Eine Busfahrt mit Folgen!

Vor einigen Tagen kam ich aus der Nachbarstadt, denn ich hatte etwas beim Juwelier zu erledigen. Auf der Rückfahrt stiegen drei Menschen zu, von denen ich zuerst annahm, dass es sich um eine Familie handelt. Sie nahmen in der Reihe vor mir Platz und ich konnte sie gut beobachten. Schnell merkte ich jedoch, dass sie nicht zusammen gehörten. Die Frau und ihr kleines Mädchen waren Mutter und Tochter, der Mann, der ihnen gegenübersaß gehörte wohl nicht zu ihnen. Er wirkte unsympathisch, groß von Statur, ungepflegt und seine Augen blickten unstet.

Das Mädchen spielte unbefangen mit seiner Puppe und plötzlich sah ich seinen Blick. Er hatte sich an ihr förmlich festgesaugt. Die Mutter sah aus dem Fenster und bemerkte nichts davon. Es beunruhigte mich. Seine Augen glänzten unnatürlich, ihm entging keine Bewegung des Mädchens. Nach einigen Haltestellen stiegen Mutter und Tochter aus. Der Mann blieb sitzen und das erleichterte mich ungemein, sicher hatte ich mir das Ganze nur eingebildet, man soll ja auch Menschen nicht nur nach ihrem Äußeren beurteilen. Plötzlich schien er es eilig zu haben, fahrig stand er auf und stieg an der nächsten Haltestelle aus. Bevor ich allerdings dazu kam mich erneut zu Sorgen, hörte ich eine Funkdurchsage. Worum es genau ging hatte ich nicht mitbekommen, aber ich hörte noch dass man nach einer Frau suchte, die eine schwarze Hose und eine rostfarbene Winterjacke trug. Sicherheitshalber schaute ich an mir hinab. Genauso war ich an diesem Tage gekleidet. Sofort begann ich mich zu Sorgen. Konnte etwas mit Jürgen, meinem Mann, oder mit Wölfchen meinem Hund geschehen sein? Aber dann hätte er mich ja über mein Handy angerufen. Zudem war ich nach wenigen Haltestellen daheim. Darüber vergaß ich das eben Erlebte. Zu Hause konnte ich aufatmen, es war alles in Ordnung.

 

 Nadine war völlig aufgekratzt, sie hatte in der Stadt eine neue Puppe bekommen, viel gesehen und erlebt was ihre Fantasie anregte und sie permanent plappern ließ. Ihre Mutter hatte Kopfschmerzen und nickte nur ab und zu gequält, deshalb war sie auch froh zu Hause angekommen zu sein und dankbar, als Nadine sie bat noch ein wenig draußen spielen zu dürfen. Ihre Freundinnen würden staunen, wenn sie das neue Puppenkind sahen. Die Mutter ging hinein und legte sich ein wenig auf das Sofa, während Nadine in den Hinterhof lief. Leider war keine ihrer Freundinnen hier, so setzte sie sich allein auf den Rand des Sandkastens.

 

Karsten hatte die Blicke der fremden Frau sehr wohl bemerkt. Er musste sich beherrschen, nicht hinter der Frau und dem zarten Mädchen her zu rennen. Wohl oder übel wartete er bis zur nächsten Haltestelle, die nur einige Meter weiter war und stieg dann betont langsam aus. Sobald allerdings der Bus abgefahren war rannte er zurück. An der vorigen Haltestelle blickte er sich abgehetzt um und sah gerade noch die Frau in einem der Siedlungshäuser verschwinden, dann konnte das Mädchen nicht weit sein. Er musste behutsam vorgehen, ihr Vertrauen gewinnen, sie durfte nicht erschrecken. Nun, da er wusste wo sie wohnte konnte er sein Ziel verfolgen. Sicherheitshalber notierte er sich die Hausnummer auf seiner Hand, denn er hatte wohl einen Kugelschreiber, aber keinen Zettel bei sich, die Häuser hier glichen sich wie ein Ei dem anderen.

 

Am nächsten Tage besorgte er in der Stadt einen Ken, denn er hatte sehr wohl bemerkt, wie sehr die Kleine ihre Barbie liebte. Er packte ihn aus und steckte ihn in seine Jackentasche. Dann machte er sich auf den Weg zu den Siedlungs-Häusern. Das Wetter war nicht sehr einladend und so sehr er auch herum schlich, er hatte kein Glück, das kleine Mädchen ließ sich nicht sehen. Gleich am nächsten Tag versuchte er sein Glück wieder und dieses Mal sah er sie. Nadine war klein und zierlich für ihr Alter, deshalb waren ihre Freundinnen auch schon in der Schule, sie allerdings war ein Jahr zurück gestellt worden und nun saß sie hier allein im Hof und langweilte sich. Als Karsten um die Ecke bog klopfte sein Herz bis zum Halse. Da war sie, endlich, nun nur keinen Fehler machen, sie nicht erschrecken. Er räusperte sich. „Hallo Kleine“, grüßte er als Nadine aufblickte. „Hallo“, entgegnete sie arglos. „Was machst du hier, hast du Zeit? Warum bist du nicht bei der Arbeit?“ Karsten lächelte müde. „Ach weißt du, ich bin arbeitslos und deshalb habe ich viel Zeit und Langeweile, geht es dir auch so?“ Nadine nickte verstehend. Oh ja Langeweile, das kannte sie gut. Mama hatte oft keine Zeit und nun da die Ferien vorbei waren und ihre Freundinnen am Morgen in die Schule gingen langweilte sie sich oft. Seltsam, das auch Erwachsene sich langweilen konnten, alle die sie kannte hatten nie Zeit. „Darf ich mich zu dir setzen“, wollte Karsten wissen und als Nadine nickte nahm er auf dem Rand des Sandkastens neben ihr Platz. Ganz bewusst hatte er Ken ein wenig aus der Jackentasche gucken. Nadine blickte gebannt dorthin. „Was hast du denn da“, wollte sie wissen, „Ist das Ken?“ Karsten antwortete: „Das weiß ich nicht, ich habe ihn gefunden.“ Er zog die Puppe heraus und reichte sie ihr. „Magst du ihn haben?“ Nadine zögerte. Leise mahnte die Stimme ihrer Mutter, sie wusste sie durfte nichts von Fremden annehmen. Aber was sollte ein erwachsener Mann mit Ken? Sie hatte ja schließlich Barbie, die brauchte ihn. Zaghaft streckte sie ihre Hand nach der Puppe aus. „Nimm nur“, ermunterte sie der Mann. „Bei mir zu Hause würde sie doch nur von den kleinen Kätzchen zerrissen.“ „Du hast kleine Kätzchen?“ Nadine bekam große Augen. „So richtige niedliche kleine Kätzchen? Karsten nickte. Meine Katze hat Junge bekommen, magst du eins haben“, wollte er wissen? Nadine nickte begeistert. „Aber ich muss zuerst zu Hause fragen“, schränkte sie ein. „Ach wo, es muss doch keiner wissen, du lässt das Kätzchen einfach bei mir und kommst es immer besuchen“, lockte Karsten das Mädchen. Nadine erhob sich und klopfte den Sand von ihrem Mäntelchen. Karsten betrachtete die kleine Gestalt. So herrlich, so zart und doch so perfekt, eine kleine Frau, zu klein, um sich über ihn lustig zu machen. Ohne zu Zögern griff Nadine seine Hand. „Komm und zeig mir die Kätzchen.“ Das kleine Unbehagen, das Mutters Mahnungen in ihrem Gedächtnis verursachte kämpfte sie nieder.

 

Karsten hätte jubeln können vor Glück. Sie hatte ihn erhört, sie kam mit ihm. Wie warm und weich ihre kleine Kinderhand in der Seinen ruhte. Warum war er nur nicht früher darauf gekommen, Frauen wollten ihn nicht, zumindest die Großen, nahm er sich eben eine Kleine. Für die war er jemand, sie schaute zu ihm auf. Es war nicht weit zu seiner Wohnung. Vor der Türe zögerte Nadine. Sollte sie wirklich hinein gehen in die fremde Wohnung? Aber was sollte schon geschehen, der Mann war nett und er hatte ihr Ken geschenkt, den wünschte sie sich schon so lange und wer einem etwas schenkt, der ist doch nicht fremd, das ist doch ein Freund nicht wahr? So beruhigte sie ihr Gewissen und lief hinter Karsten her. Karsten frohlockte, er hatte ihr Zögern sehr wohl bemerkt und sich schon gefragt, was er machte wenn sie sich plötzlich weigerte mit hinein zu kommen. In der Wohnküche blickte sich Nadine suchend um. „Wo sind denn nun die Kätzchen“, wollte sie wissen? „Die schlafen noch im Schlafzimmer“, behauptete Karsten. „Setz dich doch, magst du einen Kakao“, fragte er? „Hol mir ein Kätzchen“, verlangte das Kind „sonst gehe ich.“ „Nun setz dich doch“, versuchte Karsten es noch einmal sanft. „Nein, ich gehe“, antwortete das Mädchen und rüttelte an der Türe. Die war verschlossen. Oh nein, Mama hatte doch Recht gehabt, warum war sie nur mit dem fremden Mann gegangen? Nadine kamen die Tränen. „Lass mich gehen“, bettelte sie. „Nun komm schon her, ich tue dir nichts, sei ein wenig lieb zu mir“, bettelte Karsten. Das Mädchen ließ sich an der Wand hinab gleiten, schlang die Arme um die Knie und schluchzte bitterlich. „Blöde Göre“, zischte Karsten und verschwand im Nebenraum, nicht ohne hinter sich auch diese Türe zuzuschließen. Er ließ sich auf sein Bett sinken, was hatte er sich nur dabei gedacht? Er konnte sie nicht mal laufen lassen, sie würde seine Wohnung sicher wieder finden.

 

Um die Mittagszeit war Nadines Mutter hinausgegangen, um ihr Kind zum Essen hereinzurufen. Der Innenhof war jedoch leer gewesen. So sehr sie auch suchte und rief, sie fand ihre Tochter nicht. Mittlerweile waren einige Nachbarn hinzugekommen, aber niemand hatte das Mädchen gesehen. Nadines Mutter rief bei allen Mädchen an, die sie kannte aber Nadine war und blieb verschwunden. Von Minute zu Minute steigerte sich ihre Panik. Als ihr Mann schließlich von der Arbeit kam fand er seine Frau völlig aufgelöst vor. Mittlerweile war es später Nachmittag und sie beschlossen die Polizei hinzuzuziehen. Da Nadine erst sechs Jahre alt war, wurde sofort mit der Suche begonnen.

 

Nach einiger Zeit stand Karsten auf und ging wieder in die Küche. Nadine saß immer noch am Boden und war über ihr Weinen eingeschlafen. Sie tat Karsten leid, wie sie da so hockte, so klein, unglücklich und verletzlich. Sie hatte nun nichts mehr Frauliches, sondern war ein Kleines hilfloses Etwas, was sollte er nur machen? Sanft streichelte er über ihr verschwitztes Haar. Sofort erwachte sie und zuckte erschrocken zusammen. „Hast du Hunger“, fragte Karsten sie? Sie schüttelte trotzig ihr kleines Köpfchen. Nichts würde sie essen, sie würde verhungern, dann sah er was er ihr angetan hatte, dann würde er weinen um sie. Aber auch ihre Eltern würden weinen und das war gar nicht gut. Nadine merkte wie sich in ihrer Kehle ein Kloß bildete. Karsten hatte derweil Spiegeleier gebraten und der Duft ließ ihr das Wasser im Munde zusammen laufen, ob sie das nun wollte oder nicht. Karsten bemerkte ihren Blick und klopfte auffordernd auf den Stuhl neben sich. Zögernd kam das Kind zum Tisch, ein wenig würde sie essen, nur ein kleines bisschen. Ehe sie sich allerdings versah hatte sie alles aufgegessen. Beinahe entschuldigend blickte sie in Karstens Gesicht. „Lässt du mich nun gehen“, fragte sie? Aber er schüttelte beinahe bedauernd den Kopf. Warum nur hatte er sie mitgenommen, was wollte er von ihr? Gestreichelt werden? War das Normal? Was geschah mit ihm? Karsten stöhnte und hielt sich seinen Kopf. „Hast du Kopfschmerzen“, fragte Nadine, die ihn beobachtet hatte? „Ich kann dich massieren, das mache ich bei Mama auch manchmal.“ Mit diesen Worten trat sie hinter ihn und ehe er sich versah, fühlte er die kleine kühle Kinderhand auf seiner Stirne. Doch auch das Wohlbehagen, das er empfand machte ihm Angst. Unwirsch zog er den Kopf weg und fauchte das Mädchen an: „Lass das.“ Verletzt und mit hängendem Kopf trollte sich das Kind wieder in seine Ecke und rollte sich zusammen.

 

Ohne mich wirklich auf das Programm zu konzentrieren saß ich am Abend vor dem Fernsehgerät und schaute die Nachrichten. Plötzlich fuhr ich wie elektrisiert zusammen. Das Kind auf dem Foto kannte ich doch, das war doch die Kleine aus dem Bus. Nadine wird seit den frühen Mittagsstunden vermisst hörte ich noch, ehe ich zu meinem Mann stürzte. „Schnell, zieh dich an, wir müssen zur Polizei“, erklärte ich ihm aufgeregt und schon Minuten später waren wir mit Wolf unserem Schäferhund auf dem Weg zur Wache. Dort erzählte ich den Beamten von meiner Beobachtung. Sie fuhren mit uns zu den Eltern des vermissten Mädchens. Dort bat ich Wölfchen ein Kleidungsstück von Nadine und ließ ihn versuchsweise daran schnuppern, dann ging ich mit ihm in den Hof, wo Nadine zuletzt gespielt hatte. Schnell fand er am Sandkasten ihre Spur und folgte ihr ohne zu zögern. Nur einige Straßen weiter stoppte er vor einem Haus und bellte. Am Fenster erschien das Gesicht des Mädchens und die Mutter schrie erleichtert auf. Als die Beamten in die Wohnung stürzten saß Karsten am Tisch und wehrte sich nicht als er festgenommen wurde. Wölfchen war der Held des Tages und bekam eine große Wurst spendiert. Hier gab es ein glückliches Ende, wenn das doch immer so wäre.

©By Gitte