Das Erbe!
So oft hatte ich es mir
vorgenommen, einmal wieder zum Hause meiner Vorfahren in das kleine Dorf im
Weserbergland zu fahren. Doch die Jahre verstrichen, es wurden Jahrzehnte
daraus und dann erfuhr ich plötzlich, dass die Cousine meines Großvaters, die
als Letzte unseres Familienzweiges das Häuschen bewohnt hatte gestorben war.
Das Haus war verkauft worden. Generationen hatte es als Heimstätte gedient, was
war nicht alles dafür getan worden, es im Besitz der Familie zu halten. Tante
Liesel, besagte Cousine meines Großvaters hatte bei ihrer Eheschließung unseren
Familiennamen angefügt und trug einen Doppelnamen. Als ihr einziger Sohn in den
Nachbarort heiratete und seine Frau, die dort ebenfalls ein Elternhaus besaß
nicht in das Häuschen ziehen wollte, adoptierten sie und Onkel Willy ihr Mann
ein Waisenkind, damit Name und Haus in der Familie bleiben sollten. Indes der
Junge war erwachsen und wie ich nun erfuhr, hatte er das Haus nicht gewollt, es
war nach dem Tod der Beiden in fremde Hände gelangt. Im Zuge meiner
Ahnenforschung hatte ich diesen Zweig der Familie bis zum Jahre 1729 dort
zurückverfolgen können, mein Großvater hatte mir erzählt, dass unsere Vorfahren
als Hugenotten verfolgt sich dort angesiedelt hatten. Anfang des 1900.Jahrhunderts
begann nach einer Hungersnot die Landflucht, die meinen Urgroßvater auf
Arbeitssuche nach Essen verschlug, wo er sich in die große Gruppe der
Kruppianer einreihte, Opa folgte ihm nach. Immer jedoch hatten wir die alte
Heimat besucht und den Kontakt gehalten.
Es vergingen einige Monate
und dann war es soweit. Wir verbrachten unseren Osterurlaub in Reinardshagen.
Wie hatte das Dorf sich verändert, auch hier war die Zeit nicht stehen
geblieben. Nun gab es nicht nur den kleinen Dorfladen, Treffpunkt und
Austauschort für Jung und Alt. Etliche Läden säumten nun die Dorfstraße und
statt Traktoren und Pferdefuhrwerken sah man auch schweren Lastverkehr, Autos
und Motorräder. Man konnte nicht mehr unachtsam auf der Dorfstraße schlendern,
der Verkehr hatte auch hier zugenommen. Langsam schlenderte ich die
Hauptstrasse entlang und kam so zu dem Abzweig zu „unserem Häuschen.“ Ein
kleines Seitengässchen führte hinab Richtung Weserufer. Dann stand ich im
blinzelnd im Frühlingssonnenschein auf dem kleinen Vorhof und betrachtete das
neu verputze Häuschen. Schon Onkel Willy hatte immer angebaut und modernisiert.
Schmuck wirkte es, klein, aber unheimlich anheimelnd, wie ich es in Erinnerung
hatte. Völlig in Gedanken versunken hatte ich gestanden und zuckte nun
schreckhaft zusammen, als mich jemand ansprach. Eines der kleinen Fenster hatte
sich geöffnet und eine Frau mittleren Alters fragte halb freundlich, halb
misstrauisch, ob sie mir helfen könne. „Verzeihen sie“, bat ich, „hier hat
meine Familie lange Zeit gewohnt und ich wollte sehen, ob es das kleine
Häuschen noch gibt.“ „Sind sie eine Hosse“, wurde ich gefragt. Ich schüttelte
den Kopf. „Nein, aber meine Mutter war eine Geborene Hosse“, antwortete ich.
„Die Vorbesitzer, Elisabeth S.-Hosse war einen Cousine meines Großvaters, wir
haben sie oft hier besucht.“ „Möchten sie eintreten“, wurde ich gefragt und ich
antwortete freudig: „Gerne, wenn ich darf.“ Die Frau öffnete die Türe. „Wissen
sie noch wie es darinnen aussah“, wollte sie wissen? Ich verstand, das sie mich
prüfen wollte, lächelte und sagte: „Aber natürlich, hier links war die Küche,
dahinter das Esszimmer, doch halt Moment, Onkel Willy hat dort das Bad
eingebaut und rechts war das Wohnzimmer, dort hat er eine Wand durchgebrochen,
danach war es lang und Schlauchförmig und unter dem Fenster stand die
Sitzgruppe, an der Wand gegenüber der Schrank.“ Halt halt“, unterbrach mich die
Frau lachend. Sie reichte mir ihre Hand. „Mein Name ist Schmidt Steier, nichts
für ungut, sie kennen sich aus, bitte treten sie näher.“ Sie führte mich in das
von mir beschriebene Wohnzimmer und bot mir einen Platz an.
Ihr Blick fiel aus dem
Fenster, sie öffnete es und rief dem Nachbarn zu: „Winfried, bitte komm einmal
her.“ Sekunden später betrat eine gedrungene Gestalt den Raum, das ehemals
leuchtend rote Haar war weiß geworden, aber ich erkannte die markanten Züge
sofort wieder. „Guten Tag Herr Irland“, begrüßte ich ihn. Forschend blickte er
mich an. „Das ist nun über dreißig Jahre her, wissen sie noch wie sie mich Max
haben reiten lassen und später die Fanny, wie sie mir gezeigt haben wir man
striegelt und sattelt?“ Ein Lächeln überzog wie ein Leuchten sein Gesicht.
„Brigitte“, fragte er leise? Und noch einmal: „Brigitte, bist du das wirklich?
Lass dich ansehen.“ Ohne Umstände zog er mich in seine Arme. Dann ließ er mich
verwirrt los. „Verzeihung“, bat er und wurde rot, wie ich es noch von ihm
kannte. „Nicht doch“, sagte ich und strich über seinen Arm. „Wir sind doch so
alte Freunde. „Stimmt“, strahlte er. Frau Schmidt Steier war nun endgültig beruhigt
und bat uns beide Platz zu nehmen, ich habe vorhin Kaffee gekocht, ich hoffe
doch ihr trinkt eine Tasse mit mir“, meinte sie. „So komme ich auch zu einer
Zwangspause. In so einem Landhaushalt ist immer etwas zu tun.“ „Gerne willigte
ich ein und bald waren wir in eine angeregte Unterhaltung vertieft, mit vielen
„Weißt du noch?“ „Bist du immer noch so eine tolle Tierliebhaberin“, wollte
Winfried wissen und ich nickte eifrig. Unter Gelächter erzählte er der erstaunt
lauschenden Frau Schmidt Steier, wie mein Vater einst von seinem Vater für
seine Erntehilfe ein halbes Kalb bekommen sollte und wie ich entrüstet gesagt
hatte das ich nicht in das Auto steigen werde, wenn das wunderschöne Kälbchen dort
als Leiche darin lag. Mein Vater hatte gelacht und gemeint ich werde mir das
schon überlegen. Daraufhin hatte ich mich wortlos abgewendet, ein Köfferchen
gepackt und stand bald mit erhobenen Daumen an der Dorfstraße. Zähneknirschend
hatte Vater sich gefügt und auf das Kalb verzichtet. „War er lange böse“,
wollte Winfried immer noch lachend wissen? „Oh ja, einige Wochen“, antwortete
ich, aber das war es wert.
Während wir uns unterhalten hatten
war hatte sich Frau Schmidt Steier entfernt und nun kam sie wieder herein und
trug eine Metall Kassette bei sich, die sie auf den Tisch stellte. „Nun, da ich
genau weiß, das das was sie sagten seine Richtigkeit hat, sollen sie das hier
bekommen“, antwortete sie auf meinen fragenden Blick. Sie schob mir die
Kassette zu, ich öffnete sie und blickte hinein. Der Deckel war gewölbt und
sehr schwer. Darin lagen alte Briefe und vergilbte Fotos. „Als wir im letzten
Jahr das Dach neu deckten, fanden wir in einer Nische diese Schatulle, ich
denke es sind die Sachen ihrer Vorfahren. Ich habe beim Bürgermeister
nachgefragt, aber niemand wusste wo wir jemand aus der Familie finden konnten,
so habe ich sie aufgehoben, darf ich sie ihnen geben?“ „Aber gerne, ich
interessiere mich sehr für die Vergangenheit und diese Briefe werden sicher
eine Menge Aufschluss über meine Vorfahren geben“, antwortete ich ihr. Nach
einer Weile verabschiedete ich mich von den beiden und ging zurück in unsere
Pension, in der mich schon mein Mann erwartete. Aufgeregt zeigte ich ihm die
Kiste. Er mahnte mich zur Besonnenheit und wie beschlossen, ihren Inhalt erst
zu Hause in aller Ruhe zu sichten. Ostermontag fuhren wir heim.
Am nächsten Tage öffnete mein
Mann die Kiste und wunderte sich ebenfalls über das Gewicht des Deckels. „Es
ist Metall“, gab ich zu bedenken. „Trotzdem“ sagte mein Mann und runzelte die
Stirne, doch sicher kein massives Gusseisen.“ „Warum nicht“, meinte ich, die
Papiere sollten ja sicher sein. In der Zwischenzeit hatte mein Mann den Deckel
untersucht und pfiff durch die Zähne. „Schau mal“, sagte er und zeigte auf eine
Ritze unterhalb des Deckels. Er schob einen Schraubenzieher in den Schlitz und
hebelte ein wenig. Plötzlich gab das Unterteil nach und die Abdeckung gab den
Blick in das Innere des gewölbten Deckels preis. Unsere Augen wurden
riesengroß. Der Deckel war gefüllt mit Goldstücken. Eine Weile saßen wir
sprachlos und blickten auf den unvermuteten Schatz. Dann nahm ich eine Münze
und betrachtete sie. Louis der XIII stand auf dem Rand. Ich schaltete den PC
ein und gab die Info ein. „Jürgen“, schrie ich, als ich das Ergebnis sah.
„Weißt du was das ist? Das ist Gold, das sind die sagenhaften Louis d’ Ores.“
„Was soll denn das sein“, wollte mein Mann wissen. „Gold“, hauchte ich. „Das
sind Golddukaten“, schrie ich lauter werdend. „Pscht“, mein Mann hielt mir den
Mund zu. „Wenn das wirklich so ist, brauchst du es nicht der ganzen
Nachbarschaft mitzuteilen. Unwillkürlich flüsterte ich nun und mein Mann
grinste. „Verstehen muss ich dich aber“, gab er zu Bedenken und scherzhaft
schlug ich nach ihm. „Ach du.“ Ich steckte eine Münze ein. „Morgen gehe ich damit
zur Bank“, teilte ich meinem Mann mit. „Und was sagst du, wo du sie her hast“,
wollte er wissen? Das war in der Tat ein Problem. „Na die habe ich gefunden,
sie steckte verschmutzt in der Wiese“, antwortete ich und grinste. Dann
forschte ich im Netz nach der Gesetzgrundlage und fand folgenden Satz.
Das deutsche Fundrecht ist
eindeutig, der gefundene Schatz gehört zur einen Hälfte dem Finder und zum
anderen dem Eigentümer der Sache, oder des Ortes an dem der Schatz verborgen
war.
Am anderen Tag begab ich mich
zur Bank und erfuhr, dass es sich um einen echten Louis d’Ore handelte, mit 6,2
Gr. Goldgehalt aus dem 17. Jahrhundert.
Man wies mich an, den Fund zu melden, was ich auch tat. Man zog die Münze ein
und ich bekam 300€ dafür. In der folgenden Zeit grub man den von mir genannten
Acker um, fand aber keine neuen Münzen mehr, was mich nicht verwunderte.
Aus den Briefen erfuhr ich
nach mühevoller Übersetzung, dass die Münzen meinen hugenottischen Vorfahren
gehört hatten und von dem damaligen Existenzaufbau übrig geblieben waren,
sozusagen als Notgroschen. Irgendwann hatte man sie im Dachgewölbe verborgen
und war wohl umgekommen, ehe man der Nachkommenschaft das Versteck mitteilen
konnte, so hatten sie dort gelegen, bis sie Frau Schmidt Steier gefunden hatte.
Nun hatten wir einen Schatz, aber wir konnten niemand davon erzählen, denn dann hätten wir ihn nicht
behalten können. Sicher hätte das Land ihn als historisch beansprucht, Frau
Schmidt Steier hätte einen Anteil bekommen und meine Verwandten hätten einen
Teil als Erbe beansprucht. Nun werde auch ich ihn verbergen müssen und nur ab
und zu vielleicht eine Münze auf dem schwarzen Markt verhökern können.
Schlimmer als von einem
großen Gewinn zu träumen ist ihn zu haben, aber nicht genießen zu können.
Seufz.
By Gitte