Ausflug in die Plattenwelt!

Jeder Mensch von uns besitzt Fähigkeiten, die erst im Laufe seines Lebens bekannt werden. Eine dieser Fähigkeiten, über die ich verfüge zeigte sich an meinem sechsten Geburtstag. Als ich am Morgen erwachte, hantierte meine Mutter am Plattenspieler, der gleich hinter meiner Schlafcouch stand. Wir hatten nur drei kleine Zimmer und so schlief ich im Wohnzimmer auf der Couch. Als sie bemerkte das ich erwacht war, küsste sie mich und meinte: „Guten Morgen mein kleiner Schatz. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Du wirst heute sechs Jahre alt und kommst bald in die Schule, nun bist du bald meine Große, ich habe eine Überraschung für dich, du bekommst eine Märchenschallplatte geschenkt. Hör gut zu, das ist das Märchen von Rotkäppchen.“ Schnell setzte ich mich auf, Mama stopfte das Kissen in meinem Rücken zurecht und gebannt lauschte ich der Stimme des Erzählers. Mutter stand im Türrahmen und beobachtete lächelnd, wie ich gebannt und stocksteif da saß und mitfieberte, ich kann mir das Bild gut vorstellen, mit vor Aufregung geröteten Wangen, verschwitzt vom Schlaf, die kleinen Fäuste geballt und aufgerissene Augen. Als das Märchen zu Ende war bettelte ich noch mal, Mama noch einmal bitte.

 

Doch Mutti zeigte sich unerbittlich, erst einmal Frühstücken wir und schmollend folgte ich ihr an den gedeckten Tisch, der außer dem üblichen Frühstück auch einen Kranz trug, an dem sechs Kerzen brannten und ein zusätzliche in der Mitte. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs“, zählte ich laut. „Mama, warum sieben Kerzen, ich werde doch erst sechs“, wollte ich wissen. „Das in der Mitte ist die Lebenskerze“, klärte Mutti mich auf, „die brennt für dein nächstes Jahr.“ Meinen Gedanken waren allerdings noch völlig gefangen von dem Märchen und ich wollte so schnell es ging wieder ins Wohnzimmer, die Platte erneut hören. Mutti lächelte, sie ahnte wohl warum ich es heute so eilig hatte. Ungewohnt schnell frühstückte ich und lief wieder zu meiner Schlafcouch. „Bitte packe das Bettzeug noch nicht ein“, bat ich Mutti, „ich will es mir so richtig gemütlich machen, wenn ich meine Platte noch einmal höre“ „Na schön, ausnahmsweise“, stimmte Mutter zu, „aber nur weil heute dein Geburtstag ist.“ Zufrieden kuschelte ich mich wieder im mein Kissen und Mutter bediente den Plattenspieler.

 

Mit geschlossenen Augen lauschte ich und ließ mich von der Eingangsmusik forttragen. Was war das? Etwas hatte sich verändert, ich saß nicht mehr weich und kuschelig sondern hart auf einem Boden. Auch einen Windhauch spürte ich. Als ich langsam die Augen öffnete sah ich das ich mich im Wald befand, wie konnte das geschehen sein? Erstaunt sah ich mich um und bemerkte ein Mädchen das hüpfend den Weg entlang direkt auf mich zukam. Sie war etwa so alt wie ich und trag ein rotes Häubchen. War das etwa……………? Nein, das konnte doch nicht sein? Verwundert rieb ich meine Augen, doch das Bild blieb bestehen. Nun hatte sie mich erreicht und stand vor mir. An ihrem Arme baumelte ein Henkelkorb und ich wusste was er enthielt. „He du“, sprach sie mich an. „Wie heißt du, woher kommst du, ich habe dich hier noch nie gesehen?“ „Na ich bin Gitte und dich nennt man sicher Rotkäppchen“, antwortete ich ihr, denn ich hatte beschlossen in diesem meinem Traum mitzuspielen, mal sehen wohin das führte. Rotkäppchen riss die Augen auf. „Woher weißt du das? Man nennt mich so, weil meine Großmutter mir diese Haube genäht hat und ich sie so gerne trage.“ „Weiß ich und noch viel mehr“, erklärte ich großspurig, die Rolle gefiel mir. Rotkäppchen stemmte die Hände in die Hüften. „Na dann mal raus damit, was weißt du denn.“ „Das du sofort umkehren musst, weil dich sonst der Wolf frisst“, platzte ich heraus. „Ach ne“, Rotkäppchen brach in schallendes Gelächter aus. „Den Wolf habe ich schon getroffen, der ist ganz zahm, der tut keiner Fliege was zu leide, mach die keine Sorgen.“ Na die war gut, die kannte ihr eigenes Märchen nicht, oder gab es das noch gar nicht? Fragen über Fragen auf die ich keine Antwort hatte. „Halt mal“, riss mich Rotkäppchen aus meinen Gedanken und hielt mir ihren Korb hin. „Dann können keine Ameisen hinein krabbeln“, erklärte sie mir, ich pflück schnell einen Blumenstrauß für meine Großmutter.“ Sie kapierte es einfach nicht. Verzweifelt versuchte ich es noch einmal. „Du darfst nicht zu deiner Großmutter gehen, versteh das doch, der große böse Wolf wartet dort auf dich und frisst dich.“ Wieder lachte sie und tippte sich bezeichnend an ihre Stirne. „Hat man es dir schon einmal gesagt, dass du ein Schräubchen locker hast“, fragte sie und rannte davon um bald darauf  mit einem herrlichen Wiesenblumenstrauß zurück zu kehren. So sehr ich auch nachdachte, mir fiel nichts mehr ein. So heftete ich mich an ihre Fresen um notfalls das Schlimmste zu verhindern, wenn ich konnte, wohl war mir allerdings nicht dabei. Bald kam das kleine Häuschen in Sicht, ich fasste Rotkäppchen ängstlich beim Arm, aber sie machte sich unwillig los. „Hör endlich auf mit dem Unsinn“, befahl sie mir und betrat das Häuschen. Vorsichtig lugte ich zum Fenster herein und sah wie sie zum Bett trat. Gedämpft hörte ich die mir schon bekannten Worte: „Großmutter warum hast du so große Augen.“ „Damit ich dich besser sehen kann. Das Schicksal nahm seinen Lauf und ich konnte nichts machen, ich ging in die Hocke und hielt meine Ohren zu, ich wollte einfach nicht hören wie er Rotkäppchen verschlang. Nach einer Weile erhob ich mich und schaute wieder hinein, da lag das haarige Ungeheuer dick und schnarchend im Bett. Als ich mich umdrehte sah ich den Jäger kommen. „Schnell, schnell“, mahnte ich ihn zur Eile, der Wolf hat die Großmutter und Rotkäppchen gefressen.“ Der Jäger rannte in die Stube und schlitzte dem Wolf den Bauch auf, ich suchte derweil schon Steine zusammen um seinen Bauch damit zu füllen. „Sehr umsichtig lobte der Jäger, wenn er Durst bekommt und sich über den Brunnenrand beugt ziehen sie ihn hinein.“ Stolz blickte ich ihn an, ich brauchte ja nicht zu verraten, dass ich den Trick aus dem Märchen kannte. Das befreite Rotkäppchen umarmte mich und bat um Verzeihung. „Du hast tatsächlich Recht gehabt, ich bin auf den Wolf herein gefallen“ Wir versteckten uns und beobachteten, wie der Wolf kurze Zeit später erwachte und zum Brunnen ging. Er beugte sich hinüber und wurde von seinem Gewicht hinab gezogen.

 

„Gitte, Gitte wach auf.“ Jemand rüttelte mich energisch. Schlaftrunken erwachte ich und schaute benommen meine Mutter an. „Du hast geträumt mein Kind, du hast gesprochen, geschrieen und geseufzt, was war denn das für ein Traum“, wollte sie wissen? „Ach das weiß ich nicht mehr, ich glaube es hatte etwas mit dem Märchen zu tun“, erwiderte ich vorsichtig. Das Märchen traute ich mich nicht mehr zu hören, was meine Mutter sehr wunderte.

 

An meinem nächsten Geburtstag erhielt ich erneut eine Platte, dieses Mal war es die gesungene Geschichte der beiden Königskinder. Mit offenen Augen und hellwach hörte ich mir die Ballade an, dabei konnte mir ja nichts passieren. Der Geburtstag spielte sich ab wie der letzte, außer dass eine Kerze mehr meinen Kranz zierte. Meine Mutter glaubte mir eine Freude zu machen und ließ das Bettzeug liegen. „Das hat dir doch im letzten Jahr so gut gefallen“, erinnerte sie mich. Dieses Mal würde ich nicht einschlafen, nahm ich mir vor. Aber der Gesang lullte mich ein und ich schlief erneut ein. Fast schon hatte ich es erwartet, ich erwachte und fand mich an einem dunklen Strand wieder. Neben mir stand die schöne Königstochter im weißen gold verziertem Kleid und goldener Krone, sie sang wehmutsvoll: „Ach Liebster kannst du nicht schwimmen, so schwimm doch herüber zu mir.“ Schnell rappelte ich mich auf. „Nicht“, bat ich sie, „bitte nicht er wird ertrinken.“ „Wird er nicht, schau her“, mit diesen Worten hielt sie mir einen dreiarmigen Leuchter entgegen. „Das Licht zeigt ihm wohin er schwimmen muss.“  Verzweifelt schaute ich mich um, da lag sie, die falsche Norne. „Da schau, sie wird dein Licht ausblasen.“ „Unsinn, das ist ein alte Frau, die eingeschlafen ist, warum sollte sie das machen?“ Und sie sang das bekannte Lied weiter: „Drei Kerzen will ich dir anzünden, die sollen leuchten dir.“ Der Königssohn am anderen Ufer konnte nicht widerstehen, er warf sich in die Fluten.  Da erhob sich die Alte, triumphierend blickte sie mich an und lächelte, als sie die Kerzen ausblies. Die Königstochter schrie auf, der Königssohn stimmte ein und gleichzeitig schrie auch ich und wieder erwachte ich weil meine Mutter mich schüttelte. „Du liebe Zeit, schon wieder ein Alptraum, woher kommt das denn nur?“ Ich schwieg und hörte diese Platte nicht mehr, genau gesagt ich hörte überhaupt keine Platten mehr, das war mir zu gefährlich und zu aufregend.

 

Erst Jahre später wagte ich es erneut. Der Bruder meines Vaters war im Krieg auf einem U- Boot in der Biskaya verschollen und mein Vater hatte die Platte sie hieß Mary Ann gekauft. Sie handelte von einem Schiff, das bei einem Orkan sinkt und wenn wir die Platte hörten, dachten und redeten wir von Onkel Karl-Heinz. Wir stellten uns vor, wie es ist so einen Schiffs Untergang zu erleben und keinen Einfluss auf das Schicksal zu haben. Es kam wie es kommen musste, eines Tages schlief ich ein, so sehr ich mich dagegen wehrte, es war stärker als ich. Plötzlich fand ich mich auf einem schlingernden Schiff wieder, ich klammerte mich an die Reling. Mit vierzehn Jahren fing er als Schiffjunge an, tönte es in meinem Ohr, ich blickt mich um, kein Schiffjunge. Als Seemann hatte er seine 18 Karat und nach der dritten Reise, da war er schon Maat, ich hielt Ausschau, nichts. Als er eines Tags erster Steuermann war, der Mann am Ruder, nein das konnte er nicht sein, der war zierlich, während das Lied sagte, er war der jüngste doch er war schon ein Mann, ein Mann wie ein Baum und stark wie ein Bär. Also Fehlanzeige. Der Kapitän trat auf Deck und ich erkannte ihn gleich, das war er von dem dieses Lied handelte. Ach je, er schwors als Kapitän, doch sie wurde sein Grab. Was hieß das nun? Das Schiff sank am 19.Mai, bei einem Orkan vor der Hudson Bay. Aufgeregt tastete ich mich zum Kapitän. „Was haben wir für ein Datum?“ „Den 19.Mai“, antwortete er mechanisch. Würde ich nun ertrinken, mit dem Schiff untergehen? Plötzlich erstarrte der Kapitän. „Ein Weib“, donnerte er, „wo kommt das Weib her?“, er heulte es fast. Er raufte seine Haare die der Wind zauste. „Schafft das Weib weg, das bedeutet Unglück.“ Zwei Mann fassten mich unsanft und warfen mich über die Reling ins Meer.

 

Doch statt Wasser zu schlucken, erwachte ich schweißgebadet von Schütteln meines Vaters. Besorgt blickte er in mein verstörtes Gesicht. „Nie wieder, ich will nie wieder so eine furchtbare Platte hören“, heulte ich los. Mein Eltern verstanden zwar nicht wovon ich redete, ließen mir aber meine Marotte, schließlich hat jeder eine kleine Macke oder?

© By Gitte