Das Mädchen mit den saphirblauen Augen!

Es ist schon einige Jahre her, siebzehn um genau zu sein. Damals hatte ich mich gerade von meinem Freund getrennt. Siebzehn Jahre war ich alt und war seit drei Jahren mit meinem Freund Reiner zusammen gewesen. Aus und vorbei, er hatte mich betrogen mit meiner Freundin. Einige Tage hatte ich mir die Augen ausgeheult, aber damit war nun Schluss. Heute hatte ich mir Ajax geschnappt, den Schäferhund unseres Hausherren und war mit ihm in den Wald gegangen um mal wieder den Kopf frei zu bekommen. Es war früh am Sonntagmorgen und wir waren noch keiner Menschenseele begegnet. Nach einiger Zeit löste ich die Leine und Ajax tobte herum. Er brachte mit Tannenzapfen und Stöckchen, ich wanderte langsam und hing meinen Gedanken nach. Nach einer Weile schreckte ich auf, schon eine ganze Zeit war Ajax nicht mehr erschienen, beunruhigt begann ich ihn zu rufen. Ganz ruhig hätte mein Vater gesagt, der kommt schon wieder, der ist an Brot gewöhnt, aber ich war nicht ruhig, im Gegenteil, ich liebte das Tier und ich hatte die Verantwortung für ihn. Immer hektischer rief und suchte ich ihn.

 

Plötzlich trat aus dem Gebüsch ein Mann, Ajax stand ruhig neben ihm und ließ sich seinen schönen Kopf streicheln. „Suchst du den hier“, fragte er mich. Aufatmend nickte ich. „Komm her du Ausreißer.“ Während ich das Tier anleinte, betrachtete ich den Mann aus den Augenwinkeln. Er lächelte und ich wurde rot, er hatte also meinen Blick bemerkt. Irgendetwas war außergewöhnlich, zwar trug er eine Jeans und ein T-Shirt, aber seine Gesichtshaut war außerordentlich fein, er hatte weiches gelocktes Blondhaar, das er halblang trug. Auch wenn ich sonst kein Freund langer Haare bei Männern war, ihn kleidete diese Frisur außerordentlich gut. Endlich sah ich, was so ungewöhnlich war, es waren seine Augen. Sie strahlten in einem dunklen Blau. Wie Saphire kam es mir in den Sinn, nie hatte ich solche Augen gesehen, sie funkelten wie die Edelsteine. Endlich bemerkte ich, das ich ihn anstarrte, ich stotterte eine Entschuldigung und er lächelte verzeihend, sicher war er es auch gewohnt so angestarrt zu werden wegen seiner ungewöhnlichen Augen.

 

„Kommt mit“, bat er, „ihr werdet müde sein, seit meine Gäste.“ Ajax folgte ihm auf dem Fuße und ich neugierig geworden ging mit. Würde er uns auf eine Lichtung führen, ich hatte mich bei der Suche nach Ajax verlaufen. Vor uns tauchte ein felsiger Berg auf, hier war ich noch nie gewesen, war ich bei der Suche so sehr vom Wege abgekommen? Unser Begleiter schritt auf den Felsen zu und war plötzlich verschwunden. „He“, rief ich, „He wo bist du hin?“ Da teilte sich ein Gebüsch vor uns und der junge Mann winkte einladend. Etwas unheimlich war mir zu Mute, aber schließlich hatte ich Ajax, das treue Tier würde mich schon beschützen. So schob ich einige Zweige beiseite und stand in einer großzügigen Felsenhöhle.

 

Staunend sah ich mich um, die Wände glitzerten und gleißten, auf dem Boden lagen weiche Felle und zierliche Möbel, die aussahen wie aus Glas standen hier. Lächelnd überließ mein Begleiter mich meinem Staunen. Als ich mich etwas gefasst hatte, begann ich zu fragen. „Was ist das an den Wänden?“ „Das sind Goldadern“, bekam ich zur Antwort. „Und die Möbel, woraus bestehen die, aus Glas“,  wollte ich weiter wissen? „Oh nein, sie mal her.“ Benefizius, so hatte sich mein Begleiter mittlerweile vorgestellt, leuchtete mit einer Lampe auf sie und da begannen sie in allen Regenbogenfarben zu schillern. „Die sind aus Bergkristall.“ Unbewusst hielt ich den Atem an, das war so wunder- wunderschön, wie im Traum.

 

Seufzend hatte Ajax sich auf den weichen Fällen ausgestreckt, ihm gefiel es anscheinend genauso gut wie mir. Benefizius führte mich in den hinteren Teil der Höhle, hier stand eine Art Esszimmer. Er setzte mir herrliche Speisen vor, aber meine Fragen danach was es sei beantwortete er nicht, er lächelte nur, ich beschloss diesen Tag einfach zu genießen und nicht durch zu viele Fragen zu zerstören. Alles war außerordentlich schmackhaft und ich genoss es still. Nach dem Mahl befiel mich eine bleierne Müdigkeit, ich sank und den mit weichen Fellen belegten Sessel zurück und schlief ein.

 

Als ich erwachte lehnte ich am Stamm einer schlanken Fichte und Ajax lag ruhig neben mir, er hatte meinen Schlaf bewacht. Erstaunt blickte ich mich um, scheinbar hatte es sich um einen wunderschönen Traum gehandelt, was mir so realistisch vorgekommen war. Zu schade, vielleicht gelang es mit heute Nacht diesen Traum noch einmal weiter zu träumen, wenn ich vor dem Einschlafen daran dachte. Nun begann ich erst einmal die Umgebung zu erkunden und bald fand ich den kleinen Waldsee, nun wusste ich wo wir waren und ich machte mich auf den Heimweg. Zu Hause erwarteten uns alle in großer Unruhe, es war später Nachmittag, als wir endlich heimkamen, ich berichtete wahrheitsgemäß, das ich mich bei der Suche nach Ajax verlaufen hatte und danach erschöpft eingeschlafen war.

 

Es war Wochen später, ich hatte diese Episode in meinem Leben schon fast vergessen, als mich eines Morgens eine heftige Übelkeit ankam. „Hast du dir den Magen verdorben“, wollte meine Mutter besorgt wissen? Das nahm ich auch an. Am nächsten Tag ging es mir wieder besser, aber schon am Tage darauf war die Übelkeit wieder da, heftiger als zuvor. Es blieb nicht dabei, ich begann mich am Morgen zu übergeben. „Sag mal, das deutet alles auf eine Schwangerschaft hin“, meinte meine Mutter. Entsetzt blickte ich sie an. Beruhigend strich sie mir über das Haar. „Keine Sorge, wir sind ja auch noch da, wir lassen dich nicht im Stich, sei froh, das du so früh gemerkt hast, welchen Hallodri Reiner ist“, machte sie den Versuch mich zu trösten. So begab ich mich zu einem Gynäkologen und der stellte tatsächlich eine Schwangerschaft fest. Heftige Gedanken plagten mich, sollte ich Reiner von der Schwangerschaft berichten? Nach einer Weile entschied ich mich dagegen, er hatte mich betrogen und damit sein Recht auf mein Leben und das des Kindes, das ich trug verwirkt fand ich. Würde ich das Kind lieben können, oder erinnerte es mich immer wieder an seinen Vater, was wenn es ihm auch noch ähnlich war? Das Kind ist schuldlos daran und wenn es Gott gefallen hat mir das Kind zu schenken, werde ich es ohne wenn und aber annehmen, entschied ich weiter. Es war eine schwere Schwangerschaft, ich litt unter unstillbarem Erbrechen und das mehrmals am Tage. Als ich irgendwann einmal Reiner begegnete, blickte er viel sagend auf meinen Bauch und meinte, „Du hast dich ja scheinbar schnell getröstet.“ „Wie du mir, so ich dir“, entgegnete ich trotzig und ignorierte das heftige Herzklopfen, das meine Worte Lügen strafen wollte. Mein Großvater hatte immer gesagt: „Merke dir eines mein Kind, wir sind arm, aber Stolz ist der Reichtum des armen Mannes.“ Das half mir meinen Kopf weiterhin hoch zu tragen, auch wenn es mir das Herz zerriss, ich würde ihn meine Verletzung nicht sehen lassen.

 

Die Monate verstrichen und endlich war es soweit. Die Wehen setzten ein, meine Eltern brachten mich in die Klinik und nach Stunden schenkte ich einem gesunden Mädchen das Leben. Als ich sie das erste Mal in den Armen hielt, blickte ich erschrocken auf das kleine süße Wesen. Seine Haut war glatt wie ein Pfirsich, wo hatte ich eine solche Haut nur gesehen? Als es dann die Augen öffnete traf es mich wie ein Blitz, sie waren blau. Allerdings kein gewöhnliches Blau, es war ein saphirblau, strahlend und dunkel. Dazu hellblonde feine Löckchen. Ärzte und die Hebamme blickten gleichermaßen erschrocken und verzückt auf das kleine Wesen. Fast war ich erleichtert, als der Arzt mich bat ihm das Kind zu geben, damit er es untersuchen könne, er habe noch nie ein so schönes Neugeborenes gesehen, fügte er noch an. Meine Gedanken flogen wie aufgescheuchte Hühner in meinem Kopf herum. Der Vater war ganz eindeutig  Benefizius, wie konnte das nur zugegangen sein? Als meine Mutter dann kam und das Kind betrachtete, konnte ich sehen was sie dachte. „Blaue Augen“, sagte sie? „Reiner und du habt beide braune Augen und Blond? Ihr seid beide dunkel.“ Forschend betrachtete sie mich und obwohl mein Gewissen rein war errötete ich tief. Sie nahm das wohl als Schuldbekenntnis und wendete sich ab. „Schade“, meinte sie, „Ich dachte du hättest Vertrauen zu mir.“ Was sollte ich machen? Ihr die Wahrheit erzählen? Die würde sie nicht glauben, sie wäre noch mehr verletzt und würde es für ein Märchen halten, das ich ihr aufzutischen versuchte, ich konnte es ja selbst nicht glauben. Als man mir später mein Kind brachte, betrachtete ich es forschend. Dabei fiel mir eine leichte Anomalie der Ohren auf, sie hatten oben leichte Spitzen. Ansonsten war es ein ungemein anziehendes und schönes Mädchen. Bei dem nächsten Besuch fragten meine Eltern mich nach einem Namen, mein Vater wollte seine Enkelin auf dem Standesamt anmelden. Als Vater wollten wir unbekannt angeben, damit Reiner niemals Vaterrechte gelten machen konnte, aber da das Kind ihm in keiner Weise glich würde das auch nicht der Fall sein. Nach kurzem Nachdenken beschloss ich Kira solle das Kind heißen. Als Kind hatte ich mal ein Märchen erzählt bekommen, darin spielte eine Elfe die Hauptrolle, die diesen Namen trug und da mich das Kind an sie erinnerte sollte es ihren Namen bekommen.

 

Die Jahre verstrichen nun in normalem Gleichmaß. Kira war ein schönes und gehorsames Kind, sie war wissbegierig und beliebt bei groß und klein. Oft spazierten wir durch den Wald, immer hegte ich die Hoffnung eines Tages Benefizius, Kiras Vater wieder zu begegnen, aber weder fand ich die felsige Stelle, noch fanden wir ihn selbst. Kira kam eines Tages auf den Gedanken ihre herrlichen Augen hinter farbigen Kontaktlinsen zu verbergen, sie wollte kein Aufsehen mehr erregen, ihre Ohren verbargen ihre langen Haare, die sie immer offen trag. Zu Hause allerdings gönnte sie der Familie den Blick in ihre wundervollen Augen, die mit den Jahren immer strahlender geworden waren. Ihre außergewöhnliche Schönheit hatte ihr schon manches Angebot eingebracht als Fotomodel zu arbeiten und ab und zu tat sie das auch, ich selbst war sehr stolz auf meine wunderschöne Tochter.

 

 

Sechzehn Jahre waren vergangen und eines Tages kehrte Kira bleich und verstört von einem Wald Spaziergang zurück. Da wir Benefizius niemals begegnet waren, hätte ich nie vermutet, er werde noch einmal eine Rolle in unserem Leben spielen und doch war es so. Kira zeigte mir einen herrlichen Bergkristall Anhänger und sprach von einem wunderschönen Mann, der ihr erzählt hatte er wäre ihr Vater. Eisiger Schreck durchzog mich, wollte er sich in unser Leben drängen? An meinem traurigen Blick sah Kira was in mir vorging. Sie nahm mich in den Arm. „Keine Angst Mama, ich bleibe dir erhalten, aber Vaters Welt würde ich auch gerne kennen lernen. Erleichtert gab ich mein Einverständnis und bekomme von Kira die herrlichsten Naturwunder geschildert, wenn sie von einem ihrer zahlreichen Ausflüge mit Bonifazius zurückkommt. Die beiden haben mein Leben enorm bereichert.

© By Gitte