Ein todsicheres Versteck!

Aufgewachsen bin ich in einem der schönsten Fleckchen Deutschlands, in Farchand bei Garmisch-Spatenkirchen.

Wer nun denkt, das muss ein glücklicher Mensch sein, der in so einer Idylle aufwächst, dem kann ich nur sagen: „Mitnichten.“ Die dörfliche Enge empfand ich nicht als Schutz, sondern als Panzer, der mich einengte in meinem Benehmen und Gehabe. Nur nicht auffallen war die Devise, denn dann begann das Getratsche und man stand völlig unter Beobachtung. Da jeder jeden kannte und es wenig Abwechslung gab, blieb auch nicht viel verborgen. Insgeheim hatte ich längst für mich beschlossen, nach der Schulausbildung bin ich weg. Einen Job würde ich mir besorgen, in einer Großstadt, dort würde ich ein Zimmer haben und sparen, bis ich mir ein Leben leisten konnte, das mir vorschwebte. Diese Gedanken spann ich aus an meinem Lieblings Ort. Immer wenn ich Freizeit hatte, die allerdings wegen der häuslichen Pflichten knapp bemessen war da wir ein Gehöft besaßen und wenn das Wetter es zuließ, lag ich in der Wiese unterhalb der Kuhfluchtwasserfälle. Ein Waldlehrpfad führt auch dort vorbei, aber außerhalb der Touristen Saison und am frühen Morgen hat man hier ein ruhiges Plätzchen, ideal zum Nachdenken, träumen und relaxen. Entdeckt hatte ich es, als ich mal wieder Stress zu Hause hatte und damals achtjährig bockig davon gestürmt war. Schluchzend und wütend hatte ich im Gras gehockt, das noch feucht vom Morgentau war. Heute würde ich nicht in die Schule gehen, ich würde überhaupt nie wieder in die Schule gehen und nach Hause auch nicht, sollten sie mal heulen um mich. Das Selbstmitleid trieb mir wieder die Tränen in die Augen, doch dann fuhr ich zusammen. Da hatte einer gekichert. Also das war doch das Letzte, mir ging es schlecht und statt mich zu trösten, lachte man mich aus. Suchend spähte ich herum. Aus dem Wasserfall blitzte es regenbogenfarbig auf. Oft hatte ich das Wasser funkeln sehen, wenn ein Sonnenstrahl darauf traf, aber niemals so stark. Neugierig stand ich auf und lief dorthin. Die Gischt spritzte und ich schauderte unter den Eiskalten Tropfen. Um meine Augen zu schützen kniff ich sie zu schmalen Schlitzen zusammen. Mehr tastend als sehend arbeitete ich mich vor. Meine Hand fuhr in die Wasserwand und ich überlegte was wohl dahinter ist. Hier würde mich niemand finden und kurz entschlossen trat ich hindurch. Enttäuscht betrachtete ich die Erdwand vor mir und suchend glitt mein Blick in die Höhe, was hatte hier geblitzt? Oh, knapp über mir befand sich der Eingang zu einer Höhle und hatte da nicht etwas geraschelt? Entschlossen grub ich Hände und Füße ins Erdreich und begann zu klettern, dann hatte ich das Loch erreicht.

 

Vor lauter Staunen blieb mein Mund offen. Immer wenn ein Sonnenstrahl durch den Wasservorhang blitzte, glänzten die Wände der Höhle auf, die scheinbar über und über mit Edelsteinen besetzt waren. So gefangen war ich von dem Anblick, das ich erst jetzt das kleine Wesen bemerkte, das dort saß und mich schmunzelnd beobachtete. Nein, das konnte nun nicht sein, sicher bildete ich mir das nur ein. Entschlossen das Trugbild zu verscheuchen kniff ich die Augen zusammen, doch als ich sie öffnete saß das kleine zarte Gebilde immer noch da und nicht nur das, mit zierlichen Bewegungen stand es auf, klopfte ein Stäubchen aus seinem schillernden Röckchen und kam zu mir. Das heißt, ich bin nicht sicher ob sie kam, oder flog, oder beides. „Bist du ein Elfchen“, stotterte ich und sie nickte eifrig mit ihren Köpfchen, das die feinen Goldlöckchen flogen. Oh könnte ich einmal so schön sein. Sie schien Gedanken lesen zu können, denn sie lachte leise und glockenklar auf. „Das bist du, aber auf andere Art als ich“, nickte sie wiederum.“ „Na hör mal, wenn du mich veralbern willst, dann gehe ich wieder“, antwortete ich beleidigt. „Schau einmal, wir sind für unsere Umgebung geschaffen, Gott hat sich etwas dabei gedacht, das wir sind, wie wir sind. Stell dir mal vor, du wärst so klein wie ich und trügest so zarte Sachen und dann melke mal eine Kuh.“ Da ich die Gabe habe mir alles bildlich vorzustellen musste ich schallend lachen. Es dröhnte von den Wänden und erschrocken schwieg ich still, denn meine kleine Gesprächspartnerin hatte schmerzhaft das Gesichtchen verzogen, in ihren kleinen Ohren musste es sich wie eine Explosion anhören. „Entschuldige“, bat ich sie und gluckste. „Die Vorstellung ist aber auch zu herrlich.“ „Magst du unser Reich sehen“, wollte sie nun wissen? „Bin ich nicht viel zu groß für die kleine Höhle“, stellte ich die Gegenfrage? „Das ist relativ“, antwortete die Elfe und schwirrte mit ihren Flügeln. Etwas wie Sternenstaub flimmerte in der Luft und als der auf mich nieder rieselte schrumpfte ich zusammen und war bald so klein wie meine neue Freundin. Nun umarmte sie mich und stellte sich vor. „Sillinir heiße ich“, sagte sie und ich antwortete „ich bin Liane und mein ausgefallener Name macht es mir nicht gerade leicht im Dorf, die Leute meinen, das meinen Mutter etwas besseres sein wollte damit.“ Sillinir strich über mein Haar. Was ich nicht wusste, dort wo ihre Hand mich streichelte hinterließ sie eine goldene Spur in meinem Blondhaar. Dann nahm sie meine Hand und zog mich tiefer in die Höhle. Es wurde auch im Inneren der Erde nicht dunkler und verwundert sah ich flimmernde Lichtchen an den Wänden. „Glühwürmchen“, deutete Silinir meinen fragenden Blick. Nach einer Weile erweiterte sich der Gang und mündete in einen Saal, der Glanz und die Pracht verschlugen mir den Atem und ich stand wie angewurzelt und staunte. Hier saßen die Glühwürmchen wie nach einem Muster angeordnet an der Decke und in einem weiten Rund beschienen sie eine Festtafel, wie kaum ein Auge sie je sah. Die blendend weiße Damastdecke hob sich von dem Gefunkel der Kristallkelche und dem Goldfarbenen Geschirr ab. Am Kopfende saß eine hoheitsvoll aussehende Dame, die Sillinir sehr ähnelte, nur wirkte sie älter, weiser und unnahbarer. Unwillkürlich stockte mein Schritt, aber Silinir zog mich einfach mit sich. Sie verbeugte sich vor der Dame und sagte: „Mutter, das ist Liane, ein Menschenkind“ und zu mir gewendet: Liane, das ist meine Mutter Eldarin, die Elfenkönigin.“ Ach du liebe Zeit, wie begrüßt man eine Königin? Mein Gesicht rötete sich vor Verlegenheit und ich machte das, was ich mal im Fernsehen gesehen hatte und ich für eine Art Hofknicks hielt. Ein leichter Hauch eines Schmunzelns überzog das Gesicht von Sillinirs Mutter und machte sie der Tochter noch ähnlicher. Dann jedoch blickte sie ihre Tochter streng an. „Weißt du nicht, dass es verboten ist Menschenkinder hier her zu bringen?“ Sillinir senkte schuldbewusst das Köpfchen und nagte an ihrer Unterlippe. Der Blick der Königin wurde weich, sie fasste ihr unters Kinn und hob den Kopf an, so dass sie sie ansehen musste. „Denk nur, was alles geschehen kann. Auch wenn deine Freundin hier dich nicht verraten würde, wie leicht könnte ihr jemand folgen und wir entdeckt werden. Außerdem ist es gefährlich hier im Berg.“ Sie nahm nun meine Hand und zog mich ans Ende des Saales. Hier wurde es dunkler und verwundert blickte ich auf etliche Stollen, die tiefschwarz hinter dem Saal in den Berg hineinführten. „Wir kennen uns aus, aber ein Menschenkind wäre rettungslos verloren, geriete es in dieses Labyrinth“, sagte sie zu mir. „Darum verabschiedet euch nun Kinder.“ Silinir schloss mich noch einmal in ihre Arme und küsste mich. „Wenn du einst in Not gerätst, sollst du dich meiner und dieser Höhle erinnern“, flüsterte sie. Dann blickte die Königin mir in die Augen. Welch seltsamer Blick, dachte ich, wie Smaragde funkelten sie, dann schlief ich ein und erwachte auf der Wiese vor dem Wasserfall. Seltsam, meine Wut war verraucht, mir war kalt und ich lief heim, um die wohlverdiente Strafpredigt meiner Eltern für das Schulschwänzen zu empfangen. Was hast du mit deinen Haaren gemacht“, wollte meine Mutter wissen? „Nichts, warum fragst du“ antwortete ich. Sie zog mich vor einen Spiegel und staunend erblickte ich die goldenen Streifen darin, die sich auch fortan nicht auswaschen ließen.

 

Es vergingen die Jahre und immer wieder saß ich an meinem Lieblings Ort und träumte. Mittlerweile ging ich im Garmisch auf das Gymnasium und stand kurz vor dem Abitur. Danach stand mir endlich die Welt offen. Nur noch eine kurze Zeit und dann ging es hinaus in die Welt, die mich lockte mit ihrer Weilte, ihren Möglichkeiten und ihren Geheimnissen. Mein Traum war es Ärztin zu werden und wenn meine Abschlussnoten es zuließen, würde ich in München studieren.

 

Alles lief nach Plan und schließlich kam ich nur noch in den Semester Ferien heim und auch da musste ich lernen, um mein Ziel zu erreichen. Latein war nicht so einfach, denn es fehlten die Assoziationen, wie im Englischen Hair sich in Haare ableiten ließ, funktionierte es bei Vene, vidi vici (er kam sah und siegte) nicht. Es war eine Sache des konzentrierten Lernens und mehr noch, des Behaltens. So zog es ich mich ab und an zu meinem Lieblingsplatz am Wasserfall, dort herrschte im Gegensatz zu unserem Hof, auf dem immer etwas los war himmlische Ruhe. Nach einiger Zeit legte ich meine Bücher ins fast kniehohe Gras, mich auf den Rücken und döste vor mich hin, ich musste eingenickt sein, als mich Stimmen in meiner Nähe weckten. Vielleicht gehen sie bald wieder dachte ich und blieb liegen. Leise drang das Gemurmel von zwei Männern, die sich einige Meter von mir nieder gelassen hatten in mein Bewusstsein und was ich da hörte elektrisierte mich zunehmend. „Samstag“, hörte ich „ist da richtig was zu holen. Nicht nur die Anwohner, auch der Durchgangsverkehr tankt dort. Die machen einen Riesenreibach. In der Nacht schlagen wir zu, ich dachte so an vier Uhr in der Früh, am Sonntag, dann sind die Nachtschwärmer daheim und die Frühaufsteher noch nicht auf.“

Wenn ich das richtig deutete, wollten die Zwei die Tankstelle überfallen. Die Stimmen kannte ich, aber in meiner Panik konnte ich sie nicht zuordnen. Sie durften mich auf keinen Fall bemerken. Der Angstschweiß brach mir aus allen Poren und ich überlegte fieberhaft was ich tun konnte. Warten bis sie gingen, das konnte gefährlich sein, wenn sie beim Aufstehen in meine Richtung blickten, konnte ich ihnen nicht verborgen bleiben. Langsam, ganz langsam drehte ich mich auf den Bauch und begann mich mit Händen, die sich in die Erde krallten und mit den Fußspitzen vorwärts zu schieben, Richtung Wasserfall. Warum ich diese Richtung wählte hätte ich nicht sagen können, es geschah instinktiv. Eine Arme und Beine zitterten vor Anstrengung, aber nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit erschien wurden die Stimmen leiser und ich kam dem Wasserfall näher. Das letzte Stück bestand aus Felsgestein, hier musste ich das Schützende Gras verlassen und mich aufrichten. Vorsichtig ging ich in die Hocke und dann sprintete ich los. Fast glaubte ich es geschafft zu haben, da ertönte ein Wutschrei. „Man hat uns belauscht, guck da läuft sie, los hinterher, sie darf nicht entwischen.“ Fast Zeitgleich tauchte ich hinter den Wasserfall und ohne Nachzudenken zog ich mich hoch in die Höhle, die ich nun als Erwachsene leichter erreichen konnte. Heute hatte ich keinen Blick für die herrlichen Kristalle, ich lief was ich konnte. Keine Glühwürmchen leuchteten und der Saal war leer und staubig. Vage kam mir alles bekannt vor, aber zum Nachsinnen hatte ich keine Zeit, denn wie mir die Geräusche zeigten hatten meine Verfolger nicht aufgegeben, sondern waren mir auf den Fersen. „Sieh dir das an, ein todsicheres Versteck“, hörte ich noch einen begeisterten Ruf. Sechs Gänge zweigten hier ab und ohne auch nur Anzuhalten stürmte ich in einen davon. Es wurde immer dunkler und enger, ich stieß an den rauen Wänden an und riss mir Arme und Beine auf. Als ich endlich stehen blieb war es stockdunkel um mich her und still. Zitternd ließ ich mich zur Erde gleiten und versuchte erst einmal meine schmerzenden Lungen zu beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Lauschend starrte ich in die Schwärze. Nach einer Weile würde ich umkehren und hoffen, dass meine Verfolger einen anderen Weg genommen hatten. Da ich das Zifferblatt meiner Uhr nicht sehen konnte beschloss ich fünfmal langsam bis sechzig zu zählen. Dann waren fünf Minuten vorbei und wenn ich bis dahin nichts gehört hatte, würde ich umkehren. Nur in dem großen Gewölbe würde ich noch einmal vorsichtig sein müssen, falls die beiden Männer dort auf mich warteten. Es geschah nichts und so machte ich mich auf den Rückweg, langsam tastete ich an der Wand entlang. Was war denn das? Es ging scharf nach Rechts? Mir war es vorgekommen, als sei ich immer geradeaus gelaufen, ich ging zurück, entfernte mich von der Wand und gelangte in einen anderen Stollen. Scheinbar zweigten hier Gänge ab, ich würde mich höllisch konzentrieren müssen geradeaus zu gehen um an den Ausgangspunkt zu gelangen. Im Dunkeln ist das nicht so einfach, ich lief und lief. Endlich ließ ich mich erschöpft zu Boden gleiten, und gestand es mir ein, ich hatte mich hoffnungslos verirrt. 

 

Wir kennen uns aus, aber ein Menschenkind wäre rettungslos verloren, geriete es in dieses Labyrinth. Der Satz erschien in meinem Gehirn, wer hatte ihn gesagt? Lauschend horchte ich in mich hinein und vor meinem geistigen Auge tauchte plötzlich das Bild eines Mädchens auf. „Sillinir“, flüsterte ich und es fiel wie Schuppen von meinen Augen, alles war wieder da. Ihre Mutter hatte mich gewarnt, damals. „Hast du mich gerufen?“ Wie ein Hauch klangen diese Worte an mein Ohr. Etwas glänzte zu meinen Füßen und als ich genau hinsah, stand dort die Freundin aus meiner Jugendzeit. „Sillinir“, jauchzte ich begeistert, doch die hielt sich entsetzt die Ohren zu. Schnell bedeckte ich meinen Mund mit den Händen. „Verzeih, ich mache immer wieder die gleich Fehler“, sagte ich zerknirscht „Na du bist eben ein Menschenkind“, schmunzelte die Elfenprinzessin, die mir Heute als Erwachsene natürlich noch viel kleiner erschien, als damals. „Folge mir“, forderte sie mich auf und erleichtert lief ich dem Lichtschein nach. Nach einer Weile bemerkte ich eine hellen Schimmer, wie näherten uns der Halle. „Sillinir“, flüsterte ich. „Bitte komm her.“ Sie flog auf meine Schulter, leise berichtete ich ihr, was ich erlebt hatte und meine Sorge, die Beiden könnten dort auf mich warten. „Bleib hier“, riet Sillinir, „ich kann mich unsichtbar machen, ich schaue nach ob Gefahr besteht und schon löste sich das Licht auf. Da ich mich nahe der Halle wusste war ich sehr erleichtert, aber als etwas in mein Ohr flüsterte zuckte ich doch erschrocken zusammen. „Keiner da, du kannst hinaus“, berichtete meine Elfenfreundin. In der Halle wirbelte sie einige Male um ihre Achse und stand plötzlich vor mir, so groß wie ich, aber märchenhaft schön, sie glich nun ihrer Mutter noch mehr. Es ist schön dich wieder einmal gesehen zu haben, aber du musst mich vergessen, zu deiner und meiner Sicherheit“, sagte sie und blickte so traurig wie ich dabei. Noch einmal umarmte sie mich und wie damals ihre Mutter blickten mich ihre märchenhaften Smaragdaugen an und schläferten mich ein.

 

Welch ein merkwürdiger Traum dachte ich, als ich erwachte. Die Sonne hatte sich verzogen und ich fröstelte. Schnell raffte ich meine Bücher zusammen und lief heim. In unserem Ort herrschte am nächsten Tage eine ziemliche Aufregung. Zwei junge Burschen waren verschwunden. Sie hatten schon einiges auf dem Kerbholz und außer ihren Eltern war niemand so richtig traurig darüber, aber eine Sensation war es doch. Herbsttouristen wollten in diesem Jahr einige Male Hilferufe aus der Erde in der Nähe des Wasserfalls gehört haben, aber man weiß ja, Touristen spinnen immer ein wenig, gell?

 

In meiner Tasche fand ich übrigens einen wunderbar klaren Bergkristall, wenn man hineinblickt meint man ein verschwommenes Gesicht zu sehen, er blieb mein Talisman, den ich auch bei den Prüfungen immer bei mir trug. Wenn ich eine Antwort nicht wusste umklammerte ich ihn und es war, als flüsterte mir jemand eine Antwort zu.

By Gitte