Gitte in
der Unterwasserwelt!
Als ich
fünf Jahre alt war, ist mir etwas Tolles passiert.
Meine
Eltern und ich waren im Freibad, früher gab es das noch in Essen-Werden. Mit
langen Stämmen waren zwei große viereckige Flächen in der Ruhr abgetrennt, ein
Nichtschwimmerbecken, in dem ein Erwachsener am Ende gerade noch Stehen konnte
und ein Schwimmerbecken. Meine Eltern hatten mich ermahnt, nur mit den Füßen
ins Wasser zu gehen, sie selbst hatten sich in die Sonne gelegt und genossen
die Wärme des Frühsommertages. Ab und zu schaute ich zu ihnen, sie schienen
eingenickt zu sein.
Mit der
Zeit wurde es mir langweilig, während meine Füßchen das Wasser peitschten, sah
ich plötzlich einen kleinen Feuersalamander, eine Weile beobachtete ich den
kleinen possierlichen Kerl, ich formte mit meinen Händen eine Schale und wollte
ihn fangen, da sprang er ins Wasser und ich lief hinterher. Keine Sekunde
dachte ich daran, dass ich nicht schwimmen konnte und plötzlich hatte ich
keinen Boden mehr unter den Füßen. Als ich nach Luft schnappen wollte,
schluckte ich Wasser und dann wurde es schwarz vor meinen Augen.
Als mein Vater nach einer Weile die Augen
öffnete war ich weg, in panischer Angst weckte er meine Mutter, beide sprangen
ins Wasser und suchten mich, aber vergebens, auch die Polizei, die sie
verzweifelt informierten und die Taucher schickte, fanden mich nicht, aber das
war auch kein Wunder.
Als ich
wach wurde, bemerkte ich einen stechenden Schmerz an beiden Halsseiten.
Verwundert schaute ich mich um und blickte in das Gesicht eines sehr seltsamen
Mädchens. Es war ungefähr in meinem Alter, hatte aber eine ganz weiße Haut,
während die meine vom Spielen an der frischen Luft immer leicht gebräunt war.
Dazu sahen seine perlmuttfarbenen Haare seltsam, aber sehr schön aus. Das
Mädchen hatte Augen von einem irisierenden Blau, die regelrecht schillerten.
Es lächelte
mich an und als es sich ein wenig bewegte, bemerkte ich mit Erstaunen einen
Fischschwanz an ihrem Unterkörper.
Dann fühlte
ich wieder den leichten Schmerz an meinem Hals, ich fasste dorthin und ertastete
ein seltsames Gebilde, ähnlich wie Haut, aber doch stabiler.
„Wer bist Du
und was habe ich da?“ fragte ich.
Sie lachte:
„Mein Name
ist Kiara und ich bin eine Meeresprinzessin.“
Nun lachte
ich.
„Na hör
mal, das hier ist die Ruhr und nicht das Meer, bin ich ertrunken?“ „Na ja“,
meinte sie „wenn ich will, kann ich ins Meer schwimmen, denn Flüsse münden ins
Meer, also bin ich doch eine Meeresprinzessin.“
„Na schön,
aber was mache ich hier?“
„Gaspar hat
dich hergebracht.“
„Wer in
aller Welt ist Gaspar?“ fragte ich neugierig.
„Gaspar ist
ein Fisch…“,antwortete sie. „Er ist ein Hecht,
um genau zu sein. Und er ist mein Freund und bringt mir alles, was er
interessant findet und wovon er glaubt, dass es mir Freude macht, aber dass er
mal eine Spielgefährtin findet, hätte ich nun nicht gedacht.“
„Nun sag
aber mal, was habe ich da am Hals, hat er mich dort gebissen?“
Kiara
lachte und reichte mir eine blank polierte Muschel, in der ich mich spiegeln
konnte. An meinem Hals blähten sich zwei seltsame Gebilde. „Was ist denn das?“
wollte ich wissen, wobei ich es vorsichtig abtastete. „Na, Kiemen natürlich!“
meinte Kiara und zuckte die Schultern. „Sonst würdest du wohl kaum noch Leben
hier unter Wasser.“
„Muss ich
die jetzt immer behalten?“ wollte ich wissen und schluckte, so ganz geheuer war
mir das nicht.
„Nein,
nein, das sind nur Steckkiemen, die kann man wieder entfernen“, klärte sie mich
auf.
Erleichtert
atmete ich auf und als die Kiemen sich dabei blähten konnte ich sogar darüber
lachen. „Oh je, ich habe so selten Besuch. Ich bin eine schlechte Gastgeberin,
du hast sicher Hunger, oder nicht?“
„Doch, ich
könnte einen Happen vertragen“ grinste ich.
Kiara
schwebte davon, ich stand auf, um ihr zu folgen, verlor aber sogleich das
Gleichgewicht.
Kiara
blickte sich um und lachte, „Du brauchst einen Fischschwanz“, stellte sie fest.
„Aber bitte
auch einen, der sich wieder entfernen lässt“, bat ich sie.
„Du
möchtest wohl um nichts in der Welt eine Nixe sein“, fragte sie traurig.
„Doch,
doch“, stotterte ich „aber ich möchte auch wieder zu meinen Eltern zurück, das
verstehst du doch sicher, du liebst deine Eltern doch auch, nicht wahr?“
Kiara
überlegte, wobei sie den Finger an die Nase legte. „Weiß ich nicht, ich habe 786
Geschwister, da hat mein Vater nicht so viel Zeit für jede einzelne.“ Plötzlich
strahlte sie. „Aber wenn ich Geburtstag habe, dann kommt er und dann liebe ich
ihn“, dabei nickte sie kräftig und ich musste lachen.
Sie
schnippste mit den Fingern und ein riesiger Hecht schwamm herbei. Vorsichtshalber
versteckte ich mich hinter einer Koralle.
„Keine
Angst“, sprach Kiara, „das ist Gaspar, er hat dich hergebracht“. „Vielen Dank
Gaspar“, sagte ich und er lächelte und entblößte dabei sein prächtiges Gebiss,
wobei mir noch nachträglich die Knie zitterten. Heimlich schielte ich auf
meinen Badeanzug und suchte nach Löchern, die dieses Gebiss verursacht hatten.
Gaspar und
Kiara lachten lautlos, dass es sie schüttelte. Unter der Flosse trug
Gaspar die Haut eines Fischschwanzes,
Kiara half mir sie überzustreifen und ich machte meine ersten Schwimmversuche
als Fisch. Natürlich bewegte ich den Schwanz viel zu schnell und trudelte
herum, was
wieder einen Freudenausbruch bei Kiara und Gaspar hervorrief.
„Schwimm schon
einmal voraus“, bat Kiara ihren Freund „Und veranlasse, dass die Tafel gedeckt
wird.“
Sie zeigte mir nun, wie man langsam und
vorsichtig mit dem Schwanz wedelt und so die Richtung hält. Nach einer Weile
kamen wir zu einer Unterwasserhöhle. Als wir hinein schwammen, war es entgegen
meiner Befürchtung nicht dunkel, sondern Leuchtfische schwammen herum und
sorgten für behagliche Helligkeit.
In der
Mitte stand eine große Tafel und an dieser eilten große Langusten hin und her,
ich betrachtete auch diese mit einer gehörigen Portion Respekt, bis ich
bemerkte, dass sie Schürzen trugen, da musste ich doch lachen.
„Weshalb
tragen sie Schürzen, wir sind doch hier im Wasser, da kann doch nichts
schmutzig werden“, staunte ich.
„Wir hatten
schon einmal ein Menschenmädchen hier, das hat mir berichtet, wie es bei Euch
so gemacht wird und das wollte ich auch haben“, berichtete Kiara.
Wir gingen
nun zu Tische und ein Hummer rückte meinen Stuhl zurecht, was mich wieder
schmunzeln ließ. Neugierig betrachtete ich die Speisen. „Was ist denn das,
wollte ich wissen. Kiara reichte mir eine Schüssel. „Das ist Algensalat“,
sprach sie „und das sind Austernscheibchen, jede Auster in der Umgebung hat ein
Scheibchen von sich geopfert, für meinen Gast“. Als sie mein entsetztes Gesicht
sah, lachte sie. „Keine Angst, das wächst wieder nach.“
Zaghaft
versuchte ich die Speisen und Kiara beobachtete mich dabei. „Ungewohnt, aber
köstlich“, sagte ich und dann lächelten alle, für jemanden, für den Pommes und
Burger das Größte ist eine reife Leistung - fand ich. Auf dem Tisch stand ein Schälchen
mit verschiedenfarbigen Perlen. „Mit denen können wir gleich spielen“, meinte
Kiara. Oh weh, mir wurde schlecht, dass ungewohnte Essen war doch nichts für
meinen Magen. Alles drehte sich in meinem Kopf.
Plötzlich
blendete mich gleißendes Licht und ich blinzelte.
„Na, kleines Fräulein, wieder unter den
Lebenden“, sprach ein Mann im weißen Kittel. Verwirrt richtete ich mich auf,
wurde aber gleich wieder zurück gedrückt. „Langsam, langsam, du warst lange
ohnmächtig.“ Als ich den Kopf zur Seite drehte, erblickte ich meine Eltern, die
standen da und weinten. „Warum weint ihr“, wollte ich wissen, „ich habe tolle
Sachen erlebt.“
Langsam
tastete ich nach meinem Hals, der war verbunden.
„Du musst
dich an beiden Seiten irgendwo gestochen haben“, sagte der Arzt „vielleicht
bist du auf Steine geschlagen.“
Sollte ich
denn alles geträumt haben, aber die Verletzungen an diesen Stellen passten doch
zu der Geschichte. Dann wurde ich auf mein Zimmer gefahren und schlief mich
erst einmal aus, am anderen Tag wurde ich noch einmal untersucht und dann nach
Hause entlassen. Als ich meine Jeans anzog und in die Taschen fasste, bemerkte
ich einige Kugeln darin, ich zog sie heraus und betrachtete verblüfft einige
wunderschöne farbige Perlen, in Gedanken sah ich Kiaras Gesicht vor mir, wie
sie mich anlächelte und mir zuwinkte, ich schmunzelte. Diese Geschichte behielt
ich lieber für mich und sie Perlen zeigte ich niemanden, mit den Jahren kam ich
hinter ihr Geheimnis, wo immer ich eine von ihnen ins Wasser warf, konnte ich
mit ihr meine Freundin Kiara herbeirufen und wer hat schon eine Nixe zur
Freundin?
© By Gitte