In letzter Sekunde!

Völlig erschöpft ließ Christa sich in einen Sessel sinken. Sie war nun sechzehn Jahre alt und innerhalb eines einzigen Monats hatte sich ihr Leben in eine Katastrophe verwandelt. In Gedanke ließ sie die letzte Zeit noch einmal Revue passieren. Alles hatte damit begonnen, dass ihr Vater die Familie wegen seiner Freundin verlassen hatte. Solange Christa denken konnte hatte er Mutter und sie schikaniert, wo er nur konnte. Jedes kleinste Widerwort hatte Ohrfeigen nach sich gezogen. Eigentlich war Christa froh gewesen, als der Despot sich von ihnen trennte, aber ihre Mutter Marianne war am Boden zerstört. Die Tage glichen sich wie ein Ei dem anderen, Christa redete tröstend auf ihre Mutter ein, doch die weinte und weinte. Eines Abends stellte Christa ihre Schminksachen auf und begann Marianne zu bearbeiten. Sie malte und frisierte und als Marianne sich dann im Spiegel sah, stahl sich das erste zaghafte Lächeln in ihr Gesicht. Davon ermutigt fasste Christa sie an der Hand und zog sie in ihr Zimmer. Natürlich war Marianne schon fast vierzig Jahre alt, aber ihre Figur konnte sich immer noch sehen lassen. Christa legte ihr eine ihrer engen Jeans hin und eine flatternde Chiffon Bluse. Wie in Trance ließ sie alles über sich ergehen, zog die Sachen an und betrachtete sich kritisch im Spiegel. „Was nun“, fragte sie zaghaft? „Nun da du dich so in Schale geworfen hast, schleppe ich dich mit in die Disco“, entgegnete Christa. Entsetzt schaute Marianne sie an. „Keine Ausreden, du siehst gut aus und meine Freunde werden mich um meine jugendliche Mutter beneiden“, antwortete Christa und bevor Marianne große Einwände erheben konnte zog sie sie schon hinter sich her. Unsicher und zögernd ließ diese sich von Christa zu ihrem Auto schleppen. „Heute hab ich meine eigene Chauffeuse“, scherzte Christa und wieder brachte sie Marianne zum Schmunzeln. Zwar erreichte das Lächeln ihre Augen noch nicht, aber ein Anfang war gemacht, dachte Christa erleichtert.

 

Viel los war in ihrer Stammdisco noch nicht und Christa, froh das Marianne ihr folgte hatte nicht auf die Uhr gesehen. „Was trinkt man denn hier“, wollte Marianne wissen? „Einen Manhattan vielleicht“, riet ihr Christa? Sie saßen an der Theke und als der Barkeeper nach ihren Wünschen fragte bestellte Marianne lächelnd zwei Manhattan. Mit einem bewundernden Blick auf Marianne machte er sich an die Arbeit und Marianne errötete. Ach je, Christa betrachtete das mit Sorge. Ihre Mutter war so gut wie nie aus gewesen. Sie musste ihr unbedingt beibringen solchen geschäftsmäßig bewundernden Blicken keine Bedeutung beizumessen. Nach und nach trudelte ihre Clique ein und wurde Marianne am Anfang belächelt, war sie bald der Mittelpunkt der Gesellschaft, sie schmiss die eine und andere Runde und taute langsam auf. Bald ließ sie sich Nanne nennen und begann Spaß an ihrem Ausflug zu bekommen. Christa beobachtete mit Sorge, wie sich der Barmann an sie heran machte und bei der naiven Marianne hatte er leichtes Spiel, zu gerne glaubte sie seinen Schmeicheleien und Nettigkeiten. Gegen Mitternacht drängte Christa zum Aufbruch. „Morgen ist ein Wochentag, ich habe Schule“, mahnte sie. Bedauernd schaute Marianne zu dem Barmann, sie die mit Freundlichkeit nicht verwöhnt war, trank seine schmeichelnden Worte in sich hinein. Christa beobachtet, wie er Marianne einen Zettel zuschob, den diese dankbar lächelnd einsteckte. Sie verabschiedeten sich und fuhren heim. „Was steht auf dem Zettel“, wollte Christa wissen. Marianne lächelte nur. „Mutter bitte sei vorsichtig, in diesem Beruf findest du nicht viele Leute mit Charakter“, glaubte sie Marianne warnen zu müssen. „Ach nein, bist du vielleicht eifersüchtig, weil er dich nicht beachtet hat“, wollte Marianne böse wissen? Christa seufzte. „Sicher nicht, ich mache mir nur Sorgen um dich“, entgegnete sie. „Das brauchst du nicht, immerhin bin ich schon eine ganze Stange älter als du“, glaubte Marianne sie erinnern zu müssen. Den Rest des Heimwegs schwiegen beide verstimmt. Was habe ich da nur angerichtet, fragte Christa sich im Stillen. Ihre Vermutung bestätigte sich leider. Marianne und Fred, der Barmann trafen sich nun häufig und immer öfter. Bald war Marianne öfter betrunken als nüchtern, wenn Christa heimkam und die meisten Nächte verbrachte sie mit Fred außer Haus. Das sie dabei immer die Zeche bezahlte merkte sie nicht, oder wollte es nicht merken.

 

Christa bekam nun selten eine warme Mahlzeit und so verbrachte sie mehr und mehr Zeit bei ihrer Großmutter. Beide waren nicht glücklich mit der neuen Marianne, aber die ließ nun keinen mehr an sich heran. So hatte Christa in kurzer Zeit nicht nur den Vater, sondern auch ihre Mutter verloren. Von ihrem Freund hatte sie sich schon vor einer Weile getrennt, denn der hatte es mit der Treue nicht so genau genommen und Christa war wählerisch. Solange sie bei ihrer Oma ihr Herz ausschütten konnte ging es noch, aber heute, am Nachmittag war das entsetzliche passiert. Gerade hatte Christa begonnen ihre Mahlzeit zu genießen, als ihre Oma sich stöhnend an die Brust fasste. Sie wurde schneeweiß im Gesicht und auf ihrer Stirne bildeten sich feine Schweißperlen. „Oma was hast du“, rief Christa entsetzt, dann rief sie schleunigst den Notarzt und die Feuerwehr brachte ihre Oma in die Klinik. Gerade nun hatte der Arzt angerufen und ihr mitgeteilt, dass ihre Großmutter verstorben war. Ein Herzinfarkt hatte ihr Leben beendet. Eine Weile saß Christa wie erstarrt, dann versuchte sie Marianne zu erreichen, aber wie fast immer in der letzten Zeit vergeblich. Die lebte nun endlich ihr Leben.

 

Wie in Trance zog sie sich an und spazierte in die beginnende Dämmerung. Sie brauchte unbedingt frische Luft. Alles in ihren Kopf drehte sich, sie musste wieder zu klarem Verstand kommen. Sie ging einfach los, ohne Ziel. Plötzlich stand sie vor dem Rohbau des neuen Altenheims. Die leeren Fensteröffnungen wirkten unheimlich in der Dunkelheit, die sich mittlerweile ausgebreitet hatte. Dunkel, leer und kalt wirkte der Bau, genau wie ihr Leben.  Gerade deswegen zog es sie magnetisch dorthin. Zwischen den Gittern, klaffte eine Lücke und sie schob sich hindurch. Vorsichtig tasteten ihr Füße sich bis zum Eingang. Fahles Licht fiel durch die Fensteröffnungen in das unfertige Haus. Zuerst konnte Christa kaum etwas unterscheiden, aber mit der Zeit machte sie trotz der Dunkelheit die Treppe aus. Mechanisch stieg sie hinauf. Stockwerk um Stockwerk erklomm sie und endlich stand sie auf dem Dach. Kalt schlug der Wind ihr ins Gesicht. Genauso kalt und leer fühlte sich ihr Innerstes an. Allein, dieses Wort kreiste unentwegt in ihren Kopf. Sie war nun völlig allein. Sie setzte sich hin und ließ die Tränen laufen. Was sollte sie machen, wo sollte sie hin? Ihre Mutter hatte alle Fesseln abgestreift und lebte nur noch für sich und Oma war tot. Sie wischte sich die Tränen ab und trat an den Rand. Das Gebäude war hoch, sicher reichte es, wenn sie sich fallen ließ, endlich Ruhe, schlafen wie Oma. Schon tastete sich ihr Fuß über den Rand.

 

Eine energische Stimme ließ sie zusammen fahren. „Einen Moment noch.“ Christa zuckte zusammen. Als sie sich umdrehte, erblickte sie einen Mann. Das fehlte noch, man hatte einen Wachtdienst engagiert. Sie seufzte. Forschend blickte dieser Mann sie an. Gut sieht er aus, dachte sie bei sich, verzog aber gleich den Mund in Bitterkeit. Sicher ist er vergeben und wenn nicht ist er sicher nicht treu.

 

„Was hast du vor“, fragte er? „Bist du eine von denen, die wegen einer Enttäuschung ihr kostbares Leben wegwerfen wollen?“ Bitter lachte Christa auf. „Was weißt denn du“, fragte sie ironisch. Der Mann lächelte seltsam. „Sicher mehr als du“, entgegnete er ungerührt. „Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr, ich werde springen“, schrie sie außer sich. „Und dann“, wollte er ungerührt wissen? „Dann hab ich meine Ruhe“, erwiderte Christa. „Das glaubst du wirklich oder“, kam die Antwort. „Was wird das hier, ein Quiz“, wollte Christa wissen? „Oh nein, damit würde ich meine Zeit nicht vergeuden, ich will nur sicher sein, das du weißt, was du tust.“ „Ich folge meiner Oma, sie ist heute gestorben“, sagte Christa und ihre Stimme hörte sich dünn und verzagt an. „So kommst du ganz sicher nicht zu deiner Oma, oder hat sie sich auch feige umgebracht“, kam die Antwort. Christa konnte nicht glauben was sie da hörte. „Du bist sensibel wie ein Kaktus“, erklärte sie wütend. „Mit Sensibilität käme ich sicher bei dir nicht weiter, ich will, das du genau weißt, was du da zu tun gedenkst, wenn du es schon tun musst.“ „Also, sag was du zu sagen hast und dann geh deiner Wege“, meinte Christa ungeduldig, „was meinst du, was passiert wenn ich springe?“ „Mit deinem Körper, das weißt du doch, er klatscht auf den Beton und zerplatzt wie eine überreife Pflaume und derjenige, der dich Morgen findet kotzt erst einmal.“ Schockiert blickte Christa ihn an, sie war leichenblass geworden. „Was schaust du so, du kannst nicht einmal den Gedanken daran ertragen und anderen mutest du einen solchen Anblick zu, den sie ihr Leben lang nicht vergessen können, na wer ist hier brutal?“ „Wer bist du eigentlich und was passiert danach“, wollte sie es nun genau wissen? „Ich dachte schon du fragst nie, ich bin der Engel der Bewahrung und was danach passiert willst du wissen? Komm her.“ Er breitete die Arme aus und Christa ließ sich am Ende ihrer Kräfte angelangt hinein sinken. Sie fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder geborgen.

 

Als sie dann hochblickte, sah sie in das Gesicht ihrer Großmutter. „Wo kommst du her, darfst du zurück, damit ich nicht so einsam bin“, wollte Christa wissen? „Nein mein Liebling, ich durfte noch einmal zu dir sprechen, um dich vor einer großen Dummheit zu bewahren. Willst du denn später einmal zu den Verzagten gehören? Zu denen, die die Aufgaben die ihnen der Herr gestellt hat nicht erledigt haben, die das kostbare Leben das er ihnen schenkte fort warfen und dem Herrn nicht ins Angesicht schauen können? Willst du deine Großmutter betrüben und ihr Schande bereiten? Wie viel schöner ist es, wenn ich einst stolz mit dir dort vereint sein kann, in der Ewigkeit, wo es keine Tränen mehr gibt? Großes wartet noch auf dich, gehe aufrecht und erfülle dein Leben, damit ich stolz auf dich sein kann.“ Christa nickte und ihre Großmutter führte sie hinab. Auf der Straße angekommen umarmte sie sie noch einmal, küsste sie auf die Stirne und flüsterte „Bis bald. Mach deine Sache gut.“ Damit verschwand sie. Christa ging heim, legte sich zu Bett und schlief in einen neuen Tag hinein, den sie eigentlich nicht mehr hatte erleben wollen.

 

In der folgenden Zeit besorgte sie sich in mehreren Apotheken Schlaf Tabletten, aber nur für den Fall, das sie eines Tages doch nicht mehr anderes konnte. Hoffen wir sie wird diesen Weg nie gehen.

© By Gitte