Die Wand neben der Kartoffelkiste

Es war wieder einer von diesen Tagen. Was Gitte auch macht, ihre Mutter nörgelt an ihr rum. Langsam wird sie auch wütend. Mutter spült das Geschirr und Gitte muss abtrocknen, obwohl ihre Ma genau weiß, dass sie es hasst. „Lass mich doch spülen“, hat sie gebeten. „Nein, du machst mir das nicht sauber genug“, hatte Ma ihr geantwortet. So ist es immer, sie bekommt nur Arbeiten aufgetragen, die sie ungern macht. „Triffst du dich Heute wieder mit deinem Freier“, will Mutter wissen. „Na und wenn“, gibt Gitte gereizt zurück? „Im übrigen hat der Freier einen Namen, er heißt Reiner“, setzt sie noch eins drauf. „Dein Vater war mein erster Mann“, berichtet Mutter nun zum ich weiß nicht wievielten Male. „Leider nicht dein Letzter“, rutscht es Gitte raus. Sie beißt sich auf die Lippen, auch wenn es wahr ist und ihre Mutter ihr schlimme Jahre beschert hat, als sie damals mit einem anderen Mann durchgebrannt ist, dass hatte sie nicht sagen wollen. Zischend holt ihre Mutter Luft. Sie räumt gerade das Besteck in die Schublade, dreht sich dabei herum, um Gitte eine Ohrfeige zu verpassen und reißt die Schublade heraus. Diese fällt auf ihren Fuß. Mutter jammert und hüpft herum. „Sieh dir das an, der ist sicher gebrochen“, jammert sie. Gitte ist betroffen, warum kann sie nur nie den Mund halten, immer galoppieren ihr die vorwitzigen Worte davon. Mutter humpelte zur Nachbarin und diese fährt sie ins Krankenhaus. Oh Mann, dass gibt wieder ein Theater, die böse, böse Gitte. Wo habe ich nur meine Ruhe, ich brauche dringend eine Pause. Halt, ich hab es, ich verzieh mich in den Keller. Es ist Sommer und dort ist es kühl und ruhig.

 

Gesagt getan, ich marschiere in den Keller und hocke mich erschöpft neben die Kartoffelkiste. Als ich mich anlehne bekomme ich einen Schreck, ich falle hintenüber. Das gibt es doch nicht. Verblüfft stehe ich auf und betrachte das Loch, das sich hinter mir in der Wand aufgetan hat. Der Keller besteht aus Ziegeln, aber hier, an dieser Stelle hat man ein Stück Pappe eingesetzt,  die man von außen bemalt hat. Dahinter befindet sich  ein Durchschlupf. Wo mag dieses Loch hinführen. Hat der Lehrer nicht in der Schule berichtet, dass alle Häuser in unserem Dorf, die vor dem Krieg erbaut wurden durch Gänge miteinander verbunden sind? Das muss es sein.

Gitte schließt das Loch wieder und geht hinauf, irgendwann muss sie sich dem Ärger stellen. Mutter ist wieder zurück und hat den großen Zeh in Gips. Vorwurfsvoll schau sie ihr entgegen. Gitte seufzt innerlich, na der Tag wird sicher heiter. Schweigend humpelt ihre Mutter herum, der fleischgewordene Vorwurf. „Kann ich Marion besuchen“, fragt Gitte vorsichtig? „Sicher, lass mich ruhig allein, ich komm schon zurecht“, gibt ihre Mutter leidend zurück. „Kann ich was für dich tun“, fragt Gitte nach? „Nein, nein, geh ruhig“, bekommt sie zur Antwort. Gitte verlässt schnell das Haus, bevor ihre Mutter es sich anders überlegt. Heute Abend, wenn Vater von der Arbeit heimkommt, wird sie noch genug zu dem Thema hören. Sie macht sich auf den Weg zu ihrer Freundin Marion.

Marion wohnt in einer Neubau Wohnung, was Gitte sehr beneidenswert findet, aber ihre Mutter muss dafür arbeiten gehen. Nachdem sie ihre Mutter begrüßt hat, verziehen sich die beiden Mädel in Marions Zimmer, was ihre Mutter zu einem Lächeln veranlasst, Mädels in diesem Alter haben eben ihre kleinen Geheimnisse und im Gegensatz zu Gittes Mutter, die immer alles wissen muss, kann Marions Mutter das akzeptieren.

Marion hört gebannt zu, was Gitte berichtet. „Meinst du wirklich, es handelt sich um einen solchen Gang“, fragt sie nach? „Was soll es denn sonst sein, aber du hast Recht, wir schauen einfach nach, dann wissen wir es genau“, entgegnet Gitte. „Konntest du denn gar nichts erkennen“, will sie noch wissen. „Nein, es ist ja stockfinster dahinter und die Kellerfunzel verbreitet ja auch kaum Licht“, erklärt Gitte ihr. Die beiden Mädel verabreden sich für den nächsten Tag, denn Heute wird erst noch die Strafpredigt ihres Vaters auf Gittes Haupt kommen. Sie hoffen nur, dass es keinen Hausarrest nach sich zieht. „Lass uns mal überlegen, was wir alles brauchen, schlägt Marion vor.“ „Auf jeden Fall eine Taschenlampe, hat dein Vater eine die funktioniert, wir besitzen zwar eine, aber wie ich meinen Vater kenne, sind bei der mal wieder die Batterien leer“, schlägt Gitte vor. „Da hat mein Vater eine Gute, du weißt ja, er geht zur Jagd und wenn er dann im Morgengrauen losgeht, hat er immer eine dabei“, weiß Marion, „ich bringe auch Kreide mit, mein kleiner Bruder hat welche, wenn der Gang wirklich die alten Häuser verbindet, werden sicher zahlreiche Gänge abzweigen.“ „Gute Idee“, lobt Gitte, „ich werde noch Kerzen und ein Feuerzeug mitnehmen, falls die Taschenlampe mal versagt, ich möchte nicht im Stockfinsteren dort unter der Erde hocken.“ „Meinst du wir brauchen Proviant“, witzelt Marion herum? „Ne sicher nicht“, lacht Gitte, „wir werden ja nicht tagelang fortbleiben, ein Kompass wäre gut, dann wüssten wir, in welche Richtung wir uns bewegen, aber ich habe null Ahnung wie das funktioniert.“ „Damit kenne ich mich leider auch nicht aus, mein Vater besitzt zwar einen, aber umgehen kann ich damit nicht“, sagt Marion, „wir können einen Jungen aus der Clique mitnehmen“, schlägt sie vor. „ne, lass mal, der kommandiert dann die ganze Zeit und hinterher war alles seine Idee, du kennst doch Jungs“, lehnt Gitte ab. „Du hast völlig Recht“, stimmt Marion zu, „also dann, ich komme Morgen pünktlich um 15.00 Uhr.“

Ihr Vater hielt ihr zwar eine Predigt, aber sie ging vorbei und war nicht so schlimm wie erwartet. Gitte fieberte dem nächsten Tag entgegen, was mochte er bringen.

Als Marion dann kam, verabschiedeten sie sich bald wieder von Gittes Mutter, im Hausflur öffneten sie die Haustüre und ließen sie mit lautem Knall ins Schloss fallen, dann schlichen sie in den Keller. Marion leuchtete mit der Lampe, denn sie wollten ja nicht das Licht brennen lassen, damit keiner bemerkte, dass sie im Keller waren. Die Türe zu dem Keller von Gittes Familie konnten sie zwar nicht abschließen, aber sie zogen sie von innen heran, dass würde sicher nicht auffallen, wenn jemand von den anderen Mietern in den Keller kam. Zuerst machte Gitte Licht und zeigte Marion den Einstieg, dann knipste Marion die Taschenlampe an und Gitte löschte die Lampe und ging dem schmalen Lichtkegel nach. Den beiden wurde es nun doch mulmig, als sie in das kalte, feuchte und muffig riechende Loch leuchteten. „Vielleicht ist es nur ein Loch“, flüsterte Marion unwillkürlich.

 

„Schauen wir nach, wir werden es sehen“, Gitte gab sich forscher, als ihr zu Mute war. „Leuchte mal“, bat sie Marion und schlüpfte mutig voran in die Öffnung. Diese verbreitete sich nach oben und es zeigte sich, dass es ein Gang war, indem man aufrecht stehen konnte.

Die Wände waren aus Lehm, scheinbar hatte man die Erde damit verschmiert, um ihr eine gewisse Stabilität zu geben. „Ein bisschen wie lebendig begraben“, flüsterte Marion. „Hast du Schiss, dann kehr doch um und warum flüsterst du eigentlich“, Gitte wollte beiden ein wenig Mut machen, doch der dumpfe Klang ihrer Stimmen flösste auch ihr Unbehagen ein. Sie zündete eine der mitgebrachten Kerzen an, damit sie mehr Licht hatten, doch der zuckende Flammenschein machte die Umgebung nicht anheimelnder. Langsam gingen sie weiter in den Gang, der nun sachte abfiel. „Warum geht es bergab“, wollte Marion beklommen wissen. „Das Haus steht auf dem Kaninchenberg“, schon vergessen“, gab Gitte zurück. „Wir kommen also immer tiefer in die Erde“, bemerkte Marion. Genervt schaute Gitte sich um. „Wenn es dieser Gang ist, wie ich stark vermute“, sagte sie, „kommen wir in den anderen Häusern auch in den Kellern wieder nach draußen. „Wenn sie die Öffnungen nicht zugemauert haben“, gab Marion zu bedenken. „Ach was, du alte Unke, nun komm schon“, feuerte Gitte sie an. „Sollte das so sein, kehren wir einfach wieder um. Während sie sich unterhalten hatten, waren sie ein ganzes Stück gegangen, wie weit, konnten sie allerdings schlecht abschätzen. Plötzlich kam eine Abzweigung, die ein Stück weiter an einer Mauer endete. „Siehst du, zugemauert“, bemerkte Marion. „Warte, wir sind immer geradeaus gegangen, unsere Kellerwand ist Richtung Viehauser Berg ausgerichtet, dass muss das Haus sein, auf das wir von unserem Balkon aus blicken, siehst du, wir wissen doch so einigermaßen, wo wir sind.“ „Hoffentlich hast du Recht“, blieb Marion skeptisch. „warte mal, noch ein Stück, wenn dann links etwas kommt, ein wenig bergan, dann wären wir am alten Krankenhaus, sofern meine Berechnung stimmt.“ Vorsichtig gingen sie weiter. Tatsächlich, nach einer Weile gabelte sich der Weg und der linke hatte eine sanfte Steigung. „Schauen wir mal, ob es stimmt“, verlangte Gitte und stiefelte voraus.  Plötzlich verbreiterte der Gang sich zu einer kuppelartigen Höhle. Staunend ließ Marion den Kegel der Taschenlampe über Decke und Wände gleiten, neben dem mit Brettern von außen vernageltem Ausgang standen Kisten. Wir beiden schauten nach und fanden alte verrostete Operationsbestecke, Mullbinden, Spritzen und sogar eine Schachtel, mit der Aufschrift Morphium, nebst einer kleinen Dose mit einem Totenkopf, die einige Kapseln enthielten. „Das ist sicher Zyankali“, mutmaßte Gitte. „Ja klar, ´ne Nummer größer hast du es nicht“, lachte Marion, „warum haben sie dann alles hier liegen lasen?“ „Vielleicht mussten sie schnell den Eingang verschließen, weil er sonst von den Amis entdeckt worden wäre“, gab Gitte zu bedenken, „lass uns die Schachtel mitnehmen und untersuchen lassen, dann wissen wir es genau“, entschied Gitte und steckte die Schachtel in ihre Hosentasche. „Lass und weitersuchen“.

 Wir wendeten und gingen zur Gabelung zurück. „Soll ich an die Wand einen Pfeil zeichnen“, wollte Marion wissen, „für den Rückweg“? „Kannst du sicherheitshalber machen, obwohl ich glaube, die Gabelung zum Krankenhaus erkennen wir“, antwortete Gitte. Erleichtert holte Marion die Kreide aus der Tasche und zeichnete einen großen Pfeil in die Richtung aus der wir gekommen waren. Eine Weile tasteten wir uns im diffusen Licht der Lampe und der Kerze weiter, plötzlich huschte etwas auf uns zu und glitt an uns vorbei. Marion schrie gellend auf und ließ die Taschenlampe fallen.

 Ihr Schrei hörte sich grauenvoll an, hier unter der Erde, grell, aber trotzdem dumpf hallend, mein Herz setzte sekundenlang aus. „Das war doch nur eine Ratte“, versuchte ich Marion zu beruhigen. „Nur eine Ratte“, japste sie fassungslos, „hast du schon mal gehört, dass Ratten beißen“, wollte sie ziemlich hysterisch wissen? „Die hatte doch mehr Angst vor uns, als wir vor Ihr“, versuche ich Marion zu beruhigen „Lass uns umkehren“, bittet sie mich. „Ach Marion“, seufze ich, „wenn wir nun umkehren, lassen wir anderen diese Sensation, denk mal, was wir hier in der kurzen Zeit alles erlebt haben, wenn wir nun umdrehen, traust du dich sicher nicht wieder hier her und allein wage ich das auch nicht. Wir werden anderen davon erzählen und die haben mehr Mut und heimsen den Ruhm ein, willst du das?“ „Nein, gehen wir weiter“, sagt sie kleinlaut und ich nicke erleichtert. Gottlob hat die Lampe den Fall unbeschadet überstanden, wir nehmen sie wieder an uns und machen uns erneut auf den Weg. „Leuchte mal“, bitte ich Marion und halte meine Uhr in den Lichtkegel. Wir können es kaum glauben, wir sind erst eine knappe Stunde unterwegs und es erscheint uns ewig lang.

„Wie es uns scheint, legen wir eine lange Strecke zurück, aber es werden wohl wieder nur Minuten sein. Plötzlich trifft der Schein der Lampe auf eine Geröllwand. „Das wusste ich, hier geht es nicht mehr weiter“, sagt Marion erleichtert, also zurück.“ „Warte mal, leuchte bitte in die rechte Ecke, oder besser, bitte nimm die Kerze und gib mir die Lampe.“ Schweigend kommt Marion meinem Wunsch nach, ich nehme die Lampe und leuchte in die besagte Ecke. Der Lichtkegel schält ein Skelett aus der Dunkelheit. Marion schlägt die Hände vor ihr Gesicht. Halb ängstlich, halb fasziniert trete ich näher heran, nun kann ich das Skelett genau betrachten, es lehnt an der Wand und neben ihm liegt ein Schriftstück. „Schau mal“, rufe ich nach meiner Freundin, doch die bedeckt immer noch ihr Gesicht mit den Händen und schüttelt den Kopf. „Das will ich nicht sehen“, erwidert sie. So nehme ich den Zettel, stecke ihn ein. Behutsam fasse ich Marion am Arm. „Komm“,  bitte ich sie, wir gehen zurück. Erleichtert atmet sie auf. Der Rückweg geht ziemlich schnell, wir sind beide erleichtert hier heraus und wieder ans Tageslicht zu kommen.

Schweigend krabbeln wir wieder durch das Loch in unseren Keller zurück, als ich das Licht einschalte schließen wir erst einmal geblendet die Augen. Schnell hinauf in mein Zimmer.

„Seit ihr zurück“, will meine Mutter wissen, die uns natürlich gehört hat. Oh weh, hoffentlich kommt sie nicht rüber, denn wir sehen natürlich entsetzlich schmutzig aus und brennen darauf, den Brief zu lesen. „Ja wir sind hier, alles in Ordnung“, rufe ich.

Vorsichtig entfalte ich den Brief, wenn er aus dem Krieg stammt, wie ich vermute, ist er immerhin mindestens 22 Jahre alt.

Die Schrift ist altmodisch, gut dass ich das lesen kann, denn meine Oma schreibt auch so. Hier steht also:

Mein Name ist Egon Schneider, ich sitze hier im Keller, meine Mutter Klara hat mich unter Tränen gebeten, mich hier zu verstecken, mein Vater Heinz und mein Bruder Walter sind an der Front gefallen, ich bin der Jüngste und Mutter will mich nicht auch verlieren, nur die alten Werdener kennen diesen Gang, die Amis werden mich also nicht finden und mit in die Kriegsgefangenschaft nehmen. Hier hat die Erde gebebt, eine Staubwolke bildete sich und dann stürzte der Gang ein. Hoffentlich sucht einer hier, ich bin schon den Gang entlang gekrochen, weil ich ohne Licht nicht laufen kann, aber überall waren verschlossene Eingänge.

Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon sitze, die Uhr kann ich im Dunkeln nicht lesen, obwohl ich sie immer wieder aufgezogen habe. Hoffentlich kommt bald Hilfe.

 

Wir schweigen und weinen um den grausamen Tod des unbekannten Mannes. Nach einer Weile haben wir uns gefasst. Erst einmal müssen wir meiner Mutter unter die Augen treten und nach einer Schimpflitanei können wir uns endlich säubern, dann machen wir uns auf den Weg zur Polizei, um unser schier unglaubliches Erlebnis zu berichten.

Egon Schneider galt als vermisst, wie so viele aus dieser Zeit, sein Schicksal ist nun geklärt.

 

© By Gitte