Die gelbe Bank!

Wie jeden Morgen spazierte ich mit Wölfchen, meinem schönen Deutschen Schäferhund über den Friedhof. Hier braucht er nicht an jeder Kreuzung Sitz zu machen und kann unbefangen neben mit herhopsen.

 

Ein Radfahrer kommt angebraust. Er scheint es sehr eilig zu haben, sein Gesicht ist gerötet und seine Stirne mit feinem Schweiß bedeckt. Als er uns sieht, bringt er mit quietschenden Reifen sein Rad kurz vor uns zum Stehen. Wölfchen halte ich lieber an der kurzen Leine, er hat schon wachsam die Ohren hochgestellt, um sein geliebtes Frauchen wenn nötig zu verteidigen. „Sitz“, weise ich ihn an und das kluge Tier gehorcht sofort. „Wissen sie wo hier eine gelbe Bank steht“, will er von mir wissen? Verblüfft sehe ich ihn an und versuche mich zu besinnen. So oft bin ich hier, bin ich wirklich immer so achtlos gewesen? „Es tut mir leid, ich weiß es wirklich nicht“, muss ich zugeben. Er nickt einen schnellen Dank und fährt weiter. Unwillkürlich blicke ich ihm nach und bemerke, dass er anderen Passanten offenbar die gleiche Frage stellt. Alle gucken so verblüfft wie ich und schütteln dann bedauernd den Kopf. Scheinbar bin ich nicht die einzige Person, die so unachtsam durch die Gegend läuft.

 

Die Sache lässt mich nicht mehr los und ich beginne nach der gelben Bank Ausschau zu halten. Als ich den Friedhof verlasse, wende ich meinen Blick zur anderen Seite und da steht sie, die gelbe Bank.

 

Einige Stunden später machen wir die nächste Runde. Die gelbe Bank, die nun meinen Blick anzieht erfreut sich plötzlicher Beliebtheit, ich sehe ein älteres Ehepaar vor ihr stehen und lachen, sicher haben sie sie auch gesucht und sind nun fündig geworden. Einige Meter entfernt steht ein Mann, der nicht gerade einen Vertrauen erweckenden Eindruck macht. Trotz der Wärme trägt er eine Lederkluft und sein Kopf ist von einem Helm und einer Motorradbrille fast unkenntlich gemacht, den Rest verdeckt ein ungepflegter Bart. Unter dem Helm kommen lange fettige Haare hervor. Böse starrt er das heitere ältere Paar an und auch mich trifft ein Blick, der mir das Blut in den Adern stocken lässt, dem möchte ich nicht im Dunkeln begegnen. Eilig gehe ich meines Weges und bin mal wieder froh einen so großen Respekt einflößenden Begleiter zu haben.

 

Wieder begegnet und der Radfahrer, auch ihm scheint es hier auf dem Friedhof zu gefallen. Nach unserer Runde fällt mein Blick wieder auf jene Bank, Kinder spielen nun dort und ich bemerke den Radfahrer, der verzweifelt zu der Bank starrt, was hat es nur damit auf sich? Nun rollt einem der Kinder ein Ball unter die Bank. Es krabbelt darunter und verharrt dort eine Weile. Der Radfahrer schaut nun ziemlich entsetzt, besser ich bleibe und beobachte was passiert. Das Kind kommt nun wieder hervor und hält ein kleines Päckchen in der Hand. „Schaut mal, was ich gefunden habe, dass klebte unter der Bank“, berichtet es seinen Spiel Kameraden. Neugierig betrachten diese das kleine Päckchen und befühlen es. Da sehe ich, wie der Radfahrer sich auf sein Rad schwingt und genau auf die Kinder zufährt. Geistesgegenwärtig laufe ich los. „Halt“, rufe ich und stelle mich ihm in den Weg. „Bitte“, sagt er nun völlig verzweifelt, „ich muss das Päckchen haben, sonst bringt er mich um.“ „Was ist denn da drin“, frage ich und ahne die Antwort schon. „Etwas das ich in der Schule verteilen soll, der Mann, der mir den Auftrag gegeben hat, hat mich beim Stehlen erwischt, wenn ich nicht mache, was er von mir verlangt, zeigt er mich an.“ „Bitte gebt mir das Päckchen, ich bringe es zur Polizei“, bitte ich die Kinder. Die haben schon bemerkt, das es nicht zum Spielen taugt und händigen es mir aus. „Bitte begleite mich ein Stück“, wende ich mich nun an den Radfahrer, „wir müssen reden.“ Wortlos und bedrückt schiebt er sein Rad neben mir her. „Du weißt was da drin ist und was passiert, wenn du das in deiner Schule verteilst“, vergewissere ich mich. „Ich ahne es, aber was soll ich denn machen“, fragt er verzweifelt. „Das weißt du genau“, rede ich ihm ins Gewissen. „Du glaubst doch nicht, dass es bei dem einen Mal bleibt, du gibst dem Erpresser immer mehr gegen dich in die Hand. Lass uns das einzig Vernünftige machen, komm mit zur Polizei, da erzählst du alles, sie nehmen die Leute fest und du kommst ganz bestimmt mit einer sehr milden Strafe, wenn nicht sogar ungeschoren davon.“ Bedrückt nickt der Junge. „Kommen sie mit“, will er wissen? „Selbstverständlich, nicht das ich dir nicht traue, aber das Zeug gebe ich lieber nicht aus der Hand“, entgegne ich und gemeinsam gehen wir zur Wache. Der Junge nennt dort den Zeitpunkt, wann sein Auftraggeber an der Schule auf seine Erfolgs Meldung wartet. Einige Tage später treffen wir uns wieder auf dem Friedhof. „Ich habe gehofft sie wieder zu treffen“, spricht mich ein netter nun gar nicht mehr fahriger Mann an. „Die gestohlene Ware habe ich zurückgegeben und ich bekomme keine Anzeige, den Dealer hat man verhaftet.“ „Gut gemacht“, lobe ich ihn. Ehrlich währt halt am längsten.

© By Gitte