Die Familie!
Es war 1958 und ich war
gerade mal sechs Jahre alt, als es mir zum ersten Mal auffiel, das seltsame
Dinge in der Familie meines Vaters vor sich gingen. Die Männer saßen in der
Küche meiner Großeltern, die ein Häuschen mitten im Wald bewohnten am Tisch.
Die Frauen trafen sich bei einer Tante und ich war bei den Männern geblieben.
Die Stimmung war seltsam gespannt. Außer meinem Vater waren mein Großvater
Anton da und Vaters Brüder Willy und Josef, genannt Jupp. Wie immer lag ich
halb unter dem großen Herd und spielte mit dem Jagdhund Terry. Man unterhielt
sich leise und ich hörte nur Gesprächsfetzen, es interessierte mich auch nicht
sonderlich, bis ich einen seltsamen Satz vernahm. „Was machen wir mit der
Kleinen“, hatte mein Onkel Willy gefragt. „Die müssen wir wohl mitnehmen“,
seufzte mein Vater. „Auf keinen Fall“, wurde Onkel Willy etwas lauter, schaute
aber gleich besorgt in meine Richtung. Mein Herz klopfte laut, aber ich
schaffte es mich weiter mit Terry zu beschäftigen und so zu wirken, als sei ich
völlig in mein Spiel versunken. Eine Weile war es still. „Wir können sie
unmöglich hier allein lassen“, meinte Vater. „Außerdem, was ist wenn sie das
den Frauen erzählt?“ Sie brüteten eine Weile vor sich hin. „Nun denn“, ergriff
Onkel Willy das Wort und rief mich. Zuerst reagierte ich nicht, dann hob ich
meinen Kopf und antwortete ihm. „Hör mal, wir haben heute so eine herrliche
Nacht, es ist ein wundervoller Sternenhimmel draußen und deshalb haben wir uns
mit Freunden verabredet, magst du mitkommen, oder willst du lieber hier
bleiben?“ „Au ja“, freute ich mich und klatschte in die Hände. Wir zogen unsere
Mäntel an, denn es war Winter und bitterkalt.
Sie nahmen mich in ihre Mitte
und gemeinsam mit den vier Männern trat ich aus dem Haus. Die Luft war klar,
kalt und eisig. Mein Onkel hatte Recht gehabt, die Sterne glitzerten herrlich
am Himmel. Vater nahm mich an seine Hand und dann liefen wir los, Richtung
Wald. Schon begann ich mich zu wundern, im Wald würden wir doch keine Sterne
sehen können, sehr merkwürdig das Ganze, instinktiv beschloss ich aber zu
schweigen. Plötzlich bogen wir links ab und liefen über die kleine Brücke, die
die Gleise der alten Zechenbahn überspannte die längst nicht mehr fuhr. Es war
sehr dunkel. Hinter der Brücke befand sich ein großer Aschebestreuter Parkplatz
und auf dem wartete ein Kleinbus der Marke VW. Rrrrrrrrrrritsch tönte es und
die seitliche Schiebetüre wurde geöffnet. Man bemerke nur einen feurigen Punkt,
wer immer da ausgestiegen war, er hielt eine Zigarette in seiner Hand. „Seid
ihr verrückt geworden, was soll die Göre hier“, fauchte eine Männerstimme. „Es
ging nicht anders, sie wird uns nicht stören“, beschwichtigte mein Großvater. Er
schob mich in den Wagen auf die hinterste Sitzbank. Die Männer saßen auf der
davor. Sogleich steckten sie die Köpfe zusammen und so sehr ich auch lauschte,
ich verstand sehr wenig. Nur das man meine Großvater scheinbar respektvoll als
Patrone Toni und meinen Onkel als Big Willy anredete. Trotz der Aufregung
schläferten mich die Wärme in dem Auto und die Dunkelheit ein. Mein Kopf fiel
gegen die beschlagenen Scheiben und ich döste ein. Irgendwann rüttelte jemand
an meiner Schulter und Vater sagte leise „Komm nach Hause.“ Er zog mich
verschlafen aus dem Wagen und trug mich scheinbar heim, denn als ich erwachte
war es hell und ich lag im Bett im Hause meiner Großeltern. Hatte ich das Ganze
nur geträumt? Alles war so weit weg und verschwommen.
In der folgenden Zeit zogen
wir uns fast völlig von diesem Zweig der Familie zurück. Als ich etwa zehn
Jahre alt war erinnere ich mich noch einmal an eine seltsame Begebenheit die
sich bei diesen Großeltern zutrug. Wir waren zu einem Geburtstag dort
eingeladen und plötzlich kamen zwei Polizisten. Sie erzählten uns, dass die
gesamte Familie der Konditorei umgebracht worden sei, bei der mein Cousin
arbeitete. Willyken war der Sohn vom großen Willy und hatte Konditor gelernt.
Man hatte die Familie in der Nacht überfallen und ausgeraubt. Nun erkundigte
man sich, ob jemand von uns einen Trommelrevolver besaß. „Na klar“, tönte ich,
„mein Opa ist doch Jäger, der hat viele Gewehre und Revolver.“ Vater trat mich
unterm Tisch gegen das Bein. „Die Kleine hat eine rege Fantasie“, sagte er den
Beamten mit rotem Kopf. Misstrauisch blickten sie uns an. Ich hatte keine
Ahnung was ich Falsches gesagt hatte, jeder der Familie wusste dass Opa ein
ganzes Waffenarsenal auf dem Speicher hatte, den zu betreten man uns Kinder mit
der Androhung drakonischer Strafen verboten hatte. Die Polizei war nicht
überzeugt, das konnte ich sehen, aber beweisen konnten sie auch nichts und so
zogen sie sich mit der Drohung „Wir kommen wieder“, zurück. Als sie fort waren
fragte ich meinen Vater was ich denn Falsches gesagt habe und er erklärte mir,
das Opa auf der Zeche gearbeitet hatte und erst nach seiner Pensionierung zu
Wildern begonnen habe. „Das darf niemand wissen“, schärfte er mir ein, „sonst
muss er ins Gefängnis.“ Eine richtige Beziehung hatte ich zwar nicht zu ihm,
aber ins Gefängnis wollte ich Opa Anton auch nicht bringen. Wieder vergingen
Jahre, in denen wir nicht mehr dorthin fuhren. Dann starb Opa ganz plötzlich
und da wir keinen großen Kontakt hatten besuchte ich am Tage seiner Beerdigung
die Schule wie an jedem anderen Tag auch. Auf meiner Konfirmation sah ich Oma
noch einmal wieder und kurz darauf starb auch sie. Ab und zu kam uns mal einer
der Onkels besuchen, aber das war eher selten, der Kontakt schlief nun fast
völlig ein.
Einige Monate später, ich
arbeite bereits als Verkaufslehrling, lernte ich Reiner kennen. Mit meiner ehemaligen
Schulkollegin die ebenfalls eine solche Lehre im Nachbar Geschäft begonnen
hatte, war ich an einem Sonntagnachmittag in eine Kneipe zum Kickern gegangen.
Das Wetter war schlecht und der Aufenthalt draußen machte keinen Spaß. Wir
kamen uns furchtbar Erwachsen vor. An der Theke lehnte ein Mann der
außergewöhnlich gut aussah. Er war schlank, groß gewachsen und trug leicht
gewelltes etwas längeres schwarzes Haar. Sein Teint war gebräunt und wenn er
uns anlächelte sah man ebenmäßige weiße Zähne. Seine Hände die das Glas hielten
waren gepflegt und schlank. Wir waren beide hin und weg, obgleich sich keine
von uns Chancen ausmalte, denn er war sicher einige Jahre älter als wir, kein
Junge, sondern schon ein Mann. Nach einer Weile setzten wir uns und plötzlich
wurde Elvira völlig aufgeregt. „Er kommt“, flüsterte sie. „Dreh dich bloß nicht
um, er kommt zu uns.“ „Sicher geht er heim“, dämpfte ich sie, denn wir saßen
neben der Türe. „Darf ich mich zu den Damen setzen“, ertönte eine dunkle weiche
Stimme plötzlich hinter mir, die mir eine Gänsehaut auf die Arme zauberte?
„Bitte sehr, weder Tische noch Stühle gehören uns“, antwortete ich äußerlich
gelassen, ich ärgerte mich. Elvira war hübscher als ich und sie war mehr als
nur interessiert, das merkte man sofort. Er verbeugte sich und stellte sich
vor. „Reiner Merker ist mein Name, darf ich mich für ihre Freundlichkeit mit
einem Getränk revangieren?“ Elvira warf sich in die Brust. „Gerne, ich möchte
einen Whisky Cola“, bat sie. Das sie immer gleich so übertreiben musste. Reiner
lächelte. „Und sie“, wendete er sich am mich? Eine Cola reicht mir völlig“,
antwortete ich. Reiner zog ein Zigarettenpäckchen heraus. „Darf ich, oder stört
es sie“, fragte er höflich. Wir verneinten und er bot uns auch eine an. Es war eine
filterlose Marke und ich lehnte dankend ab. Elvira nahm eine. Kaum hatte sie
einen Zug genommen als sie heftig zu Husten begann. Schadenfroh lachte ich, was
sie mit einem bösen Blick quittierte. Sie redete und redete und irgendwann
verabschiedete sie sich. Auffordernd blickte sie Reiner an, sie erwartete
scheinbar dass er sich anbot sie zu begleiten. Er jedoch stand auf und reichte
ihr mit einer angedeuteten Verbeugung die Hand. Sie war völlig perplex, aber da
sie sich keine Blöße geben wollte ging sie, nicht ohne mir einen vernichtenden
Blick zuzuwerfen. „Ihre Freundin redet sehr viel“, lächelte er mich an und ich
grinste verstehend. Eine Zeitlang
unterhielten wir uns noch, er erzählte mir, dass er aus Duisburg komme und sich
an der Folkwankschule um ein Studium bemühe. Als ich ihn nach seinem Alter
fragte erfuhr ich, dass er bereits einundzwanzig war, was wollte er von Mädels
die gerade der Schulbank entwachsen waren? Als ich mich verabschiedete bat er
darum mich begleiten zu dürfen. Plaudernd ließ ich mich zu meinem Großeltern
bringen, dort warteten meine Eltern auf mich. Natürlich war ich stolz, das ein
solcher Mann sich scheinbar für mich interessierte, aber auch wachsam. Als ich
mich verabschiedete bat er mich um ein Wiedersehen.
Am nächsten Morgen traf ich
in der Post, wo wir Lehrlinge die Pakete für unsere Firmen abholten, eine übel
gelaunte Elvira. „Du hast dich ja vielleicht an ihn herangemacht, das war ja
mehr als peinlich“, meinte sie böse. „Neidisch“ wollte ich wissen? Sie lachte
ein wenig zu schrill und ließ mich stehen. Schulter zuckend ging ich meiner
Wege. In der folgenden Zeit traf ich
mich sehr oft mit Reiner, wir begannen eine platonische Beziehung, wobei es
mich sehr wunderte, dass er seine Zeit Augenscheinlich gerne mit mir
verbrachte. So langsam lernten wir uns gut kennen, ich wusste, dass er mit
seiner allein stehenden Mutter zusammen lebte, aber ein separates Zimmer über
ihrer Wohnung hatte. Natürlich berichtete ich auch von mir und aus meinem
Leben. Besonders Schade fand er, dass ich zu dem Familienzweig meines Vaters
überhaupt keinen Kontakt mehr hatte. Was ihn betraf wunderten mich schon einige
Sachen. Zum Beispiel, das er manchmal tagelang verschwand, angeblich hatte er
Arbeiten für die Schule zu fertigen und brauchte seine volle Konzentration. Im
geheimen vermutete ich das er eine Freundin hatte, mich damit aber nicht
verletzen wollte. Das fand ich rührend und rücksichtsvoll und wollte ihm eine
goldene Brücke bauen. Vorsichtig lenkte ich das Gespräch in diese Richtung und
erklärte ihm, dass ich es verstünde wenn er in seinem Alter eine Frau für
körperliche Kontakte hatte, solange ich mich noch nicht bereit für eine
sexuelle Bindung fühlte. Es war ihm sichtlich peinlich und so beließ ich es
dabei. Ansonsten verstanden wir uns prächtig, wann immer er Zeit hatte
unternahmen wir viel und hatten unseren Spaß dabei.
An einem besonders heißen
Sommertag suchten wir die Nähe des Wassers und gingen am Baldeneysee spazieren.
Erst brannte die Sonne vom Himmel, aber die Luft war schwer, dann zogen in
Windeseile Wolken auf und der Himmel bedeckte sich. Ein giftiges Schwefelgelb
war in der Luft, die zum Schneiden dick war.
In unser anregendes Gespräch vertieft hatten wir die Veränderung der
Atmosphäre zuerst nicht bemerkt, sondern die leichte Brise begrüßt, die
aufgefrischt war. „Das gibt ein mächtiges Unwetter“, bemerkte Reiner plötzlich,
„lass uns schnell umkehren und irgendwo Schutz suchen.“ Er nahm meine Hand und
wir begannen zu Laufen. Das Ufer war Menschenleer und dann begann der Regen.
Dicke Tropfen fielen herab und dann prasselte es los, in Sekundenschnelle waren wir bis auf die Haut durchnässt. Wir
sahen uns an und mussten lachen. Wie gebadete Katzen wirkten wir.
Dann ging alles furchtbar
schnell, ich sah nur einen Schatten hinter mir, dann bekam ich einen Schlag auf
den Kopf und es wurde schwarz um mich.
Als ich erwachte war es
dunkel. Stöhnend fasste ich an meinem Kopf und fühlte eine große Beule. Je mehr
ich zu mir kam, umso schlimmer kroch die Angst in mir hoch. Wo war ich und was
war geschehen? „Gitte“, hörte ich plötzlich? „Reiner, bist du das“, antwortete
ich erleichtert? „Was ist denn nur geschehen?“ „Ich glaube ich muss dir etwas
erklären“, sagte er. „Student bin ich nur zur Tarnung, ich arbeite für das BKA
und bin auf deine Familie angesetzt.“ Er schwieg. „Du bist was“, fragte ich
nach, das war ja nicht zu glauben. Ein schwaches Licht leuchtete auf, Reiner
hatte sein Feuerzeug angeknipst und verwundert stellten wir fest, dass um uns
herum Waren standen. „Das ist so was wie ein Kiosk, wo sie uns hingeschafft
haben, na klar, der in der Staumauer“, bemerkte er verwundert. „Bitte such nach
Kerzen“, bat er mich. „Ich hab etwas viel Besseres“, gab ich zur Antwort und
knipste das Licht an, denn neben dem Eingang hatte ich einen Schalter entdeckt.
„Ich warte auf eine Erklärung“, begann ich das Gespräch erneut und sah ihn
auffordernd an. „Das ist doch wohl das hinterletzte, du machst mir den Hof um
meine Familie auszuspionieren?“ „Bitte, ich verstehe das du wütend bist, aber
das ist jetzt nicht der richtige Moment“, erinnerte Reiner mich an unsere Lage.
„Wir müssen hier raus.“ „Das kannst du vergessen“, glaubte ich, „bei dem Wetter
ist hier kein Mensch.“ „Lass es uns trotzdem versuchen“, bat er mich. Wer
aufgibt hat verloren.“ Zweifelnd sah ich ihn an, begann dann aber doch gegen
die Eisentüre zu hämmern und zu rufen. Reiner beteiligte sich und wir machten
einen Höllenlärm. „Das bringt doch nichts“, gab ich auf. „Pst“, machte Reiner,
hör mal. „Ist da jemand“, tönte eine weibliche Stimme zu uns herein? „Bitte
rufen sie die Polizei“, man hält uns hier gefangen“, bat Reiner die Unbekannte.
„Bin unterwegs“, hörten wir, dann setzten wir uns hin und warteten. Was ist das
für eine Geschichte“, begann ich, denn nun wollte ich die Wahrheit wissen. „Erinnerst
du dich an den Raubmord an der Konditorfamilie“, fragte Reiner und ich nickte.
„Seit damals beobachten wir deine Familie, sie scheint eine Organisation zu
sein, die für etliche Verbrechen zuständig ist. „Nur darum hast du dich an mich
herangemacht“, fragte ich traurig? Er senkte beschämt seinen Blick. „Am Anfang
schon, aber mit der Zeit habe ich dich wirklich lieb gewonnen, kannst du dir
vorstellen, das wir noch einmal von vorn beginnen, wenn das hier vorbei ist?“
„Hör mal“, sagte ich aufgeregt. Vor dem Kiosk war ein Wagen vorgefahren und
dann wurde die Türe aufgerissen. Statt der ersehnten Polizei stand allerdings
mein Onkel Willy da, er hatte eine Zigarette im Mundwinkel und lachte schäbig.
„Na du Schnüffler, du hättest deine Nase nicht in unsere Angelegenheiten
stecken sollen, das ist sehr ungesund.“ Das konnte ich kaum glauben. „Reiner
hatte also Recht, ihr seid Verbrecher“, bemerkte ich und wieder lachte er
gehässig. „Reiche Verbrecher du Rotzgöre“, antwortete er. „Hände hoch“, erklang
es plötzlich hinter ihm. Unbemerkt hatte sich die Polizei genähert, die unsere
bis dahin noch unbekannte Retterin gerufen hatte. So kam alles doch noch zu
einem guten Ende. Onkel Willy bekam seine Strafe, ich heiratete Jahre später
meinen Kommissar und das nette Mädel, das uns befreit hatte wurde meine
Cousine, denn als ich ihr meinen Cousin vorstellte funkte es sogleich zwischen
ihnen. Ach ja wie Susi in diesem Wetter dorthin kam wollt ihr sicher noch
wissen? Sie arbeitete bei der weißen Flotte und das Schiff hatte gerade
angelegt, sie war auf dem Weg zur Bushaltestelle gewesen als sie uns schreien
hörte, Zur rechten Zeit am rechten Ort.
©By Gitte