In welchen Himmel willst du?

Ich weiß noch genau, wann ich mir das erste Mal Gedanken über den Himmel machte. Sechs Jahre alt war ich und meine Urgroßmutter war gestorben. „Wo ist sie hin? Kommt sie nie mehr wieder?“ Das waren meine Fragen. Mein Großvater, ihr Sohn nahm mich in den Arm und deutete in den Himmel. „Dort oben beim lieben Gott ist die Uroma“, versuchte er mir zu erklären. „Warum sehe ich sie da nicht“, fragte ich nach? „Weil die Engel wohl von Oben nach unten schauen können, aber bei uns verhindern die Wolken, dass wir in den Himmel schauen“, antwortete er. „Warum“, kam die Frage aller Fragen? „Weißt du, da ist es so schön, wenn wir das sehen könnten dann wollten wir nicht mehr hier bleiben und deshalb bleibt der Himmel uns verborgen, bis wir hinauf dürfen“, erklärte mir Opa. „Wann ist denn das“, fragte ich nach. „Wenn der Herr findet das es genug ist, das wir unsere Aufgaben hier erfüllt haben“, gab er mir Antwort. Darüber dachte ich lange nach und ich erfüllte meine Aufgaben, ich lebte mein Leben.

 

Die Zeit verging, ich heiratete, bekam Kinder, Enkel und wurde alt und grau. Dann war es soweit und das Gespräch meiner Kindheit kam mir wieder in den Sinn. Lange schon war Opa dort und wie es schien würde ich ihn nun bald wieder sehen. Alt und müde war ich geworden und sehnte mich nach Frieden. Immer hatte ich mir gewünscht im Schlaf zu sterben und mein Wunsch erfüllte sich.

 

Zuerst dachte ich, dass ich aufgewacht wäre, aber es war alles so eigenartig. Meinen Körper fühlte ich nicht, die alten Knochen die immer schmerzten wenn ich eine Weile auf ihnen gelegen hatte merkte ich nicht mehr. Unglaublich leicht fühlte ich mich und glitt dahin durch Zeit und Raum, Schwerelos, Körperlos. Zuerst schwebte ich an der Decke meines Schlafzimmers. Meine Hände tasteten sich vor und mühelos glitt ich durch Wände. Angst fühlte ich keine, ich beschloss mich treiben zu lassen. Die Luft war weich und angenehm warm, sie hüllte mich ein wie ein seidiges Tuch. Langsam erhellte sich die Luft und ich wurde ins Zentrum des Lichtes gezogen. Weiter und weiter ging es durch watteweiche Wolken schließlich zu einer großen Wiese.

 

Es schien ein Picknick stattzufinden und wie staunte ich, als ich viele der hier versammelten Leute erkannte. Da saß er aufrecht wie im Leben, mein so vermisster Opa, an der Seite seiner Mutter, meiner Uroma Adele und seiner Schwester meiner Großtante Anni. Er stand auf und eilte mir entgegen. Wie damals legte er seinen Arm um meine Schulter. „Herzlich willkommen mein Kind“, begrüßte er mich und führte mich in den Kreis meiner lieben lange verstorbenen Verwandten. Allerdings vermisste ich das eine und andere Gesicht. „Wo ist meine Mutter“, wollte ich wissen, denn meine Eltern hatte ich nicht entdecken können. „Bitte setze dich zu uns, ich werde dir deine Fragen beantworten“, bat Opa mich. Ich kam seiner Bitte nach und blickte ihn aufmerksam an.

 

„Weißt du, wenn wir sterben, dann ändert sich nicht automatisch unsere Gesinnung“, erklärte mir mein Großvater. „Gott gab uns einen freien Willen und der wird auch hier nicht beschnitten. Wie heißt es so schön? Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Damit hier wirklich jeder glücklich werden kann,  gibt es für jeden den richtigen Himmel.“ Das musste ich erst einmal verdauen. Opa störte mich nicht. „Wie muss ich mir das vorstellen“, wollte ich schließlich wissen. „Was hat deiner Mutter immer viel bedeutet“, fragte er vorsichtig. „Oh nein“, brachte ich nur heraus. „Sie konnte das Trinken nicht lassen und ist in der Hölle“, wolle ich entsetzt wissen? „Aber nein, die Hölle gibt es nicht, die ist eine Erfindung der Kirche um den Menschen Angst zu machen und sie zu manipulieren. Weißt du, du musst dir das so vorstellen. Kannst du dich noch an unsere Familienfeiern erinnern, die ganz großen meine ich?“ „Aber sicher.“ Begeistert nickte ich. „Wenn du zurück denkst, wirst du doch noch wissen, dass sich immer die zusammensetzten, die sich mochten.“ Ich nickte, worauf wollte er nur hinaus? „Siehst du“, meinte Opa, „du musst dir den Himmel als gigantische Wohnung vorstellen, in dem es viele Zimmer gibt und wie einst bei uns daheim, so finden sich hier Gleichgesinnte zueinander. Du hast dich immer bemüht die Familie zusammenzuhalten, Opa Adele und ich haben das auch getan, ebenso wie meine Schwester Anni. Das hier ist der Familienhimmel, für die denen die Familie das Wichtigste war.“ „Jetzt sag nicht meine Mutter und mein Vater sind im Alkoholikerhimmel“, bat ich. Opa lächelte. „Wenn du es so nennen magst, hier nennen wir das Bar. Der Bar Himmel hat immer geöffnet und wer dort glücklich ist, der ist es eben. „Aber Trinken ist schlecht“, brachte ich heraus. „Wer sagt das Kind“, stellte Opa die Gegenfrage. „Schlecht war es solange wir einen Körper haben, weil wir den ruinieren. Hier sind wir körperlos und wem es gefällt, der bleibt halt dort, er kann allerdings die Bar jederzeit verlassen und sich anders orientieren. Das war ja hammerhart. „Welche Zimmer, Bereiche oder wie immer wir das Nennen gibt es denn“, wollte ich nun neugierig geworden wissen? „Unzählige“, bekam ich zur Antwort. Ein Lachreiz stieg in meiner Kehle auf. „Wo ist Tante Ida“, wollte ich wissen. Meine Großtante war im Leben das gewesen was man eine erfolgreiche Geschäftsfrau nennt. Geld war ihr das Wichtigste. „Sie ist doch sicher im Goldhimmel mit Dagobert Duck“, kicherte ich los. Auch Opa musste grinsen. „Diesen Himmel nennt man Monopoly Himmel, dort werden Geschäfte gemacht, aber das wirst du alles noch kennen lernen. Das erste was du hier lernen musst ist Geduld“, grinste er. Ein Seufzer entrang sich mir, das würde nicht einfach werden.

©By Gitte