Die Gartenkolonie!

Das erste Mal sah ich die Gartenkolonie 1982. Meine Freundin Margret die im Nebenhaus wohnt fragte mich ob ich nicht im Garten ihrer Mutter helfen wolle. Die Kinder konnte ich mitnehmen und für meine Arbeit sollte ich an der Ernte beteiligt werden. Nur kurz überlegte ich, die Kinder waren an der frischen Luft und frisches Obst und Gemüse war auch nicht zu verachten, so sagte ich zu. Margret holte mich am folgenden Tag um neun Uhr ab. Meine große Tochter war in der Schule und meine Kleine nahm ich mit. Nie hätte ich an diesem kleinen Trampelpfad der von der Marlerstraße abzweigte Gärten vermutet. Margrets Wagen passte soeben darauf und wir rumpelten ihn hinunter. Am Ende hielten wir vor einem großen Maschendrahtzaun, der eine riesige Gartenfläche umrahmte. Margret wiese mir ein Stück zu das mit Kartoffeln bepflanzt werden sollte und zeigte mir wie es ging. Ein Loch ausstechen, dann eine Schaufel Mist hinein, eine halbe Saatkartoffel und zuschütten. Margret nahm sich ein anderes Beet vor. Gegen zwölf Uhr brachte sie mich heim, es wurde Zeit das Mittagessen zuzubereiten. Um fünfzehn Uhr fuhren wir wieder in den Garten und arbeiteten bis siebzehn Uhr. Am anderen Tag hatte ich einen schlimmen Muskelkater, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Täglich ärgerte ich mich in dieser Zeit über meine „Große“. Sie saß Stunden beim Mittagessen  und träumte vor sich hin. Oft mümmelte sie noch wenn Margret schellte und mich und die Kleine abholte. Das Frühjahr ging dahin und die ersten Johannisbeeren reiften. Es gab eine reiche Ernte, doch der Johannisbeeren Fan war ich nicht. Auch später war ich enttäuscht, denn statt der versprochenen Tomaten, Melle und Pflaumen gab es für uns nur Mirabellen, die keiner wollte. So half ich nur dieses eine Jahr, den idyllischen Garten vergaß ich allerdings nicht. Nach einigen Jahren fragte Margret mich ob ich den Garten übernehmen wolle, denn ihre Mutter wolle ihn aufgeben, doch mein Mann arbeitete noch und ich hatte nicht die Zeit dazu, außerdem verfügte ich über kein Fahrzeug und alles dorthin zu schleppen, das wollte ich mir doch nicht antun. Danach vergingen Jahre und ich dachte selten an den Garten, doch er sollte noch mal in mein Leben treten.

 

Miriam saß in der hellen Frühlingssonne und dachte nach. Es war das Jahr 2007. Die letzten Jahre ihres Lebens waren turbulent verlaufen und nun war sie einfach ausgelaugt, sie hatte keine Kraft mehr. Ihre Eltern hatten sie gewarnt und sie hatten Recht gehabt. 2005 hatte alles begonnen. Miriam hatte die Hauptschule beendet, mit Ach und Krach wie man so schön sagt. Sie war jung und sie war sehr hübsch. Sie hatte keinerlei Zweifel, dass das Leben Großes für sie bereithielt. Sehr behütet aufgewachsen sehnte sie sich nach Freiheit und Abenteuer. Ein bitteres Lächeln spielte um ihre Lippen, wenn sie daran dachte wie viel Abenteuer sie in den letzten zwei Jahren geboten bekommen hatte.

 

Markus hatte eines Tages an der Schule gestanden. Er saß auf einem schweren Motorrad und trag eine schwarze Lederjacke. Verwegen sah er aus. Die weiblichen Teenager schmolzen unter dem prüfenden Blick seiner schwarzen Augen dahin. Er suchte sich die Hübscheste aus und das war ohne Zweifel Miriam. Von da an war es um sie geschehen, in ihren Gedanken hatte nur er noch Platz. Eine Woche später machte Miriam ihren Abschluss und Markus überredete sie nun das Leben zu genießen. Er wohnte in einer drei Zimmer Wohnung mit seinen beiden Kindern. Robin war vier Jahre alt und Nina drei. Seine Frau hatte ihn verlassen weil sie es leid war sein Hobby zu finanzieren und in den Tag hinein zu leben. Eine Weile genoss Miriam dieses Leben, sie stellte den Kindern am Morgen Frühstücksflocken hin und stieg dann wieder zu Markus ins Bett, welches sie meist nicht vor der Mittagszeit verließen. Am Nachmittag kamen Markus Kumpel vorbei und irgendjemand hatte mit Sicherheit eine Flasche Schnaps dabei. Miriams Eltern hatte sie rausgeworfen weil sie nicht bereit war sich an ihre Regeln zu halten. Das flotte Leben dauerte allerdings nicht ewig. Es kam der Tag an dem Markus ihr eröffnete, dass sie aus der Wohnung mussten. Er hatte die Miete nicht bezahlt und auf Mahnungen nicht reagiert. „Diese Spießer“, schimpfte er. Aber er hatte auch eine Lösung parat. Er nahm Miriam in seine Arme und tröstete sie. „Es ist Sommer“, meinte er „und ich habe von meinen Eltern noch ein Gartengrundstück, da ziehen wir hin. Du wirst sehen, es ist ein Traum.“

 

Staunend stand Miriam später vor der kleinen Parzelle. Abgelegen, wenn auch nur einige Meter von der Straße entfernt kam man sich vor wie in einer kleinen heilen Welt. Markus holte die Kinder und einige unverzichtbare Kleinigkeiten aus der Wohnung und die kleine Familie zog hier auf Parzelle sieben ein. Markus hatte ein Postfach gemietet und dort holte er nun fast täglich seine Post ab. Eines Tages war ein Schreiben des Jugendamtes dabei. Als am Abend seine Kumpel eintrafen berieten sie sich. Sie schleppten ein Fahrrad herbei für Robin und einen Puppenwagen für die kleine Nina. Die Kinder staunten nicht schlecht, spielten sie bisher doch immer nur eine Nebenrolle war es nun wie Weihnachten für sie. Markus schrieb einen Brief an das Jugendamt und teilte ihnen mit, dass er sich mit den Kindern und seiner neuen Lebensgefährtin im Sommer tagsüber in der Gartenkolonie aufhalte. Wenn sie einen Besuch machen wollten, dann doch bitte hier. Seine Kumpel bauten den Kindern eine Schaukel auf und Miriam genoss ihre kleine Familienidylle sehr. Die Dame des Jugendsamtes war begeistert. Wenn doch alle Kinder so aufwachsen könnten meinte sie und füllte ihren Bogen aus. Am Abend feierten sie ihren Sieg über das Amt. Einer von Markus Kumpeln setzte es sich in den Kopf Robin das Fahrrad fahren zu lernen. Auf dem holprigen Grundstück war das nicht möglich, so übten sie auf der Marlerstraße.  Nach einer Weile kamen sie zurück. Robin hatte blutige Knie und weinte, er war gestürzt. Statt seinen Sohn zu trösten schimpfte Markus über diese Memme. Er hatte getrunken und Miriam wusste, dass man ihn in diesem Zustand besser nicht reizte. Wortlos verband sie Robins Knie. Sie schliefen alle in der kleinen zweimal drei Meter großen Hütte auf Liegestühlen. In der Nacht hörte Miriam Robin weinen. Wenn nur Markus nicht erwachte, er konnte sehr ungnädig sein, wenn er getrunken hatte und man störte ihn. Entsetzt bemerkte sie das Rascheln. Schon einige Male hatte sie Rattenkot entdeckt. Robins frische Wunden lockten die Tiere sicher an. Plötzlich schrie Robin laut. Markus fuhr neben ihr hoch. „Halt die Klappe“, schrie er und warf einen seiner schweren Stiefel in Robins Richtung. Noch ein Schrei ertönte, ein Knall und dann war Ruhe. Miriams Herz klopfte zum Zerspringen, allerdings wagte sie es nicht aufzustehen und nach dem Kind zu schauen. Stunden lag sie wach, durch die Ritzen der Holzhütte sah sie schon den grauen Morgen dämmern als sie noch ein wenig einnickte um dann kurze Zeit später mit grauenhaften Kopfschmerzen zu Erwachen. „Verdammte Scheiße“, hörte sie Markus schreien und mit einem Satz war sie aus dem Bett und an seiner Seite. Entsetzt starrte sie dann in Robins verzerrtes Gesicht mit den starren offenen Augen. An der Schläfe, wo der Motorradstiefel ihn getroffen hatte schimmerte ein in allen Farben leuchtender Bluterguss und verunstaltete das kleine tote Gesicht. Miriam wusste genau, diesen Anblick würde sie nie mehr vergessen. Das Gebrüll hatte Nina geweckt, die nun auch ohrenbetäubend zu Schreien begann. Starr drehte Markus sich um. „Halt den Rand“, fuhr er das verstörte Kind an, das nur noch lauter schrie. Was dann geschah wirkte in Miriams Erinnerung später wie ein grauenhafter Film. Markus drehte sich um und setzte sich langsam auf das Kind. Das Schreien klang gedämpft, man sah neben Markus Gesäß zwei kleine Beinchen verzweifelt strampeln. Schließlich zuckten sie nur noch, um dann ruhig zu liegen. Miriam hatte die Hand vor den Mund gelegt um nicht zu Schreien. „Was hast du getan“, flüsterte sie? „Für Ruhe gesorgt“, entgegnete Markus gelassen. „Die Bälger gingen mir eh immer mehr auf den Geist.“ Ungerührt nahm er die erstarrte Miriam in den Arm. „Nun sind wir frei“, flüsterte er in ihr Ohr. Miriam konnte den Blick nicht von dem kleinen Leichnam wenden, dessen Oberkörper grotesk in die Breite gezogen zu sein schien. Sie war innerlich und äußerlich wie erstarrt. Stumm beobachtete sie wie Markus in den Geräteschuppen nebenan ging und hörte wie er einige Bodenbretter löste. Dann kam er zurück und nahm Robin auf den Arm. Er verschwand mit ihm nach drüben. Als er nach kurzer Zeit wieder kam um Nina zu holen, meinte er: „Du könntest mir ruhig helfen.“ Miriam stürzte an ihm vorbei nach draußen und übergab sich. „Weiber“, hörte sie Markus verächtlich sagen. Nachdem er die Kinderleichen unter den Bodendielen verstaut hatte kam er zu ihr. „Ich muss los, ich besorge uns Papiere und dann geht’s in den Süden mein Schatz“, flüsterte er ihr ins Ohr. Pfeifend machte er sich auf den Weg. Miriam setzte sich in die Sonne und hier zog sie nun Bilanz. Sie dachte an das Kind das sie zu erwarten schien. Bisher war sie nicht beim Arzt gewesen, aber ihre Regel war seit zwei Wochen überfällig und die morgendliche Übelkeit sprach auch dafür. Wollte sie ein Kind mit einem solchen Vater? Ganz sicher nicht. Nach Hause zu gehen und ihre Niederlage eingestehen wollte sie auch nicht. Sie konnte schon ihre Mutter hören. „Hab ich es dir nicht gleich gesagt? Nun stehst du da mit einem unehelichen Kind.“ Sie war allein mit ihren Problemen. Sie wollte nur noch Ruhe haben. Vor allem wollte sie die Bilder von Robins verzerrtem Gesichtchen und den Plattgewalzten Körper der kleinen Nina nicht mehr vor ihrem geistigen Auge sehen und sie wusste, so lange sie lebte würde sie diese Bilder nicht mehr los. Sie brauchte nur die Augen zu schließen. Endlich hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie trank den letzten Schnaps aus der von Gestern übrig war, dann nahm sie Ninas Springseil und warf es über den Balken an der Decke. Das eine Ende knüpfte sie zu einer Schlinge, dann stieg sie auf einen der Campingstühle, legte ihren Kopf in die Schlinge und sprang. Die Welt explodierte vor ihren Augen. Als Markus zurückkam und Miriams Leiche an dem Balken baumeln sah fluchte er erst einmal herzhaft. „Verdammtes sentimentales Weiberpack.“ Dann packte ihn Erleichterung. Nun war er wirklich frei. Am Abend würde er mit den Kumpels Abschied feiern und Morgen zog er in die Welt. Er schnitt das Seil durch und legte Miriam zu den Kindern. Seinen Freunden sagte er am Abend sie habe ihn verlassen. Nach der Feier warf er alle Sachen in die Hütte, verschloss sie und machte sich auf den Weg in eine neue Zukunft.

 

2007 war ebenfalls das Jahr, indem mein Mann in den Vorruhestand ging. Plötzlich fiel mir der Garten wieder ein. Nun hatten wir Zeit, wäre es nicht schön ein Grundstück zu haben auf dem man seine Freizeit verbringen konnte? Kurz entschlossen fragte ich bei der Veba nach, der die Grundstücke gehören. Man setzte mich auf die Warteliste. 2009 war es dann endlich soweit. Die Verwalterin rief mich an und bot mir Parzelle sieben an. Scheinbar erfüllte sich unser Traum. Erwartungsvoll traf ich mich mit der Frau vor Ort. „Die Vormieter haben den Schlüssel nicht abgegeben“, informierte sie mich, wie müssen die Schlösser aufbrechen. Das Grundstück war verwildert, aber vielleicht machte gerade das seinen Charme aus, ich war entzückt. Als der Mitarbeiter allerdings die Schlösser mit einem Bolzenschneider öffnete schlug uns ein unbeschreiblicher Gestank entgegen. Angeekelt, aber dennoch neugierig trat ich näher. Sogleich brach die Bodendiele unter meinem Fuß ein und entsetzt starrte ich auf eine kleine skelettierte Hand die wie ich mir einbildete meinen Knöchel umfasste. Dieses traumatische Erlebnis heilte mich von meiner Vorliebe für die Natur. Meinen Traum vom Garten begrub ich schnellstens. In der Zeitung konnte ich später die ganze Tragödie nachlesen.

©By Gitte