Der Husten!

Damals war ich gerade mal zwölf Jahre alt. Alle in meiner Schulklasse hatten diesen fiesen Husten. Lange war ich verschont geblieben, aber dann hatte es mich doch erwischt, aber wie. Nichts, aber gar nichts half, kein Hustensaft, keine Einreibung und kein Hausmittel.

 

Wieder einmal schüttelte mich ein entsetzlicher Hustenkrampf und plötzlich rief mein Vater erschrocken: „Hör auf, du hustest dich weg, deine Konturen verschwinden.“ Der hatte gut reden, ich bellte und krächzte. „Gitte“, rief Vater Gitte wo bist du?“ Der machte auch noch dumme Scherze, während es mir hundeelend ging, mein Kopf dröhnte und meine Brust schmerzte. Langsam kriegte ich mich wieder ein, doch Vaters entsetzte Mine blieb. Nun war es aber gut, das war nicht mehr lustig, ich ging zum Spiegel, schaute hinein und wollte gerade sagen: „Hier bin ich“, aber es stimmte nicht, ich war nicht da, ich war unsichtbar, ich hatte mich weggehustet. Verblüfft betastete ich mich, fühlen konnte ich mich, aber sehen nicht. Ach je, war ich nun für immer unsichtbar, oder hörte das auf wenn ich nicht mehr hustete. „Kind, Kind wo bist du?“ drang es in meine Gedanken. „Hier Vater, vor dem Spiegel“, ob er mich hörte? „Warum sehe ich dich nicht?“ Hören konnte er mich also. „Was mache ich denn nun“, fragte ich kläglich? „Leg dich ganz still hin, vielleicht gibt es sich dann wieder“, vermutete Vater und ich folgte seinem Rat. Die Zeit tropfte langsam dahin. Wir brüteten still vor und hin, dann nach etwa drei Stunden jubelte Vater: „Ich sehe dich, noch ganz durchscheinend, aber ich sehe dich.“ Aufgeregt rannte ich zum Spiegel. Meine Augen saugten sich an dem Bild fest, ganz langsam wurde meine Gestalt wieder sichtbar.

 

In der folgenden Nacht schlief ich sehr schlecht, die Gedanken kreisten in meinem Hirn. Was wenn das öfter geschah? Was wenn ich es bewusst herbeiführen könnte? Welche Möglichkeiten standen mir als unsichtbarer Person offen. Am anderen Tage sprach ich mit meinem Vater darüber. Zuerst wollte er nichts davon wissen. „Weißt du welche Angst ich ausgestanden habe“, fragte er mich? „Für irgendetwas muss das doch gut sein, du sagst selbst immer nichts geschieht ohne Grund, also lass uns die Fähigkeit nutzen, solange ich sie habe. Du möchtest doch schon lange eine Gehaltserhöhung und morgen verlangst du eine.“ „Und übermorgen kann ich dann zu Hause bleiben“, entgegnete Vater, „die Auftragslage ist nicht rosig.“ „Erzählt dein Chef, mir kommen die Tränen. Morgen gehst du zu ihm und verlangst höflich eine, ich versuche vorher mich wieder unsichtbar zu machen und berichte dir dann, was er mit dem Junior Chef danach besprochen hat, dann weißt du woran du bist.“ Vater überlegte. „Das ist keine schlechte Idee“, gab er dann zu.

 

Gesagt getan, am anderen Tag fuhr ich mit ihm in die Firma, in der Schule hatte ich mich durch eine Freundin krank melden lassen, es fehlten so viele von uns, dass kein wichtiger Stoff durchgenommen wurde. Im Auto hustete ich was ich nur konnte, aber es funktionierte nicht, ich fühlte mich schon ganz schlapp, als Vater plötzlich rief: „Es klappt, du verschwindest.“ Schon wollte ich aussteigen als Vater zischte: „Lass das, wie sieht das aus wenn meine Türe aufgeht und es steigt keiner aus?“ Oh ja, es gab viel zu Bedenken in dieser Lage. Seufzend rutschte ich hinter ihm her und stieg auf der Beifahrerseite aus. „Morgen Theo.“ Vaters Freund war unbemerkt heran gekommen und schlug ihm auf den Rücken. Schuldbewusst zuckte er zusammen. „Na noch nicht ganz wach Heute“, lachte Horst und begab sich zur Werkstüre. „Wenn das nur gut geht“, murmelte Vater. Als er die schwere Eisentüre öffnete drang ohrenbetäubender Lärm hinaus. „Wie du das aushältst den ganzen Tag“, flüsterte ich. „Pst“, warnte Vater. „Ich ziehe mich jetzt um, du wartest hier.“ Langsam schlenderte ich in der Fabrikhalle umher. Die Sonne warf schmale Streifen flimmernden Lichtes durch die vom Schmutz halbblinden Fenster, in denen unzählige Staubpartikel tanzten. Mein armer Vater in welcher furchtbaren Atmosphäre musste er Tag für Tag schuften um unser Leben zu finanzieren, ich beschloss in Zukunft zufriedener und dankbarer zu sein. Plötzlich sah ich ihn, wie er sich ratlos umblickte. Sicher suchte er mich, er konnte ja nicht sehen, wo ich mich aufhielt. Schnell lief ich zu ihm und sagte: „Nun los, wir gehen zu deinem Chef.“ Ehe er sich das noch einmal überlegen konnte schubste ich ihn vorwärts. „Schon gut“, zischte er, was einige Kollegen kopfschüttelnd bemerkten. Zaghaft klopfte er an der Türe des Vorzimmers zum Chefbüro. „Was kann ich für sie tun, Herr Winter“, wollte die Sekretärin wissen? „Bitte melden sie mich bei Herrn Brand, ich habe etwas mit ihm zu bereden“, bat Vater. Die Sekretärin verschwand und erschien nach kurzer Zeit wieder und bat Vater hinein. Schnell schlüpfte ich hinterher. „Herr Winter, was gibt es, ich bin in Eile, bitte fassen sie sich kurz“, bat Herr Brand.“ Aha er versucht Vater einzuschüchtern dachte ich und scheinbar gelang es ihm auch, denn er sackte merklich zusammen und druckste: „Herr Brand, alles wird teurer, ich habe seit Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen und wollte nun einmal nachhören ob da nicht was zu machen ist.“ Armer Vater, sicher fiel ihm, dem Schüchternen das furchtbar schwer und nur meine Anwesenheit veranlasste ihn zu dieser Kühnheit, ich musste grinsen. Her Brand saß wie erstarrt und fast wäre seine Zigarre aus seinem Mundwinkel gerutscht, doch dann hatte er sich wieder gefangen. „War es das“, bellte er? „Sie können gehen, ich überlege es mir.“ Vater machte einen Diener und zog sich zurück an seine Arbeit. Ich dagegen hockte mich in eine Ecke, in der ich niemandem im Wege sein konnte und wartete was nun geschah. Kaum hatte Vater den Raum verlassen, als Herr Brand zum Telefonhörer griff und seinen Sohn, den Junior Chef zu sich zitierte. „Stell dir vor, der Winter, plötzlich hat er die Courage mich um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Dreimal haben wir ihn schon übergangen, gut dass er nicht weiß, dass sein Kollege 250DM mehr erhält. Nun ja ich denke wir erhöhen sein Gehalt um 100 DM dann wird er wieder für Jahre zufrieden sein.“ So was das also, ich musste an mich halten, um meine Wut zu unterdrücken, na wartet. Als der Junior feixend den Raum verließ, drückte ich mich hinter ihm her und dann wartete ich der Nähe der Eingangstüre bis jemand die Fabrikhalle verließ, damit ich nach draußen schlüpfen konnte. Dann eilte ich auf einen verlassenen Sportplatz, es war höchste Zeit, denn schemenhaft konnte ich schon meine Hände sehen. Erschöpft ließ ich mich ins Gras sinken und watete auf meine völlige Materialisierung. Schließlich schlenderte ich durch die Stadt und kurz vor Feierabend wartete ich vor dem Fabriktor auf meinen Vater. Herr Brand kam mit ihm heraus und schlug ihm jovial auf die Schulter: „Sehen sie Winter, ich lasse mit mir reden, ab dem nächsten Monat haben sie satte 100Dm mehr in der Lohntüte. Na kleines Fräulein, holst du deinen Vater ab? Dann feiert mal schön.“ Er lachte und ich wich seiner Hand aus, die über mein Haar streicheln wollte. Verärgert zog er die Augenbrauen hoch, wendete sich aber dann Schulter zuckend ab. „Na sag mal“, schimpfte Vater ich habe gerade 100DM Gehaltserhöhung erhalten, musstest du so unfreundlich zu ihm sein.“ „Pfffffffffft“, schnaubte ich verächtlich. „Dein Kollege verdient dann immer noch 150DM mehr als du, sie haben sich köstlich über dich amüsiert, dein Chef und sein feiner Sohn.“ Vater blieb der Mund offen stehen. „Aber das ist doch……“ begann er. Aber er sah eher traurig aus, während ich vor Wut schäumte. Ein wenig schämte ich mich auch, denn Vaters Freude war verflogen, sicher schämte er sich vor mir, weil sein Chef ihn so behandelte. Armer Vater, wenn ich ihm doch nur helfen könnte, er war echt zu gut für diese Welt. So beließen wir es dann dabei, ich liebte ihn gerade wegen seines sanften Wesens, verständnisinnig lächelten wir uns an und zuckten die Schultern. 100DM sind auch nicht zu verachten.

 

Mein Husten besserte sich und irgendwie war ich traurig, was hätte ich alles anstellen können, mich bei unserem Direx einschleichen und die Aufgaben für die nächste Arbeit stibitzen. Pfui rief ich mich selbst zur Ordnung, es nützte ja auch nichts, ich war gesund und für alle sichtbar. In der letzten Zeit war ich so sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen, das es mir erst später auffiel, das Mutter sich verändert hatte. Sie kaufte sich neue Sachen, ging zum Friseur und trällerte oft vor sich hin. „Was macht dich so fröhlich“, wollte ich wissen. „Gefalle ich dir so nicht“, fragte sie zurück und tanzte um mich herum. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht, das Mittagessen war auch nicht mehr fertig, wenn ich aus der Schule heimkam, ein Husten musste her, aber schnell. Einige meiner Freundinnen bellten schon wieder und ich schmiegte mich so nah es ging an sie heran. Auch in der Öffentlichkeit suchte ich jede Gelegenheit um mich anzustecken. Im Bus setzte ich mich neben hustende und schnaufende Fahrgäste und als gar nichts half, lief ich seufzend barfuss durch den strömenden Frühjahrsregen. Zitternd und bibbernd kam ich heim. Oh wie schimpfte Mutter sie verstand das nicht, wie sollte sie auch, ich hustete und keuchte und dann war es soweit, ich sah wie ich verblasste. Na also. Mutter stellte mir eine Kanne Tee an mein Lager das sie im Wohnzimmer auf der Couch errichtet hatte und meinte: „Ich muss einkaufen, ich beeile mich.“ Kaum hatte sie die Türe hinter sich geschlossen atmete ich eine tüchtige Prise Pfeffer ein und dann hustete ich los. Wie erwartet verschwand ich und nun schnell hinter Mutter her. Gerade noch sah ich sie an Ende der Straße. Zuerst wollte ich Abstand halten, aber das war ja nicht nötig, keiner sah mich, ich konnte direkt hinter ihr gehen. Wo wollte sie nur hin?

 

Schnell eilte sie zum Marktplatz und da wartete schon einer der Busfahrer auf sie. Er eilte auf sie zu, schloss sie in die Arme und wollte ihr einen Kuss geben. Unwillig machte sie sich frei. „Ich muss sofort wieder heim, meine Tochter ist krank“, sagte sie. Der Kerl lachte. „Deine Rotznase kommt sicher mal ein Stündchen ohne dich aus´“, meinte er grob. Ernüchtert betrachtete Mutter ihn, drehte sich um und entgegnete: „Machs gut.“ Der Kerl sah ihr verdutzt nach, dann lachte er. „So eine wie dich bekomme ich an jeder Ecke“, höhnte er. Immer schneller wurde Mutters Schritt, sie rannte förmlich heim und Tränen liefen ihr über das Gesicht. „Wie konnte ich nur so blöd sein, so verblendet“, schluchzte sie. „Das frage ich mich auch“, sagte ich trocken. Mutter zuckte zusammen. „Gitte“, fragte sie fassungslos? „Wo bist du?“ Da hakte ich mich bei ihr ein und berichtete ihr mein Geheimnis. „Sagst du es Vater“, wollte sie wissen? Ich schüttelte den Kopf, zu spät fiel mir ein, dass sie das ja nicht sehen konnte. „Nein“, erwiderte ich, das bleibt unser Geheimnis.

 

Leider war es das letzte Mal das es mir gelang mich unsichtbar zu husten, scheinbar hing das mit der Pubertät zusammen, sooft ich es später versuchte, es gelang mir nicht mehr.

 

©By Gitte