Hinterhartpenning!
Es geschah im Jahre 1969. Ein Jahr zuvor war mein Großvater gestorben und deshalb hatten wir den Urlaub ausfallen lassen. Auch in diesem, dem folgenden Jahr taten wir uns schwer. Mutter und Oma trugen noch schwarze Trauerkleidung und wenn Vater nicht dieses günstige Angebot entdeckt hätte wären wir sicher auch in diesem Jahr zu Hause geblieben. So fuhren wir ziemlich spät noch Ende Oktober nach Österreich. Natürlich war Oma mit von der Partie. Es waren die wilden 60ger Jahre und ich mit meinen siebzehn Lenzen ziemlich aufmüpfig. „Im Urlaub gewöhne ich dir das Rauchen ab“, drohte Oma. Das konnte ja heiter werden. Verständlicher Weise war ich sehr ruhig und schmiedete schon Pläne wie ich mich möglichst schnell und oft absetzen würde.
Kaum hatte ich mit Oma unser Zimmer bezogen, als sie mich fragte: „Hast du noch Geld für Zigaretten?“ Misstrauisch betrachtete ich sie. Was war denn das? Eine Falle? „Du hast doch gesagt, du gewöhnst mir im Urlaub das Rauchen ab“, erinnerte ich sie. Sie grinste. „Deine Eltern müssen ja nicht alles wissen, oder?“ Erleichtert grinste ich zurück, eine Oma an, die ich bisher nicht gekannt hatte. „Ne, ich bin Pleite“, gestand ich ihr, woraufhin sie mir ein Geldstück in die Hand drückte. „Aber nicht deinen Eltern sagen“, beschwor sie mich. „Niemals“, versicherte ich ihr und flitzte hinaus, ehe sie es sich anders überlegen konnte. Zack, da stand jemand und zwar mein Vater, den ich in der Hast beinahe über den Haufen gerannt hatte. „Pst, hast du noch Geld für Zigaretten?“ Was war denn mit denen los? Vorsichtshalber schüttelte ich den Kopf, das war nicht ganz gelogen, oder? „Hier“, auch Vater drückte mir mit Verschwörermine ein Geldstück in die Hand. „Nicht Oma erzählen“, bat er und grinste verlegen. „Ist schon schlimm genug, dass du ein Zimmer mit ihr teilen musst.“ Wenn das so weiter ging, würde der Urlaub doch noch schön werden und das wurde er auch, was ich auch unternahm, Oma deckte mich. Dafür musste ich ihr am Abend berichten was ich so erlebt hatte. Zunächst war ich zurückhaltend, aber so nach und nach taute ich auf, zumal ich sah, wie Omas Augen blitzen, sicher erinnerte sie sich an ihre eigene Jugend. Eines Abends, mitten im Gespräch erstarrte sie, griff eine Flasche und schlich zum Fenster, erstaunt wollte ich sie fragen, was das soll, aber sie legte den Finger auf die Lippen, riss das Fenster auf und holte mit der Flasche aus, um gleich darauf ein erschrecktes „Waltraud“ zu schreien. Meine Mutter saß auf dem Dach und lauschte. Fast hätte Oma nicht einen meiner erwarteten Verehrer zur Strecke gebracht, sondern ihre eigene Tochter. Kurz gesagt, der Urlaub wurde von allen genossen, aber das eigentliche Abenteuer erwartete uns noch.
Drei Wochen waren im Nu verflogen und wir fuhren heim. Vater und Mutter wechselten sich ab beim Fahren. Vater fuhr meist die Autobahnstrecken und Mutter wenn es durch Städte und Ortschaften ging, dabei konnte sie weder Karten lesen, noch besaß sie einen guten Orientierungssinn, was sie aber nie zugegeben hätte. Mutter fuhr und fuhr. „Bist du sicher, dass wir richtig sind“, wollte Vater schließlich wissen? „Ganz sicher“, Mutter nickte souverän mit dem Kopf. Eine Weile schwiegen sie. „Ich habe schon lange kein Schild mehr gesehen, woher weißt wo wir sind“, wollte Vater schließlich wissen? „Na guck mal“, antwortete Mutter und zeigte auf den Wagen vor uns. Verständnislos blickte Vater sie an. „Na sieh doch, er hat ein Essener Nummernschild, ich fahre einfach hinterher und er führt uns nach Hause. Vater guckte als habe er eine Kröte verschluckt und ich begann zu lachen. „Waltrauuuuuuuuud.“ „Jaaaaaaaaaaaaa.“ Vater holte tief Luft. „Was ist wenn dieser Mann nun in den Urlaub fährt, oder er besucht seine Tante auf Hawaii?“ Mutter fuhr rechts ran. „Wenn du alles besser weißt fahr du doch“, zischte sie und wechselte beleidigt auf den Beifahrersitz. „Ist wohl besser so“, entgegnete Vater. „Gitte, die Karte, beim nächsten Schild sage ich dir wo wir sind und du führst. „Alles klar Chef“, antwortete ich, wir waren ein eingespieltes Team. Als ich aber dann sah, wie weit wir abgekommen waren erschrak ich doch. In der Gegend um München begann es zu dämmern. Vater betätigte den Blinker und fuhr von der Autobahn ab. „Soll ich“, fragte Mutter zaghaft? Vater schüttelte seinen Kopf. „Wir werden uns ein Quartier für die Nacht suchen. Im nächsten Ort finden wir sicher etwas.“ Der nächste Ort in den wir fuhren war ein kleines Dörfchen. Mühsam entzifferte ich das Ortsschild und begann zu lachen. „Was gibt es da zu gibbeln“, wollte Vater wissen.
„Hinterhartpennig“, erläuterte ich. Der Ort war Menschenleer, wie ausgestorben. „Boh, eine Geisterstadt, es fehlen nur noch die herumfliegenden Büsche.“ „Da, wer sagt es denn, eine Pension.“ Oma und ich sahen uns an und wieder bemerkte ich dieses Blitzen in ihren Augen. Pension war wohl etwas übertrieben. Ein uraltes Haus trug ein Schild Zimmer zu vermieten. Unwillkürlich traute sich niemand von uns laut zu sprechen, zu seltsam war die Atmosphäre. In der Diffusen Dämmerung prangte am Himmel ein riesiger Vollmond, der sein bleiches Licht herunter sendete. Ungewohnt leise verließen wir den Wagen, selbst Vater schloss die Türe sachte und behutsam. Hinter Vater erklommen wir die steinernen Stufen der Eingangstreppe. Eine riesige Holztüte quietschte beim Öffnen in den Angeln. Grinsend klammerte sich Oma an meinen Arm, ihr rannen sicher wohlige Schauer über den Rücken. „Benehmt euch“, zischte Vater uns zu und schritt auf einen großen Holzthresen zu, der wohl die Rezeption darstellte. „Guck mal, guck nur“, Oma quetschte aufgeregt meinen Arm, als ein kleiner, bleicher gebeugt gehender Mann mit schlohweißem Haar erschien. Das wurde ja immer besser, ein Klischee nach dem nächsten. Nun würden wir sicher knarrende Stufen hinauf geführt werden. Es kam noch besser. Der Mann nahm eine Petroleum Funzel von der Theke und bat uns ihm zu folgen. „Wir hatten ein Gewitter“, sagte er mit hohler Greisenstimme „der Strom ist noch nicht wieder da.“ Wirklich, die Stufen knarrten unter unserem Gewicht. Der Mann öffnete das erste Zimmer und stellte die Lampe auf ein Tischchen. Er holte eine zweite Lampe von einem Schränkchen, scheinbar fiel hier öfter der Strom aus. Beklommen sahen wir uns um. Riesige schwere Samtportieren vor den Fenstern, einen altmodische, aber sehr gediegene Einrichtung mit schweren Möbeln. Ein großer Kristallleuchter unter der hohen Decke, der über dem großen Doppelbett hing. Oma stieß mich in die Seite und zeigte auf einen Riss in der Decke, der so groß war, dass er selbst in diesem Halbdunkel zu sehen war. Oma stemmte die Arme in die Hüften. „Hier bleiben wir nicht, komm“, verkündete sie und zog mich hinaus. Der Portier hatte die Augenbrauen in die Höhe gezogen. Der Riss ist schon Jahre in der Decke“, verkündete er. „Und ich werde nicht riskieren heute Nacht die Decke auf den Kopf zu bekommen“, teilte Oma ihm rigoros mit. „Schieben sie doch das Bett zur Seite“, schlug der Mann vor. „Damit meine Enkelin und ich vielleicht durch den schadhaften Boden in den Keller rauschen“, fragte sie ironisch? Der Mann zuckte die Schulter. „Mutter, bitte“, Vater war echt verzweifelt, er war müde und gefrustet und wollte nicht mitten in dieser Vollmond Nacht durch die Pampa irren, was ich sogar verstehen konnte. „Vielleicht gefällt euch ja das andere Zimmer, dann behalten Waltraud und ich dieses hier“, schlug er vor und das Entsetzen in Mutters Augen registrierte ich halb mitleidig, halb schadenfroh, denn immerhin war es ihre Schuld, das wir hier gelandet waren. „Wenn die Herrschaften mir folgen wollen“ Unser Begleiter öffnete das Nebenzimmer und trug die andere Lampe, die er an der ersten entzündet hatte in den Raum. Auch hier alles sehr altertümlich und Plüschig, aber nicht so unheimlich wie in dem ersten Zimmer, zumindest schien es auf den ersten Blick so und auch die Decke war nicht Schadhaft. Im Flur hinter uns knisterte es und dann flammten die Deckenlampen auf. Wir alle atmeten erleichtert auf. „Danke, wie nehmen die Zimmer“, entschied Vater schnell, ehe wir einen Einwand erheben konnten. Seufzend zog Oma mich in unsere Bleibe. Sie setzte sich auf das Bett und hopste prüfend einige Male auf und ab. „Na ja die Federung scheint in Ordnung zu sein“, entschied sie. „Aber ausziehen werde ich mich nicht, besser ist besser.“ „Meinst du wir müssen fliehen“, fragte ich und sah sie gespielt entsetzt an. „Wer weiß das schon“, entgegnete sie und zuckte die Schultern. „Weißt du eigentlich was Heute für ein Tag ist“, legte ich nach. Das Spiel begann mir Spaß zu machen. „Na Freitag“, entgegnete Oma ungerührt. „Ja Freitag, der 31. Oktober.“ „Na und?“ Fragend blickte sie mich an. Ich senkte verschwörerisch meine Stimme. „Halloween“, hauchte ich. Oma überlegte, dann zog sie sich die Decke über den Kopf. „Still, ich will nichts mehr hören“, kam es gedämpft darunter hervor. Nach einer Weile kam sie blinzelnd wieder raus. „Auch das noch.“ Wir sahen uns an und dann begannen wir zu lachen, bis uns die Tränen die Wangen hinunter liefen. Knarrend öffnete sich die Türe einen Spalt und langsam, ganz langsam öffnete eine Hand sie weiter. Alle Härchen an meinen Armen hatten sich aufgerichtet und auch Oma starrte aus Schreckensweit geöffneten Augen dorthin. Gleich darauf schrie sie allerdings böse: „Waltraud musst du uns so erschrecken?“ Mutter schlug die Türe zu und warf sich neben Oma in das freie Bett. „He, wo soll ich denn schlafen“, protestierte ich. „Schlafen? Hast du schlafen gesagt? Geh zu deinem Vater, der ratzt Seelenruhig, während ich vor mich hin bibbere, hier bekomme ich kein Auge zu.“ Mutter schaute schmollend. „Was machen wir jetzt?“ „Wir können Gruselgeschichten erzählen“, schlug ich vor, ich fang mal an. Also eine Familie hatte sich verfahren. Es waren ein Elterpaar, die Mutter der Mutter und die Tochter.“ „Halt ein“, baten beide.“ Oma holte ein Kartenspiel aus ihrer Tasche und wir spielten Mau Mau. Irgendwann musste uns doch der Schlaf übermannt hatten, denn als wir aufwachten schimmerte es schon hell durch die Vorhänge. Vater stand in der Türe und lachte. „Das war wohl eine lange Nacht“, frozzelte er uns, was ihm böse Blicke von seinen Damen einbrachte.
Auch am Tage wirkte der Ort nicht einladender und als wir ihn hinter uns ließen atmeten wir alle auf. Irgendwann würde ich wieder kommen, leider hat es bis Heute nicht geklappt, als ich nun im Atlas nachsah, suchte ich den Ort vergebens.
©By Gitte