Das Tagebuch! Oder die Legende von Anna-Katharina, Baroness von Halter!
Vor einiger Zeit wollte meine Tochter das Haus sehen, in dem meine Großeltern gelebt hatten, als ich noch ein kleines Mädchen war. Oft hatte ich ihr von dem Häuschen im Walde vorgeschwärmt, wenn im Winter am Morgen die Rehe unterm Fenster standen und die Füchse um das Haus strichen. Sogar ein Turmfalke hatte sich zu uns verirrt. Selbstverständlich gab es auch Katzen, die Mäuse fingen und Terry unser kleiner Jagdhund. Auf der kleinen Wiese bleichte Oma die Laken und wenn man den Waldpfad ein Stückchen entlang lief, stand man auf einer Wiese, die im Sommer über und über mit Margariten bewachsen war. Hinterm Haus war eine Brücke, unter der fuhr früher die alte Zechenbahn und ein Stück weiter floss ein Bach, die Hesper, die diesem Tal den Namen gegeben hatte. Oft ließen meine Cousine und ich dort Flaschen schwimmen, in die wir Zettel gegeben hatten und bildeten uns ein sie kämen bis nach Amerika. Im Keller räucherte manches Stück Wild, das Opa von seinen Touren mitbrachte und Oma besaß herrliche Pelze. Es war Idylle pur, hinter dem Haus war ein kleiner Hügel, der mit Himbeeren bewachsen war, oft pflückte ich dort mal schnell den Nachtisch. Als Opa starb, zog Oma in eine kleinere Wohnung und irgendwann berichtete mir meine Tante, der „alte Kabachel“ sei verkauft.
An einem schönen Januartag machte ich mich also mit Tanja auf den Weg. Zuerst fuhren wir mit der S-Bahn nach Essen-Werden. Dort stiegen wir in den Bus, der uns ins Hespertal brachte, dass im Volksmund Hippenham genannt wurde. „Schau“, sagte ich zu Tanja und wies auf den Trampelpfad, mit dem man die Serpentinen abkürzen konnte, „hier haben Vati und ich immer den Weg abgekürzt.“ Nachdem wir den Bus verlassen hatten gingen wir die Straße entlang, die uns zu dem Wegübergang führen sollte, unter dem die Hesper floss. Viel kleiner, als in meiner Erinnerung erschienen mir die rot geklinkerten Zechenhäuschen. Gegenüber, der mächtige Steinbruch war immer noch imposant. Lauschend blieb ich stehen. „Hörst du das auch“, wendete ich mich an Tanja, denn ich vernahm ein leises Rauschen? „Ist das die Hesper“, erwiderte sie? „Das verstehe ich nicht, hier standen Häuser“, ratlos blickte ich in das Dickicht und nach einigen Schritten standen wir tatsächlich auf dem ehemaligen Weg, unter dem der Bach plätscherte. „Dahinter müsste die Brücke sein“, mutmaßte ich und lief geradeaus in den dichten Wald. Plötzlich bemerkte ich Beton unter meinen Füßen. „Tatsächlich, sieh dir das an, hier ist sie, total zugewachsen.“ „Na dann mal los“, feuerte Tanja mich an. „Oh nein, das ist viel zu gefährlich, hier ist seit Jahren keiner mehr gewesen, wer weiß, wie verwittert sie ist und selbst wenn wir hinüberkommen, man sieht keine zwei Meter weit, vielleicht steht das Haus gar nicht mehr, wir finden wir es nicht und verlaufen uns.“ „Was machen wir dann“, wollte Tanja wissen? „Wir gehen zurück und versuchen über den Waldweg dorthin zu gelangen“, gab ich ihr Bescheid. Seufzend fügte sie sich, denn Tanja erlebt gerne Abenteuer. Wir marschierten zurück zur Haltestelle und bogen in den kleinen Waldweg ein, der parallel zur Straße zu dem Haus führte, wie ich hoffte. Wie oft war ich ihn gegangen, um in dem kleinen Tante Emma Laden für Oma einzukaufen. „Wir müssten längst da sein, da stimmt was nicht“, mutmaßte ich. „Guck mal da unten, da ist ein Haus“, Tanja wies mit ausgestrecktem Arm einen Abhang hinunter. „Das könnte es sein“, entgegnete ich vage, „was nun?“ „Na was schon“, Tanja ging in die Hocke und ließ sich den Anhang hinunter gleiten. Mir blieb aber auch nichts erspart, ich machte es ihr nach und wir glitten hinunter. „Das ist es, wir haben es tatsächlich gefunden“, begeistert lief ich um das Haus herum. Vorsichtig hielt ich nach einem eventuellen Wachhund Ausschau, wer so einsam lebt hat oft so ein Tier, aber alles blieb ruhig. „Es ist wunderschön modernisiert, aber schau, die Klappe, die in den Keller führt, der Abhang mit den Himbeeren.“ Tanja beobachtete mich schmunzelnd. „Na, traust du dich zu schellen“, fragte sie provozierend. „Na klar, wenn wir schon mal hier sind, mehr als eine Abfuhr können wir uns schließlich nicht holen.“ Entschlossen drückte ich den Klingelknopf. Ein wenig beklommen war uns doch zu Mute. Schritte näherten sich der Haustüre und ein Mann im Jogging Anzug öffnete uns.
„Ja bitte“, sagte er und schaute uns fragend an. „Bitte entschuldigen sie die Störung“, eröffnete ich freundlich das Gespräch. „Meine Großeltern haben vor langer Zeit in diesem Haus gelebt, ich habe meiner Tochter oft von dieser Zeit erzählt und heute sind wir hier, damit sie das alles einmal sehen kann. Ist es gestattet das wir uns hier ein wenig umzusehen und Fotos von dem Haus und seiner Umgebung zu machen?“ „Aber gerne“, antwortet der Mann, „vor einigen Jahren war ihr Cousin hier, der ist auch hier aufgewachsen, möchten sie auch herein kommen und sehen, wie es nun nach der Renovierung aussieht?“ Das war ja weitaus mehr, als wir erwartet hatten und gerne nahmen wir das Angebot an. Der Mann ließ uns eintreten und ich hatte das Gefühl, er beobachte uns genau, aber wer wollte ihm das verdenken, wenn Fremde plötzlich in dieser Wildnis schellen. Alles sah total fremd aus, meine Großeltern hatten die obere Etage bewohnt. „Darf ich“, fragte ich? „Aber sicher“, antwortete der Man und wies die Treppe hinauf. Erstaunt blieb ich stehen. „Hier war ein großer Flur, von dem die Räume abgingen“, staunte ich. „Ja, das gab noch ein ganzes Zimmer mehr“, erwiderte der Mann. „Hier rechts war das Kinderzimmer, zuerst haben wir das bewohnt, dann mein Onkel Jupp mit seiner Frau und seinen zwei Kindern und danach gehörte es meinem Cousin Willy.“ „Wir habe es durch eine Wand vergrößert und die andere Wand zu dem angrenzenden Wohnzimmer durchgebrochen, so haben wir ein sehr großes Wohnzimmer daraus gemacht“, wurde ich aufgeklärt. „Geradeaus war die Küche, man musste drei Stufen hoch um in das Schlafzimmer zu kommen“, forschte ich weiter. Der Mann schien aufzuatmen. „Sie kennen sich wirklich aus“, meinte er. „Die Küche ist geblieben und aus dem Schlafzimmer haben wir ein Esszimmer gemacht.“ „Eine sehr gute Idee“, lobte ich „und die Panorama Fenster geben dem Haus viel großzügigere Konturen.“ „Hier links war das zweite Wohnzimmer, da haben Vati und ich immer geschlafen und hier haben wir auch die Rehe an den Wintertagen beobachtet.“ „Hieß ihr Vater Theo“, wollte der Mann nun wissen? „Ja genau, ich bin seine Tochter Gitte.“ „Was wissen sie über den Dachboden“, fragte der Mann. „Oh leider nichts, uns Kindern war es bei Strafe verboten dort hinauf zu gehen, denn Opa hielt dort seine hungrigen Frettchen für die Jagd und baufällig war er auch.“ „Schauen sie mal, was ich dort gefunden habe.“ Der Mann entnahm dem Schrank ein Glas mit Munition und hielt es mir hin. Erstaunt riss ich die Augen auf. „Darf ich es behalten“, wollte er wissen? „Aber sicher, sie haben das Haus gekauft und so gehört alles was darin ist ihnen auch“, entgegnete ich. „Herzlichen Dank, das wir das Haus besichtigen durften“, ich reichte dem Mann verabschiedend die Hand. „Bitte warten sie“, bat er, griff erneut in den Schrank und holte ein Päckchen heraus. Es war in Pergament Papier eingewickelt. Das reichte er mir. „Es ist ein Tagebuch darin, ich habe es nur überflogen, soweit ich ersehen konnte, handelt es sich um das Buch ihrer Urgroßmutter. Es war auf dem Dachboden versteckt, eingeklemmt hinter einem Balken und den Dachziegeln, der Staub hat es fast unsichtbar gemacht.“ Erstaunt nahm ich es entgegen. Zuerst wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte und betrachtete es unschlüssig. „Herzlichen Dank“, sagte ich dann und steckte es ein. Tanja öffnete protestierend ihren Mund. „Bitte verstehen sie“, wendete ich mich erneut an den Mann, ich möchte das zu Hause in Ruhe studieren.“ „Selbstverständlich“, lächelte er und wir verabschiedeten uns. Draußen sprudelte es nur so aus Tanja heraus. „ Zeig her, nun mach schon, ich will wissen was darin steht.“ „Du wirst dich gedulden müssen“, entgegnete ich ihr, „das ist nichts, was man mal eben so nebenbei erledigt.“ Beleidigt zog sie einen Flunsch. Wir gingen um das Haus herum und der nette Mann folgte uns, er machte uns auf Neuerungen aufmerksam, aber ich entdeckte auch vieles, was ich noch kannte, wie die alte Hollywood Schaukel, in der ich so gerne träumend gelegen hatte. Nachdem ich einige Fotos gemacht hatte verabschiedeten wir uns endgültig.
Missmutig trottete Tanja neben mir her. „Ich lad dich ein“, sagte sie plötzlich, „hast du auch solchen Durst?“ „Aber ja, gute Idee“, antwortete ich und verbiss mir ein Grinsen. Natürlich war ich auch neugierig. An der Bushaltestelle war eine Gaststätte, hier hatten Vati und ich auch oft Rast gemacht und ich war schon gespannt, wie es nun darin aussah. Gerade wurde geöffnet und ich sah mich um, viel hatte sich nicht verändert, in der verräucherten Gaststätte, die um diese Zeit noch leer war. Ein missmutiger Wirt schlurfte heran und ich beschloss ihn nicht zu fragen, ob er den ehemaligen Wirt kannte. Als wir nur zwei Cola bestellten, verbesserte sich seine Laune nicht. Tanjas Blicke brannten mir Löcher in den Bauch und ich genoss es sie ein wenig zappeln zu lassen, aber dann holte ich doch das Päckchen heraus. Behutsam wickelte ich es aus dem Pergament. Obenauf lag ein Brief, auf dessen Umschlag in steilen Lettern „Für Maria“ geschrieben stand. Darunter kam ein altes Tagebuch zum Vorschein, in Leder gebunden, mit einem geprägten Wappen versehen. Zuerst entnahm ich den Brief dem Kuvert. Wir hatten in einer Ecke Platz genommen und so konnte ich nun leise und ungestört Tanja den Brief vorlesen.
Mein liebes Kind!
Schon oft habt ihr, meine Töchter mich nach meiner Herkunft befragt und immer bin ich euch ausgewichen. Nun ist es an der Zeit, euch mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Du, liebe Maria, als die jüngste und meinem Herzen die Nächste, sollst als Erste meine Lebensbeichte lesen. Bitte gib danach das Buch weiter, an deine Schwestern. Warum ich so lange geschwiegen habe, fragst du? Angst mein Mädchen, ich hatte Angst, wie ihr meine Töchter dieses Geständnis aufnehmen werdet. Immerhin habe ich euch durch meine Entscheidung um ein Leben in Reichtum, Luxus und Ansehen gebracht. Nun genug der Vorrede, alles was es zu wissen gibt, wirst du nun in meinem Tagebuch lesen. In Liebe deine Mutter.
Gespannt sah Tanja mich an. „Mann, ist das spannend, nun mach schon, lies vor.“ Unschlüssig betrachtete ich das Buch vor mir. „Das ist keine Lektüre für eine Kneipe“, entgegnete ich ihr, ich werde es erst zu Hause in Ruhe lesen, danach rufe ich dich an und berichte dir, was darin steht.“ Böse sah sie mich an. „Das ist mal wieder typisch für dich, du bestimmst und die blöde Tochter hat nichts zu sagen.“ „Bitte benimm dich“, bat ich sie. Sie blickte böse und ich wusste, an diesem Tage würde sich nichts an ihrer Laune ändern, es war besser nach Hause zu fahren und den Tag abzuschließen. Bis nach Essen fuhren wir schweigend gemeinsam und dann trennten wir uns frostig. „Soll ich dich am Abend anrufen“, fragte ich sie? „Das kannst du machen, wie du willst, das machst du doch immer so“, entgegnete sie schnippisch. Seufzend trennte ich mich von ihr, suchte mein Gleis auf um mit der Bahn nach Hause zu fahren. Tausend Gedanken kreisten in meinem Kopf. Was würde das Buch mir enthüllen? Warum hatte Oma es versteckt, statt es wie ihre Mutter sie gebeten hatte an ihre Schwestern weiter zu geben? Zu Hause berichtete ich meinem Mann von unseren Erlebnissen. Danach konnte ich es kaum erwarten, mich in die Lektüre zu vertiefen.
Endlich war es dann soweit, ich machte es mit bequem und schlug das Buch auf. Die altertümliche Handschrift würde mir einiges abverlangen, ich musste mich sehr auf den Text konzentrieren. Gleich die ersten Zeilen verschlugen mir den Atem. Was stand da? Verdutzt rieb ich meine Augen, doch der Text änderte sich nicht. So las ich erneut:
Dieses Tagebuch gehört Anna-Katharina Baroness von Halter.
Heute habe ich nun die Internats Zeit abgeschlossen und durfte endlich auf das von mir heiß geliebte Väterliche Gut heimkehren. Von meiner Mutter habe ich dieses Tagebuch bekommen, sie meint, mit meinen nunmehr sechzehn Jahren sei es an der Zeit Gedanken, und Gefühle, über die man nicht spricht diesem Buch anzuvertrauen. Dabei sah sie mich eindringlich an. Sicher dachte sie dabei an meine erste Liebe, aber das hat noch Zeit, zuerst einmal möchte ich mein Leben ohne Fessel genießen. Wie indigniert sie gleich schaute, als ich wie ein junges Füllen, das nach einem langen Winter endlich die Freiheit der Koppel genießen kann durch Haus und Ställe tobte. Vater dagegen verbiss sich ein Lächeln, das habe ich genau gesehen. Wie habe ich es genossen, meine Pferde zu streicheln, mit den Hunden zu toben, die mich entgegen meiner Befürchtungen sofort wieder erkannten. Danach erwartete mich in meinem Zimmer eine eigens für mich eingestellte Zofe, die für mich ein neues Kleid bereithielt, das ich zum folgenden Mittagsmahle tragen sollte. Seufzend fügte ich mich, hatte ich gedacht, die Zeit der Zwänge abgestreift zu haben, musste ich nun erkennen, das es für mich, als Dame der höheren Gesellschaft wohl nie ein Leben in Freiheit geben wird. Etikette werden es prägen. Zu allem Überfluss war an diesem Abend ein Bankett auf Schloss Burg geplant, auf dem mein Gesellschaftlicher Einstand gefeiert werden sollte. Nach dem eingenommenen Mittagsmale ersuchte ich Mutter um ein Gespräch. Sie bat mich dazu in ihren Salon, indem sie nach den Mahlzeiten etwas zu ruhen pflegte. Auf einer Geste ihrer fein manikürten Hand hin, nahm ich in einem der kleinen Cocktail Sesselchen Platz, während sie es sich auf ihrem Diwan bequem gemacht hatte. Nachdem ihr das Mädchen eine Schale Kaffee gereicht hatte, erteilte sie mir das Wort. „Liebste Mutter“, begann ich, die Heimkehr hat mich sehr erschöpft, können wir das Bankett nicht verschieben?“ Erstaunt hob sie ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen. „Erschöpft bist du, das sah gerade aber noch ganz anders aus. Wie stellst du dir das vor? Die Gäste sind geladen, die Köche dabei die herrlichsten Gaumenfreuden zu bereiten und du bist erschöpft?“ Beschämt schlug ich die Augen nieder. „Ihr hast selbstverständlich Recht liebe Mutter, verzeiht mein unmögliches Ansinnen.“ Sie winkte ab und damit war ich entlassen. Nachdem ich auch eine Weile geruht hatte, kamen die Visagistin und die Friseuse, um mich für den Abend herzurichten. Als das Make up fertig und meine Haare hochgesteckt waren, half mir die Zofe das Abendkleid anzulegen. Die Robe bestand aus schimmerndem goldenen Atlas, das sehr gut zu meinem schwarzen Haar kontrastierte. Schnell schlüpfte ich in die goldenen Abend Sandalen und drehte mich bewundernd vor dem Ankleide Spiegel, ich wäre ja keine Frau gewesen, wenn mir das was ich sah nicht gefallen hätte. Es klopfte und Mutter betrat den Raum, in der Hand hielt sie eine Schachtel, die sie öffnete und sie entnahm ihr ein herrlichen Brilliant Collier. Sie beachtete meine abwehrend ausgestreckten Hände nicht und legte es um meinen Hals. „Das gehörte deiner Großmutter und nun ist es deins, genieße den Abend mein Kind.“ Mit diesen Worten küsste sie meine Stirne und rauschte sogleich wieder hinaus. „Pünktlich um 19.00 Uhr in der Halle“, hörte ich sie noch sagen.
Liebes Tagebuch!
Der gestrige Abend hat mich völlig aus der Bahn geworfen, ich will dir der Reihe nach berichten. In der Halle legte Mutter mir eine Nerzstola um und der Diener geleitete uns zu der bereitstehenden Kutsche. Mutters Abendkleid war eine Malvenfarbige Robe und Vater trug seinen Smoking, wir gaben wirklich ein schönes Bild ab. Schloss Burg erstrahlte im Licht von tausenden Kerzen und Fackeln, es sah wunderschön aus, alles war auf das prächtigste gerichtet, die meisten Gäste waren schon da und bei unserem Eintritt verstummten sie. Der Lakai kündigte uns an und die Leute verbeugten sich vor uns. Vater und Mutter schritten voran und ich blieb hinter ihnen. Nachdem wir einige der Anwesenden begrüßt hatten und mich ein junger Galan zum Tanze aufgefordert hatte wurde ich ein wenig lockerer und der Abend begann mir Spaß zu machen. Dann ertönte eine kleine Silber Glocke und wir nahmen an der festlich gedeckten Tafel Platz. Diener begannen das Festmenü aufzutragen und dann passierte es. Als der Diener mir die Platte reichte, blickte ich auf, geradewegs in die blausten Augen, die ich je gesehen hatte. Wie die Gletscherseen in der Schweiz, durchfuhr es mich, aber nein, viel wärmer, eher wie ein Sommerhimmel. Den Bruchteil einer Sekunde war ich wie gelähmt und die Gabel entfiel meiner kraftlos gewordenen Hand. Alles um uns herum wurde unwichtig, wie ein Blitz hatte mich die Liebe getroffen, mich, die ich immer darüber gespottet hatte, wenn meine Freundinnen davon erzählt hatten, wie hatte ich sie ausgelacht. „Sie Tölpel, geben sie doch acht“, fuhr mein Vater den völlig Unschuldigen an. Ein älterer Diener trat hinzu. Er verbeugte sich devot. „Bitte untertänigst um Entschuldigung Herr Graf. Das ist mein Sohn, er ist noch nicht ausgebildet und heute nur eingesprungen.“ Besänftigt ließ Vater sich nieder und winkte ungeduldig ab. „Es ist ja nichts passiert, vergessen wir den kleinen Zwischenfall und wenden uns dem köstlichen Essen zu. Zerstreut aß ich einige Bissen und war froh, als man schließlich die Tafel aufhob. Nun begann der festliche Teil des Abends, es wurde getanzt. Die anwesenden Herren rissen sich darum mich zum Tanz zu führen, aber immer wieder wurden meine Augen von einem blauen Augenpaar in ihren Bann gezogen. Wann immer ich mich setzte, reichte er mir eine Erfrischung. „Was erdreistet er sich“, gebot mein Vater schließlich dem Treiben Einhalt und er wurde aus dem Saale verbannt. Das Fest hatte jeglichen Glanz für mich verloren und wie eine Marionette stand ich den Abend durch. „Was ist mein Kind, du bist so blass“, wollte Vater wissen. „Ach lieber Vater, ich gestand Mutter schon am Nachmittag ziemlich erschöpft zu sein.“ Endlich war dieser schöne, wie schreckliche Abend zu Ende. Als man mir die Garderobe reichte, bemerkte ich einen Zettel in einem meiner Handschuhe, ich ließ mir nichts anmerken und zog sie an. Wie fieberte ich danach endlich allein in meinem Zimmer zu sein. War er von ihm, hatte er sich das erdreistet? Zu Hause angekommen zog ich mich schnell mit dem Vorwand der totalen Erschöpfung zurück. Im meinem Zimmer nahm ich den Zettel aus dem Handschuh. Mit Freude und Angst las ich die wenigen Worte darauf. Werte Baroness, ich weiß das ich als Sohn eines Lakaien nicht meine Augen zu ihnen erheben darf, aber dennoch, warum hat Gott mir einen Engel geschickt, wenn er mir nicht bestimmt ist? Ich will, nein ich MUSS sie wieder sehen, ich erwarte sie Morgen um fünfzehn Uhr am Weiher des Schlosses. In Verehrung ihr Julius. Julius hieß er also, den ganzen Abend hatte ich gegrübelt, wie sein Name sein mochte. Aber was nun, unmöglich konnte ich mich mit dem Sohn eines Bediensteten treffen. Die ganze Nacht warf ich mich unruhig auf meinem Lager herum. Als der Morgen graute stand mein Entschluss fest. Vielleicht war es nur der Zauber der Nacht gewesen, ich musste herausfinden, ob er mich im hellen Tageslicht auch so in seinen Bann zu schlagen vermochte. Dann schlief ich endlich ein. Am frühen Nachmittag ließ ich mein Pferd satteln und ritt zum Schloss.
Er war da. Als ich in scharfem Galopp an den Weiher kam, saß er schon dort im Gras und lächelte mir zu. Siedendheiß durchfuhr es mich, der Tag hatte ihm nichts seiner Anziehungskraft geraubt. Er war ein wunderschöner Mann. Groß, schlank, mit hellem welligem Haar. Als er meiner ansichtig wurde erhob er sich galant, nachdem er mich vom Pferd gehoben hatte, überreichte er mir ein Buket mit den herrlichsten Wildblumen. Verlegen versenkte ich mein erglühendes Gesicht darin, was ihm ein Lächeln entlockte. Er zog mich an sich und küsste mich, erst ganz sanft und dann mit zunehmender Leidenschaft. Zuerst ließ ich mich fallen, in den Strudel meiner Gefühle, aber dann setzte mein Verstand ein und ich schob ihn auf Abstand. „Das geht nicht Julius, wie soll das weitergehen? Niemals werden meine Eltern die Liaison mit einem Bediensteten dulden.“ „Liaison? Oh nein, dafür wärst du mir viel zu Schade, ich liebe dich und wenn du es mit gestatten solltest, will ich dich heiraten.“ Verwirrt sah ich ihn an, das konnte nicht sein Ernst sein, wie sollte das gehen? Doch er ließ mich gar nicht zum Nachdenken kommen. „Das du gekommen bist“, sprach er und blickte mich an. „Komm.“ Er nahm meine Hand und zog mich mit sich fort. „Wo willst du mit mir hin?“ Mit Schrecken hatte ich bemerkt, das er versuchte mich zur Burg zu ziehen. Er würde doch nicht versuchen mich in seine Kammer zu locken? Er blickte mich an und lächelte. „Keine Angst, vertrau mir, ich möchte heute das tun, was ich schon gestern Abend am liebsten gemacht hätte. Er zog mich zu einer kleinen Pforte und wir betraten das Schloss. Durch endlose Gänge huschten wir und endlich schienen wir am Ziel zu sein. Julius öffnete eine große Flügeltüre und wir standen im Ballsaal. Er legte seine Arme um mich und begann mich nach unsichtbaren Klängen zu führen. Wir brauchten keine Musik, die spielte in unseren Herzen. „Keinem einzigen habe ich es gegönnt dich in seinen Armen halten zu dürfen“, flüsterte er in mein Ohr. Plötzlich drangen Stimmen an unser Ohr und lachend flüchteten wir den gleichen Weg ins Freie, den wir gekommen waren.
Ach ich bin so glücklich, immer wieder finde ich eine Möglichkeit Julius zu treffen. Er ist der einzige Mann, den ich will, nur er kann mich glücklich machen. In den wenigen Momenten, in denen ich einen klaren Kopf habe würgt mich die Angst. Natürlich kann das nicht gut gehen. Eines Tages wird man uns erwischen und was dann, ich will und kann nicht mehr ohne ihn sein, lieber will ich sterben.
Heute ist es geschehen, ich traf mich mit Julius im Rosen Pavillon. Ausgerechnet heute musste Mutter einen Ausritt machen, sie, die sich eigentlich nichts aus Pferden macht. Man hatte ihr gesagt, es sei gut für eine schlanke Taille. Schon aus der Ferne sah sie meinen Rappen am Pavillon angebunden und ritt neugierig herbei. Keine Chance zu entfliehen. Wir alle hatten totenbleiche Gesichter. Julius erhob sich sogleich, machte einen vollendeten Diener und sprach: „Gnädige Frau, ich bitte untertänigst um die Hand ihres Fräulein Tochter, der Baroness Anna-Katharina von Halter. Wenn es möglich war wurde Mutter noch einen Schein blasser. Ihre Lippen kniffen sich wütend zusammen. „Was erdreistet er sich“, zischte sie, riss das Pferd herum und galoppierte zum Gut zurück, vorher rief sie mir noch zu: „Anna-Katharina, ich sehe dich in zehn Minuten in meinem Salon. Hatte ich bisher vor Angst gezittert, fiel diese nun von mir ab und ich wusste, das war mein Weg, ich bat Julius hier im Pavillon zu warten und machte mich gefasst auf den Weg.
Mutter erwartete mich bereits. Kerzengerade saß sie in einem ihrer Sessel und mein Vater stand hinter ihr. Dieses Mal schritt ich ihr aufrecht entgegen. Ihre schlanken Finger trommelten auf der Lehne und eine Ader an ihrem Hals pulsierte. Sie war also auch nicht so gelassen, wie sie vorgab. „Was hast du uns zu sagen“, fragte sie streng? Werte Frau Mutter, Werter Vater“, begann ich, „ich weiß, ich mache euch Kummer, aber ich kann und will ohne Julius nicht sein, ich werde ihn heiraten, mit oder ohne euren Segen. Fassungslos sahen beide mich an. „Du weißt was deine Entscheidung bedeutet“, fragte Mutter? „Nein, ich erbitte Informationen“, erwiderte ich. „Wenn du an deiner Entscheidung festhältst und diesen Lakaien ehelichst, bist du nicht mehr unsere Tochter, du wirst auf Titel und Würden verzichten müssen und ihm arm wie eine Kirchenmaus folgen, willst du das?“ Ohne zu überlegen erwiderte ich: „Julius ist das alles und noch viel mehr wert.“ „Wie du willst mein Kind, du darfst nun in deine Gemächer gehen und einpacken soviel du tragen kannst, dann verlasse das Gut. Wenn ihr eine Bleibe gefunden habt, teile uns bitte mit, wo wir dich wegen der Unterlagen erreichen können. Dir ist doch hoffentlich bewusst, das auch der Vater von Julius durch die Eskapaden seines Sohnes seines Berufes verlustig geht?“ Daran hatte ich noch keinen Gedanken verschwendet, aber wen wundert das, war mein Leben innerhalb einer Stunde in Scherben zerborsten, ich hatte Eltern und Heim verloren. Aber meine Entscheidung war unumstößlich. Mit einem leichten Neigen des Kopfes verabschiedete ich mich, die Tränen in den Augen meines Vaters wohl sehend, aber ignorierend, ich schickte ihm einen um Verzeihung bittenden Blick und er erwiderte ihn voller Wehmut. Dann wendete ich mich ab und schritt im meine Gemächer, ich öffnete die Schränke und betrachtete die prächtigen Roben, Reitanzüge, was sollte ich damit? So nahm ich nur einige schlichte Kleider und Jacken, sowie meinen Schmuck und verlies ohne mich umzusehen mit leichtem Gepäck mein Elternhaus. Entsetzt blickte Julius mir entgegen. „Was ist, möchtest du eine ehemalige nunmehr verarmte Baroness nicht mehr“, fragte ich provozierend und konnte nicht verhindern, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. „Was redest du da, ich werde versuchen dir deine Elternhaus und alles, was du für mich aufgegeben hast durch meine Liebe zu ersetzen, ob es mit allerdings gelingt, weiß ich nicht.“ Mit diesen Worten nahm er mein Gepäck, legte den Arm um meine Schultern und führte mich fort.
Die folgende Zeit war nicht leicht für uns, Julius Vater verlor seine Anstellung nicht, man hatte Mitleid mit seinem Alter. Wir zogen in ein kleines Zimmerchen und Julius fand Arbeit in einer Schlosserei, ich dagegen arbeitete in einer Großküche. Die erste Zeit war schlimm, wenn wir am Abend müde und erschöpft von der Arbeit heimkamen, nahm Julius mich in seine Arme und nur für diese Zeit lebte ich, oft weinte ich mich in den Schlaf, aber wie es so ist im Leben, mit der Zeit gewöhnt man sich ein. Julius Vater war ein sehr liebevoller Schwiegervater, er war kein Ersatz für den Eigenen, aber trotz allem ein Trost. Mit der Zeit arbeiteten wir uns hoch, Julius wurde Aufsicht, sein Gehalt besserte sich und wir nahmen uns eine größere Wohnung. Vier Mädchen hat der Herr uns zugedacht und ich bereue keine Sekunde mein oberflächliches Leben für das Glück eingetauscht zu haben. Nach Jahren besuchte mich meine ehemalige Zofe einmal, mein Vater hatte sie geschickt, nach mir zu sehen und dabei entstand dieses Bild.
Anna-Katharina Baroness von Halter ist nun tot.
Mein Name ich Anna-Katharina Rauch, geb. Halter
Nach dieser Lektüre musste ich mich erst
einmal fassen. Wie sollte ich mit dem Gelesenen umgehen? Sollte ich die anderen
Verwandten über unsere Herkunft informieren, aber wem würde das Nützen? So
kamen mein Mann und ich überein, die Entscheidung meiner Urgroßmutter mit
zutragen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wir waren aber einmal auf
Schloss Burg und ich wandelte auf den Spuren meiner Urgroßeltern, es war ein
seltsames Gefühl, in dem Ballsaal zu stehen indem einst alles begann.
Als Tanja mich anrief, berichtete ich ihr, es sei ein ganz normales Tagebuch, mit den Schwärmereien einer Sechzehnjährigen. Selbst wenn man die damalige Entscheidung anfechten würde, was sollte die an Alzheimer Erkrankte Tante Grete, Omas einzig noch lebende Schwester mit dem Titel anfangen, es würde nur zu Streit und Ärger führen. Trotzdem habe ich mit allen Verwandten dieses Zweiges Kontakt aufgenommen und glaubt mir, die benehmen sich auch ohne Titel wie Hochwohlgeborene.
© By Gitte