Der Herr der Berge!

Letzte Woche besuchte ich meine Freundin Susanne. Leider wohnen wir ziemlich weit auseinander, darum machte ich mich zeitig am Morgen um 7.00Uhr auf den Weg zu ihr. Die Fahrt ist gewöhnlich ziemlich langweilig. Zuerst mit dem Bus zum Bahnhof, dann über eine Stunde mit der S-Bahn Richtung Wuppertal. Die Leute blickten alle noch ziemlich mürrisch und verschlafen, ich überlegte einen von ihnen anzusprechen, etwa in der Art, verzeihen sie, ich schreibe Geschichten, könnten sie mir sagen, wo sich hier die Luftschlitze befinden und ob sie sich vorstellen können, dass dort eine Horde Elfen herein kommt. Schon bei dem Gedanken an die entgeisterten Gesichter musste ich grinsen und mir kam die Warnung meines Mannes in den Sinn, dass vielleicht am nächsten Bahnhof die netten Herren mit den unbequemen Jacken auf mich warten könnten. Humor ist am Morgen um 7.00 Uhr dünn gesät.

 

Also hielt ich mich zurück und betrachtete die Gegend durch die wir fuhren. Dann hielt die Bahn in Essen-Steele. Unter den zugestiegenen Fahrgästen war einer, der meine Blicke sofort auf sich zog. Eine mächtige, imposante Erscheinung. Er setzte sich mir gegenüber. Sein eisgraues Haar umwallte in wilden Locken sein braungebranntes, zerfurchtes Angesicht mit den buschigen Augenbrauen. Sein mächtiger Körper steckte in einem Lodenmantel, darunter schaute ein grobes, aber sauberes Leinenhemd hervor. Die Kleidung wurde vervollständigt von einer kniekurzen Cordhose, aus der stämmige Beine ragten, die in riesigen Schuhen endeten. Fasziniert hatte ich ihn betrachtet. Er schaute grimmig drein.

 

 

„Was glotzt denn so“, fuhr er mich plötzlich an und seine Stimme klang wie Donnergrollen. Erschrocken fuhr ich zusammen. „Verzeihung“, stotterte ich, „sind sie der Alm Öhi?“ Du liebe Zeit, was redete ich denn da? Seine Augen glitzerten, er schien sich ein Schmunzeln zu verkneifen. „Sehe ich so aus“, grollte es wieder?“ „Irgendwie schon“, entgegnete ich und lächelte ein wenig. „Ich bin der Herr der Berge“, klärte er mich auf. „Verstehe“, antwortete ich. Nun musterte er mich auch, ich trug Landhaus Kleidung und das schien ihm zu gefallen. „Sauber“, lobte er. Eine Weile schwiegen wir. Dann wollte er wissen: „Fahrst auch nach Dortmund?“  „Ja, ich treffe mich dort mit meiner Freundin“, gab ich ihm Bescheid. Er schien zu überlegen, ob er das Gespräch mit mir fortsetzen sollte und betrachtete mich sinnend. „I muss noch Applerbeck“, sprach er weiter. „Do sans dahoam gwesen, de Traudel.“ Aha, ich schmunzelte, die Liebe hatte ihn also aus seinen Bergen in den Pott gelockt, was auch sonst. „Wos gibt’s´, do zum grinsen“ grantelte er wieder? „De Traudel dös war ein feins Madel, Urlaubs hats gemacht bei mir dahoam in die Berg. Stein und Bein hats gefrorn Weihnachten 1951. In der Kirchn hats neben mir gsessen, a Stimm hats gehobt wi a Engerl, ich hob nicht mehr aufhörn können sie anzuschaun. Gustl hob i dacht, Gustl des bin i“, erklärte er mir. „Gustl jetzt gilts, wennst jetzt des Maul nit aufbringst, is weg, de Traudl. I hob mir also ein Herz gfasst und hob ihr zugflüstert: „Madel, wennst was schöns sehn willst, kommst nachher zu der schwarzen Eich am Dorfrand, i bring di in mei Hüttn, da denkst, der Himmi is grad drüber, die Sternl zum Greifn na und wos glaubst, kumma ist. Augn hats ghobt wie an Bergsee, so kloar und rein. Do kannst versinkn drin. Sie is mit in mei Hüttn kommen und i hab ihr on Schnapserl einigschenkt, mei hats da hustn müssen, fast zerissen hats es. Schön wars, mei Traudl, so zart und fein.“ Er betrachtet mich sinnend. „Ein wengerl schaust ihr ähnlich, aber nur ein bissl. Sie hat blaue Augn ghabt und ein feines Naserl.“  „Was habt ihr dann gemacht“, wollte ich wissen? „Das geht di fei gor nix o gell“, wies er mich in meine Schranken. Nun war es an mir zu sinnieren. Weihnachten 1951? Hatte Mutter nicht immer begeistert von dem Winter Urlaub in Berchtesgaden erzählt? Von der kleinen, heimeligen Dorfkirche, die unter dichten Schneemassen begraben gewesen war? Nein, dass konnte doch nicht sein, oder doch? Mein Geburtstag war im September. Mutter hatte Vater im Januar kennen gelernt, ich sollte ein schweres sieben Monatskind gewesen sein? Nun kam ich schwer ins Grübeln und betrachtete mein Gegenüber genauer. Seine Augen hatten ein sattes Braun, wie die meinen, seine Nase war breit, wie die meine. Mein Gott, konnte das war sein, war dieser vierschrötige Kerl etwa mein richtiger Vater? „Was schaugstn denn so“, fragte er schließlich, hast a Gspenst gsehn?“ „Na, aber vielleicht mei Vaterl“, fiel ich fast automatisch in seinen Dialekt. Nun riss er die Augen auf. „Willst mi aufm den Arm nehma he“, brauste er nun auf. Es war an der Zeit ihn an meinen Gedankensprüngen teilhaben zu lassen. „Hören sie zu“, bat ich ihn. „Meine Mutter hieß Waltraud und machte Weihnachten 1951 mit ihren Eltern Urlaub in Berchtesgaden. Sie schwärmte lange davon, im Januar hat sie meinen Vater kennen gelernt und bald darauf geheiratet, denn sie war schwanger.“ Nun schwieg ich und ließ ihm Zeit zum Überlegen. Verstehen blitzte plötzlich in seinen Augen auf. „Du meinst“, stotterte er und ich nickte. Wo ists, de Traudl“, wollte er wissen. „Leider ist sie schon vor Jahren gestorben“, gab ich ihm Auskunft. Eine Träne stahl sich über sein vierschrötiges Gesicht. „Arms Dingerl“, sagte er und faltete die Hände. Der Zug fuhr nun in den Dortmunder Hauptbahnhof ein und Gustl blickte verstört um sich, es war ja allerhand auf ihn eingestürmt, so einfach zwischen Essen-Steele und Dortmund Vater zu werden. „Warte bitte, ich rufe schnell meine Freundin an, dass ich nicht kommen kann und dann fahren wir zurück zu mir und reden erst einmal, wir müssen uns ja kennen lernen. „Halt, warte“, rief er und hob schnell eine Schachtel auf, die ihm entglitten war auf. „Dös hob i dein Mutterl mitbringen wolln.“ Er nahm sie wieder an sich und wir stiegen aus.

Nun weiß ich woher meine Vorliebe für die Berge stammt, es sind die Gene.

© By Gitte