Das kommt davon!

Professor Jacobs betrat die Klasse. Besorgt streifte sein Blick Klaus und Dieter. Noch vor kurzer Zeit waren die beiden dicke Freunde, bis Sarah in die Klasse kam. Sie war mit ihren Eltern aus Übersee hier her gezogen, nach Herten, in das kleine Provinz Nest. Unbestritten, sie war ein bezauberndes Mädchen, bei dem alle Eindruck zu schinden versuchten und es machte ihr Spaß zu sehen, wie die beiden Freunde um ihre Gunst wetteiferten. Sie hingen an ihren Lippen und versuchten ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Welche schrecklichen Folgen das haben würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

 

Als die Pause kam trödelten die zwei und jeder beobachtete aus den Augenwinkeln das Mädchen. In dem Moment, als sie Anstalten machte den Klassenraum zu verlassen, stürmten beide gleichzeitig los. Sie hatten wohl die gleiche Idee, denn beide hielten ihr ein Brot hin. Sarah lachte und begutachtete beide Schnitten. Sicher war es Schicksal, das sie keinen Käse mochte und Dieters Salamibrot den Vorzug gab. Lachend biss sie hinein. Klaus war zutiefst verletzt und als Dieter auch noch lachte stieg seine Wut ins Uferlose. Sarah hielt ihm versöhnlich den Arm hin, aber er ignorierte die Freundschaftsgeste und wendete sich beleidigt ab. Daraufhin zuckte Sarah die Schultern und wanderte plaudernd mit Dieter über den Pausenhof.

 

Das war der Zeitpunkt, an dem Klaus begann Rachepläne zu schmieden. Wenn Dieter etwas zustieß, würde Sarah ihm gehören, ihm ganz alleine. Immer mehr steigerte er sich in diese Idee hinein. Er hatte hunderte Ideen und alle verwarf er wieder. Ein Unfall musste es sein, jedenfalls sollte es so aussehen, aber wie er sich auch den Kopf zermarterte, es fiel ihm nichts ein, keine Idee erschien im gut genug. Dann plötzlich kam ihm der Zufall zu Hilfe. Das er nicht schon lange darauf gekommen war. Er hörte, wie Sarah und Dieter sich zum Schwimmen verabredeten. Zufällig würde er auch im Freibad sein. Man hört immer wieder von Unfällen beim Baden. Klaus grinste böse.

 

Am Nachmittag schlenderte er durch das Freibad. Als Sarah ihn sah, winkte sie ihm zu. „Klaus, schön dich auch hier zu sehen, setzt dich doch zu uns“, sagte sie. Fragend blickte Klaus zu Dieter, der machte ein Gesicht, als habe er in eine Zitrone gebissen, trotzdem rutschte er zur Seite und machte dem Freund Platz. Dann sprang er auf. „Wer kommt mit ins Wasser“, wollte er wissen und rannte schon los. Fragend blickte Klaus zu Sarah, doch die schüttelte den Kopf. „Geht nur, ich habe mich gerade eingecremt“, antwortete sie. Du hast dich eingecremt, sicher hat Dieter das gemacht, deshalb war er auch so sauer als ich kam, steigerte Klaus sich Gedanklich in seine Wut hinein. Er drehte sich um und rannte zum Wasser. Dieters blonder Schopf leuchtete in der Sonne. Außer sich vor Zorn rannte Klaus drauflos. Er sprang genau auf Dieter zu. „Zur Seite“, schrie er noch, als sei es ein Versehen gewesen. Natürlich hatte Dieter keine Zeit zu reagieren. Hart traf Klaus Fuß ihn im Genick. Es knackte und Dieter sackte unter Wasser. Die umstehenden Leute schrieen und zogen in an Land. Scheinbar betroffen kam Klaus hinterher. „Dieter, Dieter, mein Gott, hol doch jemand den Arzt“, rief er und hockte sich neben den Freund. Dessen Gesicht nahm eine fahle Blässe an. Durch das Geschrei war Sarah aufmerksam geworden und rannte herbei. „Wie konnte das nur Passieren“, weinte sie? Klaus zuckte die Schultern, „Ich habe noch gerufen, als ich hineingesprungen bin“, rechtfertigte er sich. Eine große Menschentraube hatte sich nun um den Verunglückten gebildet. Nach einiger Zeit kam der Arzt. Er bat Klaus und Sarah zur Seite zu treten und untersuchte Dieter. Dann richtete er sich auf und sagte: „Ich kann nichts mehr für ihn tun, ihr Freund hat sich bei das Genick gebrochen, es tut mir leid.“ Sarah weinte heftig auf und auch Klaus blickte fassungslos. Hatte er das wirklich gewollt? So einfach war es also einen Menschen zu töten? Nie hätte er geglaubt zu so einer Tat fähig zu sein. Dann allerdings meldete sich diese andere Stimme in ihm, nun hast du freie Bahn, Dieter ist tot, er kommt dir nicht mehr in die Quere und die Gemeinsamkeit der Freundschaft wird dich mit Sarah noch mehr zusammenschweißen. Das hat er nun davon.

 

Sein fieser Plan ging auf. Immer öfter suchte Sarah seine Nähe. Mit ihm konnte sie über Dieter reden und wie das im Leben so ist, der Schmerz um seinen Tot wurde stiller. Nach einiger Zeit forderte die Jugend ihr Recht und Klaus und Sarah begannen Spaß miteinander zu haben, sie trafen sich oft, machten lange Spaziergänge, Radtouren und Picknicks. Die Zeit verging und Dieter geriet immer mehr in Vergessenheit. Nach einigen Jahren heirateten die Beiden und noch später bekamen sie zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Sie waren eine richtige Bilderbuch Familie und blieben, auch als Sarahs Eltern wieder nach Übersee zurückgingen in Herten wohnen. Als die Kinder größer wurden, erzählten ihre Eltern manchmal aus ihrem Leben, wie sie sich kennen gelernt hatte und auch Dieter kam ab und zu zur Sprache. Ein wenig zwickte Klaus dann doch das Gewissen, aber wenn er sich vorstellte, Sarah hätte dann vielleicht Dieter geheiratet überkam ihn wieder ein Gefühl der Befriedigung. Die Jahre rannten dahin und Peter und Susi, ihre Kinder besuchten auch das Gymnasium in dem sich ihre Eltern einst kennen gelernt hatten.

 

Wieder Jahre später heirateten auch die beiden und Susi machte danach Klaus und Sarah zu Großeltern. Ein Mädchen hatten die beiden bekommen, das Sabinchen. Schon bald zeigte sich, das Sabinchen anders war, als die meisten Kinder. Oft wirkte sie seltsam abwesend und unterhielt sich mit unsichtbaren Personen. Kleine Kinder machen das ja oft, aber bei Sabinchen verlor sich diese Eigenart nicht. Allerdings verbarg sie das als sie größer wurde, weil die Menschen sie auslachten und mieden, wenn sie davon erfuhren. Wenn Klaus sie dabei erwischte schimpfte er. Zwar liebte er seine Enkelin über alles, aber sie war ihm unheimlich und wenn sie ihn so sinnend betrachtete wurde ihm ganz unbehaglich, wie das meist bei Menschen ist, die etwas zu verbergen haben. Sabinchen wuchs auch heran und besuchte schließlich auch das Gymnasium. Sie war nun in der Abschlussklasse, als sich merkwürdige Dinge ereigneten. Es begann damit, dass ihr Großvater starb. Klaus hatte seit einiger Zeit ein Herzleiden gehabt und ein Infarkt hatte schließlich seinem Leben ein Ende gesetzt.

 

Klaus hatte sich wie jeden Morgen rasieren wollen, als dieser fürchterliche Schmerz ihn in die Knie zwang. Sein Herz hatte sich schon einige Male mit Stichen bemerkbar gemacht, aber so schlimm war es nie gewesen. Er wollte schreien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Nun würde er wohl dorthin kommen, wo Dieter nun schon lange Jahre weilte. Angst flog ihn an, warum musste er nun gerade an Dieter denken. Die Schmerzen ließen nach und schon wollte er erleichtert aufatmen und sich erheben. Als er jedoch hochkam, sah er seinen Körper liegen bleiben. Ängstlich blickte er sich um, wo war nun das helle Licht, der Tunnel? Hätte er noch einen Körper gehabt, wäre ihm sicher der Schweiß ausgebrochen, denn im Türrahmen lehnte lächelnd Dieter. „Na mein Freund, ich habe auf dich gewartet, sehr lange gewartet, Jahr um Jahr, Jahre in denen du glücklich warst mit Sarah. „Geh weg, du bist tot“, stöhnte Klaus. Dieter lachte, „Du auch mein Lieber, herzlich Willkommen in meiner Welt.“ „Bringst du mich in die Ewigkeit“, fragte Klaus zaghaft? „Bereust du mich umgebracht zu heben“, stellte Dieter die Gegenfrage? „Oh nein mein Lieber, Sarah war jedes Opfer wert“, entgegnete Klaus. „Nun denn mein Lieber, der Hass auf dich hat mich hier festgehalten, wir sind in einer Ebene zwischen den Welten gefangen, nur wir zwei, mach dich auf eine lange gemeinsame Zeit gefasst.“ „Das kannst du nicht machen“, stöhnte Klaus. „Oh doch, so wie du mich umbringen konntest, kann ich dich hier festhalten, aber eigentlich ist das falsch, unser gegenseitiger Hass hält uns hier gefangen. Nun begann eine Zeit, in der ein Tag dem anderen glich. Tagsüber dämmerten die beiden in einer winzigen Kammer dahin und am Abend zog Dieter Klaus zum Gymnasium und wie im Leben saßen sie nun stundenlang nebeneinander und pflegten ihren Hass.

 

 

 

Im Gymnasium wunderte man sich nun, in der Abschiedsklasse, die Sabinchen besuchte, standen nun jeden Morgen zwei Stühle unten. Nach Schulschluss wurden die Stühle auf die Tische gestellt und zwei von ihnen standen nun jeden morgen vor ihren Bänken. Am ersten Tage rügte man die betreffenden Schüler, die auf diesen Stühlen saßen, dann hielt man es für einen schlechten Scherz und schließlich gewöhnte man sich daran. Nur die sensible Sabine nahm die böse Aura wahr, die sich hier festsetzte. Eines Nachts beschloss sie das Geheimnis zu ergründen und versteckte sich in einem Schrank im Klassenzimmer. Pünktlich um Mitternacht öffnete sich die Türe. Zwei Männer betraten den Klassenraum, ein Junger und ein Alter. Mit grimmigen Mienen nahmen sie die Stühle, stellten sie auf den Boden und setzten sich, dann begannen sie zu streiten. Sabine nahm ihren Mut zusammen, sie ließ das Licht aufflammen und erkannte in einem der Männer ihren verstorbenen Großvater. Verblüfft betrachtete Klaus seine Enkelin. Dieter verschlug es sie Sprache. „Sarah“ stammelte er. Sabine fasste sich ein Herz und näherte sich den beiden. „Sie sind Dieter“, fragte sie? „Mein Großvater hat oft von ihnen gesprochen.“ „Sicher hat er gesagt, den alten Trottel bin ich los geworden, stimmt es“, fragte Dieter verbittert. „Oh nein, er hat stets gut von ihnen gesprochen, es tat ihm sehr leid, seinen Freund so früh verloren zu haben.“ „Ist das wirklich wahr“, wollte Dieter wissen und Tränen stiegen in seine Augen. Nun packten die Gefühle Klaus mit Macht, Mitleid und Reue stiegen heiß in ihm auf. Auch er weinte nur und nickte. Dann lagen sich die alten und nun wieder neuen Freunde in den Armen und wie nun Frieden in ihre Herzen zog, konnten sie endlich in die Ewigkeit eingehen, ihre Gestalten verblassten, Sabine hörte noch ein leises zweistimmiges Danke und dann war sie allein.

© By Gitte