Die alte Trauerweide!
Wenn ich früher traurig war, oder nachdenken wollte, zog es mich zu meinem Lieblingsplatz. Durch mein Heimatdörfchen Essen-Werden fließt die Ruhr und es gibt dort eine Halbinsel, den Brehm. Dort stand eine uralte dicke Trauerweide, deren Äste bis zum Boden reichten. Wenn man hineinschlüpfte, fand man sich in einer Welt wieder, die einem grünen Quadrat glich. Durch diese Einschränkung schärften sich die Sinne, fast so als sei man blind und man vernahm Geräusche, die man sonst nicht beachtet hätte. Gespräche von Spaziergängern hörte man klar und deutlich, anhand der Lautstärke konnte man feststellen, aus welcher Richtung sie kamen und in welche sie sich entfernten. Ansonsten herrschte eine wunderbare Stille.
Jahrelang teilte ich diesen Ort mit niemandem, denn ich hatte mich immer vorgesehen, dass mich keiner beobachtete, wenn ich dort hinein schlüpfte.
Eines Tages ereilte mich das Schicksal aller Teenager, ich war verliebt. Wir hatten Mittwochnachmittag und deshalb hatte ich frei, denn ich arbeitete in einem Textil Geschäft als Lehrling. Um in aller Ruhe nachdenken zu können, begab ich mich zu meinem Baum. Es war Sommer, ich trug leichte Sandalen und das Gras hatte meine Schrittgeräusche geschluckt. Gerade war ich im Begriff die Zweige beiseite zu schieben, als ich mitten in meiner Bewegung erstarrte. „Du hast Recht, es wird höchste Zeit der Alten eine Lektion zu erteilen“, hörte ich. Mitten in der Bewegung erstarrte ich, ein Eiseshauch lief über meinen Rücken. Vorsichtig ging ich einen Schritt zurück und, lies mich sachte ins Gras gleiten. Trotz meiner Aufregung versuchte ich leise zu atmen. „Hast du schon einen Plan“, vernahm ich nun eine andere Stimme? „Samstag Abend muss es sein, da ist die Alte immer alleine, in der Woche bekommt sie schon mal Besuch von ihrer Tochter, oder den Enkeln, aber Samstags haben alle etwas vor, ich beobachte das schon seit einiger Zeit“, kam die Antwort. „Was hat sie dir eigentlich getan, das du sie so sehr hasst?“ „Mein Sohn hat sich in ihre Enkelin verliebt, du weißt schon, Gaby die hübsche Kleine. Da kam die Alte doch tatsächlich in unser Restaurant und meinte vor den Gästen, ihre Enkelin werde nicht in so eine Klitsche einheiraten und sich hinterm Tresen von den Besoffenen begrapschen lassen, das solle ich mir schnellstens aus dem Kopf schlagen.“ Die Stimme hatte sehr wütend geklungen. Nun ertönte ein Kichern, „Restaurant, sagtest du Restaurant?“ „Natürlich sagte ich Restaurant, biete ich einen Mittagstisch an, oder nicht.“ Wieder klang es sehr gereizt. „Na ja lenkte der andere ein, drei Tische hast du ja im Ruhrstrand, aber deshalb gleich Restaurant?“ „Auf wessen Seite stehst du eigentlich“, kam nun die Gegenfrage? Aha, Ruhrstrand, nun wusste ich wenigstens um wen es sich bei der einen Partei handelte, ich horchte weiter. Hoffentlich kam nur niemand und wunderte sich, warum ich hier bäuchlings im Gras lag. „Treffen wir uns am Samstag nun vor dem Laden von der alten Huschmann?“ Nun blieb mir aber wirklich die Luft weg. Huschmann? Laden? Dort arbeitete ich und Gaby kannte ich gut. Sie war ein verwöhnter Fratz, aber der Sohn vom Ruhrstrand hatte schon was, was mochten sie nur vorhaben. „Okay, wir treffen uns Samstag um 22.00Uhr in der Passage?“ Schnell rutschte ich ein wenig zurück, stand flink auf und huschte zum nächsten Busch, hinter dem ich mich verbarg. Keine Sekunde zu früh, schon teilten sich die Äste und vorsichtig nach allen Seiten schauend kamen zwei Männer mittleren Alters aus meinem Geheim Versteck hervor.
Nachdem sie sich entfernt hatten, schlüpfte ich unter den Schutz der Trauerweide und ließ mich aufatmend nieder gleiten. Was sollte ich nur machen? Zur Polizei gehen? Aber ich hatte ja keine Beweise. Andererseits war die alte Frau Huschmann schon schlimm und einen Denkzettel hätte ich ihr ohne weiteres gegönnt, was aber, wenn ihr dabei etwas geschah, wenn sie zum Beispiel einen Herzinfarkt bekam, das war in ihrem Alter gar nicht so unwahrscheinlich? Dann war das auch meine Schuld, weil ich geschwiegen hatte. Dabei kam mir mein ursprüngliches Problem in den Sinn. Reiner, das war es, Reiner war acht Jahre älter als ich, ich musste ihn fragen, er würde wissen, was zu tun war. Froh einen Ausweg gefunden zu haben, machte ich mich auf den Weg in Reiners Atelier. Völlig außer Atem traf ich dort ein. Auf mein Sturm klingeln öffnete er und war überrascht mich zu sehen. Sagtest du nicht, du brauchtest Zeit“, wollte er verblüfft wissen? „Nun brauch ich erst einmal dich“, entgegnete ich. Verblüfft sah er mich an, dann strahlte er und öffnete seine Arme. „Zu Diensten, bedien dich“, lachte er. Verärgert merkte ich, wie mir heiß wurde, ich wurde rot, nun hielt er mich sicher für ein kleines Mädchen, ich drehte ihm den Rücken zu und verbarg so mein Gesicht. „Lass die Faxen, ich habe ein echtes Problem“, herrschte ich ihn an. Sofort wurde er ernst. „Wo brennt es denn, was bedrückt dich“, wollte er wissen und führte mich zu einem Sessel. Froh, endlich einen Rat zu bekommen erzählte ich ihm, was ich gehört hatte, auch meine Bedenken fügte ich an. Eine Weile schwiegen wir, ich sah, dass er überlegte. „Weißt du was wir machen, ich trommele die Clique zusammen und wir verteilen uns Samstag Abend überall um das Geschäft herum, wenn sie wirklich kommen, heften wir uns an ihre Fersen und verhindern Schlimmeres.“ „Nie und nimmer darf ich um 22.00 Uhr noch raus“, gab ich zu bedenken, denn ich war erst fünfzehn Jahre alt und meine Eltern ziemlich streng. Reiner lachte. „Wie hast du es dann Sylvester gemacht“, wollt er wissen? Stimmt, da war ich früh zu Bett gegangen und weil mein Zimmer einen separaten Eingang hatte fiel es nicht auf, wenn ich wieder verschwand, so konnte es gehen. Erleichtert stand ich auf und gab ihm einen Kuss. „Du bist der Beste, behauptete ich, manchmal ist es von Vorteil einen älteren Freund zu haben.“ Einigermaßen beruhigt machte ich mich auf den Heimweg.
Am Samstag begab ich mich Kopfschmerzen vorschützend gegen 21.00 Uhr zu Bett. Als ich vorsichtig schleichend um 21.30Uhr das Haus verließ, löste sich aus dem Schatten der Bäume, die dort standen eine Gestalt und kam auf mich zu. „Da bist du ja“, hörte ich Reiners Stimme, ich hab auf dich gewartet. „Musstest du mich so erschrecken“, schimpfte ich los, war aber doch erleichtert. „Dachtest du, ich lass mein Mädel hier allein in der Dunkelheit gehen“, sprach er, da nahm ich gerührt seine Hand und wir machten uns auf den Weg. Das Geschäft lag an einer Kreuzung. Im Oberen Stockwerk brannte noch Licht, Frau Huschmann war also noch nicht zu Bett gegangen. Reiner pfiff einmal und aus einem Hauseingang gegenüber dem Geschäft winkte jemand. Alle erwarteten uns schon, Clemens und Conny standen hier, die informierten uns, dass nebenan Rene und Volker ungeduldig darauf warteten, dass unser Abenteuer beginne. Direkt neben dem Geschäft hatten sich Hilmar und Petra verschanzt. Petra war Reporterin und immer auf der Suche nach einer Story, wie immer hatte sie ihre Kamera dabei. Wir mussten gar nicht lange warten, da tauchten plötzlich zwei dunkel gekleidete Typen auf, die sich dem Nebeneingang des Geschäftes näherten. Sie begannen das Schloss zu bearbeiten, da der eine mit einer Taschenlampe leuchtete, konnten wir gut sehen, was da vor sich ging. Endlich schienen sie es geschafft zu haben, die Türe öffnete sich. „Schnell“, zischte ich, „ehe sie ins Schloss fällt“, und rannte los, gerade noch rechtzeitig erreichte ich sie und hielt sie auf. Nacheinander schlichen wir die Treppe hinauf, hinter den Spitzbuben her. Plötzlich konnte ich ein leises Kichern nicht unterdrücken. Erschrocken hielt Reiner meinen Mund zu. „Wie der Rattenfänger von Hameln“, flüsterte ich und sah im Dämmerlicht sein Grinsen. Plötzlich ertönte ein Schrei und das war das Signal für uns voran zu stürmen. Als wir ins hell erleuchtete Wohnzimmer polterten, mussten wir erst einmal blinzeln, zu groß war der Unterschied zum dämmrigen Treppenhaus gewesen, zudem knipste Petra wie eine Wilde drauf los und es folgte ein Blitzlicht Gewitter. „Ja was ist denn hier los“, donnerte die Stimme Frau Huschmanns uns entgegen. Verblüfft sahen wir uns um. Stimmt es war ein Mann gewesen, der geschrieen hatte. Nun musste ich doch lachen, Frau Huschmann hatte ihren Stock erhoben und drosch auf den maskierten Mann ein, der andere hatte hinter einem Sessel Zuflucht gesucht. Wie ein kleine, zornige Rache Göttin wirkte sie und ich hatte mir Sorgen gemacht, sie würde einen Herzinfarkt erleiden, ich sollte mich lieber um die Einbrecher sorgen. Den Tumult benutzten die beiden nun zur Flucht. „Was machen sie hier Fräulein Winter“, herrschte sie mich nun an. „Wir haben uns vor ihrem Geschäft getroffen und als wir die maskierten Männer bemerkten, sind wir ihnen nachgegangen“, berichtete ich ihr. „Und wer sind sie, warum fotografieren sie“, wendete sie sich nun an Petra. Die trat nun vor und hielt ihr die Hand hin. „Verzeihen sie bitte, Petra, Petra Krüger von der gleichnamigen Zeitschrift, ich bin Reporterin und habe meine Kamera immer dabei, oft erlebt man nämlich Helden des Alltags, genau wie heute bei ihnen, ich hoffe sie geben mir ein Interview Frau Huschmann, sie waren sehr beherzt und mutig, das wird vielen älteren Leuten Mut machen. Meine von Gestalt kleine Senior Chefin wuchs bei diesen Worten um einige Zentimeter. „Gut“ entschied sie, „das mache ich gerne, darf ich ihnen allen ein Glas Wein anbieten? Fabelhafte Leute kennen sie Fräulein Winter“, meinte sie nun anerkennend in meine Richtung. Nach einer Weile verabschiedeten wir uns.
„Da hast du dein Image heute aber mächtig aufpolieren können“, meinte Reiner, als er mir vor unserer Haustüre einen Abschiedskuss gab. „Du hast prima dazu beigetragen und die anderen auch“, dankte ich ihm.
Am anderen Morgen nutzte ich einen Augenblick, indem ich mit Gaby allein war. „Magst du ihn sehr, den Wirtssohn vom Ruhrstrand“, wollte ich von ihr wissen? Erschrocken blickte sie sich um. „Sei leise, wenn Oma das erfährt ist hier was los“, flüsterte sie ängstlich. „Schon passiert“, gab ich zurück und sie schaute verblüfft. „Woher weißt du das“, fragte sie nun nach. „Das ist mein Geheimnis“, antwortete ich ihr. „Was soll ich denn nun machen“, meinte sie ratlos? „Rede mir ihr, ich glaube sie hat mehr Verständnis, als du glaubst“, riet ich ihr. „Meinst du wirklich“, zweifelte sie. Scheinbar hat sie ihre Oma überzeugt, denn als ich letztens unter meiner Trauerweide saß und träumte, hörte ich wie Gaby verliebt mit dem Mann ihrer Träume auf einem der Wege turtelte.
© By Gitte