Der kleine
Willy
Willy war
schon immer klein und schmächtig gewesen. In der Schule hatte er seinen
Klassenkameraden stets als Ziel für ihren Spott gedient und
wenn er es mal gewagt hatte, sich
zu wehren, dann hatte er Prügel bezogen.
Willy wuchs
zu einem mürrischen und verschlagenen, kleinwüchsigen Mann heran. Ein wenig
mehr Freude kam in sein Leben, als er Emma kennen lernte. Emma war Willys
weibliches Gegenstück, eine kleine verhuschte Maus. Wenn Willy sie durch seine
dunkle Hornbrille strafend ansah, dann schlug sie schuldbewusst die Augen
nieder. Das gefiel Willy, endlich hatte auch er ein klein wenig Macht.
Lange Jahre
lebten die zwei zurückgezogen in ihrer von einer gewissen Hassliebe erfüllten
Beziehung. Emma widersprach nie, das hätte sie nicht gewagt, sie war froh,
einen Mann bekommen zu haben, dem sie angehören durfte.
Willy
arbeitete im städtischen Krematorium, kein Traumjob, aber ein gut bezahlter.
Emma pflegte derweil die plüschige, altmodische Wohnung und hatte stets
pünktlich das Essen auf dem Tisch, wenn Willy heimkam. Es gab nicht viel, was
Willy an ihr auszusetzen fand, aber er fand doch immer wieder etwas, wenn er
sich lange genug den Kopf darüber zerbrach. Eine Bügelfalte im Hemd, ein
fehlendes Taschentuch, das blütenrein und gefaltet am Morgen bereit zu liegen
hatte, das Essen zu heiß, oder zu kalt, je nach Bedarf.
So
vergingen die Jahre und ehe man sich versah, war der Tag ihrer Silberhochzeit
gekommen. Emma hatte nicht viel erwartet, vielleicht eine kleine Fahrt an die
Mosel oder auch nur einen Blumenstrauß. Als sie Willy am Abend darauf hinwies, welch
ein besonderer Tag es war, sah dieser nur verständnislos von seiner Zeitung
auf.
„Du hast
deine Sache ganz gut gemacht“, meinte er, „aber das war schließlich deine
Pflicht. Rühme ich mich ständig, dass ich täglich für deinen Unterhalt arbeite?“
fragte er in seinem Oberlehrerhaften Ton, den Emma mittlerweile richtig hasste.
Dann wandte
er sich wieder kopfschüttelnd seiner Lektüre zu.
„Weiber“
murmelte er, „nie sind sie zufrieden.“
Das Emma
eine kleine Träne die Wangen herunter rann, sah er nicht und wenn er es bemerkt
hätte, wäre es ihm sicher egal gewesen.
Seit diesem
Tage war Emma nicht mehr die Alte, zwar erfüllte sie nach wie vor ihre
häuslichen Pflichten, aber ihre Miene wurde mürrisch und sie begann, sich zu
vernachlässigen. Sie belohnte sich, in dem sie anfing wahllos alles in sich
hineinzustopfen, Wurst, Käse und Süßigkeiten in Mengen. Es kam, wie es kommen
musste, Emmas Umfang wuchs und wuchs. Es dauerte eine Weile, bis Willy es
bemerkte und sie immer öfter angewidert betrachtete.
Anfangs senkte
Emma noch schuldbewusst ihren Kopf, wie sie es ja seit Jahren getan hatte, aber
es kam der Punkt, da starrte sie zurück. Zuerst ärgerte Willy das und er wollte
sie böse anfahren, dann bekam Emmas Blick etwas Drohendes und Willy beschlich
das erste Mal, seit er mit Emma zusammen war die bekannte Angst aus seiner
Jugend.
Alles war
plötzlich wieder da. Er durfte und wollte nicht wieder in die Rolle des ständig
getretenen und gehänselten Jungen zurückfallen.
Nun war es
an Willy, die Augen zu senken, wenn Emma ihn böse aus ihren kleinen, tückischen
Äuglein anstarrte, die nun in ihren Fettmassen eingebettet waren. Heute käme es
ihm nicht mehr in den Sinn, über eine kleine Bügelfalte zu meckern, er war
stattdessen dankbar, überhaupt ein
gebügeltes Hemd zu finden. Statt des weißen Taschentuchs lag seit neustem eine
Packung Tempo zu Mitnehmen bereit und Willy steckte es dankbar ein. Langsam,
aber stetig hatten sich die Machtverhältnisse verschoben und Willy ahnte, Emma
würde sich das Heft nun nicht mehr aus der Hand nehmen lassen.
Angestrengt
dachte er nach und kam zu dem Schluss, Emma musste verschwinden, allerdings
würde sie nicht freiwillig das Nest verlassen, also musste er sie töten und
sein Hass auf sie war mittlerweile groß genug, um das zu tun. Allerdings würde
er dafür nicht ins Gefängnis gehen, er war ja schlau. Willy begann zu planen.
Als erstes
sprach er mit seiner Nachbarin, mit der er in den ganzen Jahren außer „Guten
Tag“ kein Wort gewechselt hatte.
„Meine Frau
fährt Morgen zu ihrer Schwester, ich werde dann ihren Flurdienst übernehmen“,
berichtete er ihr und lüftete höflich seinen Hut.
Frau Böger
blieb vor Überraschung der Mund aufstehen, seit wann redete Herr Heine mit ihr?
„Ist recht“,
stotterte sie und rannte in den ersten Stock. Dass musste sie Renate, ihrer
Freundin von oben erzählen, endlich kam die arme Frau Heine mal raus hier, das
würde ihr gut tun. Das Seltsame an der Geschichte kam ihr nicht in den Sinn,
sie brannte nur darauf diese Neuigkeit schnellstens weiterzuleiten.
Kalt
lächelnd sah Willy ihr nach, na also, der erste Teil hatte reibungslos geklappt.
Bis heute Abend würde jeder im Haus wissen, dass seine Frau ab morgen verreist
war, mindestens drei Wochen lang würde sie hier keiner vermissen. Zum ersten
Mal seit langer Zeit hatte er wieder gute Laune, das Ende seines Elends war in
Reichweite gerückt.
Am Abend
überreichte er Emma einen riesigen Eisbecher. Misstrauisch funkelte sie ihn an.
…Ihre Augen
gleichen langsam denen einer Ratte…. dachte Willy bei sich… doch sich zum
Lächeln zwingend meinte er: „Wollen wir nicht versuchen, in der Zukunft ein wenig
netter zueinander zu sein? Dein Lieblings Eis, ich hoffe, Du freust Dich!“
Emmas Unterkiefer
klappte nach unten und gab ihrem feisten Gesicht einen unbeschreiblich dummen
Ausdruck.
Willy musste an sich halten, um seinen Ekel zu
unterdrücken. Endlich nahm Emma das Eis und mit zufriedenem Grunzen begann sie,
es gierig zu verschlingen.
Interessiert
beobachtete Willy sie, er hatte Rattengift besorgt und es in das angetaute Eis
gemischt, danach hatte er es wieder eingefroren und nun wartete er auf die
Wirkung. Willy setzte sich Kopfhörer auf und genoss seine klassische Musik. Ab
und zu streifte sein Blick Emma und er bemerkte langsam die unnatürliche
Blässe, die sich in ihr Gesicht schlich. Nach einer Weile bildete sich Schweiß
auf ihrer Stirne und noch etwas später begann sie sich in Krämpfen zu winden.
Willy vertiefte sich in seine Zeitung, er wollte ihren Todeskampf nicht mit
ansehen müssen. Als er später aufschaute, lag Emma über dem Tisch und aus ihrem
aufgerissenen Mund lief Schaum, ihre Augen blickten gebrochen und anklagend in
seine Richtung.
Nun begann ein hartes Stück Arbeit.
Willy schob
und zerrte Emma in Richtung Badezimmer. Ihr Körper war nun in schlaffem Zustand
noch schwerer und er bemühte sich eine Ewigkeit lang, sie dorthin zu bekommen.
Immer wieder entglitt ihr Körper seinen Händen, die sich vor Anstrengung fast
taub anfühlten.
Endlich hatte
er es geschafft, er war in Schweiß gebadet. Nun musste er sie nur noch in die
Wanne bekommen, Stück für Stück hob, zerrte und drückte er ihre Fleischmassen
dort hinein. Als es endlich geschafft war, sah er fast mechanisch auf die Uhr,
glatte zwei Stunden hatte er gebraucht, nun musste er noch den Körper zerlegen
und verpacken.
Willy
gönnte sich keine Ruhe. Er schaltet den Fernseher ein, damit ihn nicht die
ungewohnten Geräusche, die aus seiner Wohnung drangen verraten könnten.
Mit Tranchiermesser, Beil und Säge ging er zu
Werke. Jedes Stück, das er Emma abgetrennt hatte verpackte er gleich sorgfältig
in eine Plastiktüte, umwickelte die einzelnen Paketchen mit Isolierband und
schichtete sie in der Ecke auf. Er hätte nie gedacht, welche Arbeit es macht, die
Knochen zu zersägen!
Als Willy
nach Stunden sich mit schmerzendem Kreuz aufrichtete, fühlte er sich wie
zerschlagen.
Mittlerweile
war es draußen dunkel geworden. Willy packte die Pakete mit Emmas Überresten in
die bereitgestellten Koffer. Sollte ihm jemand begegnen, würde er sagen er brächte
ihr Gepäck zur Bahn.
Es war eine
mächtige Plackerei, drei Koffer und zwei Reisetaschen waren randvoll. Willy
schaffte sie in sein Auto und fuhr damit zu seiner Arbeitsstelle, dem
Krematorium. Dort verteilte er die Päckchen in die bereitstehenden Särge, in
denen die Leichen ruhten, die am nächsten Tage verbrannt werden würden.
Drei Särge
standen ihm zu Verfügung, in die er jeweils einzelne Päckchen dazu legte. Er
verschloss sie wieder sorgfältig und fuhr heim.
Zufrieden
begann er am nächsten Tag seine Arbeit. Seine Kollegen wundern sich nicht
schlecht, hatte der ewig schlecht gelaunte Willy mal ein Lächeln im Gesicht.
Als der erste
Sarg in den Ofen gefahren wurde, setzte er eine feierliche Miene auf. Danach
verzog sich sein Gesicht zu einem diabolischen Grinsen.
„Asche zu
Asche“… murmelte er höhnisch. Verdutzt schauten die Kollegen sich an und einer
von ihnen deutete sich an die Stirne. Beim zweiten Sarg wiederholte Willy seine
merkwürdige Reaktion. Der dritte Sarg stand schon auf dem Transportband, als
zwei Beamte der Kripo hereinstürmten:
„Ist die
Leiche des Herrn Sander noch da?“ wollen sie wissen.
Willy wurde
blass.
„Da haben
sie aber Glück“, gab sein Kollege arglos zurück, „fast wäre es zu spät gewesen.
„Die Leiche
ist beschlagnahmt. In dem Altenheim, aus dem Herr Sander kam, gab es einige
merkwürdige Vorfälle. Wir werden die noch vorhandenen Leichen obduzieren
müssen.
„Nehmen sie
mich gleich mit, wegen Mordes an meiner Frau“, gab Willy gleich auf.
Wie es
Willy als schmächtige Person im Gefängnis erging, kann sich der Leser denken.
Wehmütig
dachte er oft an die Zeit zurück, als seine Emma noch ein zartes verhuschtes
Reh war und er das Sagen hatte.
© By Gitte