Eine sehr nette Frau!

„Hast du endlich einen Plan, wie du den alten Trottel loswirst?“ Gero richtete sich auf, steckte zwei Zigaretten in Brand und reichte eine davon Saskia.

 „Doch, eine vage Idee habe ich“, entgegnete sie „lass dich überraschen“

„Du machst es vielleicht spannend!“, seufzte Gero „Ich liebe dich und will dich endlich für mich allein haben.“

„Gut Ding braucht Weile.“, entgegnete Saskia, lächelte geheimnisvoll und stand auf, um sich anzuziehen.

Wenn ich Glück habe, brauche ich nur einige Wochen und bin frei, dachte sie bei sich, aber sie würde Gero keine Einzelheiten erzählen, manches behält man eben besser für sich.

Sie lächelte wieder.

„Du bist auch noch gut gelaunt.“ maulte Gero.

Ihr Lächeln vertiefte sich und sie küsste ihn ein letztes Mal. „Bis später, ich muss nun nach Hause, die brave Ehefrau spielen, die Praxis macht gleich zu, es ist Mittagszeit.“

 

Zügig eilte Saskia zum Fahrstuhl und fuhr in die Tiefgarage. Dann setzte sie sich in ihren Porsche und fuhr zu einer Imbissbude. Dort kaufte sie zwei Portionen Erbsensuppe mit Einlage und eilte damit nach Hause. Sie band sich schnell eine Schürze um und füllte die Suppe in einen Topf, danach begann sie den Tisch zu decken und schon hörte sie, dass die Eingangstüre aufgeschlossen wurde.

„Das duftet ja hier Liebling!“, hörte sie Heiners Stimme. Er betrat den Raum und lächelte sie an: „Die liebste aller Frauen habe ich“, rief er und nahm sie in den Arm.

Nervös machte sie sich frei. „Lass mich, ich bin ganz verschwitzt“, meinte sie.

„Weil du den ganzen Morgen mein Leibgericht gekocht hast!“, lächelte Heiner, „Ich habe so eine Frau wie dich gar nicht verdient, dabei siehst du zum Anbeißen aus.“

Saskia verteilte die Suppe auf die Teller und sie nahmen Platz.

 „Sag mal, hast du immer noch diese fürchterlichen Migräne Attacken“, erkundigte Saskia sich besorgt.

„Doch ja, manchmal ist es wirklich schlimm, zumeist, wenn der Stress in der Praxis überhand nimmt.“

 „Ich war doch neulich bei meiner Freundin Annette, die hat sich hypnotisieren lassen und seither hat sie keine Beschwerden mehr, magst du das nicht auch einmal versuchen?“

„So etwas habe ich immer für faulen Zauber gehalten, aber wenn du meinst es hilft, will ich es gerne versuchen“, antwortete Heiner.

„Gut, ich werde den Hypnotiseur anrufen und einen Termin vereinbaren“, sprach Saskia.

 

Die Mahlzeit war beendet, Saskia stellte die Teller in die Spüle und kochte Kaffee, dann nahmen sie im Wohnzimmer Platz. Heiner rauchte ein Zigarette und Saskia tat, als lese sie in einem Modemagazin, dabei waren ihre Gedanken bei ihren Plänen, der erste Schritt war getan, nun noch der Termin mit dem Magier und das Schicksal nahm seinen Lauf. Heiner erhob sich, seine Mittagspause näherte sich dem Ende. Er küsste Saskia noch einmal und verabschiedete sich bis zum Abend.

 

Saskia rief  Merlin, den Magier, an. Merlin hieß in Wirklichkeit Heinrich und hatte ständige Geldprobleme. Nicht dass er nicht gut gewesen wäre, aber das Geld saß den Leuten nicht mehr so locker und für Überflüssiges, wie Unterhaltung durch Magie gaben sie kaum noch etwas aus. Saskia bestellte Merlin zu sich. Da er viel Zeit und wenig Geld hatte, erklärte er sich sofort bereit zu kommen. Nach kurzer Zeit traf er ein. Saskia bot Zigaretten und Getränke an und Merlin wählte einen Kaffee. Saskia stellte ungefragt einen Cognac dazu, er würde ihn brauchen können.

 „Mein Mann leidet unter starker Migräne und eine Freundin sagte mir, man könne dies mit Hypnose lindern.“

Merlin betrachtete sie schweigend, er fühlte, das war noch nicht alles. Sein intensiver Blick ließ Saskia erschauern. Sie schüttelte das Unbehagen ab und fragte:

„Man kann doch dazu sicher noch durch ein Codewort gewisse Reaktionen aktivieren, ich habe gehört, dass sich Leute, wenn sie ein bestimmtes Wort hören, z.B.  als Hähne, oder Schweine fühlen.“

Merlin sah sie aufmerksam an: „Worauf wollen Sie hinaus?“ fragte er.

„Es soll ein Scherz sein,“, sagte Saskia lahm. „Wir dachten, auf seiner Geburtstagsfeier einen Schabernack mit ihm zu treiben.“

 Skeptisch blickte Merlin sie an. „Sie wollen ihn lächerlich machen.“ stellte er fest.

„Es soll ja nicht für lange sein, so drei Minuten!“ rechtfertigte sich Saskia.

„Was genau soll er denn machen?“, wollte Merlin wissen.

„Die Party steht unter dem Motto Jurassic Park, wir dachten, er könnte einen Saurier mimen, geht das?“

„Selbstverständlich geht das,“ versicherte Merlin.

„Es soll ihr Schaden nicht sein, ich lasse es mir etwas kosten, meinen Gästen etwas zu bieten“, sagte Saskia mit einem Blick auf Merlins zwar saubere, aber doch schon etwas abgetragene Kleidung.

 

Merlin seufzte, weit war es mit ihm gekommen, er hatte die Andeutung und den Blick wohl verstanden. Nun war er also schon auf dem Weg ein Scharlatan zu werden, doch ein Blick auf den Scheck, den, Saskia ihm hinschob und sein knurrender Magen ließen seine Bedenken schwinden.

„Also schön.“ seufzte er und schob den Scheck in seine Tasche. „wann soll die Sitzung stattfinden?“

„Wenn möglich schon heute Abend, mein Mann leidet sehr unter seiner Migräne“, kicherte Saskia erleichtert.

„Ist es gegen 20.00 Uhr recht?“ fragte Merlin.

„20.00 Uhr ist perfekt“ entgegnete Saskia und reichte ihm zum Abschied die Hand.

 

 

Merlin ging in das nächste Restaurant und bestellt sich etwas zu essen und ein Bier für die letzten 5€, die er nun ja mit bestem Gewissen verbrauchen konnte; später würde er zur Bank gehen und den Scheck einlösen. Pünktlich um 20.00 Uhr fand sich Merlin zum zweiten Mal an diesem Tage in der Villa von Dr. Heiner Junghans ein. Der Doktor empfing ihn selbst und bat ihn herein. Er bot ihm einen Platz an und seine Frau schenkte jedem ein Glas Weißwein ein.

„Sie glauben also, meine Migräne könnten sich durch Hypnose bessern“, fragte der Arzt.

„Jeder Mensch reagiert natürlich anders, das wissen Sie als Mediziner am besten. Aber in einigen Fällen konnten wir gute Erfolge erzielen,“ bestätigte Merlin.

„Es gefällt mir, dass sie ihre Methode nicht gleich als Wundermittel anpreisen,“ entgegnete Heiner. „Lassen Sie uns also beginnen, ich bin sehr gespannt.“

Wieder regte sich Merlins Gewissen, er tauschte einen  Blick mit der Hausherrin, die ihm aufmunternd zulächelte.

„Bitte strecken sie sich auf der Couch aus und entspannen sie sich,“ bat Merlin den Hausherrn. Dieser kam der Bitte sofort nach. „Ich zähle nun bis zehn und Sie gleiten immer mehr in eine tiefe Entspannung,“ sprach Merlin.

Heiner entspannte sich sichtbar, als die Zahl zehn erreicht war, lag er in tiefer Trance. Merlin strich mehrfach über seine Stirne, Migräne sind gestörte Gehirnströme“, erklärte er Saskia. „Deine Migräne sollen sich lösen,“ murmelte er über dem sichtlich entspannten Heiner.

„Nun, wie soll das Codewort lauten“, wandte er sich schließlich an Saskia.

„Es muss ein Wort sein, das  nicht häufig vorkommt“ überlegte sie.  „Ich hab’s. Wir nehmen was aus seinem Beruf, wie wäre es mit HEMISEKTION ?“

„Was ist denn das?“, wollte Merlin kopfschüttelnd wissen.

„So heißt das Zerschneiden eines Backenzahns, wobei die Hälfte entfernt wird“, erläuterte Saskia geistesabwesend.

„Mein Mann soll sich ja nicht auf der Straße in einen Saurier verwandeln,“ kicherte sie.

Da musste auch Merlin schmunzeln. „Nun denn! Wandte er sich wieder Heiner zu „Wenn du das Wort HEMISEKTION hörst, wirst du dich als Saurier fühlen, du bleibst in diesem Zustand genau drei Minuten, dann bist du wieder du selbst, wirst dich aber an nichts erinnern.“

„Wann findet der Geburtstag statt?“ wollte Merlin nun noch wissen.

„In vierzehn Tagen“, erwiderte Saskia.

„Warum haben wir das dann schon heute gemacht“, fragte Merlin.

„Weil er kurz zuvor sicher keine Zeit gehabt hätte. Wissen Sie, es ist sein fünfzigster Geburtstag.“

Das leuchtete Merlin ein. Er erweckte Heiner durch erneutes Zählen bis zehn aus der Trance. „Wie fühlen sie sich?“ fragte er den Arzt.

„Ein wenig benommen, aber auch sehr entspannt.“ lächelte dieser.

Merlin verabschiedete sich schnell. An der Haustür sagte er zu Saskia: „In fünfzehn Tagen rufe ich an, wir machen dann eine erneute Sitzung und ich entferne das Codewort.“

„ In Ordnung“, entgegnete sie schnell und schob ihn hinaus.

 

Heiner war den Abend über sichtlich gut gelaunt und entspannt. Sie genossen den Rest der Flasche Wein, hörten dazu Musik und schmiedeten Pläne für den Geburtstag.

„Du bist eine großartige Frau“, lobte Heiner sie wieder „Einfach in allem perfekt.“

Den anderen Tag ließ Saskia verstreichen, am darauf folgenden schritt sie zur Generalprobe.

 

Nach dem Mittagessen, als Heiner auf der Couch saß, meinte sie, „Ich schneide eben einige Blumen im Garten, mach es dir solange bequem.“ Sie ging zur Verandatüre und schritt hinaus. Bevor sie diese hinter sich schloss, rief sie: „HEMISEKTION!“.

Heiner horchte auf.

Saskia schloss schnell die Türe und beobachtete durch das Glas, was nun geschah.

Heiners Augen wurden glasig, er plumpste auf alle Viere und bewegte sich, als wöge er Tonnen, seine Augen funkelten tückisch. Er tappte zur Fensterbank und begann an den Blattpflanzen zu nagen und zu rupfen. Plötzlich klingelte das Telefon. Wütend über die Störung rannte er dorthin, fegte den Apparat auf den Boden und stampfte darauf herum. Der Apparat zerbarst in viele Teile, die im Wohnzimmer herum sprangen. Dann setzte er sich auf die Erde und kam langsam wieder zu sich. Erwachend sah er sich um. In seine Augen stieg Entsetzen.

 

Saskia öffnete die Türe. „Du liebe Zeit“, stöhnte sie „warst du das, was ist denn in dich gefahren?“ Beide sahen sich erschrocken um, zerstörte Pflanzen bedeckten den Boden, ebenso wie die Teile des ehemaligen Telefonapparates.

„Was ist mit dir los?“ wollte Saskia wissen.

„Das wüsste ich auch gerne.“ Heiner war total verstört. „Ich kann mich an nichts erinnern.“ „Sicher bist du überarbeitet!“ meinte Saskia, aber sie merkte selbst, dass es ein wenig lahm klang.

Sie sah die Angst in Heiners Augen und er tat ihr leid, dann aber dachte sie an Gero und schüttelte ihre Gewissensbisse ab. Wenn es ihr gelang, Heiner als geistesgestört hinzustellen, war sie frei und bekam Geld und Villa, dass war in sofern wichtig, weil Gero zwar ein toller Mann war, aber leider arm wie eine Kirchenmaus und arm, dass wollte Saskia nie wieder sein, mit Schaudern dachte sie an die Enge früher zu Hause.

So war es am besten:  Heiner in einem Sanatorium und dann konnte sie Gero zu sich ins Haus holen -  als Gärtner, Chauffeur, oder was auch immer.

Beim nächsten Anfall musste sie dafür sorgen, dass Zeugen vorhanden waren, die Premiere war schon einmal sehr viel versprechend gewesen.

„Sag bitte in der Praxis Bescheid, sie sollen heute schließen. Ich fühle mich elend und werde mich hinlegen.“

„Mach das du Armer“, heuchelte Saskia und küsste ihn.

 

Einige Tage später war Annette, Saskias Freundin zu Besuch. Als Heiner aus der Praxis kam, setzte er sich zu den Damen und trank mit ihnen Kaffee. „Sag mal, hattest du in der letzten Zeit mal wieder eine HEMISEKTION?“ wollte Saskia plötzlich wissen.

 Heiners Augen erstarrten. Wie beim ersten Mal ließ er sich auf alle Viere nieder und starrte die Frauen nun böse an. Annette begann zu schreien und aus Heiners Kehle drang ein drohendes Grollen. Annette erstarrte und muckte sich nicht mehr, Heiner lief einige Male hin und her und schnüffelte auf dem Boden herum. Ebenso schnell, wie er gekommen war, verschwand der Spuk nach drei Minuten wieder. Diesmal war Heiner noch verstörter, als er es beim ersten Male gewesen war. „Annette…“ stammelte er. 

Doch die ergriff zitternd ihre Tasche und lief zu ihrem Auto. Saskia lief ihr nach: „Bitte, Annette! Du darfst das niemandem erzählen!  Heiner ist furchtbar überarbeitet!“

Annette schüttelte den Kopf und stieg in ihr Auto. Saskia lächelte, natürlich würde sie das erzählen. Dann setzte sie eine bekümmerte Mine auf und ging ins Haus zurück. Sie nahm Heiner in den Arm.

 „Was soll ich denn nur machen, mein Schatz“, fragte er ratlos.

Saskia schüttelte bekümmert den Kopf: „Du solltest zu einen Arzt gehen und dich gründlich untersuchen lassen“, schlug sie vor.

„Das wird das Beste sein“. stimmte Heiner zu.

 

Heiners Geburtstag rückte näher. An diesem Tag hatte Saskia das große Finale geplant: Vor Freunden und Kollegen würde Heiner einen Anfall bekommen und dann war sie ihre Sorgen los.

Einen Tag zuvor musste Doktor Junghans eine seiner Arzthelferinnen behandeln. Sie saß im Stuhl und zitterte vor Angst und Schmerz. „Doktor, sie werden doch keine HEMISEKTION  machen müssen“, wollte sie ängstlich wissen.

Der Doktor brach in die Knie und riss das Instrumententablett mit, auf allen Vieren bewegte er sich schwerfällig durch die Praxis, als er die Kübelpflanze entdeckte, biss er kräftig hinein, sie war aber aus Plastik und wieder knurrte er wütend. Exakt nach drei Minuten war der Spuk wieder vorbei und der Arzt blickte erwachend in die entsetzen Gesichter seiner Mitarbeiterinnen.

„Bleiben Sie ganz ruhig“, sagten diese beschwichtigend und versuchten, ihre Bestürzung zu überspielen. Aber das half nicht, der Doktor war genauso entsetzt, als er begriff, dass er schon wieder einen Anfall gehabt hatte.

„Rufen sie einen Notarzt.“ bat er eine seiner Mitarbeiterinnen. „ So geht das nicht weiter.“

 

Der Arzt wies ihn in ein Sanatorium ein, erst einmal zur Beobachtung, man konnte sich aus den Erzählungen der Mitarbeiterinnen kein rechtes Bild machen, demnach hatte der Doktor sich wie ein großes Tier aufgeführt. Man tätigte sofort einige Untersuchungen, im Hinblick darauf, dass am nächsten Tage der Geburtstag des Doktors war, man röntgte sein Gehirn, konnte aber keine Anomalie feststellen. Man ließ ihn in Begleitung eines Arztes auf Urlaub nach Hause. Dort war alles festlich geschmückt. Eigentlich hatte er keine große Lust auf das Fest, aber seine Frau hatte sich solche Mühe gegeben, da konnte er sie schließlich nicht enttäuschen. Sie hatte ein riesiges Buffet herrichten lassen, mit vielen Köstlichkeiten und es waren eine Menge Gäste erschienen, von denen manche nun eine Sensation erwarteten, denn natürlich hatten sich die Vorfälle herumgesprochen.

Als das Fest den Höhepunkt erreicht hatte, bat Saskia um Ruhe, sie wollte eine Rede halten. Wo war denn nur ihr Mann?

Da kam er aus einem der Zimmer in der oberen Etage, sie begann erleichtert, lobte die verdienste ihres Mannes und berichtete, wie viele Hemisektionen er schon durchgeführt habe und es geschah…….nichts, sie wiederholte den Satz und es passierte wieder nichts, plötzlich erblickte sie hinter ihrem Mann Merlin, er hatte von den Vorfällen gehört und sich seinen Reim darauf gemacht. Natürlich hatte er den Code gelöst und ihr Mann reagierte nicht mehr.

 

Saskia wurde schwummerig, als Merlin sie fragte, „Waren sie beim Friseur, gnädige Frau?“ Ihr fiel plötzlich ein, dass sie beim Friseur kurz eingenickt war, aber da war der Gedanke schon verschwunden und sie wühlte sich grunzend in die Trüffel.

Heiner würde die Scheidung einreichen und Saskia verwandelte sich bei dem Wort FRISEUR fortan in das, was ihrem Charakter entsprach, ein Schwein, sicher braucht man nicht zu erwähnen, dass Gero sie beim ersten Male der Verwandlung verließ.

 

 

© By Gitte