!
2008 verbrachten wir unsere
Ferien in einem kleinen Strandhäuschen an der Südfranzösischen Küste. Viel
hatte ich schon den Prospekten entnommen, dennoch verschlug es mir die Sprache
als ich die wildromantische Gegend sah. Unser Haus stand auf einem kleinen
Hügel, von dem aus man in eine Bucht blickte. Links ragte eine Felswand empor
und rechts säumte den Strand ein Waldstreifen. Eine verwunschene Gegend, wie
geschaffen die Seele baumeln zu lassen. Tief atmete ich die ungewohnt reine
Luft ein, reckte meine Arme in die Höhe und schloss genießerisch die Augen.
„Hier halte ich es aus“, meinte ich glücklich. „Komm, wir packen schnell aus,
dann können wir noch ein wenig die Sonne genießen, ehe sie untergeht“, schlug
mein Mann vor. Wolf, unser schöner Schäferhund begann bereits damit den Garten
zu erkunden, der das Haus umschloss. Misstrauisch beschnupperte er eine ihm
unbekannte Pflanze und nun wusste ich auch was hier so herrlich duftete. „Das
ist Lavendel“, sagte ich zu ihm. Auf seine ihm ganz eigene Art hob er den Kopf
und spitzte die Ohren, er sah wissbegierig aus und ich lachte. „Komm her mein
Schöner, hier gefällt es uns gell? Dabei tätschelte ich seinen Kopf und nun war
er es, der genießerisch die Augen schloss. „Nun aber ran ans Werk“,
kommandierte ich und schnappte mir die Reisetasche. Mit der folgte ich meinem
Mann, der schon einen Koffer ins Haus schleppte. In Windeseile hatten wir ausgepackt. Schnell kochte ich Kaffe und
mit einer Tüte voller Plätzchen saßen wir dann im Garten und genossen den Tag
mit seinen letzten warmen Sonnenstrahlen. Zum Abendbrot aßen wir nur einen
leichten Salat und tranken danach eine schöne Flasche Rotwein, während sich die
Dämmerung langsam ausbreitete. „Es wird kühl, lass uns zu Bett gehen, die Fahrt
war sehr anstrengend“, bat mein Mann und nun bemerkte ich auch die Müdigkeit in
meinen Knochen. Gähnend gingen wir ins Haus und legten uns zu Bett. Die Fenster
blieben offen, wir konnten nicht genug bekommen von dieser herrlichen Luft. Schnell
schlief ich ein, erwachte allerdings schon einige Stunden später und war
hellwach. War es das ungewohnte Bett, die Luft, der Wein, oder das bleiche
Mondlicht das ins Zimmer schien? Leise stand ich auf und ging zum Fenster. Wolf
hatte seinen Kopf gehoben und blickte mich aufmerksam an. Mit dem Finger
deutete ich ihm an sich wieder hinzulegen, was er dann auch befolgte. Auch in der
Mondbeschienenen Nacht hatte die Bucht ihren Reiz und ich versank in die
Betrachtung des zauberhaften Bildes, das in Silber getaucht schien, bis etwas
meinen Blick fesselte. Dort hinten, im Wasser unter den Felsen schwamm ein
Licht. Es näherte sich der Bucht. Wunderschön sah das aus, so als sei ein Stern
ins Wasser gefallen, der nun von den Wellen getragen wurde. Als es die Bucht
erreichte stieg etwas aus dem Wasser. War das ein Mensch? Wenn ja war er sehr
zierlich. Es ließ mir keine Ruhe. Leise verließ ich das Schlafzimmer, schlüpfte
in Jeans und Bluse und lief mit einer Taschenlampe bewaffnet zum Strand
hinunter.
Dort blickte ich mich suchend
um. Ein leises Weinen wies mir dann schließlich den Weg. Tatsächlich, ein
Mensch saß dort am Strand mit dem Rücken zu mir. Es war scheinbar ein Mädchen,
denn langes blondes Haar fiel ihm wie ein seidener Vorhang bis zur Taille.
Leise räusperte ich mich, ich wollte sie nicht erschrecken. Dennoch sprang sie
hoch und hechtete mit einem Sprung ins Wasser. „Bitte bleib“, rief ich ihr zu.
„Verzeih, ich wollte dich nicht vertreiben, ich habe dich weinen hören und
wollte fragen, ob ich dir helfen kann.“ Einige Sekunden wartete ich, aber alles
blieb still und nur die Wellen rauschten leise. Ich schlug gegen meine Stirne.
„Oh Mann bin ich ein Trampel, nun habe ich sie vergrault“, schalt ich mich
selbst und ließ mich ans Ufer sinken.
„Mir kann niemand helfen“,
hörte ich plötzlich eine leise Stimme. Wie ein Pfeil schoss ich in die Höhe,
rief mich aber gleich zur Ordnung, ich wollte sie nicht wieder vertreiben und so
setzte ich mich wieder hin. „Das käme auf einen Versuch an“, antwortete ich.
Ein Kopf tauchte auf und dann kletterte sie wieder an Land. Instinktiv hielt
ich die Luft an. War das Kind schön und das seltsamste, sie leuchtete. Wie ein
Glorienschein umgab es sie. „Womit hast du dich eingerieben“, wollte ich wisse?
Sie lachte leise und bitter auf. „Das ist die Sonne, die ich einst als Mensch
in mir gespeichert hatte, wärest du auch ein Halbwesen, wie ich, würdest auch
du leuchten.“ „Ich habe dich vom Fenster aus gesehen“, erklärte ich ihr und
deutete auf das Haus auf dem Hügel. „Das Haus war immer leer“, antwortete sie.
„Wir machen hier Ferien“ ergänzte ich,
„aber nun berichte mir doch von deinem Kummer, vielleicht finden wir ´gemeinsam
eine Lösung“, bat ich sie und konnte meinen Blick nicht von ihr wenden. Ihre
Haut war alabasterweiß und sehr fein. Ihr Oberkörper war nackt, nur von ihrem
Haar umhüllt und um ihre Hüfte trug sie ein schillerndes Tuch, das ihre Beine
verhüllte. „Du bist wunderschön“, erklärte ich meine Musterung und sie seufzte.
„Lieber wäre ich hässlich und wieder ein Mensch“, entgegnete sie. Fassungslos
sah ich sie an. „Du bist kein Mensch“, vergewisserte ich mich nicht gerade
intelligent? „Nein, nicht ganz“, erwiderte sie und schwieg. Ich wartete und
dann begann sie zu reden und erzählte mir eine unglaubliche Geschichte.
„Mein Name ist Aurora“,
begann sie. „Meine Eltern waren schon etwas älter, als meine Mutter mit mir
schwanger wurde. Lange Jahre haben sie vergeblich auf ein Kind gehofft und dann
ging ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Meine Mutter war schon weit in den
40gern und die Geburt war lang und schwer. Als die Sonne aufging war es endlich
geschafft und so tauften sie mich auf den Namen Aurora, das bedeutet
Morgenröte. Sie verwöhnten mich
unglaublich, kein Wunsch den ich äußerte bleib unerfüllt, wenn es ihre Mittel
zuließen. Als ich sechzehn Jahre alt war machten wir hier in diesem Häuschen
Urlaub.“ Sie deutete auf das Haus, indem wir in diesem Jahr Feriengäste waren.
Dann fuhr sie fort und ich lauschte ihr weiter. „Es waren herrliche Tage, ich
sonnte mich hier in der Bucht, schwamm im klaren Wasser und freute mich meines
Lebens. Dann sah ich ihn.“ Ihr Blick ging träumend in die Ferne und die Erinnerung
zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Er sah aus wie ein griechischer Gott.
Groß, muskulös und braungebrannt. Auch er verliebte sich auf den ersten Blick
in mich. Er stand am Waldrand, dort am ruhigen Ufer hatte er Reusen ausgelegt,
denn er war ein Fischer. Wie ein Magnet zog es uns zueinander hin. Er hieß
Etienne, als ich in seine Augen blickte versank die Welt für uns. Einige Tage
waren wir unzertrennlich, dann kam der letzte Ferien Tag und wir beschlossen
zusammen zu bleiben. Meine Eltern waren entsetzt. Ein Fischerjunge, das kam
doch für ihre geliebte Tochter nicht in Frage, für die schon kein normaler Mann
gut genug war. Wir stritten uns und am Ende ging ich ins Wasser.“ „Du hast dich
umgebracht“, wollte ich erschrocken wissen? „Oh nein, ich wollte ihnen nur
einen Schrecken einjagen, als ich wieder an Land schwimmen wollte packte mich
jemand an den Füßen und zog mich hinaus. Mit aller Kraft wehrte ich mich, doch
er war viel stärker als ich. Schließlich verlor ich die Besinnung. Als ich erwachte
beugte er sich über mich, er war schön, aber eiskalt. Er küsste mich und
hauchte mir so die Fähigkeit ein unter Wasser überleben zu können. Wie ich später
erfuhr war es Aquarius, der Sohn des Neptun. Er war für die Ordnung in der
Unterwasserwelt zuständig. Wenn sich jemand umbrachte, gehörte ihm dessen Seele
und er hielt sie gefangen. In mich jedoch hatte er sich verliebt und so
schenkte er mir einen Teil meines Lebens. Jede Nacht darf ich an Land schwimmen
und mein Schicksal beweinen. Lange Zeit hörte ich Etienne am Tag nach mir
rufen, doch Aquarius Bann hielt mich unter Wasser gefangen.“ Sie begann wieder
zu weinen. „Verstehst du nun meine Not“, wollte sie wissen? „Na ja, warum gehst
du nicht zu Etienne in der Nacht, wenn du frei bist“, fragte ich sie? „So soll
ich zu ihm gehen? Als Halbwesen? Wo die Fischer nichts mehr ängstigt, als Wesen
aus dem Meer?“ Traurig sah sie mich an. „Kannst du denn nicht einfach
fortlaufen, weg von ihm zu deinen Eltern, wohin er dir nicht folgen kann“,
suchte ich einen anderen Weg? „Oh nein, wenn der Morgen graut, bläst er in
seine Muschel und dann zieht es mich zu ihm, ich kann ihm nicht entkommen. Wenn
Etienne das wüsste, es bräche sein Herz.“ Sinnend saßen wir nebeneinander und
ich spürte die Kälte die sie ausströmte, es machte mich fröstelnd. Sie bemerkte
es und meinte: „Siehst du, selbst du erträgst mich nicht lange.“ „Warte mal, es
heißt doch das Liebe den stärksten Bann bricht, bitte erlaube mir mit Etienne
zu reden, er weiß sicher eine Menge über die Mythen der Wasserwesen hier und
vielleicht gelingt es uns einen Plan zu finden, wie er dich erlösen kann.“
Unmerklich war es während unseres Gespräches heller geworden und plötzlich
erstarrte Aurora. „Was hast du“, fragte ich nach, denn sie zitterte am ganzen
Leibe. „Hörst du nicht? Dieser feine Ton? Ich muss gehen, leb wohl, die Muschel
ruft mich und ich muss folgen.“ Sie umarmte mich kurz und ich bemühte mich sie
nicht merken zu lassen, wie sehr die
Kälte mich erschauern ließ, die sie ausströmte. Scheinbar bemerkte sie es doch,
denn sie lächelte traurig. „Bitte komm morgen wieder“, rief ich ihr noch nach,
ehe sie sich in die Fluten stürzte.
Ich hatte keine Ahnung, ob
sie mich gehört hatte. Frierend kehrte ich ins Haus zurück und konnte trotz der
Aufregung wieder Erwarten sofort einschlafen. Am Morgen war ich ziemlich
gerädert und Nachdenklich. „Schlecht geschlafen“, wollte mein Mann wissen. „Du bist so
merkwürdig still heute.“ Da wir uns immer alles anvertrauen, überlegte ich, wie
ich ihm die Geschichte beibringen konnte, ohne dass er mich für verrückt
erklärte. „Sag mal, was hältst du von Sagen? Mystischen Sagen?“ Misstrauisch
blickte er mich an. „Schreibst du an einer neuen Geschichte?“ Das war es. Er
selbst hatte mir die Ausrede geliefert. So konnten wir erst einmal theoretische
über Aurora reden.
Sogleich begann ich die
Geschichte zu Papier zu bringen, diesmal konnte ich meine Fantasie ruhen lassen
und nur das Erlebte berichten. Als ich zu der Stelle gekommen war an der wir
uns befanden bat ich meinen Mann sie zu lesen. „Wie kann sie erlöst werden“,
bat ich ihn um Rat, doch er zuckte nur seine Schultern. „Du bist hier die
Märchentante“, antwortete er ganz unsentimental, „ich geh schwimmen.“ Sprach
es, nahm sein Badetuch und lief pfeifend zum Strand. „Na du bist mir eine
Hilfe“ motzte ich, nahm mein Skript und machte mich auf den Weg. „Wohin des
Wegs schöne Frau“, wollte mein Mann wissen, als ich dort vorbeiging. „Hier soll
ein Fischer wohnen, ich versuche mal bei ihm mein Glück, zu Mittag bin ich
zurück.“ Nach einem flüchtigen Kuss lief ich los und bedeutete Wolf mir zu
folgen. Der ließ sich das nicht zweimal sagen und sprang aufgeregt vor mir her.
Wir liefen einfach am
Waldrand entlang, denn hier hatte Aurora Etienne getroffen und wir hatten Glück. Ein wirklich gut aussehender
Mann war damit beschäftigt seine Reusen zu leeren. „Entschuldigen sie bitte“,
sprach ich ihn an. Er lächelte und fragte: „Kann ich ihnen helfen?“ Fast wäre
mir herausgerutscht, nein aber ich ihnen vermutlich. Im letzten Moment hielt
ich die Worte zurück und lächelte nur. Nicht zu schnell, nicht mit der Türe ins
Haus fallen rief ich mich zur Ordnung. „Ich bin Autorin“, begann ich und immer
auf der Suche nach einer Story. „Hier geschieht nicht viel“, sagte er merklich
zugeknöpfter. „Also das kann ich so nicht unterstreichen, ich habe letzte Nacht
einiges erlebt“, teilte ich ihm mit. Ein unglückliches Mädchen mit dem schönen
Namen Aurora suchte bei mit Trost. Er erstarrte. Hoffentlich hatte ich keinen
Fehler begangen und war wieder zu forsch gewesen. „Woher wissen sie davon“,
fragte er beinahe barsch. „Das sagte ich schon, ich sprach mit ihr.“ Er wirkte
sehr blass und ich bemerkte, dass er seine Nägel in die Handballen grub. „Das
ist unmöglich, Aurora ist vor zehn Monaten ertrunken. Keiner wollte danach mehr
in dem Unglückshaus wohnen. Nun haben sie davon erfahren und um eine Story zu
bekommen quälen sie mich? Pfui kann ich da nur sagen, ihr seid echt krank ihr
Städter.“ Verächtlich blickte er mich an und wollte davon gehen. „Warten sie.“
Ich hatte seinen Arm ergriffen. „Es
stimmt, ich habe mit ihr gesprochen, lieben sie sie“, stellte ich die
wichtigste Frage überhaupt? Er sah mich an und in seinen Augen schimmerten
Tränen. „Kommen sie heute Nacht in die Bucht in der Aurora ins Wasser ging. Man
sagt doch Liebe sei das einzige Mittel eine Meerjungfrau zu erlösen, sie ist
zwar noch keine Ganze, aber vielleicht hilft es. In seinem Gesicht erblickte
ich Qual und Zweifel, doch schließlich nickte er. „Ich habe sie solange
gesucht, warum soll ich nicht auch das probieren“, antwortete er. Er hielt mir
seine Hand hin und ich schlug ein.
„Was ist nur los mit dir“,
fragte mein Mann? „Du rennst herum wie in einem Käfig und dauernd siehst du aus
dem Fenster.“ Es ging auf den späten Abend zu und ich wurde immer nervöser.
Würde Etienne kommen? Würde alles glatt gehen? Hatten wir Erfolg? Was würde
geschehen. „Ach, ich fühle mich nicht so wohl, ich denke ich werde früh zu Bett
gehen“, beruhigte ich meinen Mann, der mich misstrauisch betrachtete. Er kannte
mich halt einfach zu gut. Im Bett wartete ich, bis mir die gleichmäßigen
Atemzüge anzeigten, dass er endlich eingeschlafen war. Leise stand ich auf und
begann mich anzukleiden. Gerade wollte ich auf Zehenspitzen das Zimmer
verlassen, da rief er: „Halt, wohin des Weges?“ Insgeheim seufzte ich, nun
würde ich ihm also doch die ganze unglaubliche Geschichte erzählen müssen.
„Wenn du willst, dann zieh dich an, ich werde dir berichten was ich weiß, aber
wehe dir du lachst“, drohte ich ihm. Während er in seine Jeans schlüpfte erzählte
ich ihm nun was geschehen war. „Nun aber fix“, feuerte ich ihn an, ich muss in
der Bucht sein, wenn Etienne und Aurora sich treffen, wer weiß was geschieht.
„Kannst du nicht einmal deine Nase irgendwo rauslassen“, wollte mein Mann
wissen, aber er lächelte dabei. „Dafür liebst du mich doch“, entgegnete ich,
„oder würdest du eine langweilige Ehe wollen? Aber nun komm schon, Wolf bleib
hier“, ordnete ich an. Traurig blickte der mich an und seufzte. Manchmal benahm
er sich wie ein Mensch. Als wir in der Bucht eintrafen saß Etienne schon dort.
„Schon lange hier“, fragte ich ihn, nur um was zu sagen? „Schon seit den
Abendstunden“, gestand er, „ich halte es kaum aus, die Zeit vergeht so langsam.
Immer wieder sage ich mir, die Geschichte kann nicht stimmen und dennoch, wenn
ich sie wiederbekäme ach wäre das schön.“
Aufgeregt zappelte ich hin
und her und endlich konnte ich verkünden: „Sie kommt, schaut da das Licht.“ Wie
gestern glomm unter den Felsen ein Leuchten das sich der Bucht näherte. Auch
die Männer waren aufgesprungen. Dann war es soweit. Auroras Kopf tauchte aus
dem Wasser. Der Glanz der sie umgab machte sie überirdisch schön, aber ihre
weit aufgerissenen Augen zeigten Angst. „Etienne“, flüsterte sie und streckte
ihren Arm aus. Der eilte sofort ans Ufer und zog sie heraus, in seine Arme. Der
Lichtschein hüllte sie nun Beide ein und es sah aus, als stünden sie in
Flammen. Im gleichen Moment, wo Etienne Aurora in seine Arme gezogen hatte
brauste das stille Wasser auf, es hörte sich wie ein Brüllen an. Es teilte sich
und ein Mann tauchte auf. Das heißt Mann konnte man die Gestalt eigentlich
nicht nennen. Sie sah eher aus wie ein zorniger Gott und drohte mit einem
Dreizack, der Blitze übers Wasser warf. Sein weißes Haar reichte ihm bis zur
Taille und trotz der Entfernung sah man seine türkisblauen Augen vor Wut
glühen. Das Paar war schneeweiß im Gesicht. „Keine Angst“, flüsterte ich Aurora
zu, die nun verzweifelt weinte. „Er kann dir nichts tun, sonst wäre er doch
nicht so böse. Lauft heim, ich glaube es ist vorbei“. Staunend betrachtete ich
Aurora. „Sieh nur, du leuchtest nicht mehr.“ „Tatsächlich“, sie jauchzte und
warf sich Etienne in die Arme. Der zog sie dann mit sich fort. Ob Aquarius noch
Macht über sie hatte würde sich zeigen, wenn er in seine Muschel blies. Das tat
er dann auch, er holte eine Riesenmuschel aus dem Wasser und blies mit
aufgeblähten Backen hinein. Aber das Paar lief unbeirrt nach Hause. Wütend
peitschte seine Hand das Wasser, er warf die Muschel weit von sich in die See
und tobte. Plötzlich ertönte lautet Gebell und Wolf kam den Hügel hinabgehetzt.
Die Sorge um seine Familie hatte ihn seinen Gehorsam vergessen lassen. Er war
aus dem Fenster gesprungen und eilte uns nun zu Hilfe. Bevor er jedoch ins
Wasser hechten konnte und sich auf den zürndenen Aqarius stürzen konnte drang
doch noch mein „Wolf halt“ an sein Ohr und mit zitternden Flanken gehorchte er
und ließ sich zu unseren Füßen nieder. Schnaubend drehte sich der wütende
Meeresgott um und tauchte unter. Nur die aufgewühlte See zeigte noch einen
Moment an, wo er tobend gegen das Schicksal gestanden hatte.
Ja nun wäre halt nur noch zu
berichten, dass es eine Hochzeitsfeier gab, wie sie der kleine Ort lange nicht
gesehen hatte. Aurora war auch ohne ihren Glorienschein eine wunderschöne Braut
und ich ihre Trauzeugin. Sie zog mit
ihrem Mann Etienne ins Ruhrgebiet, in die Nähe ihrer Eltern, die sich vor
Freude kaum zu lassen wussten. Etienne schulte um, beide konnten dem Meer nicht
mehr sonderlich viel abgewinnen und schwammen ihr Lebtag nicht mehr.
In diesem Jahr wünschen wir
uns ruhige und beschauliche Ferientage.
©By Gitte