Frohe Weihnachten!

Das Weihnachtsfest von dem ich euch hier berichten möchte begann für mich überhaupt nicht froh, ganz im Gegenteil. Damit ihr meine damalige Situation versteht, muss ich allerdings ausholen und die Vorgeschichte berichten.

 

Als ich gerade einige Tage eingeschult war erschien plötzlich meine Oma nach Schulschluss um mich abzuholen, ich freute mich sehr, als ich sie so unverhofft am Schultor stehen sah. Dann blickte ich in ihr ernstes Gesicht und plötzlich war da dieser Eisklumpen in meinem Magen. „Hallo Oma“, begrüßte ich sie, „schön das du mich abholst.“ Sie vermied meinen Blick und antwortete: „Da ich nicht weiß wie ich es dir sagen soll einfach gerade heraus. Deine Mutter ist abgehauen mit einem anderen Kerl.“ „Was wird nun aus mir“, fragte ich zaghaft? „Bleibe ich bei dir und Opa?“ Oma sah mich immer noch nicht an und schüttelte den Kopf. „Das geht nicht du weißt doch das ich arbeiten gehe.“ Nun blickte ich auch zu Boden, was wurde nun aus mir? Schweigend liefen wir zu Omas Wohnung und warteten, bis Opa und Vater von der Arbeit nach Hause kamen. Sicher würden sie Rat wissen. In meinem Inneren wechselten sich Angst und Wut ab. Wie konnte Mutter uns das antun, bedeuteten wir ihr nichts, mein Vater und ich? In Gedanken ging ich alle Menschen durch, die ich kannte, ich hatte eine Menge Onkeln und Tanten, einer würde mich sicher nehmen. Alles halb so schlimm, versuchte ich mir einzureden. Sicher kam ich zu Onkel Heinz, er wohnte einige Kilometer entfernt in einer traumhaft idyllischen Gegend und mit meinen beiden kleinen Cousins verstand ich mich gut. Der Schulweg würde weit sein, aber es ging. Nur nicht zu Tante Anni, Mutters Schwester nach Goslar, vielleicht zu Onkel Jupp, Vaters Bruder? Er wohnte auch in der Stadt. Dann kamen Opa und mein Vater heim und das große Ratschlagen begann. Zuerst machten sich die zwei allein auf den Weg. Nach Stunden kamen sie Heim und auf Omas fragenden Blick hin schüttelte Opa traurig den Kopf. Keiner wollte mich also? Na dann würde ich wohl doch hier bleiben müssen und der Gedanke war mir nicht unangenehm, denn ich liebte meine Großeltern. Die Erwachsenen flüsterten eine Weile miteinander und dann kam Oma mit meiner Jacke. „Wohin fahren wir“, wollte ich beunruhigt wissen. Aber Opa seufzte nur und um es ihnen nicht noch schwerer zu machen ging ich mit. Nie hätte ich mir träumen lassen, wohin sie mich brachten.

 

Tante Anni!

Mit dem Bus fuhren wir nach Essen. Am Bismarkplatz stiegen wir in die Straßenbahn um, die uns nach Frohnhausen brachte, zu Tante Anni. Allein der Gedanke lähmte mich. Immer wenn sie kam hatten alle Angst, sogar Oma. Man nannte sie den General und sie trug diesen Namen nicht zu Unrecht. Das konnte doch nicht Opas Ernst sein. Wie im Traum glitt die folgende Zeit an mir vorbei, ich sah Opa und Vater bittend auf sie einreden, sie schüttelte immer wieder den Kopf. Schließlich schien sie nachgegeben zu haben und Opa kam zu mir. „Versuch es bitte“, bat er mich. „Sie wirkt nur so streng, ich kenne sie, sie ist ja meine Schwester. Wenn sie dich nicht nehmen würde müsstest du in ein Heim, vergiss das nicht.“ Um Tante Anni nicht gleich zu erzürnen verhielt ich mich still. Als jedoch Vater und Opa mit einem letzten Blick auf mich gingen begann ich zu weinen.  

 

„Hör auf zu Heulen, das bringt nichts, zieh dich an, es wird Zeit das ich dir den Schulweg zeige.“ „Bringst du mich denn nicht“, wollte ich wissen, denn ich war in einem kleinen Vorort aufgewachsen und Tante Anni wohnte in der Großstadt, der Betrieb und der Verkehr machten mir Angst. „Papperlapapp, ich zeige dir ja nun den Weg, du bist ja kein Baby mehr“, bekam ich zur Antwort und eingeschüchtert machte ich mich an ihrer Seite auf den Weg. „Hier links um die Ecke“, sie stiefelte los. Nachdem die Straße zu Ende war, deutete sie auf eine Kneipe. „Das ist die Wickenburg, hier wieder nach links.“ Sie zeigte auf ein Gebäude am Weg. „Das ist das Jungengymnasium, hier musst du vorbei.“ Ein wenig später zeigte sie auf eine Reifenreklame an einer Hausmauer. „Merk sie dir“, befahl sie mir. „Nun überqueren wir die Wiesbadenerstrasse und weiter geradeaus, bis zur Apostelkirche. Hier wieder links und schon sind wir da.“ Mir schwirrte der Kopf, so vieles war an diesem Tage auf mich eingestürzt. „Du musst immer nur links gehen, das wirst du dir doch merken können“, sagte sie spöttisch. Wir gingen zurück. Nach Hause dröhnte es spöttisch in meinem Kopf. Bei ihr bist du nun zu Hause und wieder schossen mir die Tränen in die Augen. Tante Annis mitleidiger Blick, der mich streifte und mir verraten hätte, dass unter ihrer wirklich rauen Schale ein butterweicher Kern verborgen war, den sah ich nicht. Onkel Karl, Tante Annis Mann war mittlerweile von der Arbeit heimgekehrt und erwartete uns. Tante Anni hatte ihm einen Zettel zurückgelassen, auf dem sie ihm das Notwendigste erklärt hatte.

 

Nachdem ich Schuhe und Mantel ausgezogen hatte hörte ich von ihr: „Komm mit.“ Sie stieg eine Etage höher und führte mich in das Mansardenzimmer. Jede Wohnung in diesem Hause hatte eines, man nutzte sie als Abstellkammern, denn sie waren klein und schräg. Schüchtern blickte ich mich um. Tante Anni deutete auf ein Klappbett. „Das hier ist nun dein Reich“, meinte sie und sah mich an. Das blanke Entsetzen schüttelte mich. „Das ist doch nicht etwa das Bett, in dem Uroma Adele gestorben ist“, wollte ich wissen? „Na und, glaubst du sie braucht es noch“, fragte Tante Anni kalt? Etliche Filme rollten in Sekundenschnelle vor meinem geistigen Auge ab. Dunkel gekleidete Gestalten, die den dämmerigen Flur entlang schlichen und sich an dem Schloss meiner Türe zu schaffen machten. „Kein Problem“, hörte ich, „ein ganz einfaches Schloss.“ Keiner hörte mein Schreien hier auf dieser menschenleeren Etage. Oder es konnte ein Brand ausbrechen. Ich sah das aus Holz bestehende Treppenhaus lichterloh brennen. Alle stürzten in Panik auf die Straße. Als ich das Fenster öffnete und um Hilfe rief, rang Tante Anni unten die Hände und jammerte „Das Kind, das arme Kind ist noch im Haus.“ Aber es war zu spät, niemand konnte mich aus der Flammenhölle retten. Mein Gesichtsausdruck muss unter alle diesen schrecklichen Bildern so furchtsam geworden sein, das es sogar Tante Anni rührte. „Komm schon“, knurrte sie mich an und lief die Treppe hinab. In ihrem Schlafzimmer zeigte sie auf eine Art Sofa. „Das ist ein Chaiselongue“, erklärte sie mir, „da ist noch keiner drauf gestorben, ich werde es dir für die Nacht zurecht machen.“ „Danke“, flüsterte ich, zu mehr war ich nicht mehr in der Lage. Erschöpft begab ich mich schließlich zu Bett. Die Türe wurde leise von Tante Anni geschlossen, ich hielt den Atem an. Dann klappte auch die Wohnzimmertüre und als hätte man eine Schleuse geöffnet begann ich zu weinen. Dass Tante Anni leise mit Onkel Karl zurückgekehrt war ahnte ich nicht. Die Beiden kauerten vor der Türe und hörten mein verzweifeltes Weinen. „Das arme Kind“, flüsterte Tante Anni und rang unglücklich die Hände. „Ich werde sie hart machen für das Leben, anders wird sie daran zerbrechen“, mit diesen Worten zog sie ihren seufzenden Karl wieder ins Wohnzimmer. Währenddessen heulte ich mir die Seele aus dem Leib, nie hatte ich größeren Kummer in meinem Leben erfahren. Innerhalb weniger Stunden war meine bis dahin heile Kinderwelt zerbrochen und nicht in große Stücke, die man kitten konnte sondern in tausend winzige Splitter, endlich schlief ich erschöpft ein und schluchzte selbst im Schlaf noch eine Weile weiter. Dass Tante Anni und Onkel Karl zu Bett gingen hörte ich nicht und auch davon, das sie mir mitleidig über den Kopf streichelte merkte ich nichts. Mir kam es vor als hätte ich kaum geschlafen, als ich unsanft gerüttelt wurde.

 

„Aufstehen, die Pflicht ruft.“ Schlaftrunken taumelte ich ins Bad. Es war lausekalt in der Wohnung, denn Tante Anni lüftete und wie alles was sie machte, machte sie auch das gründlich. Meine Zähne schlugen aufeinander, so sehr das ich sie kaum putzen konnte. Im Wohnzimmer wartete mein Frühstück. Haferbrei! Igitt, wenn ich eines hasste dann Haferbrei und als Krönung warme Milch mit Honig. Da ich keine Energie zum Streiten hatte und außerdem Angst vor der neuen Schule würgte ich es hinunter und machte mich dann auf den Weg. „Es ist viel zu früh“, wendete Tante Anni ein. Aber ich rannte los. „Es kann sein ich verlaufe mich, dann habe ich Zeit genug“, entgegnete ich und hetzte los. Nur weg von hier, nur alleine sein. Wie ein Klumpen lag der Haferbrei in meinem Magen, dazu die Angst die ihn umklammert hielt. Viel zu früh war ich an der Schule, kein Mensch zu sehen und wieder die Angst, war ich hier richtig? Endlich trudelten einige Schüler ein und dann begann der Unterricht. Die Lehrerin stellte mich vor. „Eine Landpomeranze“, tönte es. Stocksteif setzte ich mich auf den zugewiesenen Platz. Hier schrieb man mit dem Füller, in Werden war es ein Griffel gewesen. Als ich einen Fehler machte versuchte ich ihn fortzuwischen und rubbelte ein Loch in das Heft. Als die Lehrerin die Arbeiten einsammelte hielt sie es hoch. „Wir haben ein Ferkelchen bekommen“, rügte sie und alle lachten mich aus. Keine Mine verzog ich und würde unnahbar, eine Einzelgängerin. An diesem Tage begann ich mich abzuschotten, ich redete kaum noch, ich wirkte total abweisend, während meine Seele weinte, zeigte ich eine starre Mine. Nur wenn ich alleine war, in der Nacht, weinte ich meinen Kummer ins Kissen, das Tante Anni es bemerkte weil das Kissen kaum trocken wurde bemerkte ich nicht.

 

Die Tage vergingen, ich fieberte dem Wochenende entgegen. Endlich war es soweit. Sicher würde Vater kommen und mich holen. „Was starrst du dauernd zur Türe“, wollte Tante Anni wissen. „Wann kommt denn Papa“, fragte ich zurück. „Gar nicht“, antwortete sie, „das dauernde Hin und Her ist nicht gut für dich, es erschwert dir das Eingewöhnen.“ Ich merkte wie alles Blut aus meinem Gesicht zum Herzen floss, es pochte heiß und mein Körper wurde eiskalt. Wortlos setzte ich mich an den Tisch und begann für die Schule zu arbeiten. Tränen machten meine Augen blind, aber wütend presste ich sie zurück, ich würde nicht weinen, ich war kein Baby mehr. Die Tage reihten sich aneinander, wurden Wochen und Monate.

 

Eines Nachmittags meinte Tante Anni ich solle mich anziehen, wir würden in die Klinik fahren und meinen Großcousin besuchen. Hier muss ich zum besseren Verstehen einflechten, das ich seit meiner Geburt furchtbar schielte. Wortlos wie ich es mir angewöhnt hatte gehorchte ich. „Ich rede mit dem Arzt, du wartest hier“, ordnete Tante Anni an. Nach einer Weile kam eine Schwester und forderte mich auf mich auszuziehen. „Das muss ein Irrtum sein“, erklärte ich ihr, „ich bin hier um meinen Cousin zu besuchen.“ „Falsch“, berichtigte mich die Schwester. „Du bist hier weil deine Augen operiert werden, nun mach schon.“ Verzweifelt blickte ich mich um, das konnte sie doch nicht getan  haben, mich einfach hier stehen zu lassen, wie einen alten Schirm, na warte wenn du zu Besuch kommst, dachte ich bei mir. Die OP war bereits am nächsten Tage. Nun lag ich da und sah nichts mehr, denn meine Augen waren zugepflastert. Der Tag verging und Tante Anni kam nicht. Keiner kam, es war als hätten mich alle vergessen. Ein Tag nach dem anderen verging. Einmal brachte die Schwester jedem Kind einen Obstteller, meine Verbände waren entfernt und die OP war gelungen. „Warum bekommt die auch was“ ,fragte eines der Kinder die in meinem Zimmer lagen. „Die hat nie Besuch und nun bekommt sie von unserem Obst, dass sag ich meinen Eltern.“ Wortlos schob ich den Teller beiseite, die Schwester rügte das Kind, aber ich aß nie wieder das gereichte Obst. Eines Tages kam ich auf die Idee operieren zu spielen. Hin und wieder half ich in der Küche beim Abtrocknen und dabei steckte ich ein Messer ein. Als ich mit dem Messer über einem Mädchen gebeugt stand schrie diese plötzlich los, sie hatte Angst bekommen. Mich sperrte man in die Besenkammer und rief meine Mutter an. Sie kam am späten Abend, ich sah sie an und dachte nun muss sie dir eine Erklärung geben, aber sie war sehr wortkarg, fragte was ich mir dabei gedacht hätte und brachte mich zurück zu Tante Anni.

Am folgenden Tag legte Tante Anni mein Sonntagszeug zurecht und wir gingen zum Fotografen, es wurden herrliche Bilder gemacht von mir, die Tante Anni stolz an meinen Vater, meine Mutter und an meine Großeltern schickte, denn nun schielte ich nicht mehr.

 

 

 

Eines Tages kam ich aus der Schule und Tante Anni war nicht daheim. Sicher war sie mich nun auch leid, das die Schule früher aus gewesen war und Tante Anni nicht wissen konnte das ich hier stand kam mir nicht in den Sinn. Meinen Tornister legte ich vor die Türe und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter. Mülheim lag hinter Frohnhausen, wenn ich einfach den Schienen folgte würde ich dorthin gelangen und das Hotel in dem sie arbeitete würde ich schon finden. Weder hatte ich eine Vorstellung der Entfernung, noch von der Größe der Stadt. Trotzig lief und lief ich. Nach langer Zeit fuhr plötzlich ein Polizeiwagen neben mir her. „Bist du das Brigittchen“, wollte der Beamte wissen. Stur blickte ich geradeaus. „He“, er ließ nicht locker. „Hast du keinen Mund?“ „Ich rede nicht mit fremden Männern“, gab ich patzig zurück. „Deine Tante macht sich furchtbare Sorgen“, sagte der Mann. Ungläubig schielte ich ihn an. „Das ist ein Scherz, sie ist froh mich los zu sein. Wie alle“, fügte ich leise hinzu. „Na dann komm mal mit“, bat er, der Wagen hielt an und er öffnete einladend die Türe. Heimlich aufatmend sank ich todmüde in die Polster und noch ehe wir bei Tante Anni waren schlief ich tief und fest. Der Mann trug mich die Treppe hinauf und legte mich auf meine Liege, die Tante Anni eilig zurecht gemacht hatte. Kurz blinzelte ich, schlief aber sofort völlig erschöpft weiter.

 

Das Frühstück hatte ich auch nicht ändern können, ich fügte mich, aber immer wenn ich einmal unbeobachtet war, goss ich die Milch an den Gummibaum und grub sie unter die Erde. Es dauerte nicht lange und er ging ein, er mochte auch keine warme Milch mit Honig. Am Abend musste ich Tante Anni oft begleiten, sie arbeitete an einigen Tagen als Putzfrau in einem Büro in Rüttenscheid. Während sie sauber machte, reinigte ich die Aschenbecher, oder polierte Schreibtische. Wenn wir nach Hause fuhren war es dunkel und es wurde immer kälter. Wie sehr pfiff der Wind am Rüttenscheider Stern, wo wir umsteigen mussten, danach saßen wir auf den harten Holzbänken der Straßenbahnen und wurden mächtig durchgeschüttelt. Wenn wir zu Hause waren, war ich durchgefroren und todmüde. Ab und zu holten wir auch eine ihrer Schwester in Essen von der Arbeit ab, oder putzten deren Wohnung. Das Leben bestand aus Zucht und Arbeit.

 

Die Weihnachtszeit kam heran und während ich wieder gehofft hatte meine Eltern zu sehen, bekam ich von jedem ein Paket. Eigentlich wollte ich es gar nicht öffnen, sollten sie doch ihre Geschenke behalten. Sicher saß Mutter glücklich mit ihrem Freund unter einem festlich geschmückten Baum. Vater im Kreise seiner Familie mit seinen Eltern und Geschwistern, während ich hier abgeschoben hockte. Einen Baum gab es nicht, Tante Anni wollte Weihnachten ignorieren, als ob man das konnte. Sie schimpfte mich undankbar und so öffnete ich die Pakete, aber freuen konnte ich mich nicht an den Gaben. Unerträglich war es dann in der Schule. An jeder Ecke hörte man: „Sieh nur was ich bekommen habe.“ Unglücklich stand ich abseits und würgte am meinem Pausenbrot.

 

Das neue Jahr kam und Tag reihte sich an Tag. Im Frühsommer riss ich mir einen Splitter unter den Nagel. Es schmerzte schauderhaft und irgendwann schickte mich Tante Anni damit zum Arzt.  „Was wird er machen“, fragte ich ängstlich? „Ach, er schneidet den Finger ab“, meinte sie. Heulend ging ich zum Arzt. Als mich die Sprechstundenhilfe in sein Ordinationszimmer führte wollte der Doktor wissen warum ich weine und ängstlich teilte ich ihm meine Befürchtungen mit. Der Arzt ließ ein Seifenlaugenbad bereiten und ich musste den Finger darin baden, gleichzeitig trug er mir auf Tante Anni zu ihm zu schicken. Erleichtert ging ich heim und richtete es aus. Als ich am anderen Tag aus der Schule kam, traf ich auf eine wütende Tante. Lass deine Sachen an“, ordnete sie an und packte den Rest. „Was ist denn los“, begehrte ich zu wissen. „Heute bringe ich dich zu deiner Oma, sie ist genauso deine Patin wie Onkel Karl, es wird Zeit das sie sich um dich kümmert, ich kann einfach nicht mehr“, sagte sie und still folgte ich ihr.

 

Einerseits war ich erleichtert, ich war Tante Annis Fuchtel entronnen, aber was würde mich erwarten. Opas Worte klangen in meinem Ohr, wenn sie dich nicht nimmt, musst du ins Heim und was hatte ich angestellt, denn Tante Anni schäumte vor Wut. Hin und Her gerissen zwischen Freude und Angst fuhren wir nach Werden. Die Erwachsenen beredeten sich und ich musste im Nebenzimmer warten. Meist hörte ich Tante Annis erregte Stimme, aber verstehen konnte ich nicht viel.

 

Bei den Großeltern!

Nach einiger Zeit wurde ich gerufen und man sagte mir, sie hätten beschlossen, dass ich nun bei den Großeltern bliebe. Dankbar fiel ich Opa um den Hals. An Omas Gesicht konnte ich erkennen, das sie nicht begeistert war. Es folgte eine Belehrungsstunde. Oma verließ das Haus um sechs Uhr, dann würde sie mich wecken, damit ich nicht verschlief, ich machte mich dann fertig und sollte um Sieben Uhr dreißig bei Oma auf der Post erscheinen, die Putzfrauen hatten dann Pause. Dort würde sie mich im Augenschein nehmen und danach zur Schule schicken. Opa schärfte mir ein immer gut auf den Gashahn zu achten, damit er zugedreht war und ich versprach selig alles was man wollte. Langsam spielte sich alles ein, ich versuchte nicht lästig zu sein und wenn ich am Morgen fertig war, deckte ich den Tisch für Oma, wenn sie von der Arbeit kam frühstückte sie nochmals. Hatte ich mir allerdings eine Änderung versprochen wurde ich wieder enttäuscht, kein Vater, kein Mutter durfte mich besuchen. In meiner Neuen/Alten Schule hatte ich es auch nicht leicht, ein Fehltritt, wie ihn sich meine Mutter geleistet hatte blieb in so einem kleinen Dorf nicht unbemerkt, ich war das Kind einer geächteten Familie, einige Kinder durften gar nicht einmal mit mir reden, ich kam gleich hinter den Asozialen wie man sie nannte, die Leute aus den sozialen Brennpunkten, allerdings konnte ich mit deren Mentalität auch nichts anfangen und wieder war ich die Außenseiterin. So verging das Jahr. Einiges hatte sich verbessert, denn Opa nahm sich viel Zeit für mich. Unvergessen, wenn ich am Abend seine Hasenbrote bekam, oder er mir Geige vorspielte wenn ich gar so traurig war. Er zeigte mir, wie man Schuhe besohlt, Holz hakt, Türen abschleift und er redete lange und oft mit mir. In der Vorweihnachtszeit buken wir Äpfel auf dem rot glühenden Herd, kurzum er tat alles um mich von meinem Kummer abzulenken, aber auch wenn ihm das Tagsüber gelang, lag ich im Bett kam die Traurigkeit wieder, warum hatte ich keine richtige Familie mehr? Der Heilige Abend rückte näher und ich fasste mir ein Herz und fragte Opa, ob nicht meine Eltern kommen dürften. Traurig schüttelte er seinen Kopf. Wenn er das erlaubte, dann wollten sie sicher bald ihre neuen Partner mitbringen, ob ich das wolle? Entsetzt schüttelte ich meinen Kopf, soweit hatte ich nie gedacht.  

 

Heilig Abend!

Der Heilige Abend erschien mir wie ein Deja vue, wieder saß ich da mit Paketen meiner Eltern, Geschenken die mir nichts bedeuteten. Es war ein trauriges Fest. Weil ich nicht weinen wollte sagte ich kaum etwas, ich hatte keinen Hunger und Omas Leckerbissen konnten mich nicht reizen. Still und blass saßen wir da, es kam kein Gespräch auf, geschweige denn trauten wie uns die alten Lieder zu singen. Früh ging ich zu Bette und fasste einen Entschluss, so konnte es nicht weiter gehen, noch ein solches Jahr wollte ich nicht leben. Mit offenen Augen lag ich im meinem Bett und wartete, bis meine Großeltern zu Bett gingen.

 

Nachdem es eine Weile still geblieben war stand ich auf, kleidete mich an und verließ die Wohnung. Die Nacht war kalt und klar. Schimmernd leuchteten die Sterne am Himmel und die Mondsichel strahlte hell. Vereinzelt waren noch Fenster erleuchtet und man erblickte funkelnde Christbäume und frohe Menschen dahinter, ich suchte die Stille. Wie verändert die Welt aussah in der Nacht. Bäume und Sträucher die die Straße säumten wirkten riesengroß, wenn ich nicht so verzweifelt gewesen wäre hätten mir die Schatten Angst gemacht, aber wovor sollte ich mich fürchten? Ich ließ mich treiben, einfach irgendwohin, nur nicht mehr denken, wie im letzten Jahr sah ich Szenen vor mir mit meiner fröhlich feiernden Mutter und meinem in seiner Familie geborgenen Vater. Auch wenn meine Großeltern sich solche Mühe gaben, ich würde nie mehr fröhlich sein. Ganz in Gedanken war ich das Dorf durchwandert und stand plötzlich wie erwachend auf der Brücke die über die Ruhr führte. Sie schien zu locken mit ihrer silbern schimmernden Wasserfläche. Langsam tastete ich mich die Treppe zum Wasser hinunter. Hier brannten nur wenige Laternen, aber das war mir gerade Recht so, schwarz wie es in meiner Seele war, so dunkel war es hier, hier war ich richtig, ich spazierte die Uferpromenade entlang. Das letzte Mal dachte ich und ruhig nahm ich alles was ich sah in mir auf. Über das kleine Brückchen lief ich auf die Brehminsel und dort auf der anderen Seite hinunter zum Wasser, dann zog ich behutsam meine Schuhe aus und tastete mich einige Schritte hinein, in den Fluss. Das Wasser war schneidend kalt und sofort wich das Gefühl aus meinen Beinen. Im Unterbewusstsein hörte ich die Kirchturmuhr schlagen. Zwölf Schläge zählte ich, Mitternacht. Weihnachten war angebrochen.

 

„Was machst du da“, sprach mich eine Stimme an. Erschrocken zuckte ich zusammen und blickte mich panisch um. Keiner würde mich von meinem Vorhaben abhalten, schon zu lange hatte ich gewartet. Doch ich sah niemanden. Gerade als ich einen erneuten Schritt nach vorne machen wollte, hörte ich es wieder. „Das darf doch nicht wahr sein, man hat mir mein Kind gefangen. Sicher wurde es heute verspeist als Weihnachtsbraten und du willst dein Leben wegwerfen?“ Wieder blickte ich mich um und sah……….eine Ente. „Hast du etwa zu mir gesprochen“, fragte ich zweifelnd? Die Ente nickte mit dem Kopf. „Wusstest du etwa nicht, dass in der Christnacht die Tiere reden können“, wollte sie fassungslos wissen? „Doch, ich habe so was gehört, aber geglaubt habe ich es nicht“, erwiderte ich. „Was ist dein Grund“, fragte die Ente weiter? „Wozu“, wollte ich wissen, ich war zu erstaunt einen klaren Gedanken zu fassen. „Na das du dein Leben wegwirfst und gerade in der Nacht, in der der Herr das seine für uns geopfert hat?“ Meine Beine waren mittlerweile so gefühllos geworden das ich Schwankte. Mühsam tastete ich mich zurück ans Ufer, ich fror erbärmlich, ich würde wiederkommen wenn die Ente fort war, fasste ich einen Entschluss. Das arme Tier hatte einen so großen Verlust erlitten und war so tapfer, ich schämte mich vor ihr. Zitternd versuchte ich die Füße meiner Strumpfhose auszuwringen und in meine Schuhe zu schlüpfen, aber es klappte nicht, meine Hände konnten die Schuhe nicht halten und meine Füße schienen aufgequollen zu sein. So lief ich auf meinen nassen Strümpfen los. „Gott sei mir dir“, rief die Ente mir nach. „Danke, mit dir auch“, entgegnete ich und machte mich wieder auf den Weg ins Dorf.

 

Was ich nun machen wollte wusste ich noch nicht. Als ich am Marktplatz anlangte schmerzten meine Beine fürchterlich und ich ließ mich am Sockel des Kriegerdenkmals nieder. Dort rieb ich meine schmerzenden Füße. Ganz leise trug der Wind die Weihnachtslieder aus der Mitternachtsmesse zu mir und das trieb mir die Tränen in die Augen, früher hatte ich auch mit der Familie am Heiligen Abend in der Kirche gesessen und gesungen. Es kam mir vor wie vor ewigen Zeiten, wie in einem anderen Leben, indem ich noch glücklich gewesen war. „Hör endlich auf zu jammern“, sagte jemand. Oh je war die Ente mir etwa gefolgt? Etwas Nasses tropfte auf meinen Kopf hinab. „Wenn jemand Grund hat zu weinen, dann bin ich das.“ „Wer bist du“, wollte ich wissen. „Schau nach oben, ein armer Soldat bin ich, hier angebildet zur Mahnung gegen den Krieg, meine Überreste liegen in Russland, fern der Heimat und die Meinen wissen es nicht einmal. Weißt du eigentlich wie viele Menschen mein Los teilen? Und du heulst, weil es mal nicht so läuft wie du es gerne hättest.“ Mitleid mit dem Soldaten erfüllte mein Herz, ich blickte nach oben und der Engel, der ihn hielt nickte mir zu. Wie viel Leid gab es auf der Welt. „Kann ich etwas für dich tun“, wollte ich wissen? Der Soldat nickte, er nannte einen Namen und bat mich seiner Mutter zu sagen, dass er in Nowosibirsk gefallen sei, ihre Ungewissheit sollte ein Ende haben. Verwirrt versprach ich es ihm und mein eigenes Leid begann zu schrumpfen. Als ich ihm verabschiedend zu winkte, sagte auch er: „Gott schütze dich.“ „Dich auch“, antworte ich mechanisch und er antwortete: „Das tut er.“ Stimmt, er war ja schon in seinem Reiche.

 

Weiter trieb es mich in dieser Nacht und unbewusst stand ich plötzlich vor dem Kaninchenberg. Hier hatten wir gewohnt. Ein jämmerliches Piepsen drang an mein Ohr, ich ging in die Knie und meine tastenden Hände fanden ein Vogelkind, das aus dem Nest gefallen war. „Armes Hascherl“, sagte ich, „hast auch dein Familie verloren, ich hauchte es an und steckte es behutsam in meine große Manteltasche. Als ich vor dem Haus stand, indem wir gewohnt hatten, packte mich die Sehnsucht mit Macht. An der Fassade sah ich ein Regenrohr. Wenn ich nun versuchte daran heraufzuklettern? Kaum gedacht, machte ich mich ans Werk, vorsichtig drehte ich die Tasche mit dem Vogelkind nach außen und Stück für Stück erklomm ich die Fassade, es war gar nicht schwer und bald schwang ich mich über die Balkonbrüstung. Mit klopfendem Herzen stand ich vor den Fenstern unserer Wohnung. Wie es wohl darin aussah? Ich hauchte die gefrorenen Scheiben an und rieb mit dem Ärmel. Drinnen war es dunkel und ich konnte nichts erkennen. Ehe ich mich richtig besonnen hatte und wusste was ich tat hatte mein Ellenbogen schon die Scheibe eingeschlagen. Nun war es leicht hineinzugreifen und das Fenster zu öffnen. Langsam zog ich mich an der Brüstung hoch und dann stand ich im der Wohnung. Die Erinnerung überwältigte mich und ich rutschte an der Wand auf den Boden. Hier saß ich nun. Es war auch kalt, aber weil der Wind fehlte wirkte es wärmer als draußen. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ich erkannte die Einrichtung. Alles war an seinem Platz, es sah aus, als würden meine Eltern jeden Moment zur Türe hereinkommen. Plötzlich merkte ich wieder die Kälte, es schüttelte mich regelrecht. Zuerst holte ich aus dem Küchenschrank ein Handtuch, das ich zu einem Nest formte. Das stellte ich auf die Nachtkonsole im Elternschlafzimmer. Hierhinein legte ich das Vogeljunge, dann kroch ich wie ich war ins Bett.

 

Bitte nimm mich zu dir lieber Heiland betete ich und er kam in Gestalt eines Engels. Er nahm mich auf seinen Arm und flog mit mir geradewegs in den Himmel. Dort schob er wortlos ein Stück Wolke beiseite und ich sah meine Mutter. Immer hatte ich gedacht, sie feiere mit ihrem Freund das Fest. Nun sah ich, dass sie in ihrer kleinen Kammer im Hotel saß, indem sie arbeitete. Sie betrachtete mein Bild und wischte über ihre Augen. „Sie weint“, fragte ich ungläubig und der Heiland nickte. Er schob die Wolke zur anderen Seite und ich sah meinen Vater in seinem Zimmer, das Bild glich dem meiner Mutter, auch er saß dort, er weinte nicht, aber er seufzte und seine Hände hielten ein Babyjäckchen, war das etwa meins? Fragend blickte ich das Christkind an und es nickte. „Du hast ihnen Unrecht getan“, sagte es. „Das wollte ich nicht“, stammelte ich. „Darf ich zurück?“ Wieder nickte es,  packte mich am Kragen, hielt mich in den Himmelsraum hinein und ließ mich fallen. Ich fiel und fiel und schrie wie am Spieß.

 

„Brigitte, Brigitte, komm zu dir.“ Jemand rüttelte am meinem Arm und benommen versuchte ich die Augen zu öffnen. Mein Kopf schmerzte fürchterlich. Warum, ließ man mich nicht in Ruhe? Wie durch Nebel erblickte ich das besorgte Gesicht unserer Hausherrin, die sich über mich beugte, ich musste geschlafen haben, denn es war heller Tag. „Schnell Mann, ruf ihren Großvater an, sie werden sich große Sorgen machen. Sie fühlte meine Stirn und erschrak. „du glühst ja wie ein Ofen.“ „Sicher habe ich mich erkältet“, krächzte ich und schloss erschöpft die Augen. Nach kurzer Zeit hörte ich Opa „Kind, Kind“, flüstern, „was machst du nur für Sachen. „Es tut mit Leid“, sagte ich, „ich dachte niemand hat mich lieb, aber das stimmt nicht.“ „Natürlich nicht du Schäfchen“ lächelte Opa und strich mir das verschwitzte Haar aus der Stirne. Dann wendete er sich an den Hauswirt und bat darum, dass dieser Onkel Wolfgang anriefe und frage, ob er uns hier abholen könne. Bald schon schellte es, Opa wickelte mich in eine Decke und trug mich auf seinen Armen zum Wagen. Dort stand Onkel Wolfgang, er war Chauffeur und er hatte seine Dienstuniform an. Er salutierte. „Bitte sehr Mademoiselle“, sagte er und hielt mit einer Verbeugung die Türe auf, ich kicherte, es war schön welches Aufheben man um mich machte, aber ein wenig schämte ich mich auch, wie falsch hatte ich meine Eltern beurteilt. Opa machte Anstalten mich auch die Treppe zu seiner Wohnung hinaufzutragen und plötzlich sah ich wie blass und gequält er aussah. Oh weh er hatte aus dem Krieg eine Rückenverletzung und schien arge Schmerzen zu haben. Protestierend strampelte ich und bestand darauf, dass er mich absetzte. „Den Rest schaffe ich schon, ich bin ja schon groß“, behauptete ich und auch wenn meine Knie vor Anstrengung zitterten, gemeinsam erklommen wir die vielen Stufen. Als ich die Türe öffnete bannte es mich auf die Stelle. Am Tisch saßen meine Eltern. Vater breitete seine Arme aus und ich flog hinein. Gleich darauf schob ich ihn aber von mir, ich wollte wissen wie es weiterging. Vater blickte Mutter fragend an und zaghaft nickte sie und reichte ihm ihre Hand. Nun gab es kein Halten mehr. Ein Arm flog um Vaters Hals und einer um Mutters, ich zog die Beiden zu mir und dann merkte ich, wie sich auf meinem Rücken ihre Hände fanden.

Es war das schlimmste und schönste Weihnachtsfest meines Lebens. „kannst du mir verzeihen“, fragte Großvater? „Ich dir? Die Frage ist, ob der Heiland mir verzeiht“, entgegnete ich. „Ganz sicher“ glaubte Opa zu wissen.

©By Gitte