Hilf dir selbst!
Dinah stand am Fenster und blickte hinaus. Gleich würde er kommen. Was war nur aus ihr geworden? Knapp über zwanzig war sie nun und ihr Leben hatte einfach jede Perspektive verloren. Lieber Gott so viele Unfälle geschehen, so viele Leute kommen ums Leben, warum nicht er? Diese Bestie. Sicher will selbst Gott ihn nicht bei sich haben. Kannst du nicht ein kleines Auto schicken? Eines das er nicht sieht? Wieder einmal hoffte sie er käme nicht, aber da sah sie ihn und ihre Hoffnung löste sich in Nichts auf. Da hatte sie gedacht den Problemen zu Hause zu entfliehen. Nicht mehr das Leben ihrer alkoholkranken Eltern zu finanzieren, endlich ein eigenes Leben haben, ein Kind für das man sorgen kann, dem man alle Liebe geben kann die man selbst nicht bekam. Schlimmer kann es nicht werden, dachte sie damals. Freundlos lächelte sie, es war schlimmer gekommen.
Als sie ihn kennen gelernt hatte war er sehr charmant gewesen, lieb und aufmerksam. Als er sie dann fragte ob sie seien Frau werden wolle hatte sie glücklich eingewilligt. Es hatte nicht lange gedauert bis sie wusste wozu er sie brauchte. Schulden hatte er gehabt, Schulden die sie nun abtrug. Zum Dank verlor er ständig seine Arbeitsstellen, weil er mal wieder unpünktlich war, oder gestohlen hatte. Sie seufzte an ein Kind war unter diesen Umständen natürlich nicht zu denken. Dann die ständigen Schläge, wenn ihm etwas nicht passte schlug er zu. Kalt hatte er ihr erklärt das er sie immer so schlug das es niemand bemerkte, immer dorthin wo Kleider die Stellen bedeckten.
Pfeifend schloss er die Türe auf. „Liebling, da bin ich“, das war für die Nachbarn. Der nette Herr Schlosser kommt heim. Kaum war die Türe ins Schloss gefallen änderte sich sein Tonfall. „Ich hoffe sehr du hast das Essen fertig“, zischte er und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Natürlich Schatz“, antwortete ich mechanisch und holte das warm gestellte Essen aus dem Herd. Angewidert betrachtete er es. „Was soll das? Du weißt das ich keine aufgewärmte Pampe fresse“, brüllte er los. Ich machte mich so kleine wie möglich. „Schatz das Essen hat keine zehn Minuten im Ofen gestanden, du bist ein wenig spät dran heute und wenn es kalt ist magst du es auch nicht“, wagte ich leise zu antworten. „Du alte nichtsnutzige Schlampe“, brüllte er, hob die Hand und schlug zu. Längst schon hatte ich begriffen, dass es keinen Sinn hatte auszuweichen, wenn er nicht traf rastete er noch mehr aus. Stöhnend sackte ich zusammen. Er riss mich an den Haaren wieder hoch und boxte mir in den Magen. Weinend sackte ich erneut zu Boden. Dort blieb ich und wartete bis er gegessen hatte. Dann winkte er und befahl:“ Abräumen“. Schnell kam ich seinem Wunsch nach. Ersetzt sich vor den Fernseher während ich in der Küche das Geschirr spülte. Immer wieder krümmte ich mich zusammen. Plötzlich stand er hinter mir. „Mach kein Theater sonst gibt es noch was.“ Ich riss mich zusammen und beendete meine Arbeit. „Ich muss noch zu Susi“, informierte ich meinen Mann. „Willst du dich ausheulen“, wollte er misstrauisch wissen?“ „Nein, Susi hat angerufen, sie hat Farbe besorgt in ihrer Firma, ich will doch am Wochenende renovieren.“ „Du schmeißt das Geld zum Fenster raus, mein sauer verdientes Geld wohlgemerkt.“ Ich verbiss mir eine Bemerkung und schüttelte den Kopf. „Die Farbe ist umsonst.“ Er nickte anerkennend. „Wohl geklaut? Sie macht sich deine Cousine, hau schon ab.“ Schnell drehte ich mich um, er musste meine Erleichterung nicht sehen. Das Geld würde ich Susi schon geben, ich würde es irgendwo abzweigen.
Das Auto nahm ich nicht, ich hatte zwar den Führerschein, aber wenn etwas an seinen heiß geliebten Ford kam würde ich es bitter bezahlen, außerdem war ich nach dem Streit zu aufgewühlt, meine Hände zitterten und mir war übel. Aber das war fast ein Dauerzustand, ich hatte mich benahe daran gewöhnt. Überleben hieß die Devise. So hetzte ich zum Bahnhof. Jeder Kilometer der zwischen ihm und mir lag bedeutete Schutz. Letztes Jahr hatte ich einen Hund besessen. Ein Bekannter mit dem ich am Morgen immer zu Arbeit fuhr hatte ihn mir angeboten. Asco war ein Mischling. Seine Mutter war ein Boxer und sein Vater eine Mischung aus Schäferhund und Bernhardiner. Die Statur hatte er von letzterem. Ein riesiges Tier und sehr gutmütig. Leider beging ich den Fehler meinem Mann zu zeigen, dass er nur auf mich hörte. Ich lief vor und rief ihn und auch wenn mein Mann aus und halt brüllte zog er ihn trotz Stachelbandes hinter sich her. Das war sein Todesurteil. Angeblich war er kurz darauf überfahren worden. Beim Gedanken an mein schönes Tier das gerade nur ein Jahr alt geworden war stiegen mir wieder die Tränen in die Augen. Tränen der Trauer, aber auch des Hasses, er würde bezahlen, irgendwann.
Mittlerweile war ich bei meiner Cousine angekommen. Sie blickte mich an und sagte „Oh oh.“ Sie bat mich herein und bereitete wortlos einen Kaffee für uns. „Schau mal in die Schublade“, bat sie mich und deutete auf ihren Wohnzimmerschrank. „Da liegen Kevins Schals“, dabei blinzelte sie verschwörerisch. Schals, was sollte ich mit Schals? Trotzdem machte ich was sie sagte. Tatsächlich, da lag ein Schal, etwas schien darin en gewickelt zu sein. Fragend blickte ich sie an, verlegen schaute sie weg. Nun war meine Neugierde doch ein wenig geweckt und ich wickelte das Teil aus. Was war den das? Es sah irgendwie wie eine Bohrmaschine aus. „Was ist denn das“, wollte ich wissen? Du weißt doch das ich Metzger gelernt habe, das ist ein Bolzenschussgerät“, informierte mich Susi. „Das hab ich damals vor Jahren aus Sentimentalität mitgehen lassen, es sollte ausgemustert werden, niemand vermisst es.“ Meine Gedanken stolperten, dann rasten sie. „Du meinst“, stotterte ich atemlos? Susi blickte mich ernst an und nickte. „Für den Notfall“, dann grinste sie. „Schweine richtet man so hin, passt doch oder?“ Fast zärtlich streichelte ich das Gerät, dann nickte ich bedächtig und packte es erneut in den Schal gewickelt ein. Danach tranken wir unseren Kaffee, ich nahm die Farbe und fuhr heim.
Ich merkte selbst, ich hatte mich verändert, nun war ich nicht mehr das wehrlose Opfer, ich hatte eine Waffe. Meinem Mann gefiel meine neue selbstbewusste Art gar nicht, er schaute oft misstrauisch. Dann war es mal wieder soweit, wegen einer Nichtigkeit rastete er aus und ich beschloss es sollte sein letzter Ausraster sein. Den ganzen Abend feilte ich an meinem Plan. Als er im Bad war deponierte ich das Bolzenschussgerät in meiner Nachttisch Schublade, die sich geräuschlos öffnen ließ. Er kam, grunzte und war bald darauf eingeschlafen. Ganz langsam zog ich die Schublade auf. Wenn er zu früh etwas bemerken würde war es nicht sein, sondern mein letzter Tag. Bis der Tod euch scheidet kam mir in den Sinn. Sarkastisch lächelte ich, ich würde es sein die ihm den Tod brachte. Meine Augen hatten sich an das Dunkel gewöhnt, ich sah sein weißes Gesicht im Kissen schimmern. Langsam, ganz langsam brachte ich das Gerät in Stellung nachdem ich es entsichert habe. Das Geräusch beim Umlegen des Sicherheitsbügels trieb mir den Schweiß auf die Stirne. Millimeter neben seiner Schläfe drückte ich ab und es geschah………….nichts. Mein Mann öffnete die Augen, in Panik riss ich erneut den Abzug und diesmal merkte ich einen Schlag im Arm. Es gab ein dumpfes Geräusch, als der Bolzen seinen Kopf durchschlug. Ich war zu keiner Empfindung mehr fähig, die Angst und Anspannung hatte mich innerlich erstarren lassen. Mechanisch kleidete ich mich an und steckte das Bolzenschussgerät in meine Tasche. Da ich geschminkt zu Bett gegangen war machte ich mich auf den Weg in die Disco, denn ich brauchte ein Alibi. Die Türe ließ ich angelehnt. Meine Nachbarin besuchte immer um 3.00 Uhr in der Nacht die Toilette, oft hatte ich mich darüber geärgert wenn ich wach wurde. Sie würde die offene Türe bemerken und reagieren, auf ihre Neugierde war Verlass. Nun stahl sich doch ein leichtes Lächeln auf meine Lippen.
Frei dröhnte es in meinem Hirn, du nist frei, endlich. Langsam, Vorsicht, schaltete sich eine warnende Stimme ein, mach keinen Fehler. Auf dem Weg zur Brücke unserer Dorfdisco musste ich die Ruhrbrücke überqueren. Hier holte ich das Gerät aus meiner Tasche nachdem ich mich vergewissert hatte allein zu sein und warf es in den Fluss. Hier oben war es wie so oft nebelig das half mir zusätzlich. Die erste Hürde war genommen. Erleichtert traf ich in der Disco ein und war gleich von Freunden umringt. Viele würden bezeugen können, dass ich hier war. Ich tanzte gelöst, unterhielt mich, trank und flirtete. Als ich die Disco verließ wurde es gerade hell? Langsam ging ich heim. Eilig hatte ich es nicht. Vor unserer Türe stand ein Streifenwagen. „Was ist passiert“, wollte ich von dem Beamten wissen?
„Frau Schlosser, Dinah Schlosser“, wollte er wissen? Stumm nickte ich. „Es ist etwas passiert, bitte kommen sie mit“, bat er mich. Ich folgte ihm. Er führte mich in unsere Wohnung. Mein Mann lag im Bett, dort wo das Gerät seinen Schädel getroffen hatte sah man en hässliches Loch in seiner Schläfe. Die andere Seite seines Gesichtes war grauenhaft zerrissen. Ich riss stumm die Augen auf. Ganz bewusst betrachtete ich die grauenhafte Leiche und musste würgen. Der Kommissar beobachtete mich genau. „Hatte ihr Mann Feinde“, wollte er wissen? Da sackte ich weg. Als ich erwachte hielt mich meine Nachbarin im Arm und schalt den Kommissar aus. „Die arme kleine Frau, wie können sie nur so roh sein, so jung verheiratet und dann das, schämen sie sich.“ „Arme kleine Frau die allen die ganze Nacht tanzen geht“. Höhnte der Kommissar?“ Ich brauchte mir nur das grauenhaft entstellte Gesicht meines Mannes ins Gedächtnis zu rufen und schon rollten die Tränen. „Armes Ding“, tröstete meine Nachbarin. „Sie waren wohl nie jung Her Kommissar“. Fragte sie. „Raubmord können wir jedenfalls ausschließen“, überlegte er laut. „Hatte ihr Mann Feinde“, wendete er sich erneut an mich?“ „Nichts das ich wüsste, allerdings war mein Mann sehr verschlossen“, gab ich Antwort. „Warten wir den Befund der Gerichtsmedizin ab“, beschloss er und gab das Zeichen das die Leiche abtransportiert werden konnte.
Nach einigen Tagen wurde ich auf das Revier bestellt, man hatte herausgefunden, dass die Tatwaffe ein Bolzenschussgerät war. „Besitzen sie ein solches Teil“, wollte man von mir wissen? „Wie sollte ich daran kommen, ich weiß nicht einmal das es so was gibt“, erwiderte ich. Man prüfte mein Umfeld, aber einen Metzger fand man nicht. Nun bin ich erlöst und frei und werde ein neues Leben beginnen, aber ehe ich mich noch einmal binde prüfe ich genauer, wie sagt man Schaden macht klug und wer weiß ob ich noch einmal so glimpflich davon komme.
By Gitte