Das Medaillon!

Kürzlich war ich mal wieder in der Umwelt Werkstatt, meinem Lieblings Kaufhaus. Es hat etwas von einem gigantischen Flohmarkt. Gewohnheitsmäßig schaute ich mir zuerst die Möbel an, danach kamen die Bücher an die Reihe und in der Textil Abteilung blieb ich zuerst bei der Vitrine mit den Schmuckstücken stehen. Eines davon schlug mich sofort in seinen Bann. Es war ein altes Medaillon. „Darf ich das bitte einmal sehen“, bat ich den Verkäufer? „Natürlich“, gab er höflich Antwort, öffnete das Schränkchen, griff hinein und reichte es mir. Als ich es in der Hand hielt, hatte ich die seltsamsten Gefühle. Es war, als pulsiere es, als sage es, nimm mich mit. Gier packte mich es zu besitzen, aber es war auch eine Spur Grauen dabei. Aber warum nur? Ein wunderschönes Bild zierte es. In einem gehämmerten Goldrahmen lachte eine junge Frau, die einen etwa sieben jährigen Jungen im Arm hielt. Mutterglück strahlte aus ihren Augen. Etwa 30ger Jahre schätzte ich, nicht antik, aber schon alt. „Was soll es kosten“, wendete ich mich erneut an den Verkäufer? „Zwei Euro“, antwortete der mir. „Das nehme ich“, entschloss ich mich zum Kauf. Der Preis konnte sich sehen lassen, ich steckte es in meine Geldbörse und widmete mich wieder den anderen Waren.

 

Als ich nach Hause kam, holte ich es hervor und zeigte es meinem Mann. „Meinst du, du kannst ein Bild meiner Mutter einfügen“, fragte ich ihn? Er sah es sich an und schüttelte dann bedauernd den Kopf. „Sieh selbst, das Bild ist in das Metall geprägt, das kann nicht entfernt werden“, sagte er. „Dann trag ich es so, entschied ich, es gefällt mir.“ Am Abend vergaß ich es abzunehmen und so schlief ich damit ein.

 

Im Traum erzählte mir das Medaillon seine Geschichte. Der jüdische Goldschmiedemeister Jacob Silberstein hatte es einst im Auftrage eines Kunden gefertigt. Man schrieb das Jahr 1927, als Hans Meister, ein entfernter Verwandter von mir es für seine Frau Anna anfertigen ließ. Hans Meister war ein Cousin meiner Urgroßmutter Adele und wie das Leben so spielt, kam das Medaillon in unsere Familie zurück. Es sollte ein Geschenk sein, zur Einschulung ihres Sohnes Hans Junior, eine Erinnerung an diesen Tag und ein Dank für diesen Sohn.

 

Leider hatte Jacob nicht mehr genügend Gold, um das Medaillon zu fertigen. So kam er auf die böse Idee, nahm den Ehering seiner Frau Ruth und verarbeitete das Gold darin. Ruth vermisste ihren Ring und weinte sehr, aber so sehr sie auch suchte, er blieb verschwunden. Jacob indes freute sich auf den Gewinn, den dieses wunderschön gearbeitete Medaillon bringen würde und versprach Ruth einen neuen, schöneren Ring. Ruth aber wollte keinen neuen Ring, sie trauerte um den Alten, war der doch bei ihrer Hochzeit geweiht worden.

 

Hans Meister war begeistert, als er das Medaillon sah und Jacob, der das an seinen Augen sah, schlug in seiner Habgier noch ein wenig auf die Summe. Er begründete es damit, er habe noch Gold nachkaufen müssen. Hans Freude war ein wenig geschmälert, aber er hatte es ja in Auftrag gegeben und es gefiel ihm ausnehmend gut. Wenn er an die Freude dachte, die er Anna machen konnte, spielte das Geld auch keine so große Rolle mehr. Jacob hatte das Bild von Anna und Hans junior auf eine hauchdünne Metallplatte gebrannt und in der Mitte des Medaillons angebracht. Anna lächelte bezaubernd und Hans Junior war ein Junge, nett und adrett, der jeden Vater mit Stolz erfüllt hätte.

 

Nach einigen Tagen war es dann soweit, Hans Junior wurde eingeschult. Die Eltern sahen Stolz auf ihren Sohn und am Abend, als er zu Bett gegangen war, schenkte Hans seiner Anna ein Glas Wein ein. Danach reichte er ihr ein kleines Päckchen, mit den Worten: „Liebe Anna,  damals hat es nicht zu einer Hochzeitsreise gereicht, wir waren arm, doch du hast immer zu mir gehalten und wir haben das Beste daraus gemacht, nun ist es an der Zeit dir einmal Danke zu sagen, für deine Liebe, deine Mühe und diesen prächtigen Sohn, den du mir geschenkt hast.“ Anna hatte die Augen nieder geschlagen und war tief errötet. „Aber Hans“, flüsterte sie, „das ist doch Selbstverständlich.“ „Nein Anna, das ist es ganz und gar nicht, nie hast du dich beschwert und selbst in den magersten Zeiten ist es dir gelungen, etwas Schmackhaftes auf den Tisch zu bringen.“ Währenddessen hatte Anna das Päckchen geöffnet und stieß einen kleinen Freudenschrei aus. Entzückt betrachtete sie das Medaillon. „Möchtest du es nicht umlegen“, fragte Hans sanft? „Oh nein“, wehrte Anna erschrocken ab. „Das trage ich nur am Sonntag, es ist viel zu schade.“ „Bitte trag es, so oft du magst, das Leben kann so schnell zu Ende sein“, mahnte Hans sanft. Anna blickte ihn erschrocken an, aber er lächelte schon wieder.

 

So legte Anna nun jeden Tag das Medaillon um ihren Hals und mancher staunte es bewundernd an. Einige Jahre vergingen in Frieden, doch dann, 1939 brach der Krieg aus. Jacob Silberstein war einer der ersten Juden, die man ins KZ brachte. Warum fiel ihm nur die Sache mit dem gestohlenen Ehering ein, als man ihn mit vielen anderen vergaste?

 

Hans war nun zu einem Mann herangewachsen, groß, blond und arisch, wie ihn sich der Führer wünschte. Wie die meisten Jugendlichen war er ein begeisterter Anhänger Hitlers, dessen markige Reden ihn mitrissen. Er kämpfte begeistert im deutschen Heer, bis er dann 1940 die Nachricht erhielt, dass sein Elternhaus einem Bombenangriff zum Opfer gefallen war und Vater und Mutter dies nicht überlebt hatten. Eine Nachbarin hatte das Medaillon von seiner Mutter Hals genommen und es ihm bei seinem Heimat Urlaub übereicht. Hans Begeisterung hatte einen gehörigen Dämpfer erhalten und zum ersten Mal fing er an, den Sinn dieses Krieges zu bezweifeln, aber was sollte er machen. Er legte nun das Medaillon um und trug es im Gedenken an seine Mutter. So kam es dann auch, dass er nicht schoss, als er dann in Feindesland einer Frau gegenüberstand, die vom Alter her seine Mutter hätte sein können.  Ihr Mann hatte keine solchen Skrupel und so ließ Hans sein junges Leben 1942 in Russland. Das Amulett nahm sein Soldatenfreund wieder mit in die Heimat.

 

Jochen, so hieß der junge Mann heiratete nach dem Krieg, starb aber schon sehr früh an Magenbluten, das Medaillon wanderte in eine Schublade, wo es in den wilden 60gern, von Jochens Tochter Lisa entdeckt und sofort als Hipp eingestuft wurde, sie trug es zu Rüschenblusen und Schlaghosen, nahm damit auch an den berühmten Hasch Partys teil, von denen eine dann ihre letzte wurde. Wieder landete es für Jahre in einer Schublade, denn Lisas Mutter ertrug es nicht die Sachen ihrer Tochter anzusehen. Als sie dann im Jahre 2006 starb, war keiner mehr da, der die Wohnung räumte und so bekam die Umwelt Werkstatt von der Stadt den Auftrag. Sie bot dann das Medaillon zum Kauf an und ausgerechnet ich musste dieses Unglücksteil erstehen. Plötzlich erschien ein Engel und er sah genau so aus, wie man sich einen Engel vorstellt, in einem wunderschönen hell glänzenden weißen Kleid und mit einem wunderbaren Lächeln. Er strich mir beruhigend über das Haar, denn ich weinte um die vielen armen Menschen, die wegen der Sünde von Jacob ihr Leben lassen mussten. Dann griff er das Medaillon und küsste es. „Der Fluch ist nun von ihm genommen, denn Tränen mussten rinnen, um der Sühne willen“, sprach er und verschwand.

 

 

„Sag mal, was hast du denn geträumt“, wollte mein Mann wissen, „du hast so unruhig geschlafen und geweint, ich konnte dich nicht aufwecken?“ „Ach ich weiß es nicht mehr“, gab ich zur Antwort, ich musste das Ganze erst einmal verarbeiten. Über das Bild der armen Anna klebte ich nun das lachende Antlitz meiner Mutter und nun trage ich das Medaillon gerne.

© By Gitte