Finduilas entdeckt die Welt!

Der Frühling war sehr zeitig gekommen in diesem Jahr. Es war erst Anfang März und die Magnolien Bäume reckten bereits ihre Kelche in die laue Luft. Zwar war es am Morgen und am Abend noch sehr kühl, aber die Mittags-Märzen Sonne strahlte warm von blauen Himmel, der mit weißen Wolkenschäfchen gespickt war.

 

In einem dieser Kelche hatte ein kleines Elfchen das Licht der Welt erblickt und weil es gar nichts anders kannte, glaubte es, die Welt sei rosa, klein, duftend und warm und bestände nur aus ihrer kleinen Familie. Nun kommen Elfchen schon komplett zur Welt, sie sind zwar sehr klein, aber sie können alles was die großen Elfen auch können. Am allerliebsten kuschelte sich Finduilas, so hieß nämlich das kleine Elfchen in den Schoß ihrer Mutter und ließ sich die feinen weißblonden Löckchen streicheln. Auch Luthien ihre Mutter genoss die vertrauten Stunden mit dem Töchterchen sehr. Einmal seufzte sie und Finduilas fragte erstaunt: „Was ist mit dir Mama?“ „Ach Kind, die Zeit vergeht so schnell“ und bei diesen Worten zupfte sie ein wenig Flaum aus dem Kelch der Blüte und tupfte ihre Augen damit ab. Erschrocken richtete Finduilas sich auf. „Was ist schlimm daran, wenn die Zeit vergeht Mama“, wollte sie wissen. „Ach Kind“, seufzte Luthien erneut, „bald öffnet sich die Blume, dann scheint die liebe Sonne herein.“ „Aber das hört sich doch schön an“, unterbrach Finduilas sie, sprang auf und klatschte in die Hände. Die Erschütterung sprengte die Blüte. Ein Blatt klappte herunter und Finduilas stand vor Schreck wie erstarrt. Ein kalter Windhauch strich über sie hinweg und hätte sie um ein Haar in diese graue unwirtliche Welt hinab geschleudert. Mit einem Ruck wurde sie von Luthien zurück in die Blüte gezogen und unter schweren Mühen zog diese das Blatt wieder nach oben. Zitternd saß Finduilas in der Mitte der Blume und hatte die Arme um ihren bebenden Körper geschlungen. Tröstend nahm Luthien sie in den Arm. „Du musst keine Angst haben, noch ist es draußen kalt und grau, aber wir haben Frühling, die Tage werden länger und bald scheint die Sonne öfter, dann glänzt alles golden und es ist warm und heiter.“ Mit weit aufgerissenen Augen hatte Finduilas zugehört. Sollte sich  diese kalte ungemütliche Welt wirklich so verwandeln können? „Es wird Zeit, dass wir uns um ein Kleidchen für dich kümmern, so kannst du wirklich nicht hinaus“, meine Luthien. Um die Mittagszeit wurde es plötzlich hell in der Blüte. „Endlich“, seufzte Luthien und klappte das Blatt wieder ein wenig hinunter. Finduilas drängte sich hinter sie und staunte. Wirklich, die Welt war in gleißendes Licht getaucht, alles hatte sich verändert, die Farben strahlten und die Tautropfen funkelten in allen Farben. Wohlig streckte sie die feinen Ärmchen in das helle warme Sonnenlicht.

 

Doch dann zuckte sie zusammen, ein fürchterliches Geräusch ertönte und der Himmel verfinsterte sich. Ängstlich zog sie Luthien am Rock, doch die winkte diesem Monster. „Frau Biene, bitte liebe Frau Biene, wir brauchen ihre Hilfe“, rief sie. Finduilas wühlte ihr Gesichtchen auf den Boden eines Blattes um nicht mit ansehen zu müssen, wie dieses haarige gestreifte Monster seine Mutter fressen würde. Als Luthien das sah lachte sie und zog Finduilas hoch. „Das ist doch eine liebe Biene, sie hat mir Honig gegeben, damit machen wir nun ein feines Kleidchen für dich.“ Sie mischte den Honig mit dem feinen Blütenstaub und formte daraus ein wunderschönes zartes Kleidchen, das Finduilas wie eine zweite Haut umschmeichelte. Etwas von dem goldgelben Honig war übrig geblieben und den ließen die zwei sich nun schmecken. Finduilas wurde immer ungeduldiger. „Was gibt es noch alles zu sehen da draußen“, fragte sie „wann darf ich hinaus?“

 

„Na komm schon.“ Luthien packte sie bei der Hand und flog mit ihr hinaus in die warme Frühlingsluft. Finduilas hatte den Atem angehalten, war das schön, so sanft durch die Luft zu gleiten. Vorsichtig setzte Luthien sie ins duftende Gras. „Nun entfalte mal deine Flügel“, bat sie. „Finduilas zuckte mit den Schulterblättern und tatsächlich, hauchfeine schillernde Flügelchen breiteten sich auf ihrem Rücken aus. Entzückt strich sie darüber, dann bewegte sie sie und langsam schwebte sie über der Erde. Sie taumelte vor Freude und Glück in Schleifen knapp über der Erde dahin.  Übermütig fasste sie nach einem Stiel eines Gänseblümchens und umrundete es. Das Gänseblümchen bog sich und der Schwung katapultierte die völlig überraschte Finduilas ein Stück weiter, geradewegs in eine Pfütze. Entsetzt schüttelte sie sich. „Was ist denn das?“ Luthien lachte. „Das mein Kind ist Wasser, du musst noch viel lernen, vor allen Dingen deinen Übermut zu zügeln. Sie fasste nach ihr und flog mit ihr zurück in die Magnolienblüte, denn Finduilas zarte Flügel waren nass geworden und trugen sie deshalb nicht mehr.

 

Als Finduilas am nächsten Morgen erwachte entfaltete sie sogleich ihre Flügel und prüfte sie, als sie bemerkte, das sie getrocknet waren nickte sie erfreut, nichts stand neuen Ausflügen in die aufregende Welt im Wege. Hastig naschte sie den Blüten Nektar, den Luthien ihr reichte, sie konnte es kaum erwarten wieder aufzubrechen. Luthien lächelte über ihre Ungeduld. Dann war es endlich soweit. Nebeneinander starteten sie in die helle blaue Frühlingsluft. Finduilas legte ein solches Tempo vor, das Luthien kopfschüttelnd Einhalt gebot. „Willst du mich umbringen, mein Herz klopf wie verrückt“, wollte sie wissen? Betroffen hielt Finduilas inne. Lass mich ein Weilchen allein umher streifen Mutti“, bat sie. Luthien dachte nach. „Es kann so viel passieren, versprich mir Acht zu geben, damit dir nichts geschieht“, bat sie. Eifrig nickte Finduilas, sie hätte alles versprochen, um nur endlich starten zu können und schon stob sie davon, Luthiens sorgenschweren Seufzer schon nicht mehr wahrnehmend.

 

Sie flog und flog und sah die erstaunlichsten Dinge. Große Gebilde, in denen große Gestalten wohnten, die ihr zwar ähnlich sahen, aber viel viel größer waren als sie und solche Flügel hatten sie auch nicht. Vor diesen Gebilden waren meist Flächen auf denen unglaublich schöne Blumen wuchsen. Finduilas berauschte sich an all den neuen Eindrücken und merkte zuerst überhaupt nicht wie langsam, aber sicher ihr Kräfte nachließen. Erst als sie zu Boden taumelte, merkte sie dass sie sich nicht mehr in die Lüfte schwingen konnte und sie war weit von der heimischen Magnolienblüte entfernt. Erschöpft fiel sie in einen tiefen Schlaf, aus dem sie aufschreckte, weil jemand an ihrer Schulter rüttelte. Ein großes, schwarzes Gesicht warf einen Schatten auf sie. Gleich schloss sie die Augen wieder und hoffte mit klopfenden Herzen das alles nur ein böser Traum war. Aber es  rüttelte und schüttelte wieder an ihrer Schulter und ein Brummbass fragte: „Kann ich dir helfen.“ Beim Klang der tiefen Stimme war Finduilas wieder erschrocken zusammen gefahren, aber dann blinzelte sie und schlug schließlich die Augen auf um sich den freundlichen Frager anzusehen. Hinter dem schwarzen Gesicht türmte sich ein roter Berg mit schwarzen Punkten, der sich nun schüttelte von unterdrücktem Gelächter. „Keine Angst mein Fräulein, wir vom Stamme der Marienkäfer sind freundliche Gesellen.“ Nun schämte sich Finduilas und richtete sich zu ihrer ganzen winzigen Größe auf. Angst, ich habe doch keine Angst“, behauptete sie keck und klopfte vertraulich auf den Rücken dieser fremden Kreatur, die sich Marienkäfer nannte. Karl, denn so hieß er, lächelte wieder. „Natürlich nicht, magst du auf meinen Rücken steigen, dann trage ich dich heim du musst mir nur den Weg zeigen. Vor Erleichterung hätte Finduilas am liebsten geweint, aber was sollte dann ihre Mutter denken, wenn sie von ihrem ersten Ausflug verheult zurückkam. Sie nahm das Angebot von Karl gerne an und flog auf seinen Rücken, dort sah sie, dass die Kuppel in Wirklichkeit geteilt in zwei Flügel war, dazwischen saß sie geschützt und ließ sich, nachdem sie den Weg zum Magnolienbaum gewiesen hatte heim tragen. Vor dem Baum saß Luthien betrübt und malte sich die schlimmsten Sachen aus, die ihrer Tochter zugestoßen waren. Erleichtert dankte sie Karl und schloss glücklich ihre Tochter in ihre Arme.

 

In der nächsten Zeit blieb Finduilas in der Nähe ihres Baumes, aber schließlich siegte Neugier und Abenteuerlust der Jugend und trieb sie zu neune Taten. Die Blüten öffneten sich immer mehr und Luthien meinte: „Wir werden uns eine neue Wohnung suchen müssen, bald verwelken die Blüten, dann haben wir keine Bleibe mehr, ich werde Ausschau halten, nach einer verlassenen Eichhörnchen Höhle.“ So machten sie sich getrennt auf den Weg. Finduilas hatte eine herrliche Wiese mit wunderbaren Blumen entdeckt und als sie heute wieder dorthin kam, hörte sie feinen Gesang. Sie ließ sich zu Boden gleiten, lauschte und meinte niemals etwas Schöneres vernommen zu haben. Langsam ging sie dem Gesang nach und schließlich erblickte sie einen feinen Knaben, der sah ihr unglaublich ähnlich, er saß im Gras und blies abwechselnd eine Melodie auf einem Halm und sang dann. Wehmütig und sehnsuchtsvoll klang es und trieb ihr die Tränen in die Augen. Selbstvergessen lief sie auf ihn zu. Findecano, so hieß der Elf schaute ungläubig auf und rieb sich erstaunt die Augen. Waren seine Träume wahr geworden? Wie oft hatte er sich nach einer Gefährtin gesehnt. Verlangend streckte er die Arme aus und Finduilas schmiegte sich wortlos hinein. Es bedurfte weder Worte noch Fragen, es hatte sich zusammen gefunden, was zusammen gehört.

 

Gemeinsam schritten sie zu der Höhle, in der Findecano zu Hause war. Staunend sah Finduilas sich um. Die Höhle hatte glitzernde Wände und war angefüllt mit den herrlichsten Gegenständen, hier war gut zu leben. „Bleibst du“, wollte Findecano wissen und Finduilas nickte dazu. „Meine Mutter ist auf der Suche nach einer neuen Bleibe“, fügte sie schließlich an. „Mach dir keine Sorgen, wir holen sie her, die Höhle hat viele Räume und ist groß genug für uns alle.“ Arm in Arm machten sie sich nun auf die Suche nach Luthien und fanden sie beim Magnolienbaum. „Schau Mutter, ich habe meinen Mann gefunden“, berichtete Finduilas und Luthien sah sich Findecano genau an. Dann lächelte sie, denn was sie sah erfreute ihr Herz. Offen und frei hatte Findecano ihren Blick erwidert und lud sie nun ebenfalls ein sich sein zu Hause anzusehen und zu entscheiden, ob sie bleiben wollte.

 

Finduilas und Findecano gaben sich das Eheversprechen und wenn sie nicht gestorben sind, hausen sie noch heute in der Nähe des schönen alten Magnolienbaumes und immer wenn er seine Blüten anlegt, gehen Finduilas und Findecano mit ihren Töchtern dorthin und erzählen mit vielen Weißt du noch die Geschichte, wo Finduilas einst geboren wurde.

© By Gitte