Die Zypresse!

„Na, gefällt dir das Haus?“ Forschend sah Christinas Mutter ihre Tochter an, die nun interessiert ihren Blick über die imposante Fassade des alten Hauses streifen ließ. „Ziemlich groß der Kasten“, entgegnete sie burschikos, „aber ganz okay.“ Karin, Christinas Mutter lächelte leicht. „Es ist nicht leicht eure Generation zu beeindrucken nicht wahr?“ Sie selbst wurde von einer Art Ehrfurcht erfasst, sobald sie das alte Haus betrachtete. „Warte nur bis du die Zimmer siehst, durch ihre Höhe wirken sie ungeheuer groß. Genau der richtige Rahmen für uns, nun da ich den Festvertrag mit der Architekten Firma in der Tasche habe. So, nun komm wir tragen die kleinen Sachen ins Haus und warten dort auf den Umzugs Wagen und heute Abend wird gefeiert mein Schatz.“ „Wenn wir dann noch dazu in der Lage sind“, gab Chris, wie sie genannt wurde lächelnd zur Antwort. Sie schnappte sich ein Paket und lief hinter ihrer Mutter her zur Haustüre. Dabei blickte sie sich um. Ein großzügiger Vorgarten umgab das Haus. Chris war schon gespannt, ob es hinter dem Haus auch einen Garten gab, denn sie lag zu gerne in der Sonne und hing ihren Gedanken nach. Währenddessen mühte sich ihre Mutter mit dem Schoß ab. Dann hatte sie es geschafft und die rechte Seite der Doppelflügeltüten mit den reich verzierten Scheiben in der Mitte gab den Weg in das Innere des Hauses frei. Wohltuende Kühle umfing sie hier nach der Mittagssonnenglut draußen. Ein wundervolles Steinmosaik zierte den Boden und die Wände waren bis zur Hälfte mit kühlem weiß strukturiertem  Marmor verkleidet.  Ihre Mutter hatte nicht zuviel versprochen, das Haus war ein Traum, großzügig und von kühler Eleganz. Doch es blieb nicht viel Zeit zum Umschauen, schon kam der Umzugswagen und bald füllte sich das Haus mit Menschen, Möbeln, Paketen und Päckchen. Nach und nach verschwanden die Arbeiter und die beiden Frauen begannen mit dem Einräumen. Es war schon dunkel draußen, als Karin Chris am Arm fasste und in die Küche zog. Sie hatte dort Kartoffelsalat auf zwei Teller gefüllt und hungrig ließen sie es sich schmecken. Danach gab es ein Glas Sekt. Karin hob das Glas. „Auf das wir uns hier wohl fühlen und eine schöne Zeit hier haben werden“, wünschte sie. Nachdem sie das Glas Sekt gelehrt hatten, wünschte Chris ihrer Mutter eine gute Nacht und ging in ihr Zimmer. Sie war hundemüde, so ein Umzug war eine wirkliche Plackerei. Als sie aus dem Bad kam, warf sie noch einen Blick aus dem Fenster. Welch eine herrliche Aussicht auf einen wunderschönen Garten, sie wird es sich angewöhnen am Abend einen Blick hinaus zu werfen und dabei zu entspannen. Eine Zypresse fing ihren Blick ein, ein seltsames Gewächs, fast wie ein riesiger Hund sah es aus. Heute jedoch konnte Chris keinen klaren Gedanken mehr fassen, so wendet sie sich gähnend ab und ging zu Bett. Doch so müde sie auch war, einschlafen konnte sie nicht.

 

Es war ungewohnt still hier, vorher hatten sie mitten in der Stadt an einer viel befahrenen Straße gewohnt. Zuerst war die Stille Balsam für die Nerven, doch bald begann man auf ein Geräusch zu lauern. Chris Nerven waren überreizt und deshalb war sie auch hellwach. Was war das? Es hörte sich an wie ein Seufzen. Chris warf die Decke zurück und tastete sich im Dunkeln zum Fenster. Sie versuchte sich zu orientieren. Wo war denn die Zypresse? Aber halt, schlich da nicht jemand, oder besser gesagt etwas im Garten herum? Spielten ihre Nerven ihr einen Streich? Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Dunkel und die Umrisse schälten sich deutlicher heraus. Tatsächlich, da war etwas im Garten, wenn es ein Mensch war lief er geduckt, es wirkte eher wie ein Tier, nein doch nicht, jetzt richtete es sich auf, es war ein Mensch und zwar ein sehr Großer, aber wo war die Zypresse? Deutlich hörte Chris und ein Seufzen. Welcher Einbrecher seufzt auf seinen Beutetouren, äußerst merkwürdig das Ganze. Da, nun blickte er zu ihr hin, etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Chris drückte sich in den Schatten der Gardine an der Seite. Seine Augen hatten merkwürdig gefunkelt. Auch schien er sehr groß und irgendwie unförmig zu sein. Nun kam er auf ihr Fenster zu. Chris hielt den Atem an, was wollte er? Einbrechen etwa?

 

„Hallo du, hörst du mich“, hörte Chris plötzlich. Was sollte sie machen, wenn sie schwieg, dachte er sicher das Haus ist leer und er kann ungefährdet eindringen, wenn sie antwortete hörte er das sie nur ein Mädchen war und vielleicht leichte Beute, aber sie konnte immer noch behaupten ihre Eltern seien da. Diese Überlegungen gaben den Ausschlag. „Wer bist du und was willst du“, antwortete sie schließlich. Eine Weile blieb es still. „Wer ich bin? Eine unglückliche Kreatur, von Gott und den Menschen gehasst und das zu Recht“, vernahm sie schließlich. Das hörte sich ja furchtbar an, was wollte er nur von ihr? Sie würde ihm ja gerne etwas Nettes sagen, aber sie kannte ihn ja überhaupt nicht. „Es tut so gut mit jemand zu reden“, hörte sie ihn sagen. „Leider kann ich sie nicht herein bitten, meine Eltern wären sicher böse“, meinte Chris entschuldigend. „Ich würde auch nicht herein kommen können, du würdest vor Entsetzen die Flucht ergreifen“, hörte sie. „Was ist ihnen denn geschehen? Hatten sie einen Unfall? Sind sie entstellt? Die Chirurgie ist doch Heute so weit, man kann ihnen sicher helfen“, versuchte sie den Unbekannten zu trösten. Sie hörte ein heiseres Lachen, das sich fast wie ein Bellen anhörte. „Da kann kein Chirurg etwas machen“, hörte sie, es ist meine Strafe und ich habe sie mehr als verdient, ich war sehr, sehr böse, böser als du es dir vorstellen kannst, magst du meine Geschichte hören? Es tut so gut mit jemandem zu reden.“ „Warte einen Moment, ich hole mir einen Stuhl ans Fenster und eine Decke, dann höre ich dir zu, willst du auch eine Decke? Die Nächte sind nicht so warm?“ Es dauerte eine Weile dann vernahm sie ein leises „Ja bitte, aber du darfst mich nicht ansehen, dann erschrickst du und willst nichts mehr mit mir zu tun haben.“ „So schlimm wird es schon nicht sein“, meinte Chris und es wäre eine gute Übung, ich arbeite als Praktikantin im Krankenhaus, da werde ich noch Schlimmeres sehen, aber gut ich werde das Fenster öffnen und die Decke hinaus werfen ohne zu schauen, wenn es dich so stört.“ Chris beeilte sich zwei Decken zu holen, von denen sie eine aus dem Fenster warf. „Dankeschön, obwohl ich bezweifle jemals wieder so etwas wie Wärme empfinden zu können“, hörte sie den von ihr so liebevoll Bedachten sagen. „Feste einwickeln, ich mache das auch und dann möchte ich deine Geschichte hören, diese Vollmond Nacht lässt mich ohnehin keine Schlaf finden.“ Chris kuschelte sich in ihre Decke und setzte sich bequem ans Fenster, das sie einen Spalt weit offen ließ, um besser zu hören.

 

„Also wie schon gesagt, ich war sehr böse, aber ich wusste es nicht besser.“ „Das verstehe ich nicht“, unterbrach Chris den Sprecher. „Was heißt das du wusstest es nicht besser?“ „Mein Vater war ein sehr grausamer Mann, er quälte Tiere und er quälte Menschen, vorzugsweise meine Mutter und meine Schwester. Er erzog mich in dem Sinne, ein Mann muss hart sein, hart, grausam und stark. Frauen müssen parieren und so schlug er seine Frau und seine Tochter oft. Er fing Vögel und riss ihnen die Beine aus, wenn sie dann am Boden hockten und die Katze sie fraß dann lachte er und ich lachte mit. Er blies Frösche auf, bis sie zerplatzten. Wenn einem Kind sein Ball in unseren Garten fiel, zerschlitzte er ihn mit einem Messer bevor er ihn zurückgab und freute sich wenn das Kind weinte. Dann lachte er wieder, das Leid Anderer macht ihm Freude. Verstehst du, ich kannte es nicht anders, ich dachte das muss so sein. Vater sagte immer wehe du lässt dich verhauen, schlag zuerst zu, möglichst so dass der Andere nicht mehr aufsteht.

 

Als ich in den Kindergarten kam, dauerte es nicht lange und ich hatte keinen einzigen Freund. Die anderen fürchteten mich und das machte mich stolz, aber ich war auch einsam, niemand wollte mit mir spielen, denn wenn es Streit gab, dann schlug ich zu. So versuchte ich anderes die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, kein Baum war mir zu hoch, kein Spiel zu gewagt, ich weiß nicht wie viele Knochen ich gebrochen hatte. In der Schule war es ähnlich, ich war ein Einzelgänger und wann immer ich konnte rächte ich mich dafür, ich stelle den Mädchen ein Bein und wenn sie hinschlugen und weinten, dann lachte ich wie mein Vater, dann war ich ein Mann, dann hatte ich Macht, war stark, meine Einsamkeit allerdings verletzte mich, mehr als ich es jemals zugegeben hätte. Ich musste meine Gefühle unterdrücken, hart werden wie Vater, gefühllos, wie ein Stein, erst dann war ich frei. Aber es kam anders, ich lernte Moni kennen. Moni war mit ihren Eltern in unsere Stadt gezogen, sie mochte mich und wenn die anderen sie hundert Mal warnten, sie sagte: „Werner ist nicht so, ihr kennt ihn nicht.“ Jahre vergingen und Moni hielt zu mir. Dann erwarte sie ein Kind, mein Kind und ich nahm sie mit nach Hause um sie meinen Eltern vorzustellen, wohl war mir nicht dabei, aber es gehörte sich wohl so. Mein Vater beobachtete Moni tückisch, ich ahne schlimmes und dann kam es. „Einen Balg willst du meinem Sohn anhängen? Das kannst du vergessen, verzieh dich, oder ich schlage dich windelweich.“ Fassungslos blickte Moni zu mir und ich, ich traute mich nicht ihr beizustehen. Nie werde ich den Blick vergessen, den sie mir zu Abschied zuwarf. Am nächsten Morgen fanden sie sie. Sie war im Weiher ertrunken. Es gab kein zurück mehr und keine Moni war mehr da, die das Schicksal aufhielt, ich blieb auf dem Weg, den mein Vater mir vorgelebt hatte, ich soff, ich raubte, ich mordete. Eines Tages ereilte mich mein Schicksal, in Form einer Polizeikugel, ich wurde erschossen.“

 

Moment mal, du sitzt doch hier und erzählst mir deine Geschichte“, warf Chris ein.

„Hier sitzt das Gespenst, das ich nun bin, ich will dir berichten, wie es weiterging. Langsam lichtete sich das Dunkel, das mich umgab und machte einer sanften Helligkeit Platz, ich fühlte mich wohl. Ein älterer Mann betrachtete mich sinnend und meinte: „Werner so gerne ich dir helfen würde, aber  das wäre unfair den anderen gegenüber, die sich in ihrem Leben bemüht haben Rechtschaffen zu sein. Du aber warst ein Tier und da ist es nur gerecht, wenn du ein Tier wirst, du hast geräubert und gerissen wie ein Wolf und deshalb sollst du ein Werwolf sein. Tagsüber wirst du bewegungslos als Strauch in einem Garten stehen, die Hunde werden ihr Geschäft an dir verrichten, du wirst sehen wie Menschen leben, Gute wie Böse, denn du hast viel zu lernen und viel zu bereuen.“ So geschah es dann, ich wurde eine Zypresse und nur Nachts zwischen Mitternacht und ein Uhr da bin ich frei. Nun, da es eigentlich meine Existenz ist böse zu sein und Menschen umzubringen mag ich es nicht mehr, ich sehne mich nach Ruhe und Frieden, den finde ich aber erst, wenn es einen Menschen gibt, den mein Schicksal erbarmt, der Mitleid mit mir empfindet und sich nicht schaudernd abwendet. Bist du dieser Mensch Mädchen?“

 

Chris hatte leise den Fensterflügel geöffnet und nun lehnte sie sich hinaus, sie streichelte das struppige Haar des Wesens, das da unter ihr an der Wand lehnte. Stocksteif saß es da und genoss die ungewohnte Zärtlichkeit. Langsam tastete sich eine Pranke hoch zu ihrer Hand. Chris kämpfte ihr Entsetzen nieder und nahm sie, da spürte sie, wie sich die Pranke veränderte. Sie wurde kleiner und weicher, das Fell verschwand und zurück blieb eine menschliche Hand. Sie zog daran und das Wesen richtete sich auf. Zusehend veränderte es sich und die menschlichen Züge bildeten sich zurück. „Danke“, hörte Chris noch, dann glitt der Mensch wieder nach unten und saß unter ihrem Fenster. Leise schloss Chris es und ging zu Bett. Sie war plötzlich entsetzlich müde.

 

Am nächsten Morgen weckte sie strahlender Sonnenschein. Ihre Mutter kam ins Zimmer. „Na du kleine Schlafmütze, endlich wach geworden? Hast du was Schönes geträumt? Du weißt doch, was man in der ersten Nacht im neuen Heim träumt, das geht in Erfüllung“. Lächelnd nickte Chris. „Ach da ist noch etwas Seltsames passiert in der Nacht. Erinnerst du dich an die Zypresse? Stell dir vor, sie ist weg. Nicht geklaut oder so, die Erde ist unverletzt, so als hätte es sie nie gegeben.“ Wieder lächelte Chris nur und nickte. Ihre Mutter zuckte mit den Schultern, seltsam ihr Mädelchen Heute.

©By Gitte