Die Flaschenpost!
Als Kinder vor fast fünfzig Jahren spielte ich bei meinen Großeltern oft mit meiner Cousine Martina, die ebenfalls dort zu Besuch war. Meine Großeltern wohnten mitten im Wald und wir verfügten über viel Fantasie. Eines Tages spielten wir an der Hesper, einem kleinen Bach der unweit des Hauses dahin plätscherte. Wir saßen im Sonnenschein und fertigten kleine Papierschiffchen, denen wir zusahen wie sie schaukelnd ein Stück weit schwammen. „Was meinst du Tina, wenn wir eine Flaschenpost auf die Reise schicken, wie weit mag sie wohl kommen“, wollte ich wissen? Tina überlegte, „Wenn die Hesper genug Wasser hat sicher bis nach Amerika“, dachte sie laut. „Aber wer will schon Post von zwei kleinen Mädchen haben?“ „Wir können ja für jemand anderen schreiben“, spann ich den Faden weiter, „zum Beispiel für Tante Marianne.“ Nachdenklich blickte Tina mich an. „Das wäre was, au ja wir besorgen Tante Marianne einen Mann.“ Tante Marianne war unsere gemeinsame Lieblingstante, sie war sehr hübsch und ihre braunen sanften Augen blickten oft so verträumt in die Welt. Wir würden ihr zu ihrem Glück verhelfen, sie wusste es nur noch nicht, die Flasche würde nach Amerika schwimmen und jeder weiß ja nun, dass dort fast jeder ein Millionär ist. Schnell liefen wir zur Großmutter und baten um Stift und Papier, zudem eine Flasche Saft als Proviant. Wir bekamen beides und setzten uns damit in die Laube. „Schreib du“ bat Tina, denn ich war zwei Jahre älter als sie und etwas geübter mit meinen acht Jahren. „Lieber Fremder“, begann ich. Tinas Augen funkelten. „Das ist gut“, fand sie, schreib weiter „ich bin ein schönes Mädchen“, forderte sie mich auf. „Lieber Frau und man schreibt nicht dass man schön ist, Eigenlob stinkt.“ Es wurde still, wir beide waren mit unseren Gedanken bei der schweren Aufgabe. Plötzlich sprang Tina auf. „Halt wo willst du hin“, wollte ich wissen. „Komm gleich wieder“, rief sie über die Schulter zurück. Seufzend machte ich mich an die Arbeit. Zum Schluss las ich alles noch einmal durch und war zufrieden.
Lieber Fremder, stand dort. Wer wird diese Zeilen in den Händen halten? Mein Name ist Marianne und ich wohne mit meinen Eltern tief im Wald. Daher habe ich auch sehr wenige Freunde. Vielleicht bist du auch einsam und hast Lust mich kennen zu lernen, ich lese sehr gerne und kochen kann ich auch, außerdem mag ich Kinder und wünsche mir einige. Kommst du mich besuchen? Mein Name ist:
Marianne Winter
Am Roland 50
Essen-Heidhausen
Hüpfend kam Tina wieder und schwenkte triumphierend etwas in ihrer Hand. „Die ganze Arbeit lässt du mich allein machen“, beschwerte ich mich. „Schmoll nicht“, bat Tina, „guck mal was ich hier habe und mit diesen Worten reichte sie mir ein wunderschönes Bild von Tante Marianne. „Das hat doch der Fotograf gemacht, das dürfen wir nicht, sie wird es vermissen.“ „Dann ist es eben weg, es ist ja für einen guten Zweck, wenn sie erst einen Millionär kennen gelernt hat kann sie jeden Tag den Fotografen kommen lassen und sie wird uns dankbar sein“, kicherte Tina. „Recht hast du“, beschloss ich und wir rollten das Bild in den Brief ein und schoben es in die leere Flasche. „Wir müssen sie versiegeln“, wusste ich. „Wie macht man das“, wollte Tina wissen. „Wir brauchen eine Kerze und Streichhölzer“, klärte ich sie auf. „Das wird schwer“, Tina seufzte. „Du weißt ja, wir dürfen nicht mit Feuer spielen.“ „Ach was, du besorgst die Kerze und ich die Hölzer“, ordnete ich an, wir machten uns getrennt auf die Suche. Streichhölzer lagen im Wohnzimmer, ich steckte die Schachtel in meine Tasche und wartete vor der Türe auf Tina. Gut dass die Erwachsenen beschäftigt waren, als sie auftauchte, sah man ihr das schlechte Gewissen an der Nasenspitze an. Wir schlichen zum Wald und schlugen uns einige Schritte weit ins Unterholz. Dort reichte sie mir einen Kerzenstummel. „Der steckte in einem Leuchter auf Tante Mariannes Kommode“ berichtete sie, „sicher schreibt sie im Kerzenlicht Liebesbriefe.“ Wir kicherten. „Bald braucht sie das nicht mehr“, glaubte ich und zündete die Kerze an. Achtlos warf ich das abgebrannte Hölzchen beiseite. Die Kerze hielt ich schräg über den Korken der Flasche und ließ das heiße Wachs darauf tropfen. „Au“, ein Tropfen war daneben auf meine Hand gefallen und das tat sehr weh. „Pssssssssssssssssst“, mahnte Tina, „sie erwischen uns noch.“ Erschrocken gingen wir in die Hocke, aber alles blieb still. „Da“ stieß ich plötzlich hervor und zeigte auf eine Stelle neben uns. Eine kleine Rauchsäule stieg unweit von uns aus dem trockenen Waldboden auf. Tina rannte hin und trampelte darauf herum. „Puh, das ist noch einmal gut gegangen, beinahe hätten wir einen Waldbrand gelegt.“ Mit denkbar schlechtem Gewissen schlichen wir heim und ich versteckte die Flasche im Bettkasten meiner Schlafcouch. Nun begann das große Warten. Der Sommer wollte in diesem Jahr nicht zu Ende gehen und wir brauchten doch dringend Hochwasser in der Hesper, wie sonst sollte unsere Flasche auf eine weite Reise gehen? Überaus träge schlich das Jahr dahin und hatten wir bisher die Sommertage im Wald genossen, konnten wir es in diesem Jahr nicht erwarten, bis die kalten nassen Herbsttage begannen und dann endlich war es soweit. Nachdem es einige Tage fast ununterbrochen geregnet hatte, war die seichte Hesper zu einem kleine reißenden Fluss angeschwollen. An diesem Tage kramten wir die Flasche hervor und machten uns auf den Weg. Über den feuchten Lehm rutschten wir ans Ufer und setzten die Flasche vorsichtig in die Fluten. Sie wurde augenblicklich aufgenommen und dahin gerissen. Mit weit aufgerissenen Augen blickten wir ihr nach und flüsterten: „Gute Reise.“ In der ersten Zeit warteten wir aufgeregt, doch je mehr Zeit verstrich, um so weniger dachten wir an die Flaschenpost.
Die Flasche indes war nicht weit gekommen, während wir sie schon in fremden Länder wähnten, steckte sie unweit vom Hause unserer Großeltern in einem Strauch in der Nähe der Zeche Pörtinssiepen fest. Dort verbrachte sie den ganzen Winter. An einem heißen Frühsommertag im folgenden Jahr setzte sich ein Bergmann an das Ufer, er zog seine schweren Schuhe aus und ließ die Füße im erfrischenden Wasser baumeln. „Was ist denn das“, fragte er sich und bemerkte die Flasche in dem Gestrüpp. Er watete einige Schritte durch das Wasser und befreite sie, dann nahm sie mit zu seinem Platz und entkorkte sie mit seinem Taschenmesser. Schmunzelnd las er den Brief. Er küsste das Bild und meinte: „Schade, das kommt einige Jahre zu spät“, dabei dachte er lächelnd an seine hübsche junge Frau und seine drei reizenden Kinder. Aber ich werde dem Schicksal auf die Sprünge helfen, beschloss er und steckte die Flasche ein. Zu Hause zeigte er seiner Frau den Fund, gemeinsam versiegelten sie die Flasche wieder und der Mann nahm sie am anderen Tag wieder mit, auf dem Weg zur Zeche kam er an der Ruhr vorbei und schickte sie dort erneut auf die Reise.
Die Wellen trugen die Flasche in munterem Spiel auf und ab. Bis nach Duisburg ging die Reise und dann trugen die Wellen des großen Vater Rheins die Flasche nordwärts, nach Holland. Zwei Monate waren wieder ins Land gezogen und im August wurde sie zum Entzücken des kleinen Sven an den Nordseestrand gespült. Der Kleine krabbelte auf allen vieren zu ihr hin und bestaunte sie. Er kannte nur Flaschen mit leckerem Inhalt und diese war verschlossen. Wütend begann er zu Schreien, bis sich seine Mutter seufzend erhob und nach ihrem Filius sah. Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah und seine wütenden Gebärden, mit denen er die Flasche schüttelte brach sie in schallendes Gelächter aus, was den Vater der kleinen Familie sofort mit der Kamera herbeilockte. Nachdem dieser ein Foto geschossen hatte sahen sich die beiden Erwachsenen die Flasche näher an. Sie nahmen sie mit in ihr Ferienhaus, entkorkten sie und lasen die Botschaft. „Der Film ist voll Gaby“, meinte Jochen der Vater, „Was hältst du davon, wenn wir das Bild von Sven beilegen, dann weiß der Finder, welche Station die Flasche gemacht hat.“ „Das ist eine wunderbare Idee“, fand Gaby und als nach einigen Tagen die Bilder entwickelt waren, gesellte sich der kleine Sven zu der schönen Marianne, nachdem die Flasche wieder versiegelt war ging es erneut auf Reisen.
Immer weiter hinauf in den Norden, an Norwegen vorbei, bis nach Alaska. Es wurde immer kälter und schließlich rutschte sie unter das Eis und da lag sie etliche Jahre. Inzwischen hatte im fernen Deutschland die schöne Marianne geheiratet und ein Mädchen geboren, das sie Marie nannte.
Der kleine Augiak hatte gerade ein Loch in die dicke Eisfläche geschlagen um zu fischen, als er plötzlich eine Flasche entdeckte, deren Hals ihm entgegen nickte. Neugierig griff er mit seinen klobigen Handschuhen danach und es dauerte eine Zeitlang, bis er sie zu Fassen bekam. Als er seinen Schatz endlich in den Händen hielt, eilte er damit zum Iglu seiner Familie. Seine Mutter kochte gerade ein Stück Rentier. Aufgeregt reichte er ihr seinen Fund. Sie begutachtete sie von allen Seiten, aber viel war nicht zu sehen, sie war dick mit Eis überzogen. Sie legten sie beiseite und beschlossen zu warten bis der Vater von der Jagd heimkam. Am Abend war es dann soweit, die Flasche wurde vorsichtig geöffnet und erstaunt betrachtete man den Brief und die beiden Fotos, das der schönen Frau und das des wütenden Jungen. Leider konnten sie den Brief nicht lesen. Augiak steckte alles bis auf das Foto der Frau wieder in die Flasche. Sie gefiel ihm sehr, ob der Junge ihr Kind war, aber warum hatte sie die Fotos in eine Flasche gesteckt und fort geworfen? Sicher war das ein Zauber. Je mehr Augiak darüber nachdachte, umso mehr bekam er Angst. Schließlich schob er auch das Foto wieder in die Flasche und bat seinen Vater diese wieder zu verschließen. Er legte sie zu seinem wenigen Spielzeug und immer wenn er sie sah, beschlich ihn ein unheimliches Gefühl. So vergingen die Jahre und keiner dachte bald mehr an die Flasche. Augiak war erwachsen geworden und hatte geheiratet. Als er seine Sachen zusammen packte, bekam er auch die Flasche in die Hand, er lächelte und beschloss sie wieder dorthin zu bringen, wo er sie gefunden hatte. Es war Sommer und das Eis für eine kurze Zeit getaut, so begab sich die Flasche wieder auf die Reise, die sie in den Golfstrom trieb.
Was Augiak nicht wusste, war das fast zur selben Zeit im fernen Deutschland Mariannes Tochter Marie heiratetet, deren Mutter mit ihrem Bild kurz seinen Lebensweg gekreuzt hatte. Marie hatte ebenfalls ein Mädchen geboren, das sie Sarah nannte.
Die Flasche trieb nun wieder einige Jahre im Meer, Algen setzten sich ab und färbten sie grün. Matrosen entdeckten sie auf ihrer Reise, aber sie widerstand jedem Versuch sie aus den Fluten zu fischen, es schien fast, als hätte sie ein Ziel. Nach sechzehn Jahren landete die Flasche im Hafen von New York. Am Pier stand der junge George. Neben ihm stand eine Reisetasche. Unschlüssig musterte die Schiffe, auf welchen sollte er anheuern? Sein Vater suchte ihn sicher schon. Er war ein einflussreicher und schwerreicher Börsen Makler und wenn er nicht schleunigst verschwand, würden seine Bluthunde ihn finden. George hatte keine Lust in einem der nüchternen Büros zu versauern, er war jung und wollte die Welt kennen lernen. Die reale Welt, nicht die sterile Reagenzglas Welt, die sein Vater ihm bot, George wollte Abenteuer erleben, Menschen hautnah erleben, einer von ihnen sein. Sein Blick wurde durch einen leisen Klang zur Wasseroberfläche gelenkt. Er bemerkte eine alte Flasche, die sanft in den Wellen schaukelte und immer wieder mit einem leisen Geräusch gegen den Pier stieß. George war ein neugieriger Mensch und so lief er zum Wasser und fischte die alte Flasche raus. Er öffnete sie und weil er Fremdsprachen gelernt hatte konnte er den Brief lesen. Als er das Foto betrachtete drängte sich ein anerkennender Pfiff über seine Lippen. Na wenn das kein Wink des Schicksals war. George fragte nun der Reihe nach auf den Schiffen nach und er hatte Glück. Eines der Schiffe hatte eine Ladung, die im Hamburger Hafen gelöscht werden sollte und man suchte noch einen Leicht Matrosen. Er durfte bleiben und am nächsten Morgen begann seine Reise in eine ungewisse Zukunft.
In Hamburg musterte er ab und begab sich auf die Suche nach diesem kleine Ort Essen-Heidhausen. In Essen angekommen, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Er buchte ein Hotelzimmer und rief von dort aus seinen Daddy an. Am Telefon ging ein ziemliches Donnerwetter auf ihn nieder, aber natürlich war sein Vater froh, dass seinem Sohn nichts geschehen war und seine Abenteuerlust konnte er auch verstehen. So gab er letztendlich nachträglich seinen Segen zu der Reise. George speiste und schlief dann wie ein Murmeltier. Am nächsten Tag fuhr er in diesen kleinen Vorort. Er war enttäuscht, zwar fand er eine wunderschöne idyllische Gegend, aber hier war nichts, aber auch gar nichts los und er verstand die einsame Marianne. In einer Gaststätte fragte er nach der Adresse Zum Roland und auf dem Weg dorthin kam er an einem kleinen Bach vorbei. Plötzlich begann sein Herz schneller zu schlagen. Da saß sie. Unverkennbar, die schlanke Figur, die langen nussbraunen Haare, die Augen hingen an der Lektüre eines Buches. Leise kam George näher. „Marianne“, sprach er sie leise an. Sie zuckte erschrocken zusammen und dann sah er in diese melancholischen braunen Augen, die ihn die ganze Fahrt über begleitet hatten. Das Mädchen lächelte und ihr Gesicht wurde durch die kleinen Grübchen in den Wangen noch reizvoller. „Sie kennen meine Großmutter“, fragte sie? „Ihre Großmutter, aber dann wäre die Flasche Jahrzehnte lang unterwegs gewesen“, staunte George und er reichte Sarah den Brief. Als sie ihn gelesen hatte lachte sie laut und fasste nach seiner Hand. „Kommen sie, den müssen wir ihr unbedingt zeigen, sie hat damals so sehr geschimpft mir ihren Nichten. So kam es das unsere Flaschenpost doch noch ihren Sinn bekam, wenn auch zwei Generationen später, die Braut hieß nicht Marianne, sondern Sarah und führte sie weit von zu Hause fort nach Amerika.
© By Gitte