Die Nacht der lebenden Leichen!
Diese Nacht würde Julia nie vergessen, egal, wie alt sie auch werden würde und sie würde nie wieder in der Nacht einen Friedhof betreten. Dabei hatte alles ganz harmlos begonnen.
„Sag mal, hat du Heute länger Ausgang“, wollte Sarah, ihre Freundin wissen? Verblüfft schaute Julia auf ihre Uhr. „Warum fragst du, es ist erst zehn“, entgegnete sie. Wortlos hielt Sarah ihr ihre Uhr unter die Nase. Sie zeigte kurz vor Mitternacht. So ein Mist, ausgerechnet jetzt hatte die Batterie ihren Geist aufgegeben, dabei hasste ihre Mutter nichts mehr als Unpünktlichkeit. Eilig zahlte Julia ihre Rechnung, sie war mit ihrer Freundin in der Disco gewesen. „Tschüß“, rief sie allen zu und machte sich schleunigst auf den Weg. „Warte doch“, rief Sarah ihr nach, „ich fahr dich schnell heim.“ „Lass nur, ich lauf schnell über den Friedhof, dann bin ich in wenigen Minuten daheim“, „Na du traust dich was“, Sarah zuckte die Schultern, „dann mach es mal gut.“
Zwischen der Disco und Julias zu Hause lag der Friedhof. Bei Tag ging Julia immer diese Abkürzung, in der Nacht nahm sie gewöhnlich die Straße, die in einem Umweg um den Friedhof herum führte. Heute wählte sie aus Zeitnot den kurzen Weg.
Mit klopfendem Herzen betrat sie das in der Dunkelheit liegende Gelände. Nach einigen Schritten blieb sie überlegend stehen, sollte sie es wirklich wagen, alle Horrorfilme, die sie jemals gesehen hatte kamen ihr in den Sinn. Ein besonders grausamer Schocker hieß die Nacht der lebenden Leichen. Ach was, schalt sie sich in Gedanken selbst, nur einige hundert Meter und ich bin daheim, der Gedanke an eine unangenehme Strafpredigt trieb sie voran.
Ängstlich lauschte sie in die Dunkelheit, ihre Sinne gaukelten ihr unzählige Gestalten vor, die auf sie warteten. Wusch, etwas hatte ihre Wange gestreift, Julia stieß einen kleinen erschrockenen Schrei aus. Ärgerlich dachte sie, dass war sicher nur ein Insekt, na Bravo, wenn sich hier wirklich ein Unhold aufhält, weis er nun genau, dass ich hier bin. Zaghaft tastete sie sich weiter in die Dunkelheit, die nur hier und da von einigen Grablichtern erhellt wurde.
Plötzlich umklammerte etwas ihren rechten Knöchel und wieder drängte sich ein Schrei von ihren Lippen. Vorsichtig versuchte sie das Bein vorwärts zu bewegen, aber da griff die Hand fester zu, schmerzhaft wurde ihr Knöchel umklammert. Mit einem Schrei warf sie sich zur Seite, wo sie gleich von etlichen Armen umfangen wurde, Spitze Nägel gruben sich in die zarte Haut ihrer Arme. Wie von Sinnen schlug sie um sich, heulte und schrie. Die Umklammerung löste sich, sie war frei und rannte in die Dunkelheit, dem Irrsinn nahe.
Nach einigen Metern hielt sie an und lauschte ängstlich in die Dunkelheit. Ihr Herz hämmerte wie ein Bohrhammer in ihrer Brust und der kalte Angstschweiß bedeckte ihre Stirne. Süßlicher Geruch streifte ihre Nase und die feinen Haare ihrer Arme richteten sich auf. Stöhnend hetzte sie weiter.
Sie kam nur einige Meter weit, da glitt ihr Fuß in ein Loch. Sicher eines dieser Löcher, aus denen gerade eine Leiche entwichen war, dass würde auch den Geruch erklären. Zu allem Unheil hörte sie auch nun den leisen, klagenden Ton der Totenglocke wimmern, ganz kurz nur schlug sie an, ließ aber die Nacht umso unheimlicher erscheinen. Ein Ruck, der Schuh blieb in der Erde zurück und Julia humpelte verzweifelt weiter.
Ein Ton ließ sie erneut erstarren. „Julia“, hörte sie von Ferne, sie hielt den Atem an, erneut klang es zu ihr herüber „Julia“, nun schon etwas näher. Völlig entsetzt rannte sie los, sie würde ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen. Völlig außer Atem blieb sie schließlich stehen, etwas polterte heran. Julia hörte einen lauten Wut und Schmerzensschrei. „Verdammt, bleib endlich stehen.“ Sie konnte einfach nicht mehr, schluchzend ließ sie sich zu Boden gleiten und erwartete ihr Ende. Ein Fuß stieß gegen das wimmernde Mädchen. Sie fühlte sich empor gezogen. „Du liebe Zeit Julia, was ist denn, du zitterst ja wie Espenlaub.“ Reiner, ein Bekannter, der auch in der Disco gewesen war, war Julia gefolgt, um sie nach Hause zu begleiten. Er schlang seine Arme um das völlig verstörte weinende Mädchen und brachte sie heim.
Julias Mutter blieb die Strafpredigt im Halse stecken, als sie die beiden sah, Julia war völlig aufgelöst und zerkratzt und Reiner hatte, kurz bevor er sie erreichte schmerzhafte Erfahrung mit einem Baum machen müssen, der im Wege gestanden hatte.
Eigentlich wollte Julia den Friedhof eine Weile nicht mehr betreten, aber dann würde die Angst bleiben, dass wusste sie, so nahm sie am nächsten Tag Hasso, den Hund ihrer Tante Erna mit und ging den gleichen Weg im Hellen noch einmal. Sie umrundete den Friedhof und nahm den gestrigen Eingang, gegenüber der Disco, nach einigen Metern lag auf der rechten Seite über dem Hauptweg eine dicke Brombeerranke, in der Fetzen von Julias Kleid hingen. Danach kam sie an ein Loch, dass scheinbar ein Tier gegraben hatte, sie war ein wenig vom Wege abgekommen und ihr Schuh leuchtete freundlich aus der kleinen Höhle, etwas weiter befand sich ein frisches Grab und die Lilien erzeugten einen süßen Geruch, alles das ließ sie erleichtert aufatmen. Sie entdeckte den alten Friedhofs Gärtner. „Verzeihen sie, sprach sie ihn an, kann es sein, dass die Glocke manchmal selbständig läutet?“ „Oh ja“, entgegnete der, „manchmal, wenn ein leichter Wind aufkommt, geschieht das schon mal, oft in der Nacht, sonst würden die Leute schön erschrecken und glauben ihr letztes Stündchen sei gekommen.“ Erleichtert stimmte Julia in das Gelächter des Alten ein. Allerdings ging sie nie wieder nach Einbruch der Dunkelheit über den Friedhof.
© By Gitte