Der traurige Harald!
Vor langen Jahren, irgendwo im tiefsten Bayern wurde er geboren, Harald ein wunderschöner Hirsch. Er hat rotbraunes Fell, wunderschöne Augen und ein imposantes Geweih. Sepp ist ein begeisterter Pirschgänger und als er ihn entdeckte konnte er nicht anders, er musste ihn zeichnen. Gekonnt warf er nach dem Vorbild der Natur mit wenigen Strichen diesem herrlichen Hirsch aufs Papier. Zu Hause zeigte er ihn Maria, seiner Frau. Die nähte für die Frauen in der Umgebung. Eines Tages blieb von einem rotbraunen Kindermantel eine Menge Flauschstoff übrig, denn die Auftrag gebende Mutter hatte sich vermessen und das erschien Maria wie ein Fingerzeig des Schicksals. Nach der Zeichnung ihres Mannes entstand Harald als Stofftier. Maria schenkte dem begeisterten Mädchen das Tier. Einige Zeit verging, da erschien die Mutter abermals und bat Maria für Harald eine Gefährtin zu machen. Maria begab sich an die Arbeit und Elfi entstand. Als Harald Elfi erblickte durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Da war sie, seine Frau und sein Flauschherz erfüllte sich mit heißer Liebe zu ihr.
Harald und Elfi lebten nun eine ganze Weile bei Clara, dem kleinen Mädchen mit dem rotbraunen Mantel und wie das so ist bei Liebenden, eines Tages war Raika da. Raika war ein wunderschönes kleines Bambi, die Mini Ausgabe von Elfi. Clara war mittlerweile heran gewachsen und nun stand ihre Hochzeit bevor. „Nimmst du die Tiere mit“, wollte ihre Mutter wissen? „Das geht leider nicht, Konrads Hof ist klein, wie du weißt Mutti, ich wüsste gar nicht wo ich sie hinstellen sollte, was machen wir nur mit Ihnen“, überlegte sie traurig. Auch die Mutter grübelte, dann plötzlich blitzten ihre Augen auf. „Weißt du was mein Kind, Onkel Peter aus dem Ruhrgebiet war immer so begeistert von ihnen, lass sie ihn nach Hause begleiten, wenn er zur Hochzeit kommt.“ Das war einen gute Idee, Onkel Peter hatte ein großes Haus, er hatte genug Platz für die immer noch herrliche Wild Familie. Als Onkel Peter hörte, dass er Harald, Elfi und Raika bekommen sollte war er ganz aus dem Häuschen und bemerkte deshalb nicht, dass seine Frau Elisabeth alles andere als begeistert schaute. Der große Tag des Umzugs war schnell heran gekommen. Harald und Elfi waren furchtbar aufgeregt und Raika schaute aus großen neugierigen Augen auf all das Neue, das sie sah. Zwar waren sie eingeklemmt zwischen Gepäck, aber man konnte doch einen kleinen Blick aus dem Fenster werfen.
Wie enttäuscht war die kleine Familie dann, als der Wald immer mehr verschwand und dafür immer mehr graue Häuser erschienen. Schornsteine rauchten und die auch Gesichter der Menschen waren nicht die gleichen, die sie gekannt hatten, sie hatte nicht die frische Farbe von Leuten, die oft in der Natur sind, sondern waren auch oft grau wie ihre Umgebung. Für Harald, Elfi und Raika begann nun eine harte Zeit. Nachts, wenn die Menschen schliefen, erwachten sie aus ihrer Starre und konnten reden. Wie das wisst ihr nicht? Natürlich können Tiere, Stofftiere und Puppen um Mitternacht reden, diese magische Stunde erfüllt sie mit Leben, das pünktlich um ein Uhr in der Frühe wieder zur Bewegungslosigkeit erstarrt. Allerdings wurden sie immer stiller und mutloser. Wenn Peter aus dem Haus war litten sie oft Not. Dann kam die böse Frau und beschimpfte sie. „Ihr alten Flohfänger“, sagte sie dann Beispielweise und oft trat sie auch nach ihnen. Das Weihnachtsfest kam heran und liebevoll dekorierte Peter sie unter einer herrlichen Tanne. Ach war das schön, wenn man die Augen schloss, konnte man den herrlichen Duft tief einatmen und sich einbilden zu Hause zu sein. Sie lagen auf einem weichen Wattebett und genossen diese schöne Zeit aus vollem Herzen, sogar Elisabeth schien ein wenig milder gestimmt zu sein, nun würde alles gut werde, dachten sie zumindest.
Doch Weihnachten ging vorbei und als Peter dann auf eine Geschäftsreise musste, kam Elisabeth auf eine böse Idee. Es gibt da diese Umwelt Werkstatt, eine Einrichtung der Diakonie. Dort kann man gebrauchte Sachen abgeben, die dann verkauft werden. Ach je, Harald, Elfi und Raika waren furchtbar erschrocken, als Elisabeth sie unsanft in das Auto warf und sie dort abgab. Mit unglaublich vielen Gegenständen kamen sie in ein Lager, indem es furchtbar roch, es war stickig und staubig und in der ersten Nacht dort weinten sie sich aneinander geschmiegt in den Schlaf. Am nächsten Tag erwachten sie von einem entzückten Ausruf. „Was ist denn das? Die sind ja herrlich, die verkaufen wir nicht, die behalten wir für unsere Deko.“ „Maria“, rief jemand in der Ferne. „Komme schon“, antwortete die nette Frau. Harald schöpfte wieder Mut. Die nette Dame hieß Maria, wie ihre Schöpferin, vielleicht wurde ja doch alles wieder gut.
Am nächsten Tag wurden sie geholt. Wieder hatte man ihnen ein Wattebett bereitet, hoch über einem Verkaufsraum und trotz des Lärmes, der ihre empfindlichen Ohren sehr viel Schmerz bereitete thronten sie stolz und von vielen Leuten bewundert nun auf ihrem luftigen Sitz. Mit der Zeit gewöhnten sie sich an ihr Schicksal, auch wenn sie nun etwas einstaubten, aber man trat sie nicht mehr. Die Zeit verging und der Frühling kam. „Packt sie ein“, sprach die nette Maria und sie wurden für eine lange Zeit in dunkle Kartons gepackt. Nachts unterhielten sie sich einsam und kalt durch die Pappwände. „Ach“ seufzte Harald oft, „Ich bin ein schlechter Vater, ich kann euch nicht beschützen, dann hörte er Elfi weinen und schwieg. Eine Ewigkeit verging und als sie die Hoffnung schon lange aufgegeben hatten, öffneten sich die Kartons und man holte sie wieder hervor. Wieder war die Weihnachtszeit heran gekommen und wieder lagen sie von vielen bewundert über ihren Verkaufsraum, doch dieses Mal wussten sie, was sie nach dieser Zeit erwartete und das erfüllte sie mit Grauen. Besonders eine Kundin fiel Harald auf. Die Frau schaute oft sehnsüchtig auf ihn, denn ihr Opa war Jäger gewesen und sie liebte die Natur und das Wild. Oft hörte Harald, wie die Frau Maria fragte, ob sie ihn nicht erstehen könne, aber immer wieder bekam sie eine abschlägige Antwort. Die Zeit verging und der Frühling kam heran. Im Gedränge wurde die kleine Familie getrennt. „Weißt du wo das Stofftier hingehört“, fragte ein Angestellter einen anderen? Bring es in den Schnäppchen Markt, bekam er zur Antwort. Dort fand ich die beiden dann, ich bin Gitte, die Frau, die deren Herz schon seit Jahren nach Harald und seiner Familie giert. Glücklich wenigstens Elfi und Raika zu besitzen nahm ich sie mit heim und seit dieser Zeit sitzen sie in meinem Esszimmer.
Dann geschah folgendes, Wölfchen mein schöner Schäferhund musste in der Nacht hinaus. Es war genau Mitternacht, als wir zurückkamen und ich am Esszimmer vorbei kam, hörte ich verzweifeltes Schluchzen. Erschrocken hielt ich inne und öffnete vorsichtig die Türe. Augenblicklich blieb es still. Verwundert fragte ich nicht gerade intelligent „Ist da jemand.“ Dann folgte ein unterdrücktes Nachschluchzen. Sofort schaltete ich das Licht ein und blickte genau in Elfis verstörte Augen. „Warst du das etwa“, fragte ich ungläubig und zaghaft nickte sie. Behutsam setzte ich sie auf meinen Schoß und streichelte sie. Da war es, als bräche ein Damm und immer wieder von Weinen geschüttelt erzählte sie mir die Leidens Geschichte von ihrem schönen stolzen Harald. So gut es ging tröstete ich sie und versprach ihr etwas zu unternehmen. „Wo bleibst du denn“, wollte mein Mann wissen, als ich wieder zu Bett kam.“ „Schlaf nur weiter, das glaubst du mir eh nie“, erwiderte ich und löschte das Licht.
Am nächsten Tag besuchte ich Frau Maria und bat sie sich um Mitternacht mit mir vor der Umwelt Werkstatt zu treffen. Erst wollte sie nicht, doch ich ließ nicht locker. Mit Elfi unter dem Arm erschien ich auch dort. Maria sagte: „Ich kann gar nicht glauben, das ich das mache, was wollen wir hier?“ Da schlug es von der nahen Kirchturmuhr Mitternacht und Elfi begann sich in meinem Arm zu regen. Marias Augen wurden kugelrund. „Harald“, rief Elfi kläglich, aber so laut sie konnte und Harald brüllte zurück, wie nur Hirsche brüllen können. Mit Schreck geweiteten Augen nestelte Maria den Schlüssel heraus und wir stürmten hinein. Elfi strebte aus meinem Arm und sprang zu ihrem Mann. Das war eine Freude, sie schmusten und weinten und herzten sich. Maria stand dabei und auch ihr liefen die Tränen die Wangen hinunter. „Nimm“, flüsterte sie und drückte mir Harald in den Arm. Glücklich lief ich mit den beiden heim, wo Raika schon auf ihre Eltern wartete, war das eine Freude
© By Gitte