Er!

Er wohnte so lange er denken konnte in dem wilden Teil des Arnsberger Waldes, in der Nähe von Kallenhardt. Hier war er aufgewachsen, hatte als Kind seine mageren Zweige in den Himmel gestreckt. Seither waren etliche Jahrzehnte ins Land gezogen und alle die er kannte gab es lang nicht mehr. Die letzten hatte der Fürchterliche Sturm vernichtet, er hatte sie entwurzelt und gefällt, gespalten und gebrochen. Er allein war übrig geblieben von den Alten. Er hatte es vermocht seine Wurzelfüße aus der Erde zu reißen, Flach auf der Erde liegend hatte er den Sturm überlebt, der alle seine Gefährten vernichtet hatte. Nun konnte er seine Wurzeln an jeder beliebigen Stelle in die Erde schlagen und ihr das entnehmen, was er brauchte. Er wanderte umher, einsam und knorrig. Ein Urgestein, ein Ding zwischen Mensch und Baum. So vergingen die Jahre, er sah viel, trat aber niemals in Erscheinung, kam ein Mensch in sein Reich, stand er bewegungslos, eine alte knorrige Eiche. Doch dann traf er sie. 

 

Wie jeden Morgen inspizierte er sein Gebiet und plötzlich hörte er sie kommen. Eine Frau, ein Mann und ein Hund. Er war in Gedanken gewesen, sie waren zu nah, als das er geräuschvoll seine Wurzeln in die Erde schlagen konnte, denn sie hatten ihn überrascht. Sie hatte gelacht und dieses Lachen hatte ihn in seinen Bann geschlagen. Nachdem er sich gefangen hatte grub er sich soweit das möglich war unter die alten Blätter, die die Erde dick bedeckten. Ein Fuß blieb draußen, er merkte es nicht. Verblüfft blieb sie stehen. „Schau dir das an, sieht diese Wurzel nicht aus wie eine dick bemooste Klaue“, wendete sie sich an ihren Mann? „Du und deine Fantasie“, antwortete er kopfschüttelnd. Sie liefen weiter. Raschelnd befreite Er sich aus seinem Blättergrab. Klaue hatte sie gesagt, die Menschen fürchteten sich vor ihm, was würde sie erst sagen, wenn sie seine ganze Gestalt sah? Der Gedanke daran ließ ihn weinen und wenn so ein Riese weint, dann gleich einen ganzen Bach. Plötzlich schreckte er zusammen. Der Weg endete auf dem Berg, sie würden umkehren und dann hörte er sie auch schon. Dieses Mal grub er zuerst seine Füße ein, dann seinen massigen Körper. Ehe er allerdings seinen Kopf einbuddeln konnte waren sie heran. Er hielt seinen Atem an. Vielleicht bemerkten sie ihn nicht, aber schon vernahm er ihre verblüffte Stimme. „Schau mal, diese Wurzel gleicht einem Bemoosten Schädel und hier“, ihre helle Stimme verriet Entzücken, „sieh nur, ein silberheller Bach, kristallklar, wieso habe ich den vorhin nicht gesehen und wo entspringt er?“ Endlich gingen sie weiter, lange hätte er nicht mehr die Luft anhalten können. Prustend richtet er sich auf und hörte sie leise in der Ferne rufen: „Was war das für ein Geräusch?“ „Sicher ein Wildschwein Huuuuuuuu“, machte ihr Mann und lachte, nur der Hund gebärdete sich wie wild. Eilig gingen sie davon. In sicherem Abstand folgte er ihnen. Aha, im Haus Tanneck wohnten sie. Er schlug in der Nähe Wurzeln und bewachte sie in der dunklen Nacht. Als eben der Morgen graute öffnete sie die Fenster und sog die herrlich frische Waldluft ein, da verkroch er sich, aber er blieb in der Nähe, sie hatte sein Herz berührt.

 

Als sie später zu einem erneuten Spaziergang aufbrachen überlegte er wie er ihr eine Freude machen konnte. War sie nicht vom Moos begeistert gewesen? Er überhauchte eine Bank im Walde, die augenblicklich ein dickes Moospolster bekam. Als sie näher kam und sie erblickte, jauchzte sie wieder und sein Herz drohte vor Glück zu zerspringen. „Schau dir diese herrliche Bank an“, sagte sie zu ihrem Mann. „Da sitzt man weich wie auf einem Sofa“, entgegnete der, ich mache schnell ein Bild. Er war glücklich, sie nahm ein Bild mit von seinem Werk, auch wenn sie nicht ahnte, dass sie es ihm verdankte, sie würde es ansehen und an Seinen Wald denken. Nun hatte er eine Aufgabe, er grübelte fortan stets wie er sie erfreuen konnte und da sie die Natur liebte gab es da einiges. Immer lief er voraus, dachte daran wie einsam er sein würde wenn sie wieder heim fuhr und dann weinte er, so fand sie auf jedem ihrer Gänge wundersame helle Bäche, die sie so begeisterten.

 

Dann hörte er wie sie sich beim Anblick einer mit wilden Blumen bedeckten Lichtung freute, nichts leichter als das und er überhauchte die Ränder ihres Weges mit Butterblumen, Löwenzahn und Teppichen von Buschwindröschen, oder wilden Veilchen, was sie immer wieder in Entzücken versetzte. An einem Tage führte ihr Weg an seiner Weinkammer vorbei und hatte er den Baum, der das Fass beherbergte immer durch Sträucher vor neugierigen Blicken verborgen, so bog er nun bewusst die verbergenden Sträucher zur Seite und gab diesen kuriosen Weinbehälter ihren Blicken frei, sie wusste es auch gleich richtig zu deuten und rief begeistert: „Sieh nur der Baum sieht aus,  als beherberge er ein Weinfass.“ Auch das wurde auf ein Bild gebannt. Auch Schmarotzerpflanzen wie Efeubewachsene Bäume, oder Schwämme konnten sie begeistern, ebenso wie die kleine Vogelfamilie die er bat das Nistkästchen vor ihrem Hause zu beziehen und dort zu singen, wann immer sie singen konnten, dann saß sie träumend und horchte auf ihren Gesang, oder beobachtete wie sie ihren Nachwuchs fütterten.

 

Jede schöne Zeit geht einmal zu Ende und sie rüsteten sich zur Heimfahrt. Er hatte wie immer über Nacht seine Wurzeln in der Nähe des Hauses eingeschlagen und beobachtete traurig, wie sie das Auto beluden. Ganz in Gedanken seufzte er. Sie hob lauschend ihren Kopf und dann lief sie einem plötzlichen Impuls folgend zu ihm hin und umarmte ihn. „Tschüß lieber Baum, bis zum Herbst“, flüsterte sie in seine Rinde und ihn durchzog ein Schauer des Glücks. Sie würde wieder kommen, sie würde ihn nicht vergessen. Dann stieg sie ein und das Auto fuhr los. Grüßend hob  er seine dicken Zweige und dann bemerkte er das Wunder. Ein grüner Trieb kam aus den alten knorrigen Ästen, er begann wieder zu leben, neue Kraft durchströmte ihn. Er hatte sie kennen gelernt, die Kraft der selbstlosen Liebe.

By Gitte