Das Dorfgeheimnis!

Meine Großtante Anni ist früher gerne innerhalb unseres schönen Deutschlands verreist, in die so genannte Sommerfrische und immer hatte sie mir von den verschiedenen schönen Ecken vorgeschwärmt. So sagte sie zum Beispiel: „Kind, wenn du mal nach Hessen kommst, dann fahre in diesen wunderbaren Ort Bergfreiheit, dort hat schon Schneewittchen Aufnahme bei den sieben Zwergen gefunden, die Leute dort sind so nett und wenn du da bist, grüß mir den Huber Bauern, dort hatten wir Quartier, dein Onkel Kallemann und ich, nein was hat der Mann sich für eine Mühe mit seinen Gästen gegeben. Dann ist da noch die Besitzerin der sagenhaft schönen Edelstein Schleiferei, Frau Kleine, sie ist ein echte Dame, eine von denen, die Alters los sind, sie hat schlohweißes Haar, aber ein glattes faltenloses Gesicht und eine makellose Figur, um die sie jedes junge Mädchen beneiden würde.“

 

Nun schreiben wir das Jahr 2006 und ich wandle auf Tante Annis Spuren, sie ist leider schon vor dreizehn Jahren gestorben und ich erinnere mich an das damals gegebene Versprechen. Wir waren wir also in Bergfreiheit und auf meine Fragen hin wies man uns tatsächlich den Weg zum Huberhof. Als ich jetzt davor stand, begann ich zu überlegen. Tante Anni war Mitte der fünfziger Jahre hier gewesen, das heißt, es war ein halbes Jahrhundert vergangen, den alten Herrn Huber würde es nicht mehr geben, oder er war ein Greis und würde sich sicher nicht an einen Feriengast vor so langer Zeit erinnern. Unschlüssig stand ich da, als ich angesprochen wurde. „Kann ich ihnen helfen“, fragte mich ein hünenhafter Mann? Erschrocken fuhr ich aus meinen Gedanken auf. „Nein danke, sicher nicht, meine Tante bat mich vermutlich ihren Vater zu grüßen, sie hat hier einmal Urlaub gemacht, aber gerade kam mir zu Bewusstsein, das dies nun schon fünfzig Jahre her ist und er sich sicher nicht mehr an sie erinnert. Verzeihen sie die Störung“, sagte ich und wendete mich zum Gehen. „Einen Moment bitte, wie heißt denn ihre Tante“, wollte er wissen? „Anni Rogall“, erwiderte ich, „sie starb 1993“ „Die Anni, schau an, sie hat uns nicht vergessen“, murmelte er. Nun war ich echt verblüfft, dann musste ich lachen. „Ja, die Anni, aber sie können sie ja wohl nicht gekannt haben, sie waren damals ja noch gar nicht geboren“, stellte ich fest. „Das stimmt, aber mein Vater hat mir von diesen Gästen erzählt“, sagte er und wurde rot dabei. Das hörte sich alles sehr merkwürdig an, welcher Bauer erzählt seinem Sohn nach so langer Zeit von irgendwelchen Feriengästen, er hat doch sicher so viele, das er sich nach kurzer Zeit an keinen mehr erinnert. Sehr merkwürdig das Ganze, ich verabschiedete mich nun und begab mich zur Edelstein Schleiferei.

 

Von draußen schaute ich durch das Fenster und sah sie, sie sah genauso aus, wie Tante Anni sie mir beschrieben hatte. Verwirrt schüttelte ich den Kopf, das kann nur ihre Enkelin sein dachte ich bei mir. Die Sache wurde immer merkwürdiger, entschlossen dieser Sachen auf den Grund zu gehen, betrat ich den Laden. „Frau Kleine“, sprach ich sie fragend an? Sie blickte mich freundlich an. „Ja, was kann ich für sie tun“, wollte sie wissen? „Haben sie ein Bild ihrer Großmutter“, sprudelte es aus mir heraus? „Wie bitte“, fragte sie erstaunt zurück. Was mochte sie nur von mir denken? Peinlich berührt errötete ich, dann entschloss ich mich zur Wahrheit, die brachte immer am Weitesten. „Wissen sie, hier ist alles so merkwürdig, meine Tante Anni hat hier vor über fünfzig Jahren ihren Urlaub verbracht und es hat ihr hier unglaublich gut gefallen. Sie sagte immer zu mir: „Kind, wenn du einmal nach Bergfreiheit kommst, grüß mir den Huber Bauern und geh bei Frau Lange vorbei.“ Sie hat sie genau beschrieben und nun ist ein halbes Jahrhundert vergangen und sie sehen haargenau so aus, wie es meine Tante beschrieben hat. Frau Lange sah mich nachdenklich an. „Das ist einer dieser Zufälle, an die keiner denkt. Wir haben hier ein Dorf Geheimnis, bitte folgen sie mir nach hinten, in meine Privaträume, da sind wir ungestört“, sagte sie. Allerlei Gedanken schossen durch meinen Kopf, was hatte sie vor? Aber dann sah ich ihren hellen, freundlichen Blick und zudem wartete mein Mann draußen im Auto was sollte also passieren? „Einen Moment bitte, ich sage eben meinem Mann Bescheid, dass es ein wenig dauert“, informierte ich sie und ging hinaus. Danach begab ich mich mit Frau Klein in ihr Büro und dort erzählte sie mir schier unglaubliches.

 

 

„Glauben sie an Wunder“, wollte sie zuvor von mir wissen? Fest erwiderte ich ihren Blick. „Ja, das tue ich“, antwortete ich dann. „Ich wurde 1898 geboren“, sagte Frau Klein. Abwartend sah sie mich an. „Dann……dann sind sie ja Einhundertundacht Jahre alt“, rechnete ich aus. „Stimmt genau“, gab sie mir Recht. „Wie schafft man es nach dieser Zeit keinen Tag älter als sechzig auszusehen“, wollte ich fassungslos wissen. „Das“, sagte sie „ist unser Dorfgeheimnis, eigentlich ist es nun an der Zeit darüber zu reden, weißt du (sie war nun in das etwas vertrauere du gewechselt) jeder wünscht sich ein langes Leben, aber irgendwann wird man überdrüssig, wenn ich dir nun die Geschichte erzähle, ist der Zauber zu Ende und wir werden sterben, ich habe ihn ausgelöst und ich beende ihn nun.

 

„Es war das Jahr 1905  und auch hier wütete wie überall eine schlimme Hungersnot. Bis zu dieser Zeit haben die Zwerge bei den Bauern gegen Edelsteine ihr Brot geholt, aber nun war nicht einmal für die Bauern genug da und keiner verkaufte mehr etwas, auch nicht gegen die wunderbarsten Steine. Einmal ging ich spazieren und fand einen völlig entkräfteten Zwerg, der sich zum Sterben niederlegt hatte, ich hatte Mitleid mit ihm und gab ihm mein Brot. Er kam wieder zu Kräften und ich versprach ihm, nun täglich an diese Stelle zu kommen und ihm mein Brot zu geben, auch wenn ich hungrig war, konnte ich so uns beide am Leben erhalten. Wie du vielleicht weißt, kennen Zwerge viele Geheimnisse und Habakuk war ein ganz besonderer Zwerg, er war der König dieser Region. Etwa ein halbes Jahr dauerte die Misere, dann kam die Erntezeit und es ging uns wieder ein wenig besser. Die Zwerge konnten wieder Brot kaufen und so verabschiedete ich mich von Habakuk. Zum Abschied gab er mir ein Versprechen, er sagte: „Alle zehn Jahre wirst du vor deiner Türe ein Elixier finden, das dich weitere zehn Jahre nicht altern lässt.“ Irgendwann bemerkten es die Leute im Dorf und so wartete ich als die Zeit wieder gekommen war auf Habakuk und besprach mich mit ihm. Nun bekam jeder sein Fläschchen und wir alterten nicht mehr. Nun kennst du unser Geheimnis, bewahre es eine Weile, dann werden wir Alten nicht mehr sein.

 

Betroffen schaute ich sie an, waren nicht seit unserem Gespräch einige Furchen in ihrem Gesicht erschienen. Sie schaute mich jedoch lächelt an. „Es ist eine Erlösung“, sagte sie, „Wir haben viel zu lange daran festgehalten. Danke und leb wohl. Sie küsste mich auf die Wangen und benommen verließ ich den Laden. Im nächsten Jahr werde ich wieder vorbeischauen.

© By Gitte