Libelei!
Mir ist letztens etwas
geschehen, das glaubt mir keiner. Wieder einmal war ich in meiner geliebten
Umwelt Werkstatt um ein paar Schnäppchen zu machen. Allerdings hatte ich an
diesem Tage kein Glück und zudem hatte ich mich noch mit Geli gezankt. Geli ist
meine Freundin und arbeitet dort. Scheinbar war sie heute mit dem falschen Fuß
aufgestanden, denn sie gab ziemlich schnippische Antworten. Na dann eben nicht,
dachte ich böse und ließ sie stehen. Wütend öffnete ich die Türe um den Laden
zu verlassen und stürmte hinaus, dann erstarrte ich sogleich in meiner
Bewegung. Was war denn das?
Etwa einen Meter vor mir
stand ein riesiges Insekt fast bewegungslos in der Luft, nur die Flügel
bewegten sich und surrten leise. Aber was für Flügel, ich werde versuchen euch
das Tier zu beschreiben, was mich zwischen Faszination und Entsetzen schweben
ließ. Sicher kennt ihr alle diese großen selbst gemachten Schmetterlinge. Ihr
Leib ist im Abstand von je einem Zentimeter mit einer Kordel umwickelt. Genauso
müsst ihr euch den Leib vorstellen. Allerdings war dieser nicht aus Stoff,
sondern aus einem Perlmutternen Grau. Die Größe war ungefähr die eines
kräftigen Männerarms. Oben zierten den Leib vier durchsichtige Flügel, die nun
im Sonnenschein in Regenbogen Farben schimmerten. Was mich indes am Meisten
faszinierte war das Gesicht. Sicher kennt ihr alle diese Kinderbücher, in denen
Käfer und Raupen diese lustigen Grinse Gesichter besitzen, genau so sah es aus.
Freundlich und völlig haarlos. Sprachlos starrte ich es an. Langsam, wie in
Zeitlupe näherte es sich mir und dann sprach es. Stocksteif war mein Körper und
die feinen Härchen auf meiner Haut hatten sich aufgerichtet. „Mein Name ist
Ligra, denn ich bin schon ziemlich alt und grau“, ihre Stimme war sanft und
angenehm. „Gitte“, hauchte ich, „weshalb bist du so groß? Und wieso kannst du
reden, Libellen können nicht sprechen, du bist doch eine Libelle, oder?“ Ligras
Mund verzog sich noch mehr in die Breite, der Bogen reichte nun von einem Ohr
zum anderen. „Richtig, ich bin eine Libelle, aber keine Terranerin, ich bin
eine Libelanerin.“ Mein Gesichtsausdruck muss wohl alles andere als klug
gewesen sein, denn Ligra ließ sich grinsend zu einer Erklärung herab. „Schau,
ihr seit Terraner, also Erdlinge, ich bin eine Libelanerin, also eine
Bewohnerin von Libelei das ist die Abkürzung für Libellen Eiland, winzig klein,
aber nicht weit von eurem Planeten entfernt. „Du bist also eine Außerirdische“,
fragte ich misstrauisch nach? „Genau so ist es“, bestätigte Ligra. „Achtung“,
sagte sie und zischte davon.
Die Türe in meinem Rücken
öffnete sich und Geli schaute heraus. „Du bist ja immer noch hier“, bemerkte
sie. „Es tut mir leid, ich weiß auch nicht was heute mit mir los ist.“ Sie
reichte mir ihre Hand, die ich geistesabwesend nahm. „Friede“, wollte sie
wissen? „Friede“, bestätigte ich. Sie blickte mich an und entgegnete: „Na ganz
frisch wirkst du auch nicht.“ „Verzeih“, antwortete ich, „so ganz wohl ist mir
auch nicht.“ Im Laden rief man nun nach Geli und mit einem hastigen: „Bis bald“,
ging sie wieder hinein.
Auch ich wendete mich zum
Gehen, dabei sah ich mich immer wieder nach Ligra um. Schon hatte ich die
Hoffnung aufgeben und sie als Produkt meiner Fantasie abgestempelt, als ich ein
leises Surren an meinem Ohr vernahm. „Wo können wir ungestört reden“, wollte
sie wissen? „Komm mit“, entgegnete ich und schlug den Weg zum Friedhof ein.
Dort gibt es einige einsame Ecken. In einem der versteckten Winkel nahm ich auf
einer Bank Platz und Ligra setzte sich auf einen dicken Ast, der unter ihrem
Gewicht bedenklich knarrte und ächzte. „Wie machst du das, immer zu
verschwinden wenn jemand kommt“, wollte ich neugierig wissen? Ligra kicherte.
„Das wüsstest du wohl gerne, aber ich sag es dir, wir sind ja Freunde, ich
steige einfach hoch in die Luft. Kaum jemand blickt nach oben, es könnten jede
Menge Monster über euren Köpfen schweben, solange sie lautlos sind bemerkt ihr
sie nicht, erst wenn ein Flugzeug kommt und ihr den Motorenlärm hört schaut ihr
in den Himmel.“ Nachdem ich eine Weile überlegt hatte musste ich Ligra Recht
geben, eine geniale Versteck Möglichkeit. „Sag mal, wenn du von so weit her
kommst, was machst du hier, bist du eine Forscherin?“ „Wir brauchen Hilfe“,
erklärte Ligra. „Wir hatten eine Klima Katastrophe, es regnete Monatelang und
der Salat, von dem wir uns ernähren und der sich sonst immer wieder von selbst
erneuert verfaulte. Unsere Bevölkerung hungert.“ „Moment mal, wie der Salat
erneuert sich von selbst“, das wollte ich nun doch genau wissen? „Nun wir haben
riesige Felder und der Wind treibt den Samen überall hin, da wächst dann ein
neuer Kopf“, berichtete Ligra. „Und wie kann ich dir helfen“, wollte ich
wissen? „Wir brauchen einen Fachmann, Samen und Garten Gerät. Da wir selbst
keine Arme haben, wie du siehst, können wir keinen neuen Salat anbauen, hilfst
du uns?“ „Warte mal, das heißt wir
brauchen Salat zur Soforthilfe, Samen für den Anbau, Torf, oder Sand um die nasse Erde ein wenig
trockener zu bekommen und einen Spaten, richtig“, fragte ich nach. Ligra nickte
begeistert und der Ast auf dem sie saß schaukelte bedenklich. „Sag mal, wie
bist du eigentlich her gekommen?“ Langsam setzte mein logisches Denken wieder
ein. „Na wie wohl, mit dem Raumschiff“, sagte Ligra. „Natürlich“, ich nickte.
„Es ist ja völlig logisch, dass eine Riesenlibelle mal eben mit dem Raumschiff
vorbei kommt.“ „Was ist nun, hilfst du uns“, drängte Ligra. „Aber sicher, bitte
warte hier, ich besorge was wir brauchen“, antwortete ich ihr. „Es ist sicherer
ich warte beim Raumschiff, hier immer geradeaus ist ein Wald und in der Mitte
befindet sich eine große Lichtung, direkt neben einem Bach.“ „Ach ja, du meinst
den Telgenbusch, den kenne ich, auch die Lichtung von der du geredet hast“,
fiel ich ihr ins Wort. „Dort bin ich gelandet, ich werde da auf dich warten“,
entgegnete Ligra, sprach und surrte davon. Nachdenklich ging ich heim, wie
würde ich das nun wieder Jürgen meinem Mann erklären, dessen Hilfe ich in
diesem Falle dringend brauchte.
„Na was schönes gefunden“,
fragte er mich als ich heimkam? „Gefunden, was gefunden“, fragte ich Geistes
abwesend. „Na in der Umwelt Werkstatt, sag mal ist echt alles in Ordnung mit
dir?“ „Schatz, du müsstest bitte eine Karre voller Salat, Salatsamen und ein
Schaufel besorgen“, ich hatte mich für den geraden Weg entschlossen. Jürgen
blickte mich entgeistert an. „Und sonst geht es dir gut“, fragte er den Kopf
schüttelnd. „Mittlerweile bin ich ja allerhand von dir gewöhnt, aber du
überraschst mich immer wieder.“ „Es ist nie langweilig mit mir gell“, wollte
ich lachend wissen? „Nein allerdings nicht“, stimmte er ein und nun raus mit
der Sprache. Wir setzten uns und ich berichtete ihm die ganze unglaubliche
Geschichte. „Das Ding war echt, kein Zweifel“, wollte er wissen? Ich schüttelte
den Kopf „Und nun los, je schneller du die Sachen besorgst, um so eher siehst
du es mit eigenen Augen.“ Jürgen besorgte alles und war in allerkürzester Zeit
zurück, die Neugierde hatte ihm Beine gemacht. Klappspaten und Samen verstaute
ich in meinem Rucksack, die Salatköpfe ließen wir in der Karre, so bepackt
machten wir uns auf den Weg in den Wald.
Mitten auf der Lichtung stand
tatsächlich ein Raumschiff. Es glitzerte in der Sonne. Als ich zaghaft klopfte
öffnete sich lautlos eine Türe. „Du bist tatsächlich gekommen, das ist
wunderbar und ich danke dir“, hörte ich Ligra sagen. „Mein Mann ist auch dabei,
ich hoffe es macht dir nichts aus“, entgegnete ich. „Nein keineswegs, tretet
ein, dann können wir starten, die Zeit eilt“, antwortete sie. Wir betraten das
Schiff und Jürgen blickte sich erstaunt um. „Männer und Technik, wenn sie eines
fasziniert, dann das“, bemerkte ich lächelnd und Ligra lächelte auch. „Hier
funktioniert alles über Sprachmodule, wie gesagt wir haben ja keine Arme“,
erklärte sie und gab das Startkommando. Wie in einem Fahrstuhl glitten wir nach
oben und erstaunt sah ich die Welt unter mir kleiner und kleiner werden. Kurze
Zeit später wurde es dunkel und wir glitten in die Galaxie, die Fahrt endete
doch verhältnismäßig schnell, denn Libelei liegt näher an der Erde als der
Mond, schon passierten wir die dortige Atmosphäre und setzten schließlich sanft
auf. „Keine Angst“, beruhigte uns Ligra, der Sauerstoffgehalt ist ähnlich wie
auf der Erde, es sind ja Nachbar Planeten, dann öffnete sie die Türe und wir
betraten Libelei. Fast ein wenig enttäuscht blickte ich mich um, es sah aus wie
auf der guten alten Erde. Jedenfalls so lange bis sich der Boden bewegte.
Erschrocken wendete ich mich
um, aber Ligra beruhigte mich. „Sie haben genauso viel Angst vor dir, wie du
vor ihnen.“ Tausende Libellen, die vorher bewegungslos am Boden gehockt hatten
und die ich deshalb für Bodenbelag gehalten hatte schwirrten nun in die Höhe.
„Sie haben uns nur ehrerbietig begrüßt“, erklärte Ligra mir. „Ach je, der Salat
wird nicht reichen.“ Ligra lachte, „Glaubst du wir sind Vielfraße? Hauptsache
wir bekommen wieder was zu essen. Zuerst die Kleinen. Ah Madame Liam, Das ist
die Leiterin des Kindergartens“, stellte Ligra und vor und es näherte sich eine
ebenfalls graue Libellendame, hinter der unzählige kleine Libellchen in allen
Farben herwuselten. Entzückt nahm ich einen Salatkopf und hielt Blatt für Blatt
den kleinen Schleckermäulchen hin. Das war ein Schmatzen, es war eine Freude
ihnen zu zusehen. Plötzlich kitzelte es unglaublich in meinem Nacken. Als ich
mich umblickte sah ich in das lachende Gesicht einer kleinen Libelle, die mich
mit ihrem Flügeln gekitzelt hatte, ihr kleines Bäuchlein wackelte vor
unterdrücktem Gekicher. Madam Liam, die Libellen Amme klatschte mit ihrem
Flügel dem kleinen Übeltäter um die Ohren. Instinktiv versuchte ich die Kleine
zu schützen. „Sie hat es doch nicht bös gemeint, nicht strafen“, bat ich.
„Erziehung muss sein, wie stehen wir denn da, wenn die Racker unsere Gäste
ärgern.“ Ach je, die war ja wie Fräulein Rottenmeier, dachte ich grinsend.
Nachdem die Kleinen ihren Hunger gestillt hatten kamen die Erwachsenen an die
Reihe und ich bewunderte, wie diszipliniert es von Statten ging, kein
Gedrängel, kein Geschiebe, jeder wartete bis er an die Reihe kam und nahm ein
Blatt. Als alle gesättigt waren gingen wir am die Arbeit. Der verfaulte Salat
wurde ausgerissen und auf einen Komposthaufen geschichtet, danach begannen wir
Torf zu verteilen. Die Libellen hatten zugesehen und dann flogen sie mit uns,
jede hatte einen Löffel im Mund, mit dem transportierten sie den Torf und
halfen so mit ihn zu verteilen. Als diese Arbeit geschehen war begann ich
kleine Furchen zu ziehen. Die Kinder schauten zu und dann machte eines einen
Sturzflug und grub mit der Nase eine schnurgerade Rinne. „So richtig“, fragte
es stolz und ich nickte verblüfft. Alle Libellen Kinder bildeten nun eine
Reihe, sie flogen nun nebeneinander und produzierten Saatrillen. Danach schauen
sie zu wie man den Samen einstreut und wie bei dem Torf verteilen hatten wir
jede Menge Hilfe. Das zuschütten der Rillen besorgten sie mit dem Schlagen
ihrer Flügel. „Ihr habt uns kaum gebraucht“, sagte ich anerkennend zu Ligra, du
hast ein tolles Volk. Stolz lächelte sie und ließ ihren Blick über ihre
Untertanen schweifen. Wenn die Pflanzen sprießen, müsst ihr sie vereinzeln,
damit sie Platz haben zum Wachsen, wenn ihr nicht zurecht kommt, könnt ihr uns
wieder holen stimmt es“, wendete ich mich an meinen Mann? Der nickte
begeistert, denn wer erlebt schon solche Abenteuer? Zum Abschied überreichte
man uns jeder ein Paar herrliche Flügel, wir können zwar nicht fliegen damit,
doch es zeigt, dass wir Ehrenbürger von Libelei sind. Ligra brachte uns zurück
und wir dachten noch lange daran, dass wir in nur einem Tag einen Planeten
gerettet hatten.
© By Gitte