Dornröschen hat verschlafen!

Einhundert Jahre waren geplant, doch es kam anders.

 Die böse Fee hatte bestimmt, dass Dornröschen in einen einhundertjährigen Schlaf versinken sollte, aus dem der Kuss eines Königsohnes sie wecke. Nun, dass Schicksal wollte es anders und das kam so.

Der Prinz, der dazu auserkoren war Dornröschen zu wecken, wurde 80 Jahre später geboren. Nun weiß jeder, dass gerade an so einem Königshof Neid und Missgunst an der Tagesordnung sind. In diesem Falle war es die oberste Kammerzofe der Königin, die sich einen bösen Plan ausgedacht hatte und das Schicksal aus der Bahn warf.

 

Ihre Tochter war zur gleichen Zeit guter Hoffnung wie die Königin.

Der Zofe kam der Plan in den Sinn, die beiden Kinder zu vertauschen und wenn ihr Enkel dann einst den Thron bestieg, würde sie sich ihre Vorteile zu beschaffen wissen, dem echten Prinzen, der als Sohn ihrer Tochter aufwachsen sollte könnte ja etwas zustoßen, Kinder leben ja so gefährlich, aber das hatte noch Zeit, so dachte sie.

Als bei der Königin die Wehen einsetzten, leitete die Zofe, die auch den Posten der Hebamme bekleidete auch bei ihrer Tochter die Geburt ein. Beide Frauen bekamen einen Knaben und die Zofe vertauschte die Kinder.

 Keiner ahnte nun, dass der geliebte Prinz in Wirklichkeit das Enkelkind der Zofe war.

 

Einige Jahre gingen ins Land, die Kinder waren befreundet, da sie im gleichen Alter waren und die Zofe überlegte nun, auf welche Art der echte Prinz ums Leben kommen könnte. Die Jungen waren nun zwölf Jahre alt und sollten in die Jagd eingeführt werden.

Die Zofe verbarg eine Kastanie mit der stacheligen Hülle unter der Satteldecke des echten Prinzen, alleine sein Pferd war ein nervöses Tier, es keilte aus und der Hufschlag traf sie so unglücklich, dass ihre Rippen brachen und sie starb.

Auch der Prinz kam durch diesen Reitunfall wie geplant ums Leben.

 

Acht Jahre später nun hörte der vermeintliche Prinz die Sage von Dornröschen und machte sich auf den Weg zu ihr, aber so viel er auch versuchte, sie wachte nicht auf und nach einen Tag schloss sich die Hecke wieder. Der falsche Prinz war nun eingeschlossen mit einem schlafenden Hofstaat und nach einer Weile wurde er trübsinnig und einige Zeit später starb er in dem Dornengefängnis.

 

Wieder gingen einhundert Jahre ins Land.

Da geschah es, dass ein reicher Bauunternehmer Urlaub in diesem schönen hessischen Lande machte, in dem das Dornröschen Schloss hinter der Dornenhecke schlief. Auf einer Wanderung, die er mit seinem Sohn unternahm, kam er in diese idyllische Gegend. Nun war es so, dass seine Vorfahren von königlichem Geblüt waren, aber er machte sich nichts daraus, denn es waren die wilden 60ger und die Monarchie galt als uncool.

 

Sie wanderten an einer wunderbaren Dornenhecke vorbei, deren Rosen in voller Blüte standen und betörend dufteten. Plötzlich teilte sich diese Hecke und gab den Blick auf ein zauberhaftes, wenn auch schon ein wenig verfallenes Schloss frei. Erstaunt blickten Vater und Sohn sich an. In stillem Einvernehmen traten sie durch die Hecke und kamen in den Schlosspark.

 

Verwundert blickten sie sich um. Da stand ein Gärtner, altertümlich gekleidet und war im Begriff die Hecke zu schneiden, allerdings schien er mitten in seiner Arbeit eingeschlafen zu sein. Ihnen war ein wenig mulmig zu Mute, als sie zum Schloss gingen. Sie betraten die Halle, dort stand ein Diener in einer altertümlichen Livree, auch er schien bei der Arbeit eingeschlafen zu sein.

„Das gibt es doch nicht, zwick mich mal“, meinte nun Thorsten, so hieß der Sohn, zu seinem Vater. „Sag mal, ob das ein Virus ist, nicht das wir uns anstecken“.

„Willst du umkehren und dich zeitlebens fragen, was dahinter steckt?“, gab sein Vater zur Antwort.

Thorsten überlegte kurz, dann schüttelte er seinem Kopf. „Hätte sicher auch nicht viel Zweck, denn wenn es ein Virus ist, sind wir schon infiziert, also suchen wir lieber, ob wir hier ein menschliches Wesen treffen.“

So machten sie sich auf den Weg durch das Schloss und trafen überall auf schlafende Dienstboten, im Thronsaal stießen sie dann auf das ebenfalls schlafende Königspaar.

„Es ist wohl sinnlos, am besten, wir holen die Polizei“, meinte Thorstens Vater nun.

 

„Sieh mal, da ist eine Treppe, oder eher eine Stiege, vielleicht können wir von oben einen Gesamtblick erhaschen und sehen von dort mehr“, entgegnete Thorsten und machte sich auch gleich auf den Weg nach oben. Die Stiege führte ganz hinauf, in dass Turmzimmer. Als Thorsten es betrat, stieß er einen überraschten Laut aus.

„Heiliger Bimbam“, entfuhr es ihm „wer ist denn das“? Er ging zu dem Diwan, auf dem ein wunderschönes Mädchen ruhte, auch sie schlief tief und fest. Wenn sie nicht diese alten Klamotten anhätte, wäre sie wunderschön, dachte er bei sich, wie ein altes Gemälde. Leicht strich seine Hand über ihre Wange, die fühlte sich zart, weich und warm an. Er wusste nicht recht, wie es geschah, aber sein Gesicht näherte sich dem ihren, eigentlich hatte er sie genauer ansehen wollen, aber dann konnte er nicht widerstehen und küsste sie.

 

Plötzlich schlug sie die Augen auf. Erschrocken fuhr Thorsten zurück. Zur gleichen Zeit erhob sich ein ziemlicher Lärm, denn auch alle anderen Bewohner des Schlosses waren plötzlich erwacht.

 

Dornröschen blickte Thorsten überrascht an. „Wer seid Ihr“? wollte sie wissen.

Thorsten sah sich um, wen meinte sie mit „Ihr“? Außer ihm war da kein Mensch. Da sie ihn anblickte, musste sie wohl ihn meinen.

„Entschuldigung“, stammelte er, „mein Name ist Thorsten Berger und wie heißt du“? Dornröschen setzte sich auf, „Ich bin Prinzessin Rosa“, antwortete sie ihm.

Es klopfte und eine Zofe trat ein. Als sie Thorsten erblickte, schrie sie auf.

„Was macht Ihr im Schlafgemach der Prinzessin“, wollte sie von Thorsten wissen. Schlafgemach? Thorsten musste innerlich lachen, beherrschte sich aber, er kam sich vor wie im Kino.

„Geht nun. Und wartet im Salon auf mich“ wandte sich Rosa nun an Thorsten.

Der verbeugte sich kurz und machte sich auf den Rückweg.

 

Im Thronsaal traf er dann wieder seinen Vater und das inzwischen erwachte Königspaar. Diener wuselten überall herum. Das Königspaar erinnerte sich nun was geschehen war und dankte den beiden für die Erlösung. Es staunte über die legere Kleidung, die man mittlerweile trug. Nach einiger Zeit gesellte sich auch Rosa zu ihnen, sie hatte ja nichts von dem Fluch gewusst und hörte nun erstaunt an, was geschehen war. Thorsten musste sie immer wieder ansehen, sie war wunderschön, aber diese Kleidung, damit konnte sie sich nirgendwo sehen lassen. Nach einer Weile verabschiedeten Thorsten und sein Vater sich, sie versprachen wieder zu kommen, aber nun wollten sie den Schlossbewohnern erst einmal Zeit lassen, sich in das neue Zeitalter zu finden.

 

 

 

Beide sprachen auf dem Rückweg in ihr Hotel wenig, sie hingen ihren Gedanken nach.

„Diese Rosa ist ein hübsches Mädel“, meinte Thorstens Vater.

„So, ist mir nicht so aufgefallen“, entgegnete Thorsten, könnte aber nicht verhindern, dass er errötete.

Sein Vater schlug ihm lachend auf die Schulter.

Am folgenden Morgen fuhr Thorsten in die nächste Stadt. In einer Boutique kaufte er ein. Seine letzte Freundin hatte die Größe 36 getragen, er schätzte, dass es auch Rosa passen würde. Er kaufte ein schicke Jeans und eine Flatterbluse aus Chiffon in einem schicken rosa Farbton und hoffte, sie Sachen gefielen Rosa. Am Nachmittag machte er sich auf den Weg ins Schloss. Die Zofe meldete ihn an und Rosa erschien sofort. Ein wenig verlegen übereichte er ihr die Sachen.

„Oh, ein Geschenk, ich habe doch noch nicht Geburtstag“, freute sich Rosa. Sie klatschte erfreut in ihre Hände.

Als sie jedoch die Sachen in Händen hielt,  erstarb ihr Lächeln.

„Was ist denn das, warum schenkst Du mir Beinkleider“, wollte sie enttäuscht wissen.

„So etwas trägt man Heute, ich wollte Dich abholen und mit Dir spazieren gehen, damit Du die Welt kennen lernst, wie sie nun ist“, erklärte Thorsten geduldig. „Deine Kleider sind wunderschön, aber so kannst du nicht ausgehen, du kämst mit dem Reifrock nicht mal in ein Auto.“

„Was ist ein Auto“? wollte Rosa neugierig wissen und vergaß ihre Enttäuschung über die undamenhafte Kleidung.

„Das zeige ich dir alles, aber bitte kleide dich erst um“, bat Thorsten. „Ich warte in der Halle auf dich.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Rosa erschien, sie sah reizend aus in den neuen Sachen. Aufgeregt rannte die Zofe hinter ihr her. „Prinzessin, Prinzessin“, flehte sie, „Ihr werdet doch so nicht das Schloss verlassen wollen?

„Warum denn nicht“, wollte Rosa wissen, „wenn man das heute so trägt“ und tänzelte graziös auf Thorsten zu.

„Gehen wir“, lachte der „und erobern wir die neue Welt.“

 

Vor dem Schloss parkte Thorstens Sportwagen, er öffnete die Türe und machte eine einladende Geste.

„Bitteschön“, forderte er Rosa auf.

Misstrauisch betrachtete diese das Auto, sie ging einmal herum und legte ihre Hand darauf, als nichts geschah, folgte sie Thorstens Aufforderung und setzte sich hinein. Sie wippte einige Male auf und nieder und genoss sichtlich die gute Federung. Thorsten drehte nun den Zündschlüssel herum und der Motor sprang an, das Auto vibrierte ein wenig. Aus Schreck geweiteten Augen blickte Rosa nun ängstlich um sich.

„Ist das ein gezähmter Drache“, flüsterte sie.

Nun brach Thorsten doch in schallendes Gelächter aus. Rosa wurde rot vor Verlegenheit. „Entschuldige“, meinte Thorsten „du kannst das ja alles nicht kennen, aber für uns ist das normal, fast jeder fährt heute ein Auto.“ „Gleich setzen wir uns in Bewegung, halte dich vorsichtshalber fest.

Langsam fuhr er an. Leichenblass saß Rosa neben ihm und sah starr geradeaus. Nach einer Weile entspannte sie sich und blickte aus den Augenwinkeln um sich, noch später begann es dann ihr riesigen Spaß zu bereiten. Ihre Wangen röteten sich und sie rief: „Hüh!“ und schlug sich anschließend erschrocken auf den Mund. „Das heißt sicher auch anders“, wollte sie wissen.

„Schneller“, grinste Thorsten und gab etwas mehr Gas.

Nach einer Weile kamen sie in die Stadt. Nun begegneten sie recht vielen Fahrzeugen und Rosa staunte nur noch. „Wie findest du dich in diesem Gewimmel nur zurecht“, staunte sie. „Das lernst du auch noch“, meinte Thorsten.

„Glaubst du das wirklich“ fragte Rosa skeptisch.

„Aber ganz sicher, doch erst einmal musst du sehen, was es heute alles gibt, die Zeiten haben sich ziemlich geändert“.

Thorsten lenkte den Wagen auf den Parkplatz eines Restaurants; galant half er Rosa beim aussteigen. Sie gingen hinein und bekamen vom Ober einen Tisch zugewiesen.

„Wer ist der Gastgeber?“  wollte Rosa wissen und sah sich neugierig um. „Warum stellen wir die Tische nicht zu einer Tafel zusammen“, fragte sie laut.

Die Gäste blicken erstaunt zu ihr.

„Pst“ machte Thorsten „Das ist ein Restaurant, hier bekommt man zu Essen und bezahlt dafür“.

„Essen braucht man nicht zu bezahlen, das bringen die Dienstboten, wenn man sie ruft“, entgegnete Rosa verblüfft.

„Die wenigsten Menschen haben heutzutage Dienstboten“, erklärte Thorsten nun.

Rosa sah sehr verwirrt aus. Der Ober kam und Thorsten bestellte das Essen. Der Ober legte das Besteck vor und Rosa staunte wieder. Neugierig nahm sie die Gabel in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten. Thorsten hatte ein fabelhaftes Menü bestellt und Rosa langte kräftig zu.

„Die müssen das Feuer prima unter Kontrolle halten, kein bisschen verbrannt das Fleisch“, lobte sie.

Die Leute am Nachbartisch spitzten die Ohren und Thorsten wünschte sich, er hätte Rosa besser erst auf einen Restaurantbesuch vorbereitet.

„Man brät das Fleisch auf Elektroöfen“ erklärte er ihr und Rosa gab es auf zu fragen und widmete sich den Köstlichkeiten, wobei der Umgang mit dem Besteck ihr nicht leicht fiel. Zum Nachtisch hatte Thorsten flambiertes Eis bestellt. Als der Ober es am Tisch entzündete, erschrak Rosa kräftig.

„Feurio, Feurio“! rufend schnappte sie das Tischtuch und erstickte die Flammen.

Der Ober erstarrte zur Salzsäule.

„Entschuldigung“, stammelte Thorsten, drückte dem Ober einen großen Geldschein in die Hand, nahm Rosa an die Hand und verließ schnell die Gaststätte.

Er hörte noch, wie ein Gast rief:  „Unerhört, wo haben sie die denn freigelassen“.

„Habe ich das Feuer nicht prima gelöscht?“ fragte Rosa stolz.

„Das Feuer hat man extra entzündet, das nennt man flambieren“, versuchte er zu erklären. Rosa sah ihn verständnislos an. „Ihr verbrennt das Eis, bevor ihr es esst“, dass verstehe ich nicht.

 „Pass auf“, meinte er nun, „ich habe eine Idee. Wir lassen den Wagen hier stehen und fahren mit dem Autobus zur Weser hinunter, dann machen wir eine Dampferfahrt, dass wird dir gefallen. Rosa nickte verwirrt, denn sie wusste nicht so recht, von was Thorsten redete, was war ein Autobus und was ein Dampfer? Na sie würde sich überraschen lassen. Thorsten nahm ihre Hand und sie wünschte sich, er möge sie nie mehr loslassen. So schlenderten sie zur Haltestelle. Als der Bus kam und beim Heranfahren immer größer wurde, kauerte Rosa sich zusammen.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, tröstete Thorsten. „Das ist das gleich wie das Auto, nur größer.“

Die Türe öffnete sich und Thorsten schob sie hinein.

„Warum fährst Du dieses Ding nicht“, wollte sie wissen.

„Dafür gibt es Busfahrer“, erklärte er. „Wir sind gleich da“, meinte Thorsten und drückte das Haltesignal.

„Pling“ machte es und beim Fahrer leuchtete das Halteschild auf.

„Das will ich auch mal!“, freute sich Rosa und klatschte begeistert in die Hände.

„Später“, sagte Thorsten.

Zwei Jugendliche beobachteten sie und meinten:

„Wo haste denn die Tussi her, ist die auf Droge?“

 Rosa schaute nun ihrerseits die beiden an und bemerkte in dem Ohr des einen eine Sicherheitsnadel. Betroffen fragte sie:

„Hat deine Mama etwa versucht dein Ohr zu nähen, du armer Kerl“.

Dann bemerkte sie die langen Haare, die beide trugen. „Gib ihnen Geld für den Barbier“, bat sie Thorsten.

Erst schauten beide entgeistert, dann klatschten sie sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

Thorsten hielt es für das Beste schnell zu verschwinden, denn der Bus hatte gehalten. Die Hippies riefen „Halt, wartet doch“, aber Thorsten zog Rosa schnell hinter sich her. Sie hatten Glück, gerade hatte ein Dampfer angelegt. Sie betraten das Schiff,

„Möchtest Du an Deck sitzen, oder lieber unten“, wollte er wissen.

„Lieber oben, unter ist es mir unheimlich“, flüsterte sie.

Der Schaffner hatte es mitbekommen. „Hat wohl Platzangst, ihre kleine Freundin“, wollte er wissen und Thorsten nickte.

 Sie fuhren einige Stationen mit dem Dampfer, der in der Nähe des Schlosses anlegte. Thorsten brachte Rosa heim.

„Das war ein aufregender Tag“, sagte sie und Thorsten konnte ihr da nur zustimmen.

Er war sich ganz sicher, sie würden noch sehr viele aufregende Tage zusammen erleben.

 

 

© By Gitte