Geschafft!

Es schellte. Genervt blickte ich auf die Uhr und ließ einen Seufzer raus. Sicher wieder meine Nachbarin, haben sie mal ein Ei, oder eine Briefmarke. Unlustig öffnete ich und blickte in das Gesicht meiner Tochter. Wie lange hatten wir uns nicht gesehen? Eine halbe Ewigkeit, ich rechnete nach. Zwei Jahre und drei Monate seit dem letzten Krach. Nachdenklich betrachtete ich sie. Aha wieder ein blaues Auge. „Mal wieder einen Unfall gehabt“, fragte ich sarkastisch? Statt mich anzuschnauzen, wie gewohnt schaute sie mich traurig an und wendete sich zum Gehen. „He, warte. Komm rein, ich habe es nicht so gemeint.“ Ihre Reaktion hatte mich erschüttert. Das war doch nicht meine Katrin mit der großen Klappe. Wortlos ging sie am mir vorbei ins Esszimmer und setzte sich auf ihren früheren Platz. Verlegen sagte ich: „Ich koche uns erst einmal einen Kaffee.“ Auch ich musste mich erst fangen. Jetzt nur nichts Verkehrtes sagen. Zwölf Jahre war sie nun verheiratet, mit diesem Kerl, immer wieder hatte sie diese seltsamen Unfälle gehabt. Es lag auf der Hand das dieser Choleriker sie schlug. Der Kaffee war durchgelaufen und ich hatte keinen Grund mehr mich hier in der Küche zu verschanzen. Wortlos stellte ich Tassen auf den Tisch und schenkte das dampfende Getränk ein. Verlegen saßen wir uns gegenüber. Dabei hatten wir einmal so einen guten Draht zueinander besessen. „Du hattest Recht“, leise hatte Katrin diese Worte gesagt. Dann brauste sie auf. „Verdammt ich hasse es, aber du hattest Recht, er schlägt mich, er unterdrückt mich, ich darf nichts, gar nichts verstehst du? Er sperrt mich ein, er kontrolliert meine Post und die Telefonrechnung, selbst hierher bin ich schwarzgefahren, ich habe auch nicht lange Zeit. Er ist einen Freund besuchen, gegen sieben will er zurück sein, dann muss das Essen auf dem Tisch stehen. Wortlos hatte ich dem Ausbruch zugehört, jetzt weinte sie auch noch. „Sag es schon, jetzt kommt sicher ich hab es ja gewusst“, sie schluchzte. Wortlos breitete ich meine Arme aus und sie flog hinein. „Ach Mama“, stöhnte sie unglücklich, „was mache ich nur?“ Beruhigend streichelte ich ihr Haar, wie ich es oft gemacht hatte, als sie noch ein Kind war. „Was willst du denn machen“, fragte ich vorsichtig? „Was kann ich machen“, sollte es wohl heißen antwortete sie. „Oh nein, du kannst was du willst, die Frage ist wie weit willst du gehen? Musst du gehen? Trennung? Scheidung? Oder…………..“ „Was oder?“ „Rache“, ich ließ das Wort leise fallen und sah ihr in die Augen. „Moment mal, siehst du nicht wie er mich zugerichtet hat, Rache, wie soll das gehen? Trennung geht nicht, er würde es nicht zulassen. Scheidung kommt nicht in Frage, er und seine Mutter würden das Kind bekommen, du kennst ihn doch, er kann so überzeugend sein, wenn er will, die Frau vom Jugendamt ist damals auch geschmolzen. Sie schlug die Augen nieder. Dabei streifte ihr Blick die Uhr an ihrem Handgelenk. „Ich muss los, es war schön dich wieder zu sehen.“ Eindringlich sah ich ihr in die Augen. „Was ist, willst du Rache?“ Sie war blass und nickte wortlos.  „Setz dich, ich besorge dir gleich ein Taxi, dann hast du noch ein wenig Zeit. Ist es dir ernst?“ Das erste Mal schaute sie mir fest in die Augen. „Wenn ich ihn nicht vernichte, vernichtet er mich“, sagte sie ernst. „Zu welcher Zeit kann ich dich anrufen, gibt es feste Zeiten wenn du allein zu Hause bist“, wollte ich wissen? „Jeden Donnerstag Morgen ist er bei seiner Mama“, antwortete sie. „Wenn er dahinter kommt.“ „Wird er nicht, ich unterdrücke die Nummer“, keine Sorge, ich brauche ein wenig Zeit um mich zu informieren.“ „An was denkst du“, wollte sie wissen. „An Gift, es lebe das Internet“, entgegnete ich. „Schaffst du das, es ihm zu verabreichen?“ „Du meinst er merkt das nicht“, fragte sie ängstlich. „Nicht wenn wir es geschickt anfangen, er isst doch gerne scharf und exotisch stimmt es“, ich lächelte bei dem Gedanken. Katrin nickte nachdenklich. „Wenn das klappen würde.“ „Geh jetzt“, bat ich, wir können uns keinen Fehler leisten, ich rief ein Taxi und begann mit meiner Recherche.

 

Zuerst rief ich die Seite Giftpflanzen auf.

Zu unseren gefährlichsten Giftpflanzen gehören Bilsenkraut, Tollkirsche, Schierling und Herbstzeitlose, las ich da. Und da stand es was mich interessierte:

Äußerst gefährlich ist auch der Schierling. Dieser Doldenblütler kann vom Laien leicht mit Kerbelkraut, Kümmel, Anis oder Petersilie verwechselt werden. Der Schierling enthält ein Nervengift, das in kürzester Zeit zum Tod durch Atemlähmung führen kann.

Na also, Katrins Mann aß gerne Salat, ich würde dafür Sorge tragen, das ihm ein unvergleichlicher Genuss zu Teil wurde. He, Satan heiz schon mal das Feuerchen, du bekommst ein selten fieses Exemplar rein, einen Tyrannen. Also frisch ans Werk, ich druckte mir Bilder dieser Pflanzen aus und überlegte. Im nächsten Ort gab es ein großes Gebiet mit Wildpflanzen aller Art, dort würde ich mein Glück versuchen, wäre doch gelacht, wenn ich nicht ein paar Kräuterchen fände. Bewaffnet mit Rucksack, einer verschließbaren Dose, Gummihandschuhen und den Bildern zog ich los. Zuerst fand ich nur harmlose Sachen, aber dann entdeckte ich ihn, Schierling, er sieht ein bisschen aus wie Hahnenfuß finde ich, ist aber kräftiger und größer und siehe da das Glück war mir hold, auch Bilsenkraut fand ich. Sorgfältig zog ich die Gummihandschuhe über und pflückte etwas davon. Vor mich hin summend machte ich mich auf den Rückweg. Wo hatte ich beim Herweg nur meine Augen gehabt, auch eine Eibe säumte den Weg. Auch hiervon  schnell noch einige Nadeln. Dann aber schnell heim. Schade es ist erst Montag, ich muss mich bis Donnerstag gedulden, ehe ich mich bei Katrin melden kann, ich werde die Kräuter einfrieren. Zu Hause angekommen hackte ich meine Beute und fror sie ein. Das benutzte Messer entsorgte ich vorsichtshalber. Dann zeichnete ich kichernd einen Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen auf die Dose und verstaute sie im Gefrierschank.

 

Dienstag ging ich mit dem Gefühl zur Arbeit, das sich in meinem Leben etwas grundlegend geändert hatte und zwar zum Guten. Das Lächeln schien im meinem Gesicht festgewachsen zu sein, bis ich nach Hause kam und meinen Mann mit seltsamer Luftnot auf dem Sofa sitzen fand. „Was hast du gegessen“, fragte ich ihn, meine Panik niederkämpfend? „Nur einen Salat“, stieß er schwer atmend hervor.  „Du hast doch nicht die Kräuter aus der Dose im Gefrierschrank genommen“, hakte ich nach? „Doch, aber nur ein wenig, warum stimmt etwas nicht damit?“ Für lange Erklärungen war keine Zeit, ich rief den Notarzt, oh Himmel hilf, ich brauch eine Erklärung, wie das Zeug in meinen Kühlschrank kommt.  Als der Notarzt eintraf, berichtete ich ihm meinen Verdacht, es könne sich um eine Vergiftung handeln, ich hätte von einer Freundin gehört, das man aus Schierling, Bilsenkraut und Eibe ein Mittel kochen kann, das hervorragend gegen Blattläuse hilft. Um die Kräuter frisch zu halten habe ich sie eingefroren, es aber leider unterlassen meinem Mann davon zu berichten. Eilig holte ich die Dose herbei und zeigte das aufgemalte Symbol. Mein Mann wurde schnellstens ins Krankenhaus gebracht, wo man ihm den Magen auspumpte. Das war Gott sei Dank noch einmal gut gegangen, ob das ein Fingerzeig des Schicksals war, das mich warnte den geplanten Mord an meinem Schwiegersohn durchzuführen? Dann sah ich wieder das traurige Gesicht meiner Tochter vor meinem geistigen Auge und ich wusste, sie brauchte meine Hilfe. Als ich meinen Mann aus dem Krankenhaus holte fragte er: „Sag mal, was war denn das, muss ich das verstehen?“ „Glaub mir, das willst du gar nicht wissen“, antwortete ich ihm, bei Gelegenheit werden wir deine Hilfe brauchen, aber je weniger du weißt, umso besser.“

 

Donnerstag rief ich Katrin an. „Alles besorgt“, teilte ich ihr mit. „Können wir uns auf halber Strecke treffen, besser man sieht uns vorher nicht zusammen.“ „Okay, in einer Stunde am Berger See“, antwortete sie. Mit meiner Dose machte ich mich auf den Weg. Katrin war sehr blass und tat mir entsetzlich leid. „Heute gibt es einen bunten Salat“, berichtete sie mir, „ich habe alles vorbereitet und eine Scheiß Angst, was ist wenn er was merkt? Er schlägt mich tot.“ „Verfeinere die Salatsoße mit Rotwein, wenn er über den herben Geschmack klagt, sagst du es liegt daran. Schaffst du es“, wollte ich besorgt wissen? Sie schaute mich an und nickte dann tapfer.

 

Gegen 20.00Uhr ging das Telefon, ich stürzte hin. „Oh Mama es ist grauenvoll, er röchelt und ist ganz blau im Gesicht“, Katrin schluchzte hysterisch in den Hörer. „Wir kommen“, sagte ich. „Es geht los“, informierte ich meinen Mann. Unterwegs erzählte ich ihm die ganze Geschichte. „Ihr habt was gemacht?“ Er war fassungslos. „Nun ist nichts mehr zu ändern, ich hätte dich da nicht hineingezogen, aber Katrin und ich schaffen es sicher nicht ihn die Treppe hinunter zu tragen.“ Kaum hatte ich die Klingel betätigt, tönte der Türsummer. Oben stand eine verheulte Katrin in der Türe. „Seit einigen Minuten höre ich nichts mehr“, informierte sie mich. „Setz dich“, energisch schob ich sie in einen Sessel und ging ins Schlafzimmer. Mein Schwiegersohn starrte mir mit weit aufgerissenen Augen entgegen, in denen Todesangst zu sehen war. Ich lächelte. „Na, wie geht’s, nicht so gut oder? Du siehst ziemlich Scheiße aus, wenn ich das mal so sagen darf.“ Erkennen blitze in seinen Augen auf. Er wollte etwas sagen, aber es kam nur ein unverständliches Blubbern hervor. „Na, wie fühlt es sich an mal der Schwächere zu sein?“ Sein Gesicht lief blau an, er röchelte noch einmal, griff sich an den Hals und dann erstarrten seine Züge. Ich rollte ihn vom Bett direkt auf den Teppich und begann ihn einzurollen. Dann holte ich meinen Mann und meine Tochter zu Hilfe. „Er hat es überstanden, wir rollen ihn ein und tragen ihn hinunter in den Kofferraum. Alles klappte reibungslos, niemand begegnete uns. „Was machen wir jetzt mit ihm“, wollte Katrin wissen? „Mach dir keine Sorge, Papa und ich erledigen das“, antwortete ich ihr.

 

Wir fuhren zum Friedhof, der praktischer Weise fast neben unserem Haus liegt. Bleib in Wagen sitzen“, bat ich Katrin. Mein Mann und ich schleppten den Teppich schnell hinein gut, dass es um diese Jahreszeit so früh dunkel wurde und unser Friedhof niemals abgeschlossen wird. In der hintersten Reihe war ein frisches Grab, das wusste ich. Wir räumten die Kränze runter und schaufelten abwechselnd, dann legten wir die Leiche hinein und schlossen das Grab. Danach kamen die Kränze wieder drauf und alles wirkte völlig normal. Anschließend gingen wir mit unserer Tochter heim.

 

 

Da sie nun allein ist, ihr Mann hat sie aus unverständlichen Gründen verlassen und ist nicht wieder aufgetaucht, vielleicht hatte er eine Geliebte im Ausland, zog Katrin wieder bei uns ein. Ab und an besuche ich meinen Schwiegersohn, denn mein Mann und ich wissen als einzige wo er sich aufhält. Bis vor einiger Zeit plagte uns immer die Angst, ein großer Regen legt ihn frei. Nun aber können wir aufatmen, das Grab bedeckt eine große Marmorplatte, welch eine schönen neue Sitte.

 

©By Gitte