Der Berggeist!

„Was hat er getan? Das glaub ich doch jetzt nicht.“ Was Tante Sophie mir da gerade erzählt hatte, das konnte ich nicht fassen. Meine Oma war nun schon eine lange Zeit tot und je älter ich wurde, umso mehr reizte mich die Vergangenheit, so hatte ich Tante Sophie gefragt, was eigentlich aus Omas Sachen geworden war, waren noch Andenken vorhanden? Etwa die Heiligen Legende, aus der sie am Samstag immer vorgelesen hatte? Oder die Fuchsschwänze, die mein Opa für sie aus seinen erlegten Tieren aufarbeiten ließ? Tante Sophie meinte: „Oma hat uns mit ihrem Glaubenswahn so geärgert, das wir alles weggeworfen haben. Onkel Herbert hat alles in den Wald getragen und vergraben.“ Na toll, Onkel Herbert war ebenfalls tot. „Und niemand weiß wo“, wollte ich wissen? „Nein, er hat das allein erledigt“, antwortete sie mir. Danach sprachen wir von anderen Dingen, für sie war die Sache erledigt. Meine Gedanken allerdings kreisten immer wieder um Omas Nachlass. Egal wie sie gewesen war, aber das hatte sie nun doch nicht verdient, ihr Andenken und die Dinge die ihr etwas bedeutet hatten hätte man in Ehren halten sollen.

 

Immer wieder einmal in der folgenden Zeit beschäftigten sich meine Gedanke mit diesem Thema. Gab es eine Möglichkeit den Ort zu finden? Er musste sich in der Nähe des alten Waldhauses befinden, Onkel Herbert hatte die Sachen sicher nicht weit getragen. Aber wie sollte man wissen wo er sie vergraben hatte? Außerdem konnte ich nicht einfach auf dem Grundstück herumbuddeln, die neuen Bewohner würden sich das ganz sicher verbeten haben, zudem ohne Anhaltspunkt käme das ganze Gebiet in Frage und die Wiesen darüber hinaus auch. Endlich hatte ich eine Idee. Einen Metall Detektor. Ob die Suche allerdings Erfolg hatte war nicht abzusehen, ich konnte nur hoffen, dass sich auch metallene Gegenstände bei den Sachen befunden hatten. Die kitschige Gondel aus Venedig zum Beispiel. Schon als ich in Gedanken dieses Gebilde vor mir  sah musste ich kichern. Ach nein, auch das war Goldbemaltes Plastik gewesen. Aber die Idee war nicht schlecht, als begab ich mich auf die Suche im Internet und wurde auch gleich fündig. Für 17€ pro Tag konnte man so einen Detektor mieten. Gesagt getan, für das kommende Wochenende forderte ich das Gerät an.

 

Pünktlich am Freitag traf es ein und ich konnte den folgenden Tag kaum erwarten. Es sah aus wie eine Armstütze für Gehbehinderte mit einer Metallscheibe am Ende. Kurzum es war handlich, ich klemmte es mir unter den Arm und kurz nach sieben Uhr am Morgen fuhr ich mit dem Bus zum Bahnhof, um dort in den Zug nach Essen zu steigen. Man beäugte mich zwar neugierig, aber nur ein Jugendlicher traute sich zu fragen, während er spöttisch grinste. „Na auf Schatzsuche?“ „Ne konterte ich, du hast ja so viele Pircings, da könnte ich gleich heimgehen.“ Danach wendete er sich beleidigt ab. In Essen stieg ich in den Zug nach Werden und von da in den Bus nach Heidhausen, wo ich am frühen Morgen eintraf.

 

Zuerst sprach ich bei den neuen Bewohnern des Hauses vor und berichtete von meinem Vorhaben, sie erlaubten mir dort zu suchen und ich schritt das Gelände hinter dem Haus Bahn für Bahn ab. Ach ja und was fand ich nicht alles, eine alte Holzwäscheklammer mit metallenem Mittelteil, einen verbogenen Löffel, den wohl jemand hier verloren hatte, eine Mutter vermutlich vom einem Fahrrad. Einen alten Topf, mit einem durchgerosteten Loch im Boden. Nach einiger Zeit brachte der neue Besitzer mir ein Glas Wasser. „Nicht sehr ergiebig ihre Schatzsuche“, wollte er wissen und ich schüttelte resigniert den Kopf. „Ich werde im Wald weitersuchen“, entschied ich, „vielleicht ist er vorgerückt und das war damals noch Wiesengelände“ „Das wäre möglich“, räumte er ein, „aber gegen sie Acht auf die Tageseinbrüche.“ Diese Gegend ist unterhöhlt wie ein Sieb.“ „Danke für die Warnung“, antwortete ich, schulterte mein Gerät und begab mich einige Meter weiter zum Waldrand. Unschlüssig schaute ich nach links und rechts, wo beginnen? Eigentlich egal, die Chancen schienen eh gleich null zu sein. Ach was, nicht gleich aufgeben, ermahnte ich mich selbst, ich schaltete das Gerät ein und ließ es spielerisch kreisen. „Nun sei einmal eine Wünschelrute“, bat ich und ließ mich einfach treiben. Ein Schild lag am Boden. Aha, Tageseinbrüche, scheinbar hatte man sie aufgefüllt und das Schild entfernen wollen. Blass erinnerte ich mich an die Warnungen meines Vaters bestimmte Waldgebiete nicht zu betreten, weil der Boden unterhöhlt war wie ein Schweizer Käse. Sicher hatte er übertrieben und was sollte schon geschehen, ich hatte ja mein Handy dabei. Heute war das alles nicht mehr so gefährlich, dachte ich. Bange machen gilt nicht, nun erst recht. Spielerisch glitt ich um die Bäume, das Gerät immer am Boden. Eigentlich erwartete ich schon gar nicht mehr etwas zu finden, da piepte das Gerät. Aufgeregt ging ich zu Boden und schaufelte mit meinen Händen die lockere Erde aufgeregt zur Seite. Och ne, ein Stück einer alten Metallfalle. Opa warst du das? Jahrelang hast du hier gewildert, eigentlich kann das ja nur von dir sein, oder? So langsam erfasste mich nun doch der Frust, seit Stunden suchte ich, es war wohl aussichtslos. Als ich mich umwendete schaute ich verwirrt in alle Richtungen. So ein Mist, im Wald sah ein Baum wie der andere aus und mit meinem wilden Laufen um die Bäume konnte ich nun beim besten Willen nicht mehr sagen, aus welcher Richtung ich denn nun gekommen war. Ach ja, da konnte auch mein Handy nicht helfen, ich konnte ja nicht einmal angeben wo ich mich befand und eine Ortung mittels Polizei schien mir doch übertrieben. So versuchte ich mich zu erinnern, welche Schleifen ich gemacht hatte und suchte nach Fußspuren. Nachdem ich eine Weile vergeblich herumgetappt war gab plötzlich der Boden unter mir nach und ich stürzte in die Tiefe. Ein eisiger Schreck durchfuhr mich, ein Tageseinbruch, also gab es sie doch in diesem Gebiet.

 

Unsanft plumpste ich auf den Boden es Einbruchs. Oh Schreck, das Loch war gut und gerne drei Meter tief, ob ich hinaufklettern konnte? Als ich es versuchte gab die lockere Erde immer wieder unter meine Händen nach. Äste und etwas an dem ich mich festhalten konnte gab es nicht. Ich musste hier raus, aber wie? Dann versuchte ich es mit etwas Anlauf, aber auch das brachte nicht viel, meine Schuhe glitten sofort ab. Mein Herz klopfte vor Angst und Anstrengung wie toll. Ruhig, befahl ich mir, ganz ruhig, nicht in Panik geraten, ich versuchte es mit Logik. Hinauf konnte ich nicht, welche Möglichkeiten gab es dann? Es war ein Tageseinbruch, also musste ich in einem Stollen stehen, dieser müsste mit anderen verbunden sein, der größte würde zum Hauptschacht und damit zur Zeche führen und dort müsste es einen Ausgang geben. Das Problem war die Dunkelheit, würde ich es wagen können mich in die totale Finsternis zu begeben? Was, wenn ich endgültig die Orientierung verlor? Oder der Stollen unterwegs einstürzte und mich begrub, oder mir den Rückweg versperrte? Das Grübeln über wenn und aber brachte mir nichts, ich hatte keine andere Wahl, kein Spaziergänger würde in diesem Gebiet vom Weg abweichen und mich finden. Also fort mit den negativen Gedanken und das Wagnis beginnen.

 

Langsam tastete ich die Wände ab, der Einbruch hatte mit der herabrieselnden Erde den Eingang unsichtbar gemacht, als ich jedoch nach allen Seiten fühlte, gab sie nach und legte den Stollen frei. Finster und schwarz lag der Schacht vor mir. In meinem Hals saß ein dicker Kloß und mein Herz klopfte beklommen, aber es half nichts, Schritt für Schritt tastete ich mich in die Dunkelheit. Immer an der rechten Wand entlang, um nicht völlig desorientiert zu werden und eventuell im Kreis zu laufen. Mein Gehöhr schärfte sich, durch die Angst und die Dunkelheit. Der Schacht führte abwärts, immer tiefer in die Erde hinein. Das war zu erwarten gewesen, die Stollen waren ja sicher nicht knapp unter der Erde verlaufen, vielleicht war das eine Art Notausgang, in den ich gestürzt war. Immer tiefer ging es, ab und an hörte ich einen Tropfen fallen, durch die totale Stille klang es sehr viel lauter als an der Oberfläche und mein Herzschlag pulste in meinem Hals. Ich war gezwungen permanent gegen meine Panik anzukämpfen, die mich am liebsten laut schreiend voran getrieben hätte, aber ich wusste von meinem Großvater, das Lärm Schallwellen erzeugt und das hier in den lange nicht benutzen Schächten nichts abgesichert war und die kleinste Erschütterung alles einstürzen lassen konnte. Also ergab ich mich in mein Schicksal und lief vorsichtig Schritt für Schritt weiter. Es kam mir vor wie Stunden, die ich hier herum irrte, aber sicher war kaum eine vergangen. Plötzlich stieß mein Fuß an einen Gegenstand. Langsam sank ich in die Knie und befühlte ihn. Ein Gefäß mit zwei Kammern, was konnte das sein? Ich kramte in meinem Gedächtnis, das irgendwie gelähmt war und nur langsam funktionierte. Denk nach hämmerte es in mir, kann das wirklich sein, hatte ein Bergmann hier vor langer Zeit seine Lampe vergessen? Was hatte Opa gesagt? Den Hahn aufdrehen, dann tropft das Wasser ein und das Karbid entzündet sich? Es war schwer in der Dunkelheit den Schalter zu finden, sicher war auch kein Wasser mehr darin, oder? Aber hier ist es feucht, tröstete ich mich, und schließlich, Versuch macht klug oder? Außerdem was hatte ich schon zu verlieren? Wenn das Ding explodierte, hatte ich es hinter mir, besser als verschüttet zu werden und dann qualvoll und langsam zu sterben. Also wag es, feuerte ich mich selbst an. Als ich den winzigen Hebel umlegte hielt ich vor Spannung die Luft an. Pling, pling, pling, ich hörte das Wasser eintropfen und mein Herz schlug einen Trommelwirbel. Vorsichtshalber hielt ich die Lampe etwas von meinem Körper weg, denn ich kannte dieses Ding ja nur vom Hörensagen und wusste nicht wo die Flamme sich entzündet und wie groß sie ist. Wasser jedenfalls schien darin zu sein. Auf einmal zischte es und eine Flamme leuchtete auf. Halleluja, ich hatte Licht, Gott sei Dank, im wahrsten Sinne des Wortes, unbekannter Bergmann, wer immer du auch warst, der seine Lampe hier vergessen hat ich segne dich. Nun war es mir schon ein wenig leichter, allerdings immer noch kein Grund zum Jubeln, wer weiß wie viel Wasser und Karbid noch vorhanden war, ich musste mit meiner Zeit geizen, also vorwärts. Jedenfalls sah ich nun wohin ich trat und das war eine Erleichterung. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, ich kam nun schneller vorwärts, ich lief und lief und endlich stand ich an einer Gabelung. Nun kam es drauf an, welchen Weg sollte ich wählen? Eigentlich hatte ich gehofft auf einen größeren Stollen zu treffen, aber das wäre auch zu schön gewesen, der andere glich dem hier aus dem ich kam genau. Wie ich noch so überlegte sah ich an dem einen Ende ein Licht schimmern. Was konnte denn das sein? Ein Mensch, das wäre zu schön um wahr zu sein, aber völlig unwahrscheinlich, die Zeche war seit Jahrzehnten geschlossen, wenn dann waren das lichtscheue Gestalten, die etwas zu verbergen hatten und denen man besser nicht begegnete. Aber es war zu verlockend, also lief ich darauf zu, bedacht darauf keinen Lärm zu erzeugen und mich notfalls zu verstecken. Vielleicht war es aber auch ein leuchtendes Gestein und ein Wink des Schicksals für mich, in welche Richtung ich mich wenden sollte.

 

Als ich die Stelle erreicht hatte war das Licht verschwunden und ich konnte nicht feststellen was das Leuchten verursacht hatte, aber halt, an der nächsten Biegung da war es wieder, scheinbar hatte sich ein Führer gefunden. So ging es eine ganze Weile und endlich stand das Licht still. Langsam schlich ich näher. Nun konnte ich sehen woher das Leuchten kam. Ein kleiner Mann in Bergmannskleidung saß bei einem Berg von dem das Glänzen ausging. Zögernd blieb ich stehen. Ohne in meine Richtung zu sehen sagte er plötzlich: „Warum kommst du nicht näher?“ Ja warum eigentlich nicht und so trat ich an ihn heran. „Wer bist du und was machst du hier?“ Im gleichen Augenblick bemerkte ich wie dumm meine Frage gewesen war. Was sollte er schon machen, er bewachte seinen Schatz. „Vielleicht hast du schon von mir gehört, ich bin der Berggeist“, antwortete er. Erleichtert atmete ich auf, was er schmunzelt bemerkte. „Ich sehe schon, du kennst mich“, folgerte er richtig. „Oh ja mein Großvater arbeitete hier auf der Zeche Pörtingssiepen und hat viele Geschichten erzählt. Er sagte, wer reinen Herzens ist, der braucht den Berggeist nicht zu fürchten, er hat oft Kumpel aus Gefahr gerettet und nur wer ihn nicht achtet, der soll sich in Acht nehmen.“ „Ein kluger Mann, dein Großvater“, sagte er und schaute mir in die Augen. „Willst du meinen Schatz haben?“ Ach ja, das war eine Frage und ich entschloss mich ehrlich zu sein. „Weißt du Berggeist, wir Menschen haben viele Wünsche und die kosten Geld, es ist schön sich Wünsche erfüllen zu können, aber man muss fair bleiben dabei, wenn man Reich ist und der Charakter auf der Strecke bleibt, dann gewinnt man nichts, im Gegenteil. Eigentlich bin ich hier um nach dem Nachlass meine Oma zu suchen, ich habe ihn nicht finden können, weißt du vielleicht davon?“ Der kleine Mann nickte. „Und du willst wirklich nichts von meinem Schatz“, fragte er noch einmal? Da schüttelte ich den Kopf. „Die Andenken meiner Oma wegen denen ich hier bin wären mir Schatz genug und wenn ich dazu noch heil hier herauskomme will ich mich damit begnügen“, antwortet ich ihm. Er nickte wohlgefällig und schwenkte einen kleinen unscheinbaren Holzstab. In einen Nachbartunnel, den ich noch gar nicht bemerkt hatte tauchte ein schwaches Licht auf, das schnell heller wurde. Nun konnte ich auch sehen, dass dort Schienen lagen, auf denen sich nun eine kleine Lore näherte, quietschend kam sie heran. „Lauf hin, das sind die Sachen die dein Onkel einst vergraben hat“, lächelte das Männlein. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Tatsächlich, der Fuchs, den sie um ihre Schultern getragen hatte, die kleine Deckchen, deren hauchfeine Spitze sich beim Liegen bauschte, das Weihwasserbecken, das am Eingang des Schlafzimmers gehangen hatte, Das Kruzifix, das seinen Platz über ihrem Bette hatten und dessen Inschrift Inri mich als Kind immer beschäftigt hatte und ein Fläschchen mit Lourdes Wasser, das stets Omas Allheilmittel gewesen war, zum Schluss die kitschige Gondel und selbst die Heiligen Legende war da. Meine Augen leuchteten und ich drückte dankbar einen Kuss auf die runzelige Wange meines Retters. „Danke lieber Berggeist“, sagte ich. „Kannst du mir nun noch den Weg zeigen, der mich hier hinausbringt?“ „Steig in die Lore“, forderte er mich auf, sie findet den Weg.“ Gerne kam ich seiner Aufforderung nach und nachdem ich mich noch einmal für seine Hilfe bedankt hatte setzte sie sich in Bewegung. Der Berggeist drückte mit das hölzerne Stöckchen in die Hand und bat mich es als Andenken an ihn zu verwahren.

 

Die Lore fuhr kreuz und quer durch die Stollen und endlich kamen wir in die große Halle, die zur Zeche gehörte. Meine Augen mussten sich zuerst wieder an das Tageslicht gewöhnen. Eine Weile hielt ich sie geschlossen. Als ich sie öffnete blitzte der Stock in meiner Hand. Seit wann blitzte Holz in der Sonne. Als ich ihn betrachtete war er aus reinem Gold. Der Berggeist hatte mir ein kostbares Geschenk verehrt und ich hielt es in Ehren.

© By Gitte