Der Magier!
Damals, als ich noch für die
Kripo arbeitete, hatte ich mal einen ganz besonderen Fall, über den ich nie
gesprochen habe, weil man sonst meinen Geisteszustand angezweifelt hätte. Gut,
das ich eine befreundete Kollegin und Freundin an meiner Seite hatte, die
ebenfalls verschwiegen war. Nun bin ich seit geraumer Zeit pensioniert und ich
denke jetzt kann ich gefahrlos davon berichten, denn es sind Jahrzehnte
vergangen und die Beteiligten entweder lange tot, oder in alle Winde verstreut,
da ich zudem die Namen ändern werde besteht meines Erachtens nach nicht die
Gefahr einer Widererkennung.
Es war einer meiner ersten
Fälle, ich war jung, ehrgeizig und wollte zeigen was ich konnte. Damals waren
Frauen bei der Kripo noch recht selten und ich hatte demnach mit mancherlei
Vorurteilen zu kämpfen. In meinem kleinen verschlafenen Heimatort verschwanden
seit einiger Zeit kleine Mädchen, ich bildete mir nicht ein als Neuling diesen
Fall übertragen zu bekommen und doch hatte ich Glück. Mit meiner Freundin Marion
hatte ich seinerzeit die Polizei Ausbildung begonnen und nun waren wir
frischgebackene Kommissarinnen. Als uns der Chef in sein Zimmer orderte schlug
unser Herz ziemlich schnell. Dann legte er uns die Fakten dar und wollte
wissen, ob wir uns den Fall zutrauen. Natürlich taten wir das und der Chef
schmunzelte verhalten über unseren Arbeitseifer. „Normalerweise hätte ich
erfahrenere Kollegen damit beauftragt, aber sie kennen die Gegend und ihre
Schlupflöcher sicher besser, weil sie dort aufgewachsen sind“, erklärte er uns
seine Entscheidung, wir wuchsen um einige Zentimeter und waren uns der Ehre
bewusst. „Keines der drei verschwundenen Mädchen ist wieder aufgetaucht. Viel
Glück“, wünschte er uns und damit waren wir entlassen.
In unserem Büro beratschlagten
wir über unser Vorgehen. Zuerst hieß es nun Akten wälzen, Namen notieren und
Recherche betreiben, das heißt Eltern befragen und das Umfeld der verschwundenen
Mädchen sondieren. Mit einer Liste bewaffnet machten wir uns auf den Weg, wir
fuhren nach Essen-Werden und dort trennten wir uns fürs Erste.
Mein Weg führte mich in die
Folkwang Schule. Das verschwundene Mädchen hieß Monika Mende und ihre Mutter
war Tänzerin. Bei den Proben hatte das Kind stets in der Kulisse gesessen und
mit seiner Puppe gespielt. Dann plötzlich vor einer Woche war sie verschwunden.
Zuerst hatte sich ihre Mutter Angie keine großen Sorgen gemacht, sie hatte
vermutet die Kleine sei mit einer Kollegin in die Kantine gegangen, oder habe
beim Klavier üben in einem der Nachbarzimmer zugehört und darüber die Zeit
vergessen, aber so sehr sie auch suchte und fragte, keiner hatte Monika
gesehen. In der Kantine ließ ich mir Bilder von einem wunderschönen zarten
Mädchen mit feinem gelocktem Blondhaar zeigen. „Bitte finden sie sie“, bat sie
mich, sie wirkte äußerlich gefasst, aber aus ihren Augen sprach unendliche
Traurigkeit. Sie hatte ihr Kind sicher nicht verschwinden lassen, da war ich
mir relativ sicher. Leider kommt auch das vor, dass Kinder als Klotz am Bein
gesehen und beiseite geschafft werden, diese Mütter übertreiben aber häufig
ihre Verzweiflung und fallen so erst recht auf. Ich bat um eines der Bilder und
legte es zu meinen Akten.
Als ich über den weitläufigen
Hof zum Auto ging, bemerkte ich den stechenden Blick eines jungen Mannes. Was
mochte er für einen Beruf haben? Er war hübsch, fast zu schön für einen Mann,
wäre da dieser Blick nicht gewesen, ich beschloss Frau Mende anzurufen und nach
ihm zu fragen, denn ihn anzusprechen hatte ich keinen Grund. Dennoch
beschäftigte er mich, es war das so genannte Bauchgefühl, jetzt nur nicht
vermasseln, nicht zeigen das ich ihn bemerkt hatte, aber hatte ich denn etwas
bemerkt? Nur weil mir sein Blick unsymphatisch war? Im Wagen blickte ich in
seine Richtung und sah ihn grinsen. Es war ein fieses, ein überlegenes Grinsen
und der Klumpen in meinem Magen wuchs. War er das? Suchte er die Konfrontation
mit mir? Ich stieg noch einmal aus, die Chance durfte ich mir einfach nicht
entgehen lassen. Sein Blick wich dem meinen nicht aus und er erschien mir
eiskalt. Meinen Ausweis hielt ich wie ein Schutzschild vor mir. „Würden sie mir
bitte einige Fragen beantworten“, bat ich ihn. Er nickte. „Ich ermittelte im
Fall Monika Mende“, sagte ich ihm, er lächelte und nickte abermals. „Das dachte
ich mir schon“, antwortete er. „Wer sind sie und was machen sie hier an dieser
Schule“, begann ich die Befragung und zückte mein Notizbuch und einen Stift. „Mein
Name ist Noah Krüger und ich belege hier das Lehramt Magie.“ „Magie“, fragte
ich nicht gerade geistreich nach, was ihn erneut lächelnd nicken ließ. Er griff
hinter seinen Rücken und zog eine herrliche rote Rose hervor, die er mit
überreichen wollte. „Danke“, lehnte ich ab, „ich bin im Dienst und darf deshalb
keine Geschenke annehmen.“ „Auch gut“, meinte er, strich einmal über der Rose
durch die Luft und sie löste sich auf, war einfach verschwunden, ohne Tuch, am
helllichten Tag, einfach so weg. Wieder blickte ich in seine Augen, die nun von
nahem wirkten wie Kohlen, allerdings wie glühende Kohlen. „Weg“, sagte ich versonnen,
„wie Monika.“ Dabei beobachtete ich ihn genau. Wieder nickte er. „Ich habe
davon gehört“, antwortete er. „Sie war ein reizendes Kind.“ „Kannten sie sie“,
hakte ich nach. „Vom Sehen, wie fast jeder hier“, bestätigte er mir. „Haben sie
noch Fragen“ Sonst entschuldigen sie mich bitte, meine Vorlesung beginnt“,
verabschiedete er sich von mir. „Sie wissen ja wo sie mich finden“, fügte er
noch an und ich stieg wieder in meinen Wagen. Sinnend blieb ich eine Weile
sitzen. Er hat etwas damit zu tun wusste ich, aber ich würde es beweisen
müssen. Moment einmal. Marion war auf der Albermannstraße bei den Eltern der
verschwundenen Doris Amrot, nur einige Strassen weiter, sollten wir so ein
Glück haben?
Ich startete den Wagen und
fuhr zu meiner Kollegin. Die stand schon wartend vor dem Haus. Als sie einstieg
berichtete ich ihr was ich erlebt hatte. „Das passt“, meinte sie. „Wo wohnte
das dritte Mädchen?“ „Das wohnt auf der Velberterstraße, auch nicht weit von
hier, aber halte dich fest, hier steht ihre Mutter arbeitet in der Küche der
Folkwangschule. Hier, genau hier finden wir den Verantwortlichen.“ Lass uns
einmal in dem Mode Geschäft hier gegenüber fragen, vielleicht hat ja eine
Verkäuferin etwas bemerkt. Als wir uns näherten sahen wir, wie ein neugieriges
Gesicht an der Ecke der Scheibe verschwand. „Hier sind wir richtig“, grinste
ich, „wenn es hier etwas zu sehen gab, dann kann sie uns helfen.“ Als wir das
Geschäft betraten stand eine junge Frau hinter der Theke. Sie grüßte freundlich
und fragte ob sie uns helfen könne. „Oh ja das können sie“, antwortete ich,
zückte erneut meine Marke und fragte sie, ob sie in den vergangenen Tagen etwas
Auffälliges bemerkt habe. Etwa einen Mann mit einem kleinen Mädchen. Sie wurde
ganz aufgeregt. „Oh ja“ sprudelte sie los. „Da spielt seit Neuestem jemand mit
Kindern, ich habe mich schon gewundert, es sieht aus als seien sie total
verzückt, aber ich kann nicht erkennen warum, sie greifen scheinbar nach etwas
was nicht da ist. Einmal hat mich der Mann gesehen, er guckte so komisch und
plötzlich lief da eine riesige Spinne die Wand hoch. Mann, die war ekelig.“ Sie
schüttelte sich noch in Gedanken daran. „Als ich wieder hinaussah waren sie
verschwunden und die Spinne merkwürdiger Weise auch.“ Ich blickte Marion viel
sagend an. Dann zeigte ich der Frau die Bilder der verschwundenen Kinder und
sie tippte auf eines. „Das hier, das war das Mädchen.“ Wir bedankten uns für
die Hilfe und verließen den Laden.
„Da ist er“, machte ich
Marion aufmerksam. In Begleitung eines kleinen Mädchens schlenderte er über den
Schulhof. Das Mädchen an seiner Seite hopste und jauchzte. Er hatte mich im
gleichen Augenblick gesehen und begann zu rennen. Unsanft stieß ich Marion in
die Seite. „Los, er will abhauen, hinterher.“ Er flitzte um die Ecke und raste
die Stufen zum Hintereingang der Lutgerus Kirche hoch. Japsend rannten wir
hinter ihm her, ich stöhnte: „Das war meine letzte Zigarette“, Marion begann zu
lachen. „Wie oft habe ich das schon
gehört. Endlich hatten wir die lange Treppe erklommen, meine Beine fühlten sich
an als seien sie mit Pudding gefüllt. In einiger Entfernung sahen wir ihn
laufen. Er jagte über den Kirchberg zum Markt. Hier auf gerader Strecke holten
wir wieder auf. „Ach du liebe Scheiße“, entfuhr es mir. Es war September und
Werden feierte die Appeltaten Kirmes. Wir hatten überhaupt nicht auf die immer
lauter werdende Musik geachtet. Schon war er im Getümmel verschwunden. Was war
denn das? Es summte neben meinem Ohr. Als ich zur Seite schielte setzte mein
Herz einen Schlag lang aus und trotz des Schweißes den die Anstrengung
verursacht hatte lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Ein Maikäfer brummte
da nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Nein, kein niedlicher
Marienkäfer, ein großer brauner behaarter Maikäfer mit langen Fühlern. Ignorieren
dachte ich, einfach ignorieren. Das Gebrumm wurde lauter und als ich wieder zur
Seite schielte bemerkte ich einen ganzen Schwarm, der geradewegs auf mich
zuhielt. Da war es mit meiner Selbstbeherrschung vorbei, ich wedelte mit den
Armen und schrie: „Weg, weg mit euch.“ Marion blickte mich entgeistert an. „Was
hast du denn?“ „Maikäfer, riesige Maikäfer“, schrie ich wieder gepeinigt. Dann
bemerkte ich unseren Flüchtling, er stand lässig neben einer Bude, grinste
hässlich und klatschte in seine Hände. Da ging mir ein ganzer Kronleuchter auf.
Ich schloss meine Augen und betete mir vor, wir haben September, es gibt keine
Maikäfer zu dieser Zeit, es gibt sie nicht, dann öffnete ich vorsichtig ein
Auge, was mir den Spitznamen der Uhu eingebracht hatte und schielte um mich und
siehe da, die Käfer waren weg. Marion betrachtete mich derweil grinsend. „Was
spielst du da, darf ich mitmachen“, wollte sie wissen? Böse blickte ich sie an.
„Er ist ein Magier, er schickt Visionen“, klärte ich sie auf, der Verkäuferin
die hässliche dicke Spinne und mit gerade eine Schwadron Maikäfer. Sie riss die
Augen auf. „Oh Mann, das ist ja pervers, stell dir das nur vor, Maden,
Skorpione und was es sonst noch alles an ekeligem Zeug gibt“ „Schlangen zum
Beispiel“, foppte ich sie, denn im Gegensatz zu mir, die ich sie mochte hatte
sie eine entsetzliche Angst davor. Marion schüttelte sich angeekelt. „Nur das
nicht“, meinte sie. „Siehst du ihn irgendwo“, wollte ich von ihr wissen?
„gerade stand er neben der Bude und amüsierte sich über mich. „Na warte.“
Marion hatte das Jagdfieber gepackt, doch so sehr wir uns umsahen, wir
entdeckten ihn nicht mehr, er schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Ziemlich
erschöpft ließen wir uns schließlich auf einem kleinen Mäuerchen nieder. „Lass
uns mal überlegen, wo könnte er die Kinder versteckt haben“, dachte ich laut?
Ich habe mal in der Folkwang Schule eine Fotostory gemacht. Da gibt es riesige
Kellergewölbe, dort sollten wir uns einmal umsehen. „Eine fabelhafte Idee“,
fand Marion auf geht´s und schon zog sie mich mit sich.
Vom letzten Mal wusste ich
noch den Einstieg in die weit verzweigten Keller Katakomben. Unheimlich war es
hier unten. Nach kurzer Zeit waren die Wände nicht mehr verputzt, sondern
zeigten ihr nacktes, rohes Gestein. Alle paar Meter brannte eine kleine Lampe,
die für ein diffuses Licht sorgte. Plötzlich blieb Marion stehen und hielt mich
am Arm fest. „Hör mal“, flüsterte sie, was sich hier unten trotzdem laut
anhörte. Wir warteten und hielten denn Atem an. Von Ferne hörten wir nun leisen
Gesang. Vorsichtig bewegten wir uns vorwärts. Wer glaubt Polizei Beamte sind
immer taff und abgebrüht, der irrt sich, unser Herz klopfte mächtig, so sehr
das wir es zu hören glaubten. Trotzdem schlichen wir vorwärts und langsam wurde
der Gesang lauter, es war ein Kinderlied das wir hörten und zwar das von den
zwei Königskindern. Hier unten hörte es sich unsagbar traurig an. Endlich
hatten wir die Quelle des Gesangs erreicht. Hinter einer Türe aus Holzlatten
saß ein kleines unglaublich schmutziges Mädchen. „Pst“, machte ich und fragte:
„Bist du Monika?“ Sie strahlte über das ganze Gesichtchen. „Besuch, oh wie
fein. Hier ist es zwar wunderschön in diesem Schloss, aber ich bin immer so
allein.“ Sie hielt den Saum ihres zerrissenen Röckchens hoch und strahlte uns
an. „Hab ich nicht ein feines Kleidchen an? Bald kommt Mama zu mir in mein
Königreich, ich bin nämlich in Wirklichkeit eine verzauberte Prinzessin. Nur
noch eine Weile und dann darf ich ans Licht. Hast du schon einmal aus einem
goldenen Becher getrunken?“ Mit diesen Worten reichte sie mir ein einfaches
Senfglas. Marion schaute verdutzt. „Scheinbar kann er seine Visionen über eine
lange Zeit aufrecht erhalten“, vermutete ich.
Jemand klatschte in seine
Hände und als wir uns umdrehten sahen wir den Gesuchten. Er kam auf uns zu.
„Bravo, ihr seit gar nicht so dumm wie ihr ausseht“, höhnte er. Marion schrie
entsetzt und streckte beide Hände wie zur Abwehr aus. Auf dem Boden näherten
sich Schlangen. Große und kleine, alle Sorten wuselten wild durcheinander und
sie krochen auf uns zu. Nun war es an mir zu grinsen und während er mich noch
irritiert betrachtete hatte ich schon mein Pfefferspray aus der Tasche gezogen
und verpasste ihm eine volle Ladung. Er schrie und rieb seine Augen und im
gleichen Moment verschwanden die Visionen. Wie ich ganz richtig vermutet hatte
steuerte er sie mit seinen Augen. „Pech gehabt mein Lieber, ich mag nämlich
Reptilien sehr gerne.“ Die Schlangen lösten sich auf und Monika begann zu
weinen. „Wo ist mein goldenes Kleid und das schöne Schloss“, wollte sie wissen?
Ich trat die Türe ein, deren Bretter nicht viel Widerstand boten. „Das alles
gibt es nicht“, sagte ich und nahm sie auf den Arm, „aber deine Mama wird froh
sein dich wieder zu haben, ich bringe dich nun zu ihr.“ „Und ich, was wird aus
mir“, heulte nun der jämmerliche, ehemals große Magier. „Keine Angst, sobald
wir oben sind rufe ich die Kollegen und du kommst dorthin wo du hingehörst“,
tröstete ich ihn hämisch. Schnell verließen wir den Keller und als wir auf dem
Hof standen atmeten wir alle auf. Der Hausmeister hatte gerade gefegt und als
er uns nun erblickte mit dem Kind auf dem Arm ließ er alles fallen und schrie
nach Angie, Monikas Mutter. Es dauerte nur Minuten da kam sie aus dem Gebäude
gerannt und schloss überglücklich ihr Kind in die Arme.
Derweil hatte Marion
Verstärkung angefordert und als die Kollegen eintrafen stiegen wir wieder
hinab. Zwei von ihnen führten den Magier ab und nur einige Meter weiter fanden
wir die beiden anderen vermissten Mädchen. Was er mit ihnen gewollt hatte ließ
sich nie klären, vermutlich hatte er nur der Welt seine Macht beweisen wollen.
Wie heimsten natürlich eine Menge Lob ein, was unserer Karriere natürlich
förderlich war. Leider gingen in der Folgezeit nicht alle Fälle so glücklich
aus. Vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum diese Geschichte so in
meinem Gedächtnis haften blieb.
By Gitte