Einfach zauberhaft

 

…………dachte Jutta, als sie die Schuhe im Schaufenster gebannt betrachtete. Sie hastete weiter. Rot …  dachte sie bei sich …  wann soll ich rote Schuhe anziehen? Doch ihr Schritt verlangsamte sich unmerklich.

Wenn ich sie nicht wenigstens anprobiere, bekomme ich sie nicht mehr aus meinem Kopf … dachte sie weiter und war ärgerlich auf sich selbst. Zögernd drehte sie um und ging seufzend den Weg zurück  ... vielleicht passen sie mir überhaupt nicht … dachte sie bei sich, … aber ich werde sie anprobieren.

Entschlossen betrat sie das Geschäft. Auf ihren Wunsch hin brachte eine sehr nette Verkäuferin ihr die Schuhe und siehe da, sie passten wie angegossen, sie machten einen hübschen zierlichen Fuß und waren zudem noch äußerst bequem. Halb begeistert, halb ärgerlich entschloss sich Jutta zu dem Kauf.

Gleich am nächsten Tag kombinierte sie die Schuhe mit einem roten Pulli und einer weißen Jeans. Seit langer Zeit betrachtete Georg sie wieder einmal mit dem gewissen Etwas in seinem Blick. „Gut siehst du aus“, meinte er anerkennend. Auf der Arbeitsstelle wurde sie auch bewundert und deshalb gönnte sie sich am Abend mit ihrer Freundin Beate einen ausgedehnten Einkaufsbummel. Beide waren bester Laune, probierten dies und jenes an, lachten viel und hatten Spaß miteinander.

Plötzlich stieß Beate einen Pfiff aus, sie hielt Jutta ein leuchtend rotes Kostüm hin.

„Nein“, sagte diese entschieden „Gestern erst die Schuhe und heute ein Kostüm, das gibt mein Budget nicht her.“ 

„Probier es wenigstens einmal an“, bat Beate, „es ist wie für dich gemacht.“

Wie die Schuhe … dachte Jutta …  seltsam. Und wirklich, sie sah in dem Kostüm mit den passenden Schuhen einfach wunderbar aus, es kontrastierte fabelhaft zu ihrem dunklen Haar. Sie drehte sich hin und her, um etwas Unvorteilhaftes zu entdecken, doch sie sah reizend darin aus. Beate lugte in die Kabine und stieß einen überraschten Laut aus. „Dass es dir steht, wusste ich ja, aber so habe ich es mit doch nicht vorgestellt, du MUSST dieses Kostüm nehmen Jutta“, rief sie begeistert. Sie brauchte nicht lange zu reden, Jutta hatte sich schon zu dem Kauf entschlossen.

Als Georg bei ihrem Heimkommen die große Tüte entdeckte, war er alles andere als begeistert. Jutta marschierte gleich ins Schlafzimmer und zog das Kostüm an.

„Na?“, sagte sie nur und blickte Georg herausfordernd an.

Der machte große Augen.

„Lady in Red“, flüsterte er begeistert.

 Jutta atmete auf, diese Hürde war genommen. Stolz trug sie das Kostüm am nächsten Tag, sie musste es einfach ihren Kolleginnen zeigen. Alle waren ebenfalls begeistert und Jutta bemerkte einige Male, dass der Abteilungsleiter an ihr vorbei ging und sie bewundernd musterte. Am Nachmittag ließ er sie in sein Büro kommen.

 „Sie arbeiten nun schon eine ganze Weile hier und immer zu unserer Zufriedenheit“, begann er. „Ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen eine Gehaltserhöhung zukommen zu lassen.“

Jutta glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Dann würden ihre neuen Errungenschaften sie diesen Monat doch nicht zu sehr belasten!

Wie auf Wolken verbrachte sie den Rest des Tages.

 

Als sie das Kostüm einige Zeit später wieder in Kombination mit den roten Schuhen trug, verbrachte sie einen Frauentag mit ihrer Freundin Beate. Die beiden betraten ein Kaufhaus. Applaus ertönte und ein Herr übereichte Jutta einen riesigen Blumenstrauß.

„Herzlichen Glückwunsch“, sprach er „sie sind die 500000. Kundin und haben einen Scheck über 500 € gewonnen“.

Jutta konnte es kaum glauben. Sie trug einfach diese Sachen und das Glück lief ihr jedes Mal über den Weg. Mit Beate suchte sie ein Nobel-Café auf und die beiden feierten in bester Laune den unverhofften  Geldsegen.

 

Einige Zeit später hatte Jutta einen Autounfall, an dem sie nicht ganz schuldlos war, denn sie hatte nicht aufgepasst. Bei der Gerichtsverhandlung trug sie das rote Outfit und gewann den Prozess auf ganzer Linie.

 

Wenn das so ist, kann mir nicht mehr viel passieren … freute sie sich siegessicher und als Beate, die seit einiger Zeit ständig  mit ihrem Mann stritt, sich scheiden ließ, trug sie bei deren  Scheidungstermin wieder diese Sachen und war sicher, dass diese gut abschneiden würde.

Aber oh weh, weit gefehlt, der Richter verdonnerte Beate zur Unterhaltszahlung.

 

 

Was war das nur? Hatte sie nur drei Wunder frei gehabt wie im Märchen oder lag es daran, dass sie zu siegessicher geworden war, oder war sie zu selbstverständlich davon ausgegangen, dass ihre Glückssträhne anhielt?

 

Eine Weile lagen die Sachen im Schrank, jedes Mal, wenn sie sie erblickte, ärgerte Jutta sich und hatte die widerstrebendsten Gefühle. Mit den Schuhen hatte alles begonnen und als ihr diese Altkleider-Sammeltüte in die Hände fiel, steckte sie sie kurz entschlossen hinein. Schnell noch einige andere Stücke dazu und damit sie es sich nicht noch einmal überlegen konnte brachte sie den Sack gleich in den Container. Sie fühlte sich seltsam befreit danach.

 

Gerda lebte seit einer Weile auf der Straße. Es hatte ganz unmerklich begonnen, ihr Mann war überraschend gestorben und sie hatte so lange es nur ging versucht, ihre Wohnung zu behalten. Als sie dann etliche Monatsmieten Schulden hatte, war sie auf der Straße gelandet.

Zum Sozialamt gehen, das ließ ihr Stolz nicht zu.

 

Nun hatte es einige Tage geregnet und ihre Schuhe waren völlig aufgeweicht. Clara, eine Straßenbekannte, steckte ihr einen Zettel zu.

„Geh mal hin“, brummte sie „du brauchst dringend neue Schuhe.“

Einige Male war Gerda schon vor dem Gebäude der Diakonie auf und ab  gewandert, hatte sich aber nicht entschließen können das Lager zu betreten. Schwester Erna hatte sie beobachtet, als sie zufällig aus dem Fenster gesehen hatte. Sie konnte sich denken, wie es in ihr aussah. Kurz entschlossen öffnete Schwester Erna Fenster:

„Wollen sie auch ein Tasse Kaffee?“ rief sie hinaus.

Gerda blickte um sich. Es konnte doch nicht sein, dass die nette Frau sie meinte, oder etwa doch. Sie schaute sich um, außer ihr war niemand da, also musste sie doch gemeint sein. Erna winkte ihr zu, herein zu kommen. Zögernd betrat Gerda den Raum und Erna schob ihr schmunzelnd eine Tasse Kaffee hin, die zögernd, aber dankbar genommen wurde. Behutsam begann Erna ein Gespräch und hörte wieder einmal erschüttert eine dieser Geschichten. Danach ging sie mit ihr in die Zeugkammer.

„Wenn ich nur ein paar Schuhe bekommen könnte“, bat Gerda.

Erna brachte sie in einen Raum, indem an den Wänden lange Regale mit Schuhen standen. Sie bemerkte wie Gerdas Augen aufblitzten, als sie diese herrlichen roten Schuhe entdeckte. Gleich darauf wandte sie beschämt den Blick zu den robusteren Paaren, aber Erna hatte ihn sehr wohl bemerkt. Als sie Gerda, die die neuen Schuhe gleich anbehalten hatte und seit langer Zeit einmal trockene Füße hatte, verabschiedete, drückte sie ihr ein Päckchen in die Hand. Gerda war zu verlegen, nachzusehen.

In ihrem Unterschlupf, dem Keller eines Abriss Hauses, sah sie nach. Verdutzt betrachtete sie die roten Schuhe und konnte nicht widerstehen, sie anzuziehen.

Da klopfte es an der Türe. Ein Mann steckte den Kopf hinein.

„Frau Bircher, Gerda Bircher?“, fragte er.

Ängstlich, mit bis zum Halse klopfendem Herzen nickte Gerda. Erleichtert seufzte der Mann auf.

„Mein Name ist Keller. Harald Keller, ich bin Rechtsanwalt und suche sie schon seit einer ganzen Weile, ich gratuliere ihnen, sie haben eine große Erbschaft gemacht.“

Verdutzt blickte Gerda ihn an.

„Wer sollte mir etwas vererben“, entgegnete sie ungläubig.

„Ihre Tante Selma, die vor über 20 Jahren in die Staaten ausgewandert ist. Frau Bircher, Sie werden künftig keine Sorgen mehr haben. Kommen sie morgen in meine Kanzlei, dann besprechen wir alles.“ nickte ihr der Anwalt zu.

 „Schöne Schuhe tragen Sie“ bemerkte er noch im Hinausgehen und Gerda setzte sich erst einmal benommen hin, dann faltete sie ihre Hände und tat, was sie schon lange nicht mehr getan hatte. Sie sprach ein Dankgebet.

 

© By Gitte