Eine ungewöhnliche Begabung!
Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin, nicht Papa, biiiiiiiiiiitte. Schreiend fuhr Christine aus dem Schlaf hoch. Schweißbedeckt und mit laut klopfendem Herzen. Wieder einmal hatte sie diesen schrecklichen Alptraum gehabt. Was sie nicht sagen durfte, Nachts schrie ihre Seele sich das Leid heraus. Warum tat er ihr weh? Er war doch ihr Papa. Leise öffnete sich die Türe. Ihre Mutter schaute besorgt herein. „Was hast du denn, meine Kleine, hast du mal wieder schlecht geträumt?“ Christine verkroch sich unter ihre Decke, sie durfte es Mama nicht sagen, dann würde sie Papa rauswerfen und sie würde ihn nie wieder sehen. So sehr sie ihn fürchtete, wenn er in der Nacht zu ihr schlich, ein Teil von ihr liebte ihn ja auch. Mitleidig tupfte ihre Mutter ihr das verschwitzte Gesicht mit einem feuchten Tuch ab. „Schlaf schön wieder ein mein Liebling“, bat sie und ging wieder zu Bett.
Damals war Christine acht Jahre alt gewesen, die Zeit verging, und als sie fünfzehn Jahre alt war, traf sie Max. Sie verstanden sich wunderbar, Christine vertraute ihm, aber eines brachte sie nicht über ihre Lippen. Sie sprach nie darüber, was ihr Vater ihr angetan hatte. Vergessen aber konnte sie nie. Max war ein sehr verständnisvoller Junge, er akzeptierte, dass außer ein wenig Schmusen alles von Christine abgeblockt wurde. „Lass dir Zeit“, flüsterte er, „ich werde dich nicht bedrängen.“ Immer traten Christine die Tränen in die Augen, denn sie ahnte, dass sie immer ein Problem damit haben würde und dass auch die Zeit da nicht helfen konnte.
Eines Tages, als sie allein zu Hause saß und mal wieder über ihre Situation nach grübelte, kam der Hass in ihr hoch, ihr Leben war einfach an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr weiter ging. Irgendwann würde Max sich nicht mehr vertrösten lassen und sein Recht fordern, oder aber sie würde ihn verlieren. Christine wusste nicht, was von beiden sie mehr fürchtete. Die Wut breitete sich immer mehr in ihrem Inneren aus, sie hatte das Gefühl zu platzen. Richtig Übel wurde ihr, sie begann zu würgen. Etwas drängte aus ihr heraus und sie gab etwas Wolken ähnliches von sich, das sich verdichtete, ihr Hass hatte Gestalt angenommen, Hass Christine war geboren. Christine erschrak ungemein und im gleichen Moment wich der Hass dem Schreck. Die Gestalt wurde schemenhaft und verschwand wieder. Christine war verwirrt, würde sie es wieder schaffen, ihrem Hass eine Gestalt zu geben. Es schellte. Max kam, wie immer zu dieser Zeit. Er wunderte sich, denn Christine wirkte seltsam Geistesabwesend an dem heutigen Tage.
Christine war sehr in ihren Problemen gefangen, aber nach einiger Zeit fiel ihr trotzdem auf, dass ihre kleine Schwester Martina immer stiller wurde. Bleich und in sich gekehrt saß sie am Morgen beim Frühstück, sie, die immer der Sonnenschein der Familie gewesen war. Konnte es wirklich sein? Seit einiger Zeit hatte Christine Ruhe vor ihrem Vater. Warum, sie hatte es dankbar genossen und nie danach gefragt. Martina war nun in dem Alter wie sie damals, war es wirklich möglich, dass er sich ein neues Opfer gesucht hatte, ihre kleine Schwester? Wieder spürte sie den Hass in sich hochkommen, sie rannte zur Toilette und der Hass nahm Gestalt an. Diesmal war sie nicht so überrumpelt und begann zu experimentieren. „Jünger“, befahl sie, „werde jünger“ und der Hass schrumpfte vor ihren Augen zusammen, als er wie die acht jährigen Christine vor ihr stand, gebot sie Halt.
Chrisiiiiiiiiine, Christiiiiiiiine“, Ihre Mutter rief nach ihr. „Du musst zur Arbeit.“ Seufzend unterbrach sie ihr Experiment.
Nachmittags, als sie von der Arbeit heimkam, besuchte sie ihre kleine Schwester in deren Zimmer. Lange betrachtete sie sie, wie sollte sie anfangen? Martina schlug ängstlich die Augen nieder. Christine fasste unter ihr Kinn und zwang sie mit sanfter Gewalt den Kopf zu heben und sie anzusehen. „Er besucht dich auch in der Nacht, stimmt das“, fragte sie? Martinas schöne Augen füllten sich mit Tränen. „Dieses Schwein“, brach es aus Christine heraus, dieses entsetzliche Schwein, reicht es nicht, das er mein Leben ruiniert hat?“
Wieder merkte sie, wie der Hass sich in ihren Hals drängte, sie stürzte in ihr Zimmer und ließ ihn zu. Die Gestalt wurde immer deutlicher, sie gebot wieder die Verjüngung, danach befahl sie, zieh dich aus. Der Hass gehorchte. Christine begann hektisch in ihrem Schrank zu wühlen, nach einiger Zeit hatte sie gefunden, wonach sie gesucht hatte. In der hintersten Ecke hatte sie das Nachthemd versteckt, indem einst ihr Martyrium begonnen hatte. Schluchzend hielt sie es dem kleinen Hass hin. „Anziehen“, schluchzte sie erstickt. Die kleine Gestalt streifte das Hemd über und sah darin so zart und zerbrechlich aus, dass Christine die hellen Tränen über das Gesicht rannen. Weinend sank sie in einen Sessel und sah zu, wie sich der Hass entmaterialisierte, dass Nachthemd sank seiner Hülle beraubt zu Boden.
Für den Abend hatten sich Gäste angesagt. Der Chef ihres Vaters kam mit seiner Gattin zu Besuch. Angewidert beobachtete Christine wie ihr Vater, ganz aufmerksamer Gastgeber charmant mit den Gästen plauderte, keiner wäre auf die Idee gekommen, das dieser liebenswürdige Mann das Leben seiner Töchter ruiniert hatte. Wieder war es soweit, der Hass meldete sich. Christine verließ den Raum und stelle die gleiche Situation wie am Nachmittag her. „Geh, geh ins Wohnzimmer und zeige dich, dann ziehst du dein Nachthemd aus, schaust ihn mit anklagender Miene an und weinst, weinst die Tränen, die ich seit Jahren weine.“
Der Hass gehorchte.
Langsam ging Christine hinterher. Sie hörte sie überraschten Laute der Gäste, als die kleine Christine das Zimmer betrat. „Wer……..“, begann die Frau des Chefs, verstummte aber, als die kleine Gestalt sich des Hemdes entledigte und zu weinen begann. Anklagend schaute sie auf ihren Vater, der war bleich wie ein Totenhemd. Sekundenlang war nichts zu hören, als das gequälte Weinen des Mädchens. Dann stürzte der Vater zum Fenster, riss es auf. Mit einem Satz war er auf dem Fensterbrett und schwang sich hinüber. Wie gelähmt saßen die Anwesenden eine Schreck Sekunde lang. Dann stürzten sie zum Fenster. Christines Vater lag mit seltsam verrenkten Gliedern auf dem Pflaster und unter ihm breitete sich langsam eine Blutlache aus.
Christine verließ das Zimmer, sie fühlte nichts.
© By Gitte