Brüderchen und Schwesterchen!
Als ich letztens in meinem Heimatort war, kam es mir in den Sinn, einmal nachzusehen ob es noch diesen alten Waschbottich im Hause meiner Großeltern gab. In meinem Forum lieben wir alte Dinge und wenn der noch existierte war er es sicher wert gezeigt zu werden. Es handelte sich um einen runden, etwa ein Meter im Durchmesser großen Metallkessel, der auf einem gemauerten Ofen stand, so konnte man darin die Wäsche kochen, an ihm war eine hölzerne Wringe angebracht, es war echte Knochenarbeit die Bettwäsche darin zu kochen und dann mit einem Holzprügel zu der Wringe zu stemmen, sie dann durchzudrehen und aufzuhängen.
Zuerst aß ich beim Chinesen nebenan zu Mittag und dann stand ich sinnend vor den Klingelknöpfen. Wie lange war das nun her? Fast dreißig Jahre. Meine Großeltern waren mittlerweile verstorben, mal sehen ob ich noch einen Namen hier kannte. Na klar doch, Möller das war doch das Paar, das damals in diesen Skandal verwickelt war, ob ich einfach mal schellte? Schon hatte sich mein Finger selbständig gemacht und energisch die Klingel betätigt. Es dauerte eine Weile, ich wollte schon woanders schellen, als sich die Türe einen Spalt breit öffnete und eine alte Dame fragend in mein Gesicht schaute. „Verzeihung, sind sie Frau Möller?“ Zaghaftes Nicken folgte. „Meine Großeltern wohnten in diesem Haus ganz oben, die Familie Boss und ich wollte fragen, ob es noch die alten Geräte in der Waschküche gibt.“ Überlegend schaute sie mich an. „Familie Boss, dann bist du vielleicht die kleine Brigitte?“ Eifrig nickte ich. „Das sie sich noch an mich erinnern“, wunderte ich mich. „Komm doch herein, darf ich dir einen Kaffee anbieten? Ach Verzeihung, ich meinte ihnen.“ „Gerne, sie können auch gerne weiter Gitte zu mir sagen“, entgegnete ich. Sie schlurfte vor mir her und bat mich mit einer Handbewegung in ihrer kleinen, aber gemütlichen Küche Platz zu nehmen.
Verstohlen musterte ich sie, das einst so rabenschwarze Haar war nun schlohweiß geworden. Während Ruth Möller den Kaffee braute erinnerte ich mich. Als sie damals hier eingezogen waren galten sie als das Vorzeige Paar. Beide schwarzhaarig, sie klein und zierlich, er groß und schlank. Sie verbrachten ihre gesamte Freizeit miteinander und nie hörte man ein böses, oder lautes Wort von einem der beiden. Stets sah man sie Hand in Hand, beim Einkaufen und beim Spazieren gehen. So lebten sie Jahr für Jahr unter uns, von allen geachtet. Dann, nach etwa zehn Jahren passierte die Katastrophe, Werner liebte scheinbar eine andere. Statt Ruth hielt er nun eine fremde Frau an der Hand. Nun hörte man des öffteren lauten Streit aus der Parterre Wohnung. Ruth huschte durch das Haus und ihre Augen waren vom ständigen Weinen gerötet. Alle hatten tiefes Mitleid mit ihr, wie konnte Werner ihr das antun? Böse Blicke folgten ihm und eines Tages fasste Frau Schneider sich ein Herz und sprach ihn an, ihn der nicht einmal die Spur eines schlechten Gewissens zu haben schien. „Also ich muss schon sagen Herr Möller, schämen sie sich denn überhaupt nicht, ihre arme kleine Frau weint sich die Augen aus.“ „Was wissen sie denn schon“, fuhr Herr Möller Frau Schneider an? „Das unselige Verhältnis muss endlich ein Ende haben.“ „Welches unselige Verhältnis“, hakte die neugierige Frau Schäfer sofort nach. „Na das mit meiner Schwester“, entfuhr es ihm und sogleich schlug er sich auf den Mund. Er drehte sich auf dem Ansatz herum und hastete in seine Wohnung. Eine Weile stand Frau Schäfer wie erstarrt, dann klopfte sie aufgeregt bei ihrer Nachbarin. „Frau Gerber, stellen sie sich nur mal vor….“ Es dauerte keinen Tag und alle Nachbarn wussten von dem skandalösen Verhältnis. Die arme Ruth Möller verließ nun kaum noch ihre Wohnung und wenn es doch einmal sein musste, trafen sie keine mitleidigen Blicke mehr, sondern welche die Abscheu und Ekel ausdrückten. Bald glich sie nur noch einem Schatten ihrer selbst. Nur mein Großvater änderte sein Verhalten ihr gegenüber nicht, was ihm manchen bösen Streit mit meiner Großmutter einbrachte.
Dann kam der Tag, an dem mein Großvater unglaublich unruhig war, es war als lausche er ständig in sich hinein. So vernahm er auch als einziger, wie ein leises Quietschen anzeigte, dass das kleine Fenster auf dem Treppenabsatz geöffnet wurde, er sprang auf und rannte hinaus. „Nicht“, sagte er leise, aber eindringlich. „Bitte Frau Möller machen sie das nicht, reden sie mit mir.“ Langsam lief er zu der Frau, die ihren Oberkörper schon aus dem Fenster gebeugt hatte und im Begriff gewesen war in den steinernen Hof gut fünfzehn Meter unter ihr zu springen. Neugierig waren Oma und ich ihm gefolgt, doch energisch schob Opa uns zurück und schloss die Türe. Oma legte ihr Ohr daran und lauschte angestrengt, doch sie vernahm nur das Knirschen des Schlüssels, mit dem der Speicher verschlossen wurde.
Frau Möller war indes mit den Kaffee brauen fertig, sie hatte eine Schale mit Plätzchen auf den Tisch gestellt und sah mich an. „Du erinnerst dich noch?“ fragte sie und ich nickte. Glühende Röte überzog ihr Gesicht, ich legte meine Hand auf die ihre, die heftig zitterte. „Opa hat nie ein Wort darüber verloren, was an diesem Tage auf dem Speicher gesprochen wurde“, beruhigte ich sie. Sie hatte Tränen in ihren Augen und blickte mich dankbar an. „Er war ein so feiner Mann“, sagte sie und dann begann sie zu erzählen. „Weiß du, wir hatten es nicht leicht, mein Bruder und ich. Unser Vater kam durch einen Unfall ums Leben, als wir noch kleine Kinder waren und unser Stiefvater prügelte uns später für jede Kleinigkeit. Wie oft stellte sich Werner tapfer, aber zitternd vor mich sein kleines Schwesterchen und bekam die grausamen Schläge, die eigentlich mir zugedacht waren. Er war alles für mich, mein großer Bruder, mein Beschützer, mein Held, mein Ritter, ich liebte ihn heiß uns innig, er war alles was ich hatte und auch er klammerte sich an mich. Irgendwann, als ich mal wieder geschlagen worden war und heulend in der Ecke saß, küsste er mich zum Trost, ich schmiegte mich an ihn und so begann es zwischen uns. Als er die Schule beendet hatte ging er als Arbeiter in die Fabrik und überraschte mich eines Tages mit dieser Wohnung hier. Blutjung zogen wir hier ein und dachten es bliebe so in alle Ewigkeit. Da wir den gleichen Nachnamen hatten schöpfte nie jemand Verdacht. Dann verliebte sich Werner eines Tages in eine Arbeitskollegin. Mein Welt stützte ein, ich wollte nicht alleine zurück bleiben und vor anderen Männern hatte ich Angst, alles war doch gut, warum konnte es nicht so bleiben? Nachdem Werner sich dann verplappert hatte und alle im Haus und im Dorf Bescheid über uns wussten wollte ich nicht mehr Leben. Leise schlich in nach oben, als ich glaubte alle seinen außer Haus, gerade als ich hinaus springen wollte hielt mich die Stimme deines Großvaters zurück. Er war so unglaublich liebevoll, kein Vorwurf, nur ein leises: „Gott hat dir dein Leben geschenkt, du darfst es nicht fortwerfen, es hat alles seinen Sinn, auch wenn du ihn jetzt nicht siehst, vertrau ihm.“ Er hat mich in den Arm genommen und ich konnte gar nicht aufhören zu weinen. Dabei hat er mein Haar gestreichelt und gesagt: „Weine ruhig mein Kind, Tränen machen die harte Seele wieder weich.“ Wenn er geschimpft hätte, ich hätte ihn fort gestoßen, aber seiner liebevollen Art konnte ich nichts entgegen setzen. „Sie verachten mich alle“, habe ich gesagt und er erwiderte: „Der Herr nicht, er liebt jedes seiner Kinder. Was gilt da das Tun der Menschen? Sei stolz, steh zu deinem Fehler, lass Werner los, gib ihm eine Chance auf eine legale Liebe, auch du wirst eines Tages eine finden.“ „Du kannst lachen, aber es war mir zu Mute, als habe Gott der Herr selbst zu mir gesprochen und weißt du was, er hatte Recht. Im letzten Jahr ist Karl gestorben. Dein Großvater hat mir damals eine Stelle im Büro seiner Firma besorgt, da habe ich ihn kennen gelernt, ein feiner ruhiger Mann der immer zu mir stand. Als wir nach zwei Jahren geheiratet haben, ganz still und heimlich war dein Großvater unser Trauzeuge.“
So war er, so kannte und so liebte und verehrte ich ihn. Als ich ging, hatte ich das Gefühl eine Seelen Verwandtschaft getroffen zu haben.
© By Gitte