Im Land der
Phantasie!
„Mama,
Mamaaaaaaaaaaaaaaaa,“ schallte es aus dem Kinderzimmer. Gaby seufzte, seit
Kevin krank war, kam sie zu gar nichts mehr. Trotzdem eilte sie so schnell sie
konnte ins Kinderzimmer:
„Was ist los, mein Schatz?“ fragte sie ihren Sohn.
„Ich habe
Durst und liest Du mir auch eine Geschichte vor?“ quengelte der Kleine. Sein
Gesichtchen war hochrot, Gaby steckte das elektronische Fiebermessgerät in sein
Ohr. Das Signal ertönte und erschrocken las Gaby „39,8 Grad“.
Das konnte
sie nun nicht mehr verantworten, sie rief den Hausarzt Doktor Klausen an und
machte Kevin in der Zwischenzeit kalte Wadenwickel. Kurze Zeit später kam der Arzt und ordnete
nach einem Blick in Kevins Hals an, dass das Kind sofort ins Krankenhaus müsse,
eine Mandeloperation sei unumgänglich. Kevin weinte, er hatte Angst,
schließlich war er gerade erst sieben Jahre alt und noch nie von Mama und Papa
getrennt gewesen.
Endlich kam
Martin, Gabys Mann und Kevins Papa nach Hause. Obwohl die Eltern selbst vor
Sorge fast außer sich waren, versuchte der Vater, seinem Kleinen alles in
einfachen Worten zu erklären, während Gaby die Tasche für den bevorstehenden
Krankenhausaufenthalt packte.
Als alles
bereit war, schlug Martin Kevin in eine Decke ein und trug ihn zum Auto, dort
setzte er ihn auf Gabys Schoß. Er selbst nahm hinter dem Steuer Platz und sie
fuhren ins Krankenhaus. Dort wusste man schon Bescheid, Doktor Klausen hatte
angerufen und auf die Dringlichkeit hingewiesen.
Kevin wurde
in ein Bett gelegt und bekam eine Beruhigungsspritze. Nach einiger Zeit wurde
er merklich entspannter. Der Anästhesist kam und besprach den Ablauf der
geplanten Operation mit Kevins Eltern.
„Du
brauchst keine Angst zu haben“, wandte er sich danach an Kevin. „Du wirst fest
schlafen und wenn Du wach wirst, bist Du Deine Halsschmerzen und das Fieber
endlich los.“
Gaby half
Kevin, in das OP-Hemd zu schlüpfen, dann umarmten die Eltern ihren Sohn noch
einmal und danach fuhr man ihn in den Op. Der Anästhesist beruhigte Kevin: „Nun
schläfst Du gleich ein und träumst was Schönes. Und wenn Du wieder wach wirst, ist alles schon vorbei.“
Kevin
merkte sich diese Worte, träumst was Schönes …. .träumst was Schönes……
Als Kevin
erwachte, lag er im Gras, die Sonne kitzelte seine Nase.
War das die
Sonne? Nein, als er die Augen aufschlug, blickte er in ein hübsches
Lausbubengesicht mit vielen Sommersprossen, zu diesem Gesicht gehörte ein Junge,
der ihn mit einem Grashalm an der Nase kitzelte.
„Wer bist
denn du“, fragte Kevin neugierig.
„Ja,
Meeeeeeeeensch! Kennste mich denn nicht’? Ich bin doch Dein Bruder Aaron!“
Kevin wurde
schlagartig hellwach. „Ich habe keinen Bruder Aaron“ sagte er. „Ich wollte
immer einen Bruder, habe aber nie einen bekommen.“ „Na, jetzt haste einen“,
meinte Aaron ungerührt. „Komm schon, Du lahme Ente.“
Kevin stand auf. „Wo sind wir denn“, wollte er wissen.
“Na wo
schon, im Land der Phantasie! Hier wohne ich und Du kommst mich besuchen, aber
kaum biste da, schon schläfste ein.“
Kevin ließ
sich das nicht zweimal sagen, schnell sprang er auf, klopfte seine Hosen ab und
folgte Aaron.
„Was machen
wir denn?“ wollte Kevin wissen.
„Erst
einmal zeige ich Dir mein Zuhause“ sprach Aaron. Er pfiff auf den Fingern und
zwei große Gänse kamen geflogen. Aaron holte zwei Seile aus seinen Hosentaschen
und schlang jeder Gans eines um den Hals. Flugs schwang er sich auf einen
Gänserücken.
Das andere
Seil war er Kevin zu: „ Los, steig auf, aber halt Dich gut fest!“.
Dann pfiff
er wieder und die Gänse erhoben sich mit je einem Jungen in die Luft. Huiiiiiiii, es ging hoch durch die Winde!
Kevin war noch nie geflogen, er staunte sehr, wie wattig und flusig die kleinen
Wölkchen waren, die sie durchquerten.
Viel zu schnell waren sie am Ziel. Vor einem
kleinen Haus landeten die Gänse sanft. Sie stiegen ab und gingen hinein. Im
Inneren erwarteten sie zwei kleine allerliebste Pudel.
„Was steht
an Herr?“ fragten sie Aaron.
“Hast Du
Hunger?“ wandte er sich an Kevin „Magst du Eierkuchen?“ „Eierkuchen sind mein
Leibgericht“, freute sich Kevin. „Machst Du die?“
„Nein, das
besorgen die Diener.“
„Welche Diener“, fragte Kevin?
Aaron
zeigte auf die Pudel:“ Na diese hier!“
In der
Zwischenzeit hatten sich die Hündchen schon kleine Schürzen umgezogen und zu
zweit eine mächtige, eiserne Pfanne auf den Herd gestellt.
„Nimm
Platz“, sagte Aaron und zwei kleine Kätzchen erschienen und deckten den Tisch.
Unterdessen
brutzelten die Pudel schon die schönsten goldgelben Eierkuchen auf dem Herd. Ein
wunderbarer Duft erfüllte den Raum und nun erst merkte Kevin, wie hungrig er
gewesen war. Glatte 6 Eierkuchen verspeiste er und das war ein Rekord.
Als sie
satt waren, räumten die Kätzchen den Tisch ab.
„Was machen
wir nun?“, wollte Aaron wissen. „Du bist mein Gast und darfst es dir wünschen.“
„Weißt Du,
ich kenne mich hier noch nicht so aus, mach doch einen Vorschlag“, meinte
Kevin.
„Sollen wir
Geburtstag feiern?“ schlug Aaron vor.
„Ja, hast
du denn heute Geburtstag?“ wunderte sich Kevin.
„Nein, aber
wir können so tun als ob!“ lachte Aaron und pfiff wieder.
Dieses Mal steckte
ein Pferd seinen Kopf zur Türe herein.
„Lauf,
hopp, schnell zum Bäcker und hole die schönste Geburtstagstorte, die Du
bekommen kannst! Mein Bruder ist hier und wir feiern!“
Das Pferd
sauste los uns ehe sie es sich versahen, war es wieder da und auf seinem Rücken
stand die herrlichste Torte, die man sich denken kann, auf ihr waren sieben
Kerzen befestigt.
„Wie alt
bist du eigentlich?“ überlegte Kevin laut.
„Ganz genau
so alt wie Du!“ antwortete Aaron feierlich.
Er stellte
die Torte auf den Tisch und sie ließen es sich gut gehen. Die Pudel brachten
Limonade, die ganz köstlich schmeckte, und eine kleine Grillenkapelle erschien
und machte wunderbare, feine
Tischmusik.
Auf
einmal wurde Kevin entsetzlich müde und
er dämmerte ein, obwohl er dagegen ankämpfte. Endlich entschlummerte er ganz
und als er erwachte blickte er in die Gesichter seiner Eltern.
„Wo ist
Aaron?“ flüsterte er.
Seine
Eltern erblassten und blickten sich an.
„Was ist?“ krächzte
Kevin „Ich war bei Aaron, wir haben Geburtstag gefeiert. Und wir sind mit
Gänsen geflogen. Und die Pudel haben Eierkuchen gemacht! Das war so schön! Ich
habe mir doch immer schon einen Bruder gewünscht!“
„Leise“
beruhigte ihn die Mutter „Du darfst nicht sprechen, Dein Hals ist doch noch so
wund. Ich will es Dir erklären: Du hattest einen Bruder, es war Dein
Zwillingsbruder. Aber er ist gleich nach der Geburt gestorben und so haben wir
nur Dich bei uns. Aber Du hast ihn heute
kennen gelernt…“
Als Kevin
erwachte, wusste er nichts mehr von diesem Gespräch.
Seine
Eltern jedoch bewahrten in ihren Herzen, was er erzählt hatte, und sie wussten,
dass Aaron an einem schönen Ort war, wo
er auf seine Familie wartete.
© By Gitte