Eine Nacht in der Umwelt Werkstatt

Endlich hat meine Freundin Susi sich entschlossen, einmal zwei Tage bei mir zu verbringen. Das Umwelt-Werkstatt-Fieber hat sie nämlich ergriffen und sie möchte einmal ganz in Ruhe mit mir dort stöbern können, wozu uns bisher immer die Zeit fehlte.

Nachdem sie Freitagmorgen gekommen ist, starten wir nach einer Tasse Kaffee in unseren „Umwelt Werkstatt Tag“. In aller Ruhe schauen wir uns erst einmal die Möbel an, flachsen über manches Teil, das uns im Geschmack völlig daneben scheint und bewundern anderes, welches unserem Geschmack entspricht.

Danach kämmen wir den Schnäppchenmarkt durch, finden das eine und andere Teil für unsere Puppen, begutachten Gardinen und Tagesdecken.
Im Möbel-Schnäppchenmarkt ist heut nichts Besonderes, an manchen Tagen findet man mit etwas Glück schöne Küchen und Essecken, heute steht hier leider nur der so genannte "Gelsenkirchener Barock" dort.

Bevor wir die Treppe in die Bücher Abteilung erreichen, passiert es:

Susis Blick fällt auf Platten und Kassetten, ihre Augen glitzern... oh je, nun brauche ich Ausdauer, sie klemmt sich die erste Kiste unter den Arm und macht es sich auf einer Couch bequem. Während sie die Kiste durcharbeitet und mich manchmal mit einem Jubelruf „Guck mal hier“, in die Seite knufft, döse ich vor mich hin, denn ich weiß, Geduld ist nun angesagt. Ab und an tausche ich ihr eine Kiste aus und die Zeit rennt dahin.

Als sie endlich fertig ist, geht es die Treppe hoch in die Textilabteilung. Zuerst werden die Babysachen begutachtet und so manches Teil wandert in ihren bereitgestellten Korb. Später geht es in die Jackenabteilung, denn wir suchen beide immer wetterfeste Jacken für unsere Hundespaziergänge, haben aber einen total unterschiedlichen Geschmack.

Susi liebt es robust, ich eher verspielt feminin. Susi hat dafür einen Spezialausdruck. "Gitte mäßig"  bedeutet Verzierung mit Gold, Glitter Pailletten.

Die Zeit rast dahin.
Wenn ich Susi brauche, zum Beispiel, um ein Kleidungsstück zu begutachten, habe ich es mit angewöhnt einfach zu rufen, in irgendeiner Ecke taucht dann ihr Kopf auf.

Endlich signalisiert sie "FERTIG".
Nun aber schnell in die Bücherabteilung.
Bücher sind Susis absolutes Hobby, ich weiß das und setze mich schon mal.

Plötzlich meint die Verkäuferin mit einem Blick auf ihre Armbanduhr:
"In einer Viertelstunde schließen wir."
Entsetzt schaut Susi mich an.
„Das geht doch nicht.“ stammelt sie fassungslos "Das kann nicht sein, wir sind doch gerade erst gekommen.“
Natürlich verbeiße ich mir ein Lachen.
„Stimmt" entgegne ich "Wir sind erst - warte mal, ich nehme die Uhr zu Hilfe und rechne - sieben Stunden hier.“
Susi schaut verstört. „Niemals“, sagt sie „dass kann nicht sein. Was nun?“
Ich zucke die Schultern.
„Weißt Du was, wir bleiben hier“ flüstert sie mir verschwörerisch zu.
Fassungslos blicke ich sie an: „Ist das dein Ernst?“
„Aber sicher, wer soll denn bei diesem Angebot in der kurzen Zeit fertig werden?“ Sie zieht einen Flunsch.
„Wie stellst du dir das vor?" frage ich nun interessiert nach.
„Wir lassen uns einschließen“ meint sie ohne eine Mine zu verziehen. "Hast Du nie davon geträumt, mal eine Nacht in einem Kaufhaus zu verbringen?“

Sie steckt mich an mit ihrer Idee. -- "Warum nicht, endlich einmal Zeit satt. „Wie stellst du dir das vor“, hake ich neugierig nach.
„Wir gehen in die Toilette“ ordnet Susi an.
Gesagt, getan.
Jede von und versteckt sich in einer Kabine. Gewohnheitsmäßig verriegle ich die Türe.
„Nicht!" zischt Susi. "Wenn jemand kontrolliert, sieht er das doch sofort, setz dich und zieh die Beine hoch.“
„Zu Befehl, Chef“ gluckse ich „Du hast eine ganze Menge kriminelle Energie"

Nun warten wir, Susi schiebt mir ein Buch unter der Wand her, gute Idee, so vergeht die Zeit schneller, wenn es nur bequemer wäre. Das Buch ist sehr spannend und wenn mich nicht der Rücken plagen würde, würde ich es genießen. Eine Weile vergeht, da hören wir, wie sich die Türe öffnet, schnell ziehe ich die Beine an. Das Licht geht aus und ich zucke erschrocken zusammen, damit habe ich nicht gerechnet.

„Still“, flüstert Susi, „wir müssen nun warten, bis alle weg sind."
„Im Dunkeln sitze ich gar nicht gerne“, maule ich.
„Das geht vorbei, dafür können wir nun die ganze Nacht in Ruhe stöbern, das ist doch auch was!“ tröstet Susi mich.

Wir warten ungefähr 20 Minuten, ich kontrolliere die Zeit auf meinem Handy, das beleuchtet ist.
„Susi, ich sag schnell Jürgen Bescheid, er wird sich Sorgen machen.“
Als ich Jürgen berichte, was wir vorhaben, kann er es erst gar nicht glauben.
„Ihr habt bitte WAS getan?" fragt er ungläubig nach.
„Wir sind eingeschlossen und wollen die Nacht hier verbringen“, erläutere ich ihm noch einmal.
„Na dann gute Nacht“ wünscht er „Wir sehen uns morgen zum Frühstück, Ihr kommt vielleicht auf Ideen...“
„Gute Nacht mein Schatz“, wünsche ich ihm ebenfalls und mir ist ein wenig mulmig zu Mute, was wenn wir erwischt werden, dann sitzen wir morgen vielleicht im Gefängnis.

„Es ist schon einige Zeit ruhig“ meint Susi „Komm, wir sehen mal nach“.
Vorsichtig tasten wir uns in die Richtung, wo wir die Türe wissen.
„Kein Licht!“ warnt Susi. „Öffne erst einmal leise die Türe und sieh nach, ob alle fort sind.“

Schwacher Lichtschein dringt herein, dass Licht ist ausgeschaltet, aber durch die Fenster kommt das Tageslicht herein, es ist ja schließlich erst 17.30 Uhr. Es sieht so aus, als wären wir allein. Trotzdem bewegen wir uns erst einmal leise und schauen überall nach, doch alle haben den Laden verlassen und auch das Büro ist leer.

Nun werden wir mutiger. „Eine ganze lange Nacht kann ich nun stöbern“, ausgelassen tanzt Susi herum.
„Wo fangen wir an?“ will ich wissen.
„Gleich hier!“ Susi flitzt in die Möbelecke. „Guck dir nur diesen Schrank an!". Sie zeigt auf einen massiven Eichenschrank, der reichlich mit Schnitzereien versehen ist. "So einen hatten meine Großeltern, der ist sicher sehr alt“, glaubt sie zu wissen und sie ahnt nicht einmal, wie alt er ist und was sie mit ihrem Interesse auslöst.



Mit diesem Schrank hat es nämlich eine ganz besondere Bewandtnis.
Er hat eine Geschichte:

Im letzten Jahrhundert wurde er in Schottland gefertigt und stand dort sehr lange in der Halle eines Schlosses im Hochland. Wie nun wirklich jedes Kind weiß, haben Schlösser und erst recht schottische Schlösser einen Schlossgeist.
Da der Herr des Schlosses ziemlich verarmt war, war nun wirklich gar nichts mehr los und der arme Schlossgeist, der übrigens Liam hieß langweilte sich entsetzlich.

Als es nun so weit war, dass das Schloss versteigert werden sollte, schickte der Schlossherr diesen Schrank zu seinem Neffen nach Deutschland. Als der den Schrank bekam, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, er besaß eine moderne Einrichtung, aus Chrom und Glas, wie sollte er einen Eichenschrank dazu stellen, sein Onkel hatte manchmal merkwürdige Vorstellungen.

So kam der Schrank als gespendete Gabe in die Umwelt Werkstatt und mit ihm Liam, der immer noch in ihm saß und darauf brannte, wieder einmal so richtig zu spuken.


Susi war ganz begeistert, sie öffnete die Schranktüren, was sie lieber hätte lassen sollen.
„Hach, die quietscht sogar, genau wie bei meiner Oma!" sagte sie begeistert. Gleichzeitig fuhr sie fröstelnd zusammen.
„Merkst Du das auch?“ meinte sie. "Gerade kam ein richtig kalter Hauch an mir vorbei."
„Das ist Dein schlechtes Gewissen“ lachte ich: "Du schauderst vor dir selbst!"


„So, nun frisch ans Werk, keine Müdigkeit vortäuschen!“ kommandierte sie. "Die Nacht ist kurz!"
Manchmal erinnerte sie mich wirklich erschreckend an meine Großtante, den "General“
„Also ab, in die Textilabteilung, so lange es noch hell ist und wir sehen können.“

Manchmal bemerkte ich auch einen kalten Hauch, aber das bildete ich mit sicher nur ein, oder?
Mein erster Gang galt der Abendgarderobe, ich hatte mir immer schon gewünscht mal in aller Ruhe diese Roben probieren zu können.
„Das wusste ich“, lachte Susi. "Ich hätte geschworen, dass du sofort zu dem Flitterzeug rennst.“
„Heute kannst du mich nicht ärgern“ gab ich zurück und schnappte mir ein wunderschönes lilafarbenes Abendkleid mit silbernen Pailletten. In der Garderobe stieg ich behutsam in diesen Traum von einem Kleid, ich öffnete den Mund, um nach Susi zu rufen, als der Reißverschluss hochgezogen wurde.
„Danke.“ sagte ich verblüfft „Ich wollte Dich gerade rufen.“
„Hast du was gesagt?“ tönt es aus einer Ecke des Raumes.
„Wie bist du jetzt so schnell dorthin gekommen?" frage ich verdutzt?
„Wovon redest du, steht dir gut das Kleid.“ antwortet Susi.
„Na vom Reißverschluss, Du hast ihn doch gerade hochgezogen.“
„Wie kommst du denn darauf?“ will Susi wissen: „Du solltest weniger Geschichten schreiben, du bist total überarbeitet“, meint sie.
„Glaubst du echt, ich hab mir das eingebildet?" frage ich verunsichert.
„Das muss ja wohl so sein, du siehst doch, ich stehe hier bei den Jacken, komm mal her, was meinst du zu dieser hier?“

Seufzend schäle ich mich aus dem Kleid und wieder geht der Reißverschluss wie von selbst auf. Susi in der Robe beraten fände ich albern, nachdem ich mich angezogen habe und das Kleid wieder an seinem Platz hängt, nähere ich mich meiner Freundin.
„Verflixt“ murmelt sie "Das Teil hängt fest“
„Was ist denn?“ will ich wissen.
„Scheinbar hat es sich verhakt“. Susi nimmt die Jacke hoch.

- Es sieht echt komisch aus, als ob sie an einem Ende straff hält und jemand am anderen Ende - sie zerrt und er, sie, oder es zerrt.
Verdattert schüttele ich den Kopf:
„Zwick mich mal, siehst Du das auch?“ will ich wissen.
„Nein ich sehe nix“ meint die realistische Susi.

Bei Susi gilt: Es ist nicht, was nicht sein kann.
Trotzdem meint sie nun: „Lass uns nach unten gehen, ich brauche eine Pause.“

Gerne stimme ich ihr zu und während sie auf einem der Sofas Platz nimmt, hole ich zwei Cola aus dem Getränkeautomaten. Als ich mit den Flaschen zu Couch komme, stehen auf dem Tisch davor drei Gläser bereit.

„Oh, Du hast schon Gläser aus der Haushaltwarenabteilung geholt, danke“ lobe ich Susi.
Verdutzt öffnet sie die Augen:
„Aber nein, ich habe gerade ein wenig die Augen geschlossen und vor mich hingedöst“ entgegnet sie.
„Wie kommen dann die Gläser hierhin und auch noch drei?“ hake ich nach.
„Das interessiert mich nicht“ meint Susi und räumt ihre Tasche aus.
„Sieh mal!“ - Sie hat einen Apfel, ein Tafel Schokolade und eine Packung Kekse mit.
„Hast du das etwa geplant?“ frage ich.
Entrüstet sieht sie mich an.
„Aber nein, was du immer denkst“ mault sie.
„Bei dir weiß man nie“ lache ich.


Eine Zeit lang schmausen wir vor uns hin.
„Weißt Du was, ich bin furchtbar müde“, sage ich....und unheimlich ist es mir auch, füge ich in Gedanken hinzu, denn auslachen lassen möchte ich mich nicht.

Auch Susi ist von der Aufregung geschafft.
„Also gut, legen wir uns ein wenig hin, wir können ja später weiter stöbern“ willigt sie in eine Pause ein.
Aus dem Schnäppchenmarkt borge ich uns Decken und wir machen es uns gemütlich.


Wir müssen eingenickt sein, als ich plötzlich erwache, weil ich Musik höre. „Es reicht!“ brülle ich wütend, denn ausgerechnet "Good Bye my Love good Bye" von Demis Roussos, dass Lied, mit dem Susi mich schon seit Ewigkeiten ärgert, tönt durch den dunklen Raum.
„Mach sofort Licht, wie hast Du das im Dunkeln geschafft, gib zu, Du hast das alles vorbereitet!" schnauze ich sie an.
Das Licht flammt auf und ich sehe………Susi, die schlaftrunken ihren Kopf hebt.

„Was ist los? will sie wissen.
"Das gibt es nicht, Du hast geschlafen!" stelle ich fassungslos fest.
„Das siehst du doch, warum hast du Licht gemacht und was ist das“, sie lauscht und bricht in schallendes Gelächter aus. „Wusste ich es doch, nicht mal hier kannst Du ohne Demis sein!" kichert sie.
„Das ist nicht lustig!“ pflaume ich sie an. "Wenn Du das nicht warst und ich nicht, wer hat dann die Musik angemacht und das Licht eingeschaltet, überleg mal.“

„Mal abgesehen davon, dass es keine Gespenster gibt...“ überlegt sie laut
"Uns ist nichts Böses geschehen und wenn es hier also spukt und ich sage ausdrücklich WENN, dann ist das ein lieber Geist, der nur ein wenig Schabernack treibt, aber warum?"

Mir fällt was ein: „Warte mal, wie war das bei dem Gespenst von Canterville? Es musste spuken, weil es seinen Schatz bewachte und als es ein gutes Werk tat und den Schatz freigab, war es auch befreit."
„Gitte, dass ist ein Film," gibt Susi zu bedenken.
„Klar, das weis ich, aber steckt nicht in den meisten Filmen, genau wie in den Märchen ein Stückchen Wahrheit?" erwidere ich.

Eine Weile ist es still und wir hängen unseren Gedanken nach. Plötzlich ertönt ein lautes Knirschen. Wir gehen dem Geräusch nach, es kommt aus der Richtung des wunderschönen alten Schrankes. Erstaunt sehen wir, wie sich die Schranktüre öffnet und ein Brett von der Unterseite sich hebt, es gibt einen Hohlraum frei, der mit Goldmünzen gefüllt ist. Susi und ich bekommen große Augen.
„Sieh Dir das an.“ flüstert sie ergriffen. „Das glaub ich ja nicht, du hattest Recht.“

Beide verspüren wir nun einen Eises hauch auf der Wange und fassen instinktiv dorthin.
„Hast Du das auch gemerkt“? will ich von Susi wissen.
Die nickt nur ganz fassungslos.
„Er hat sich verabschiedet und bedankt.“ glaube ich zu wissen. „Weißt Du eigentlich, dass man über eine Schließung der UW nachdenkt, weil die Kassen leer sind? frage ich Susi.
„Na das dürfte nun kein Problem mehr sein! seufzt sie erleichtert. „Das wäre furchtbar gewesen, aber ich werde mich nun auf die Öffnungszeiten beschränken, soviel Aufregung verträgt mein Alter nicht mehr.“ meint sie und verdreht die Augen.

Mittlerweile ist es hell geworden, wir räumen schnell auf und halten uns bereit, als der erste Mitarbeiter kommt und in seinem Büro sitzt, huschen wir hinaus. Das herrliche Kleid werde ich mir morgen kaufen, zur Erinnerung an dieses Abenteuer, sicher werde ich dann auch eine ganz ungeheure Geschichte hören, über einen fantastischen Geldfund.

 

© By Gitte