DIE ELFE, DIE
IHRE FLÜGEL VERLOR
Pearl war etwas anders als die anderen Elfen. Normalerweise sind Elfenflügel
fest auf dem Rücken verhaftet, nicht so bei ihr.
Ihre Flügel fielen ab und zu ab und da Pearl immer soviel Gedanken im Kopf
hatte von Märchen, Prinzen und Einhörnern, passte sie nicht richtig auf und
musste oft mal den linken oder rechten Flügel suchen. Weite Strecken fliegen
war auch nicht so ganz ungefährlich. Bisher ging aber immer alles gut.
Eines Abends, (sie war schon in ihrem Walnussbettchen, aber konnte noch nicht
schlafen), hörte sie die Eltern in der Stube reden. Ihre Mutter schien zu
weinen. Neugierig, wie sie war, stand sie auf um zu lauschen.
“Was soll nur aus unserer armen kleinen Pearl werden? Die Leute reden und
zeigen mit dem Finger auf sie. Sie sagen auf unserer Kleinen liegt ein böser
Zauber. Noch nie zuvor gab es eine Elfe, die ihre Flügel verliert",
schluchzte die Mutter.
“Weine nicht, mein Schatz. Vielleicht verliert es sich eines Tages von selbst. Bei
einem bösen Zauber könnte nur eine helfen“, sagte der Vater. „Du meinst doch
wohl nicht die verbannte Kassandra?" antwortete die Mutter entsetzt. „Niemals!
Keiner wagt sich zu ihr." „Du hast Recht, vergessen wir es“, seufzte
Vater.
Pearl hatte genug gehört. Kassandra....ja, sie hatte schon viel von Kassandra
gehört. Das war doch diese Elfe, die verbannt wurde und die vor Jahren mit
Schimpf und Schande aus dem Dorf vertrieben worden war.
Sie hatte es gewagt sich in den Trollprinzen zu verlieben. Beide gingen damals
zur Elfen Oberin und baten um eine Heiratserlaubnis. Man muss wissen, dass die
Elfen und das Trollvolk seit Gedenken verfeindet waren. Das Trollvolk wohnt
weit weg im Herbstlichtwald. Frederik, der Trollprinz machte oft weite
Streifzüge und begegnete so der wunderschönen Kassandra, die gerade im Wald Nektar
sammelte. Die beiden verliebten sich unsterblich in einander.
Die Oberin und das Elfenvolk waren so empört, das sie den Prinzen gefangen nahmen
und ihn zurückführten zu seinem Volk. Nie wieder dürfte er den Zauberwald betreten.
Kassandra wurde verbannt in den dunkelsten Teil des Waldes.
Im Laufe der Zeit und in ihrer Einsamkeit lernte sie die hohe Zauberkunst und
sie wurde eine große Magierin. Keiner traute sich mehr in ihre Nähe aus Angst
vor ihrer Rache.
Als es still wurde
in der Stube und die Eltern zu Bett gingen, schlich sich Pearl hinaus. Sie nahm
ihr Haustier Puck und setzte es auf einen Zweig. Puck war ein Glühwürmchen und
er würde ihr den Weg ausleuchten. So machte sich Pearl auf den Weg durch den
dunklen Zauberwald. Alles wirkte ganz anders als am Tag, die Bäume raschelten
im Wind und es hörte sich an als seufzten sie. Um ihre Angst zu vertreiben
begann sie leise ein Liedchen zu summen. Es wirkte und nun sang sie lauter, bis
sie plötzlich zwei gelbe Lichter in der Dunkelheit bemerkte. „Wer ist denn
da", flüsterte sie verzagt? Dann schickte sie Puck los und der flog zu den
seltsamen Lichtern. "Hach", seufzte Pearl erleichtert, „sie sind es
Madame Eule." Schuhu die Eule nickte mit dem Kopf, dessen Federn schon
grau wurden. „Was machst du hier mitten in der Nacht mein Kind", wollte
die weise Schuhu wissen? „Meine Eltern sind so traurig, weil ich immer wieder
meine Flügel verliere und Mutter meinte vielleicht weiß Kassandra Rat und da
habe ich mich auf den Weg zu ihr gemacht. Kannst du mir den Weg zeigen?
"Aber sicher kann ich das und ich mache noch mehr, ich werde dich
begleiten, von hier oben sehe ich eher wenn uns Gefahr droht, außerdem sehe ich
im Dunkeln besser als du." Mit diesen Worten flog sie nun immer ein kleines
Stück vor Pearl und Puck her. Pearl war froh über die Hilfe der Eule. Es war ja
auch so finster hier. Zu fliegen traute sie sich nicht. Wenn sie ausgerechnet
hier wieder einen Flügel verlieren würde, der wäre hier in der Dunkelheit und
bei den vielen Büschen nie mehr wieder zu finden. Dann wäre alles umsonst
gewesen.
So vergingen endlose Stunden. Pearl wurde langsam müde und auch Puck knurrte
etwas unwirsch. Sie machten eine kurze Rast und Pearl packte die Honigwabe aus.
Puck nahm begeistert ein kleines Stück und leckte genüsslich daran. Madame Eule
lehnte dankend ab. Das war nicht so ihr Geschmack. „Eine Maus wäre mir jetzt
lieber“, meinte sie. Dann ging es weiter. Nach einiger Zeit sahen die Drei ein
schwaches Licht in der Ferne. Pearl wurde ganz aufgeregt, waren sie etwa am
Ziel? Wohnte dort die berühmte, berüchtigte Kassandra? „Schuhu", rief sie
leise, die guten Ohren der alten Eule hörten sie aber doch. „Sind wir am Ziel?
Wohnt dort Kassandra?" „Oh nein mein Kind, so einfach ist der Weg nun doch
nicht, dort wohnt der Räuber Grammichel mit seiner Muhme. Wir wollen leise an
seinem Haus vorbei schleichen, damit er uns nicht bemerkt. Er hat einen sehr
leichten Schlaf, weil er seine geraubten Schätze bewachen muss. Wenn er
aufwacht dann gnade uns Gott." Als sie näher an die Hütte herankamen
ertönte lautes Schnarchen, das aber plötzlich verstummte. Pearl war wie
versteinert. Vorsichtig schaute sie durch das Fenster in das schwach beleuchte
Zimmer.
Grammichel saß
auf seinem Bett und rieb sich die Augen. Dann stand er auf und stapfte mit
wuchtigen Schritten zur Tür. Er riss sie auf und brüllte mit dröhnender Stimme:
„Ist da jemand? Zeig Dich Du Schurke, sonst wird es Dir schlecht ergehen!"
Der kleine Puck fiel vor lauter Schreck vom Ast. Pearl stand wie erstarrt.
Dann fielen ihr die Worte ein, die ihr ihre Großmutter einmal gesagt hatte.
“Hunde, die laut bellen beißen nicht." Pearl nahm allen Mut zusammen und
ging mit zögernden Schritten zur Tür. " Guten Abend, Herr Räuber!" piepste
sie mit zaghafter Stimme. Verblüfft schaute Grammichel hinunter zu dem
reizenden Wesen, das da so unerschrocken vor ihm stand. Er strich sich über
seinen langen grauen Bart und fing dröhnend an zu lachen. „Schau an, wen haben
wir denn da? Ein kleines Trollmädchen." Pearl war empört und stemmte ihre
Hände in die Seiten. „Ich bin kein Troll!! Ich gehöre zum Elfenvolk." Grammichel
lachte noch mehr über dieses kleine empörte Wesen, dem die Zornesröte im
Gesicht stand. „Soso...ein Elfenmädchen!
Und was macht so ein Elfenkind um diese Zeit im tiefsten Wald? Hast Dich wohl
verlaufen?" Pearl fand den lachenden Räuber nun gar nicht mehr so Furcht einflößend
und sie fasste Vertrauen zu ihm. „Bitte, lieber böser Räuber, kannst Du uns
helfen? Wir suchen Kassandra. Ist das noch weit?" „Kassandra sucht ihr? Ja
ja, die gute Kassandra...",murmelte er und ein freundlicher Ausdruck kam
in seine Augen. "Hast du denn gar keine Angst vor ihr? Aber was frag ich,
vor mir hast du ja auch keine Angst", bemerkte er ganz richtig und lachte
dröhnend. "Magst du einen Schnaps, einen Selbstgebrannten" und
genießerisch schnalzte er mit der Zunge. Pearl schaute ganz entgeistert. „Nein,
Schnaps mag ich nicht, wenn du ein Glas Milch hättest das wäre fein."
Verdutzt schaute der Räuber in das kleine, zarte Gesichtchen, das so vertrauensvoll
zu ihm empor sah. „Muhme", brüllte er so laut, das sie kleine Pearl ganz
blass wurde vor Schreck. „Verzeih mir", bat er sogleich, als er in ihre
großen Schreckgeweiteten Augen blickte. „Muhme" rief er noch einmal, aber
dieses Mal viel leiser, worauf die Alte herbei eilte und nach seinem Wunsche
fragte. „Milch", fragte sie fassungslos nach, „du fragst nach Milch?"
„Nicht für mich, für meine kleine Freundin hier", stellte der Räuber klar
und kopfschüttelnd holte die Alte das Gewünschte. Pearl trank und nachdem sie
das Glas abgesetzt hatte zeigte ihre Oberlippe einen kleinen weißen Bart, den
Grammichel ihr lächelnd abwischte. "Was ist nun mit Kassandra",
kannst du uns den Weg zeigen", fragte Pearl nach. „Natürlich",
antwortete der Räuber, „Sie ist eine gute Freundin von mir, als ich einmal in
arger Bedrängnis war hat sie doch tatsächlich dafür gesorgt.... ...das ich
ungeschoren aus der Sache herauskam. Ich hatte damals einen sehr lohnenden
Raubzug...äh...ich meine natürlich Einkauf gemacht. Mit meiner Beute...ähem...Einkäufen
ging ich durch den Wald heimwärts und genehmigte mir einen kleinen Schluck von
meinem köstlichen Selbstgebrannten.
Wie ich da so nichts ahnend laufe bekomme ich doch hinterrücks einen Schlag auf
den Kopf. Da war doch dieser nichtsnutzige Bandit Plotzhotz mit seinem
Gesindel. Wollte mir meinen Schatz...Beute stehlen. Nun ja, ich war an dem Tag
nicht gut drauf. Es waren zwar nur zwanzig Gegner, aber wie gesagt, ich hatte
einen schlechten Tag. Bevor dieses elende Gesindel sich aus dem Staub machen
konnte, stand da plötzlich Kassandra und schwang ihren Zauberstab. Die Kerle
verfielen alle in eine Starre und ich holte mir meine ähm.. Einkäufe zurück. Kassandra
und ich sind schon lange gute Freunde. Als sie damals von Eurem Volk vertrieben
wurde, half ich ihr ein Haus zu bauen, in dem sie jetzt noch wohnt. Mehrere
Heiratsanträge hab ich ihr schon gemacht, aber sie hat ja immer noch ihren
Trollprinz Frederik im Kopf."
Grammichel seufzte. „Nichts zu machen. Wo die Liebe hinfällt...und wenn es ein
Troll ist" „Es ist noch ein gutes Stück. Immer geradeaus und an der vom
Blitz gespalteten alten Eiche rechts. Dann weiter geradeaus bis ein See auf der
Lichtung erscheint. Auf der anderen Seite des Sees ist das Haus. Um dorthin zu
kommen muss man das Ruderboot, das am Ufer befestigt ist, benutzen. Aber
Vorsicht!! Im See haust ein unangenehmer Geselle. Immer schön leise sein beim
Ruderschlag. Dann wünsche ich Euch viel Glück und bestellt der guten Kassandra
herzliche Grüße von ihrem alten Verehrer." „Ach die arme Kleine",
jammerte die Muhme nun los, die bisher nur still zugehört hatte und mit diesen
Worten stürmte sie auf ihren Enkel zu und verpasste ihm eine Kopfnuss sie ihn
aufstöhnen ließ. „Hast du denn überhaupt keine Manieren, hab ich dir denn gar
nichts beigebracht? Du, ein Baum von einem Mann lässt diese kleine zarte Elfe
allein durch den dunklen Wald gehen, schäm dich. Zieh dir deine Stiefel an und
begleite sie. Rudern hä? Wie soll dieser Zwerg denn das schaffen?" Mit
offenem Mund hatte Pearl dem Ausbruch der Alten zugehört, die nun dem Räuber
den Rücken zuwendete und nun ein Grinsen im Gesicht trug und Pearl ein Auge
zukniff. Puck war vor Schreck fast vom Fensterbrett gefallen als die Alte
losschimpfte und atmete nun erleichtert aus, nachdem er den Blick aufgefangen
hatte den die Alte Pearl zuwarf. Verdutzt und ohne ein Wort der Gegenrede zog
Grammichel seine Stiefel an. „Da hätte ich auch selbst drauf kommen
können", murmelte er in seinen Bart und so zog die ungleiche Truppe los.
Schuhu flog
voran, gefolgt von Pearl mit Puck, der hin und wieder einen misstrauischen
Blick auf Grammichel warf, der den Schluss bildete und sich ab und zu einen
Schluck aus seiner Flasche mit Selbstgebranntem genehmigte.
So ging die kleine Schar einige Zeit dahin, bis endlich die gespaltene Eiche
auftauchte. „Nun rechts!" brüllte Grammichel so laut, dass Puck fast
wieder das Gleichgewicht verlor und Pearl zusammenzuckte. Der Mond tauchte
hinter den Wolken hervor und beschien den Weg in sanftes Licht. Schuhu flatterte
herbei. „Ich kann den See schon sehen. Es ist nicht mehr weit". Und
tatsächlich, nach kurzer Zeit erreichten sie das Ufer des im Mondlicht
glitzernden Sees. Grammichel flüsterte ungewohnt: „So, nun seid schon leise, damit uns das Ding
im See nicht hört. Da vorne ist das Boot. „Misstrauisch betrachtete Pearl den
alten Kahn, der nun nicht gerade besonders seefest aussah. Vorsichtig
kletterten sie hinein und Grammichel ergriff die morschen Ruder. „Das Ding hat
auch schon bessere Zeiten gesehen“, grummelte er in seinen Bart.
Er setzte die kleine zarte Pearl behutsam hinein, dann spuckte er in seine
Hände und ruderte los, während die Kleine sich ängstlich an ihrem Sitz
festklammerte. Puck flog nun neben Schuhu und flüsterte ihr ins Ohr: „Gut das
wir Flügel haben." Schuhu stieß ihn mit ihrem Flügel ein wenig zur Seite.
„Sie blenden mich mein Lieber." „Verzeihung", murmelte Puck und flog
beleidigt einige Meter neben ihr, sorgsam auf Abstand bedacht. Grammichel ruderte was das Zeug hielt und auf
seiner Stirne glitzerten Schweißperlen. Er ächzte und schnaufte. „Wollten wir
nicht leise sein", flüsterte Pearl. „Ach was, soll das Ungeheuer kommen,
mit dem werde ich auch noch fertig", polterte er durch den Schnapsgenus
mutig geworden los.
Plötzlich
brodelte der See und ganz in ihrer Nähe tauchte ein dunkler Schatten auf. Ein
riesiger schuppiger Kopf erhob sich aus den Fluten. Rote Augen starrten die
Ankömmlinge an. „Was wollt Ihr hier, Eindringlinge?", grollte es tief aus
dem riesigen Maul. Enorme Zähne blinkten und leichter Rauch kam aus den Nüstern
des Seeungeheuers. „Meine Herrin will nicht gestört werden!" „Ich bin es, Grammichel.
Du kennst mich. Ich hab das Haus Deiner Herrin gebaut. Lass uns durch. Wir
müssen dringend zu Kassandra", donnerte der Räuber mit lauter Stimme. „Stimmt,
ich kenne Dich. Das war Dein Glück. Ich habe damals von den Elfen den Auftrag
erhalten, diesen Trollprinzen Frederik niemals zu Kassandra zu lassen, sondern
ihn sofort mit Haut und Haaren zu verschlingen." „So ist das also, du
machst dich mitschuldig, verhinderst eine Liebe, die vielleicht zur Versöhnung
der beiden Völker geführt hätte, sag mal schämst du dich eigentlich nicht? Auch
die Elfen müssten sich schämen, sie sind Lichtwesen und zu solch einer
Gemeinheit fähig? Warum hat man der Liebe keine Chance gelassen und Frederik
geprüft ob er es ernst meint?" Pearl hatte mit offenem Mund der langen
klugen Rede des Grammichel gelauscht und dachte darüber nach, auch das
Ungeheuer war still geworden, dann allerdings schnaubte es. „Kassandra, immer
nur Kassandra und Frederic und was ist mit mir? hat jemals einer an mich
gedacht? Habe ich nicht auch eine Liebe verdient und eine Gefährtin?“ Nun war
es an dem Räuber in sich zu gehen. Nachdenklich strich er seinen Bart, war das
die Lösung? Er würde auf alle Fälle mit Kassandra darüber reden. Das Ungeheuer
tauchte ab und Grammichel ruderte ans andere Ufer, wo sich schon Kassandras
Haus aus der beginnenden Dämmerung schälte.
Schuhu und Puck
warteten schon am Ufer. Mit zögernden Schritten ging Pearl auf das Haus zu. So
hatte sie es sich nicht vorgestellt. Von den Erzählungen der Elfen her dachte
sie, das die "böse" Kassandra in einer gruseligen Umgebung wohnt in
der nur Dunkelheit und Schrecken herrscht. Aber hier sah es gar nicht so aus. Da
stand ein schönes weiß gestrichenes Haus mit einem roten Dach. So langsam
begann die Sonne aufzugehen und Pearl konnte viele bunte Blumen sehen in dem
entzückenden Vorgarten. Die Vögel zwitscherten und eine Katze streifte vor dem
Haus herum. Alles machte einen freundlichen und gemütlichen Eindruck.
Pearl kam gerade der Gedanke an ihre Eltern, die sich wohl schreckliche Sorgen
um sie machen würden, als plötzlich die Tür aufging und Kassandra heraustrat.
Pearl sperrte Mund und Nase auf und betrachtete die schöne Elfe verblüfft. Sie
konnte nun Frederik gut verstehen, dass er sich in dieses Zauberwesen verliebt
hatte. Lächelnd schwebte Kassandra heran und Pearl blickte in die herrlichsten
violettfarbenen Augen die sie je gesehen hatte, Das Kleid hatte den gleichen
Ton und war ein hauchfeines Gespinst, das sie bei jeder Bewegung in eine zarte
Wolke verwandelte. Die Flügel waren ebenfalls hauchzart und schimmerten in den
hellen Farben des Regenbogens. Silberfarbenes feines Haar umfloss die ganze
feine Gestalt. „Na mein Kind, hat endlich ein Elfenwesen den Weg in meine Abgeschiedenheit
gefunden", fragte sie freundlich und reichte Pearl ihre Hand. „Mich habt
ihr wohl total vergessen", rumpelte Grammichel dazwischen, was Kassandra
ein Lächeln entlockte. "Aber nein mein Freund, du bekommst schon noch dein
geliebtes Met, das ist es doch nachdem du so verlangst stimmt es nicht?"
Grammichel kratzte sich hinterm Ohr und wurde rot. „Du kennst mich einfach zu
gut", nuschelte er und stürmte allen voran in das Haus. Als alle Platz
genommen hatten und Kassandra für ihre Gäste Erfrischungen bereitgestellt hatte
bat sie Pearl: „So nun berichte bitte einmal warum du zu mir gekommen bist?“ Pearl
nahm einen Schluck von dem köstlichen Nektargetränk und erzählte ihre
Geschichte. Das sie ständig ihre Flügel verlor, das die anderen Elfenkinder
über sie lachten und mit dem Finger auf sie zeigten. Doch am schlimmsten war, dass
die Eltern darüber so traurig waren.
Während sie erzählte rollten glitzernde Tränen ihre Wangen hinunter.
Mitfühlend schaute Kassandra sie an und streichelte ihre Wange. „Du bist was
ganz besonderes, kleine Pearl. Also weine nicht mehr. Ich werde Dir helfen.
Allerdings ist dafür ein großer Zauber nötig und dafür brauche ich die Blüten
der Herbstlichtrose."
„Kein
Problem", dröhnte Grammichel," Wo ist dieses Gewächs? Ich hol es
sofort."
“So einfach ist es nicht." antwortete Kassandra betrübt. „Diese Blume
wächst nur im Herbstlichtwald, dort wo die Trolle wohnen. Mir ist es leider
verwehrt diesen Ort zu betreten." „Ha der Troll soll nur kommen, der sich
mit dem alten Grammichel anlegt", sprach der Räuber und wendete ich zum
Gehen. „Halt nicht so schnell, ich komme mit", Pearl rannte hinterher. „Du
bist zu klein, das kann gefährlich werden", wehrte der Räuber ab. „Es sind
meine Flügel und ich war auch nicht zu klein in der Nacht mich auf den Weg zu
machen, um das Problem zu lösen. Grammichel blickte auf die kleine energische
Person, die sich da vor ihm aufgepflanzt hatte. „Na schön", gab er nach
und brummte „Packen wir es."
Sie ließen sich
von Kassandra den Weg erklären und marschierten los. Puck setzte sich auf den
Hut des Räubers, er brauchte dringend eine Pause. Schuhu indes blieb bei
Kassandra, denn nun war es Tag und man brauchte ihre scharfen Augen nicht.
Weit war der Weg nicht vom Zauber- in den Herbstlichtwald, ganz allmählich
begann der bis dahin grüne Wald sich bunt zu färben, der Herbstlichtwald trug
immer die bunten Farben und bot so den Trolle eine wunderbare Versteckmöglichkeit.
Schweigend waren sie eine Weile gelaufen, als plötzlich ein Troll in ihren Weg
trat.
„Halt! Bleibt
stehen, ihr Eindringlinge! Was wollt Ihr hier!" schrie der Troll und
streckte ihnen eine Lanze entgegen. „Aus dem Weg, du kleiner Wichtel!",
brüllte Grammichel. Oder soll ich Dir Beine machen? Niemand stellt sich einem
Grammichel in den Weg."
“Warte mal", sagte Pearl und hielt den Räuber am Hemdzipfel fest. Mutig
ging sie ein paar Schritte auf den Troll zu. „Wir wollen nichts Böses. Nur eine
Blüte der Herbstlichtrose. Wir brauchen sie dringend für Kassandra." Pearl
erzählte dem Troll in kurzen Worten ihre Geschichte. „Sagt doch gleich, das ihr
von Kassandra kommt", grummelte der Troll. „Sie kann ja unseren Wald nicht
betreten und unser Prinz leidet schon so lange unter seiner unglücklichen
Liebe. Wie gerne würde er sie wieder sehen! Doch wir wissen keine Lösung, wie
wir den Bann der Elfen brechen können. Ich mache Euch einen Vorschlag. Ihr
bekommt so viele Herbstlichtrosen wie ihr wollt, dafür brecht ihr diesen unseligen
Bann, damit die zwei Liebenden endlich zusammenfinden."
“Was könnte den Bann brechen?" fragte Pearl nachdenklich.
„Wenn eine
kleine Elfe freiwillig ihre Flügel opfert, dann ist der Bann gebrochen, aber
welche Elfe würde so ein Opfer bringen?" Traurig blickte der Troll auf
Pearl. „Warte einmal, ich verliere meine Flügel immer und deshalb bin ich zu
Kassandra gegangen um sie zu bitten einen Zauber zu sprechen der die Flügel für
immer auf meinen Rücken bannt. Aber wenn ich es so Recht überlege, ich bin
bisher auch ganz gut ohne Flügel zu Recht gekommen und wenn ich damit einer
großen Liebe helfe, dann opfere ich sie eben." Trotzig nickte Pearl mit
ihrem Köpfchen, obwohl es in ihren Augen verdächtig glitzerte. „Das würdest du
machen?" beeindruckt blickte der Troll sie an. „Komm mit", bat er
dann, ich bringe dich zu unserem König und er führte Grammichel und Pearl zu
einer Höhle. Pearl folgte ihm unter die Erde, doch Grammichel musste draußen
warten, denn für ihn war der Eingang viel zu klein. „Wenn dir jemand was tut,
dann schrei und ich komme, auch wenn ich mich in die Erde buddeln müsste."
Schnell drückte Pearl ihm ein Küsschen auf die stoppelige Wange und dann folgte
sie dem Troll. Der Gang war ziemlich dunkel, nur ab und zu von einer Fackel
erhellt. Schließlich endete er an einer Tür, die mit dem königlichen Zeichen
verziert war. Der Troll klopfte und sie traten ein.
Pearl sah eine
große Halle, die von einem Kristallleuchter erhellt wurde. Felle lagen auf dem
Boden und im Kamin knisterte ein Feuer. Frederic kam ihnen entgegen. Pearl erkannte
ihn an seinem königlichen Gewand. Sie war beeindruckt." Der sieht aber
schön aus. Sogar nicht wie ein Troll" ,dachte sie. Frederik schaute sie
mit schönen braunen, aber auch sehr traurigen Augen an. Dann küsste er ihre
Hand, du bist diejenige, die für uns ein solch großes Opfer bringen will",
fragte er ungläubig. Pearl wehrte ab. „Was ist das schon, ich weiß gar nicht
wie das ist funktionierende Flügel zu haben." Frederic klatsche in seine
Hände und ein Diener brachte auf einem silbernen Tablett einige Blumen, wunderschön
und betörend duftend. „Das sind Herbstlichtrosen", erklärte er. „Wenn es
dir Recht ist gehen wir nun zu Kassandra und berichten ihr was du
vorhast." Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Ein Troll trug die
Blumen vor ihnen her. Neben Pearl schritt Frederic und Grammichel lief hinter
den Beiden her.
Kassandra konnte
es gar nicht glauben, als sie die drei kommen sah. Sie umarmte Frederic und der
berichtete ihr, dass Pearl bereit war ihre Flügel zu opfern. Kassandra umarmte
die kleine tapfere Elfe. In Pearl stritten Freude und Wehmut.
Dann nahm Kassandra die Herbstlichrosen und sprach:
“Flügel kommt und seit zur Stelle
auf Pearl Rücken blitzschnelle.
Festverwachsen sollt ihr sein
beendet sei nun ihre Pein."
Die Luft flimmerte und es erschienen wie aus den Nichts Pearl Flügel, sie
flogen zu ihren Rücken und dann saugten sie sich fest.
Pearl und Frederik erstarten. „Was hast du getan", riefen sie wie aus
einem Munde. Kassandra lächelte. Die Elfe muss bereit sein ihre Flügel zu
opfern und dass liebe Pearl hast du getan, du hast selbstlos deinen Traum
aufgegeben um unsere Liebe zu retten und damit ist der Bann gebrochen. Nun
wollen wir alle Trolle und Elfen benachrichtigen und wer mag kann kommen und
mit uns ein großes Fest feiern, was meint ihr dazu? Pearl schaute ein wenig
traurig. „Was hast du kleine Pearl, deine Flügel sitzen fest?" „Verzeih
Kassandra, aber ich muss immer an das arme einsame Ungeheuer im See denken, wir
sind alle glücklich, kannst du auch für ihn etwas tun?" „Immer denkst du
an andere, du bist schon eine ganz besondere Elfe", staunte Kassandra und
dann pustete sie etwas Feen Staub in Richtung See.
Das Wasser
schlug Wellen und ein kleiner pitschnasser Elfenjunge erschien. Er ging auf
Pearl zu, die heftig errötete. „Mit Deiner selbstlosen Tat hast Du auch mich
erlöst. Viele Jahrhunderte musste ich als Drachen leben, weil mich eine böse
Fee verhext hatte. Ich danke Dir so sehr!" Mit diesem Worten umarmte er
Pearl, die immer verlegener wurde. Von Kassandra und Frederic beauftragt flogen
die beiden Seite an Seite zuerst ins Elfendorf und dann in den Herbstlichtwald
zu den Trollen und gaben dort bekannt, dass der Trollkönig Frederik die
Elfenzauberin Kassandra heiraten werde. Zögernd machten sich alle nach und nach
auf den Weg. Kassandra und Frederic aber trugen niemandem etwas nach, dazu
waren sie viel zu glücklich. So wich die anfängliche Beklemmung schnell und man
feierte im Elfenwald ein Fest, von dem lange gesprochen wurde.
By Gitte und
Evelin Stiewe