Die Macht der Liebe

Immer schon hatte Mutter die Karten gelegt. „Lass uns mal sehen was die Zukunft bringt“, sagte sie und sagte uns die unglaublichsten Dinge voraus, die sich dann auch ereigneten. Als sie wieder einmal an einem Samstag die Karten legte wurde sie blass und still. „Was ist, was siehst du“, drängten Vater und ich sie. Es dauerte eine Weile, bis sie sich fasste. „Vater wird sterben“, flüsterte sie und konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Eine Weile sagte niemand etwas, dann rafft mein Vater die Karten zusammen, warf sie wütend vom Tisch und fauchte, „So ein Blödsinn, wer glaubt denn an  diesen Schwachsinn?“ Er vergaß völlig dabei, dass er der Erste gewesen war, der an das große Geld geglaubt hatte, als Mutter das gesehen hatte und das wir durch einen Lotto Gewinn auch bekommen hatten.

 

Nur einmal noch wurde über das Thema geredet, als Mutter es der Familie erzählte. Opa war in einem Heim in Bad Pyrmont, man untersuchte ihn dort, um sein Leiden als Kriegsleiden anzuerkennen, damit Oma die ihr zustehenden Kriegerwitwen Rente bekam, wenn er sterben sollte. Jeden Samstag besuchte eines seiner Kinder mit der jeweiligen Familie ihn dort und Opa freute sich immer sehr. Alle drei Wochen waren wir an der Reihe, ich verstand mich sehr gut mit meinem Großvater und hatte mein Wissen einfach verdrängt, wie Jugendliche das eben so machen. Nach einer Weile wurde er nach Essen verlegt, in die Uni Klinik, nun wurden die Besuche leichter.

 

Beinahe ein Jahr war vergangen, es war ein heißer Tag im August, kurz vor Opas Geburtstag, ich stand im Geschäft, indem ich eine Lehre zur Verkäuferin machte, als ich Opas Stimme hörte. „Leb wohl mein Kind“, sagte er und es war, als streife ein sachter Kuss meine Wange, ähnlich einem Flügelschlag eines Schmetterlings, ich fuhr fröstelnd zusammen. Verwirrt sah ich mich um, hatten die anderen das auch gehört? Nein, scheinbar nicht, alle benamen sich wie immer, die Chefin stand mürrisch hinter der Kasse, denn es war keine Kundin im Laden und Inge, meine Kollegin und Freundin lächelte mir freundlich zu, wurde aber sogleich ernst und betrachtete mich besorgt. „Was hast du“, flüsterte sie? Wortlos schob ich sie zur Seite, rannte in die Garderobe, riss meine Tasche an mich und stürmte unter den verdutzten Blicken aller aus dem Laden. „He, was soll das, wo wollen sie hin“, rief meine Chefin fassungslos hinter mir her. Doch ich reagierte nicht und stürzte zur Bushaltestelle.

 

Nervös wartete ich auf den Bus, der mich ins Klinikum bringen würde. Lass es nicht zu spät sein, lieber Gott, bitte bitte nicht, ich will nicht das Opa stirbt, betete ich still vor mich hin. Nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit erschien tauchte endlich der Bus auf und fuhr mich in die Stadt. Kaum am Zielort angekommen rannte ich los.

 

Völlig außer Atem erreichte ich das Krankenzimmer meines Großvaters und stoppte erstaunt, als ich den großen, fremden, schwarz gekleideten Mann an seinem Bett erblickte. „Was wollen sie hier“, herrschte ich ihn an? „Du siehst mich“, fragte er erstaunt zurück. „Was soll das“, regte ich mich auf, wurde aber sofort leise, als ich den bittenden Blick meines Großvaters sah. „Es ist schön, dich noch einmal zu sehen mein Kind“, sprach er, „komm her.“ Der Mann trat zurück und Opa ergriff meine Hand, die er sanft streichelte, wie es seine Art war. „Mein Ruf hat dich also erreicht, so können wir uns noch einmal in die Augen sehen und Abschied nehmen.“ „Abschied nehmen, was redest du denn da“, fragte ich fassungslos. „Es ist soweit, er ist gekommen, um mich zu holen.“ Opa blickte zu dem Mann. „Einen Moment noch“, sagte er bittend und der Mann nickte. „Wer ist das, was will er von dir, wohin will er mit dir“, vor Aufregung sprudelten die Worte aus mir heraus, die Gedanken rasten wie wild in meinem Kopf umher. Opa betrachtete mich ruhig. „Du weißt wer er ist, es ist der Engel des Todes“, sprach er. „Er ist hier um mich zu holen.“ Seine Worte ließen mich in einen Eisblock erstarren. „Schick ihn weg“, forderte ich. „wir brauchen dich, ich brauche dich, ich will nicht dass du stirbst.“ Nun heulte ich doch. Widersprüchliche Gefühle stritten in mir, Mitleid, Trauer und Wut gegen ein Schicksal, von dem ich fühlte dass ich es nicht ändern konnte. „Kind Kind, willst du wirklich das ich mich weiter quäle? Schau mal zur Türe, alle warten auf mich. Tatsächlich, da standen sie ernst und wartend, meine Uroma Adele, meine Tante Annie, einen jungen Mann den ich nicht kannte, der sicher Opas verunglückter Bruder war. Einige Schritte machte ich auf sie zu, aber sie beachteten mich nicht, sie schauten nur zu Opa hin. Noch einmal fiel ich ihm um den Hals und küsste seine vernarbte Wange. „Vergiss mich nicht“, flüsterte ich in sein Ohr. „Ganz sicher nicht“, versprach er mir lächelnd. Dann hielt ich nur noch seinen Körper in den Armen, sein Astral Körper löste sich. Der Todesengel trat zu ihm, nahm seine Hand und führte in zu den Wartenden Familien Mitgliedern. Lächelnd nickte er mir noch einmal zu, hob grüßend die Hand und schritt mit ihnen davon.

 

 

Auf dem Flur wurde es laut, dann wurde die Türe aufgerissen und Mutter, Vater, Oma und mein Onkel stürzten herein. Fassungslos betrachteten sie Opas Leichnam. „Zu spät“, weinte Mutter. „Es geht ihm gut“, flüsterte ich ihr zu als ich sie tröstend in die Arme nahm.

© By Gitte