Die Wüste hat ihre Tücken!
Gabi hat einen tollen Job, sie ist Reiseberichterstatterin. Ihr neuster Auftrag gefällt ihr ganz besonders: Sie soll aus der Wüste berichten.
Von Addis Abeba geht es mit einem Reiseführer zu einem Beduinendorf und von dort mit einigen Begleitern geradewegs in die Wüste. Leider hat man ihr einen männlichen Begleiter zugeteilt, denn die Beduinen würden niemals eine Frau alleine in die Wüste führen. Klaus ist ein ziemlich versnobter Geselle und hält sich selbst für Gottes Geschenk an die Menschheit. Gabi bekommt das heiße Klima ausgezeichnet und sie genießt die Reise auf dem schwankenden Wüstenschiff. Klaus dagegen ist hier völlig fehl am Platze, er hasst verknitterte Kleidung und abgestandene Getränke, dementsprechend ist seine Laune auf dem Tiefpunkt und der sonst so charmante Begleiter hockt missmutig auf seinem Kamel.
Die Beduinen sind wortkarg, aber freundlich zu ihnen, umso besser, so hat sie Ruhe zur Arbeit und kann ihren Gedanken nachhängen. Nach cirka drei Tagen ist der Reiz des Neuen verschwunden und sie beginnt sich zu langweilen; die Gegend bietet wenig Abwechslung. Nur Sand, Hitze am Tag und kalte, klare Nächte; die Faszination des glitzernden Sternenhimmels nimmt auch langsam ab und die Strapazen der Reise überschatten auf Dauer alles. Ständig ist der Mund trocken und voller Staub, die Kehle ausgedörrt und immer ist man mit einer feinen Staubschicht überzogen. Langsam sehnt sie das Ende der Reise herbei. Noch zwei Tage und sie erreichen wieder besiedeltes Gebiet.
Die Rast in einer Oase hebt die Lebensgeister aufs Neue; Gabi genießt das frische Wasser, die Früchte und die Ruhe. Wenn sie doch nur einmal eine Fata Morgana sehen könnte, die Beduinen haben sie gewarnt, auf eine solche Luftspiegelung herein zu fallen.
Gabi glaubt nicht, dass sie sich davon narren lassen würde, zu sehr ist sie Realistin. Sie döst ein wenig vor sich hin und als sie erwacht herrscht Stille. Die Beduinen halten ihre Ruhestunde, denn die Mittagshitze lässt keine Anstrengungen zu.
Sie macht sich auf den Weg, ihren schattigen Platz unter der Palme zu verlassen, als ihr Blick auf eine weitere Oase ganz in der Nähe fällt, die Blätter der Palmen sehen viel frischer aus als hier, blaugrün leuchten sie, die Kokosnüsse sind prall und rund, dass Wasser strahlt türkisblau und leuchtet. Warum, um alles in der Welt hat man hier Rast gemacht und nicht an diesem herrlichen Ort? Kein Laut regt sich, wie weit mag es sein, bis zu dieser Oase? Gabi geht ganz in Gedanken versunken los.
Nach einer Weile wundert sie sich, dass sie noch nicht viel näher gekommen ist, es scheint doch weiter zu sein, als sie angenommen hat. Sicher ist es die klare Luft hier, die einem Nähe suggeriert, ähnlich wie in den Bergen, man glaubt, es sind nur einige Meter und dann läuft man Stunden…Gabi wendet sich um - besser sie nimmt einen erfahrenen Begleiter mit. Verdutzt reibt sie sich die Augen: Wo ist das Lager? Sie ist doch höchstens einige Schritte gegangen! Oder ist sie in Gedanken so weit gewandert? Angst kriecht in ihr hoch.
„Blödsinn!“ ruft sie laut und zwingt sich selbst zur Ruhe.
Sie sieht auf ihre Armbanduhr. Doch die ist stehen geblieben; Gabi hat keine Ahnung, wie lange sie so in Gedanken versunken gelaufen ist.
Plötzlich muss sie lachen, sie ist doch in der Wüste; erleichtert sucht sie nach ihren eigenen Fußabdrücken im Sand. Nun braucht sie nur der Spur zu folgen, wie schnell man doch in Panik geraten kann!
Eine Weile folgt sie ihren Spuren zurück, doch allmählich scheinen diese immer flacher und blasser zu werden.. Von neuem kriecht die Angst in ihr hoch, sie geht auf die Knie, um die verblassten Spuren besser zu erkennen, der heiße Sand brennt unter ihren Kniescheiben.
Nach einigen weiteren Metern ist es vorbei. Nichts ist mehr zu erkennen. Die Hitze, die aus dem Sand aufsteigt, hat ihr Gesicht gerötet, dass Haar klebt an ihrem Kopf fest.
„Meine Güte, ich muß schrecklich aussehen!“ sagt sie zu sich selbst.
Doch im gleichen Moment kommt ihr der beängstigende Gedanke….“Ich habe ganz andere Sorgen…“
Sie beschattet die Augen mit der Hand und blickt angestrengt in die Runde; die Hitze lässt die Luft flimmern, wo ist die Oase?
Plötzlich durchfährt sie siedendheiß die Erkenntnis: Es hat nie eine gegeben, sie ist auf eine Fata Morgana hereingefallen.
Alles in ihrem Kopf dreht sich.
Sie ruft sich selbst zur Ordnung: „Gabi! Nur keine Panik jetzt!“
In der Oase ist mittlerweile wieder Betriebsamkeit eingekehrt, man erwacht erfrischt, nimmt einen Tee zu sich und sitzt in Gruppen zusammen in lebhafter Unterhaltung. Klaus läuft von einer Gruppe zur nächsten, hat jemand seine Begleiterin gesehen. Keiner weiß wo Gabi sich aufhält. Klaus sucht alle Zelte ab, aber nirgendwo findet er auch nur eine Spur von ihr. Er kommt an der Palme vorbei, unter der Gabi gerastet hat, sieht das aufgeschlagene Buch - wo kann sie nur stecken? Die Beduinen reagieren mit Gelassenheit. So dumm schätzen sie noch nicht einmal das deutsche Fräulein ein, daß es sich vom sicheren Lager zu entfernen würde!
Klaus wird von Minute zu Minute unruhiger. Verflixt, er hätte besser auf sie Acht geben müssen, er war viel zu sehr mit seinem Groll über diesen Einsatz beschäftigt. Er wendet sich an Abdullah, den Führer, und erläutert ihm, daß man mit der Suche nach Gabi beginnen müsse.
Abdullah teilt seine Besorgnis jedoch nicht:
„Erst einmal abwarten.“ meint er „Sie wird schon wieder auftauchen, man weiß ja, dass Weiber immer sonderbare Einfälle haben, sicher will sie nur Aufmerksamkeit erregen.“
Gabi erwacht aus ihrer Resignation, die Sonne steht nun schon ein wenig schräg. Ob man inzwischen begonnen hat, nach ihr zu suchen?
Was ist besser, weiter zu laufen, oder sich nicht vom Fleck zu rühren und hier sitzen zu bleiben, um nicht zu riskieren, sich noch weiter zu entfernen?
Ihr ist ein wenig wohler zu Mute, sicher hängt das mit der leichten Brise zusammen, die aufgekommen ist und ein wenig abkühlt.
…Brise ….!
Sie zuckt zusammen ….. Brise kann einen aufkommenden Sandsturm bedeuten!!
Nein, bitte nicht auch das noch!
Sie schaut zum Himmel, der hat mittlerweile eine trübe Farbe angenommen, der Wind frischt auf und der Sand wird an einigen Stellen hoch gewirbelt. Trotz der aufsteigenden Panik beginnt sie, sich einzugraben und vor ihrem Körper einen Schutzwall zu errichten. Sie zieht ihren Pullover aus und bindet ihn als Schutz vor den Mund. Der Wind frischt immer mehr auf, Gabi presst sich in ihre Grube, der Wind peitscht den Sand in ihr Gesicht, sie bekommt kaum Luft durch das Gewebe des Pullis, das ist das Ende denkt sie, langsam, ganz langsam lässt der Sturm nach, Gabi ist wie erschlagen, der Sand ist überall, in ihren Ohren, ihren Wimpern, selbst zwischen ihren Zähnen hat er Einlass gefunden. Erschöpft versucht sie langsam wieder zu Atem zu kommen und ihre Sinne zu ordnen.
Währenddessen sind auch die Beduinen zu der Überzeugung gekommen, Gabi suchen zu müssen. Sie sind ärgerlich, Frauen bedeuten immer Unannehmlichkeiten. Gleich nach Ende des Sandsturmes teilt der Führer vier Gruppen ein, eine für jede Himmelsrichtung, jede Gruppe beschreibt einen Viertelkreis, die Abstände erweitern sich und so sucht man in Sichtweite untereinander ein kreisförmiges Gebiet ab. Klaus lässt sich der Gruppe zuteilen, die gegenüber der Palme, Gabis letztem Aufenthaltsort, zu suchen beginnt. Er hat eine Ahnung, dass sie in diese Richtung gegangen ist. Man sucht nur eine kurze Weile, denn die Dunkelheit kommt schnell in dieser Region und die Nächte sind rabenschwarz. Zwar funkeln die Sterne, aber weit sehen kann man dabei nicht.
Gabi hat sich entschlossen, sitzen zu bleiben und die Nacht abzuwarten, vor der ihr grauste. denn Wüstennächte sind kalt. Und totenstill.
Wieder gräbt sie sich ein, dabei berührt sie das Medaillon an ihrem Hals, verflixte Tante Emmi, sie ist an allem Schuld. Muss sie nun bezahlen? Keiner hat Verdacht geschöpft, als die alte Dame bei ihrem letzten Besuch im Altenheim plötzlich das Zeitliche segnete.
Tante Emmi war alt, sehr alt und Gabi wollte endlich das Erbe. Sie hatte der alten Frau, die während ihrer Unterhaltung erschöpft eingeschlafen war, das Kissen auf das Gesicht gelegt, nicht einmal zugedrückt hatte sie, der Atem wurde einfach immer flacher und setzte endlich aus. Wäre Tante Emmi nicht gestorben, säße Gabi immer noch in ihrer kleinen, schäbigen Mansarde. Nur die Erbschaft hatte es ihr ermöglicht in die Großstadt zu ziehen und sich dort im dem Reisebüro zu bewerben.
Obwohl Gabi sich in den Sand gegraben hat, fängt sie nach einer Weile an, am ganzen Leibe zu schlottern vor Kälte, vor Angst und vor Aufregung. Gedanken lassen sich nicht einfach abschütteln.
Ob es hier viele Skorpione gibt? Sie hat ja davon gelesen, dass Menschen, die fast der Wüste entkommen waren, am Ende durch einen ihrer Stiche gestorben waren.
Plötzlich bekommt sie keine Luft mehr, Tante Emmi ist aufgetaucht, legt ein Kissen auf Gabis Gesicht und presst zu..
„Lass das!“ schreit sie verzweifelt. „Ich habe nicht zugedrückt!“
Tante Emmis Gesicht steht dicht vor ihrem, sie kann ihren Atem fühlen.
„Das brauchtest du auch nicht, ich war alt und schwach“, lacht diese. „Nun wird es Zeit, ich warte auf dich mein Kind.“
Schreiend fährt Gabi hoch, sie hat geträumt…. Und jetzt friert sie nicht mehr, sie ist regelrecht in Schweiß gebadet. Angewidert reißt sie das Medaillon von ihrem Hals. Sie spuckt den Sand aus, den der Wind während des Schlafes in ihren offenen Mund geweht hat…
Erschöpft schläft sie wieder ein. Und als sie am nächsten Tag erwacht, steht die Sonne schon wieder hoch und brennend am Himmel.
Gabi ist es glühend heiß, sie fühlt sich fiebrig.
Erschöpft schläft sie wieder ein und merkte gar nicht, dass ein Suchtrupp der Beduinen ganz in ihrer Nähe laut rufend vorbei zog.
Als sie das nächste Mal erwacht, funkelten schon wieder die Sterne wie tausend und abertausend Diamanten am schwarzblauen Himmel.
Gabi schlottert, ihre Zähne schlagen klappernd aufeinander.
Doch jemand sitzt neben ihr. Es ist Tante Emmi, genüsslich trinkt sie ein Glas Wasser. Das Trinkwasser ist kalt, Gabi kann es daran erkennen, dass der Rand des Glases beschlagen ist.
„Bitte, nur einen Schluck, Tante Emmi“ krächzt sie. „Hab doch Mitleid mit mir.“
„Mitleid?!“ Die alte Frau lacht meckernd. „Hast DU Mitleid mit mir gehabt, als du mir das Kissen auf das Gesicht gelegt und mich erstickt hast?“
Das ist der letzte Satz, der in Gabis Bewusstsein eindringt.
Sie erwacht einige Male und jedes Mal war ist Durst grausamer; ihre Zunge liegt wie ein dicker, trockener Lappen in ihrem Mund.
Immer schneller dämmert sie wieder in diesen benommenen Zustand, bis sie nicht mehr erwacht.
Und Sand und Wind decken sie endlich gnädig zu.
Einige Jahre nach Gabis spurlosem Verschwinden reiste eine Expedition durch die Wüste. Die Teilnehmer rasteten in der gleichen Oase, in der damals Gabi von der Gruppe getrennt worden war.
Kurze Zeit nach ihrem Aufbruch wurden sie von einem Sandsturm an der Weiterreise gehindert, beim Eingraben stieß man auf ein Skelett. An der Stelle, wo beim Menschen das Herz sitzt, fand man ein Medaillon.
Nachforschungen ergaben, daß es einst einer Frau Emmi S. gehört hatte und nach deren Tod in den Besitz ihrer Nichte Gabi gelangt war.
© By Gitte