Magie?!
Vera
hat Glück, sie arbeitet in einer Firma, in der das Betriebsklima hervorragend
ist. Sie sitzt in einem Großraumbüro mit vierzehn anderen Kolleginnen und bei
ihnen herrscht ein toller Gemeinschaftssinn. Meinungsverschiedenheiten werden
gemeinsam gelöst und man hat eine Menge Spaß miteinander. Da man den ganzen Tag
eng zusammen arbeitet, kennt man seine Kolleginnen oft besser als den eigenen
Partner.
Mit
Veras Ehemann ist das so eine Sache. Seit sieben Jahren sind sie nun
verheiratet und die Gemeinschaft wird immer unerträglicher. Markus war nie
Veras Traummann gewesen, eigentlich hatte sie ihn nur genommen, weil sie
unbedingt ihr eigenes Leben führen wollte. Ihre Eltern waren durch einen
Lottogewinn zu ein wenig Geld gekommen und hatten zu trinken begonnen, als das
Geld aufgebraucht war, waren beide Alkoholiker. Vera musste bis auf ein gerade
zu lächerliches Taschengeld ihren Verdienst zu Hause abgeben.
Dann
lernte sie Markus kennen und sie beschlossen, zu heiraten. Dass er sie nur
genommen hatte, weil ihm das Wasser bis zum Halse stand und er jemanden
brauchte, der seine Schulden abbezahlte hatte sie erst später erfahren. Vera
hatte ihre gut bezahlte Stelle und lebte neben ihm mehr schlecht als recht,
wenn sie sich mal sahen, hatten sie Streit. Markus brachte sehr wenig Geld nach
Hause, er hatte so gut wie keinen Ehrgeiz, im Gegensatz zu Vera, dass sie gut
verdiente kam ihm gelegen, denn im Geld ausgeben war er besser, als beim
Arbeiten. Vera machte eine Menge Überstunden, denn im Büro war sie lieber, als
zu Hause bei ihrem ewig schlecht gelaunten Mann. Früher hatte sie mal die eine,
oder andere Kollegin mit ihrem Partner eingeladen, aber jede nur halbwegs gut
aussehende Frau baggerte er unerbittlich an, so machte sie diesem peinlich
Spiel ein Ende und ging ihre eigenen Wege. Markus indes veränderte sich immer
mehr, war er zu Hause, gammelte er in seinem unappetitlichen Hausanzug herum,
verstreute seine Sachen überall in der Wohnung, ging er aus, übertünchte er
seinen Körpergeruch mit teuren Parfums und trug Markenanzüge. Draußen gab er
dann an, wie ein Sack Seife. Vera wünschte sich oft, seine Kollegen, mit denen
sie sich ab und zu zum Kegeln trafen könnten ihn mal so sehen.
In
Veras Firma legte man sehr viel Wert auf Gemeinschaft. Da gab es Gerda, ihr
Verlobter besaß eine Strickwaren Firma und Gerda kam einmal im Monat mit einem
Kofferraum voller Musterexemplare und Ihre Kolleginnen konnten diese Pullis zum
Einkaufspreis ordern. Gitta und Susi waren befreundet und wählten stets die
gleichen Sachen. Ursel, die Chefin, hatte einen Bruder, der bei einer bekannten
Schuhfirma arbeitete, bei ihr könnte man Schuhe zum Einkaufspreis bestellen.
Evis Schwager war Rechtsanwalt, brauchte man juristischen Rat, wendete man sich
an sie. Gittas Mann arbeitete im Großhandel und wann immer ein Paket platzte,
gab es jede Menge Süßigkeiten, so schmauste man schon mal im April die
Weihnachtsprodukte des nächsten Festes, so frisch bekam man außer beim
Hersteller diese Sachen nie. Sabines Freund arbeitete beim Straßen Verkehrsamt,
hatte man mal ein Knöllchen, kein Problem, es lief über seinen Tisch, aber nie
darüber hinaus. Christel versorgte alle Kolleginnen auf Wunsch mit Eintopf,
oder Aufgesetzten. So lebte man in einer tollen Gemeinschaft nach dem Motto
einer für alle, alle für einen. Die anderen bemühten sich redlich auf andere
Weise zu dieser Gemeinschaft bei zu tragen, Birgit entdeckte schöne Silberringe
und kaufte für jede Kollegin einen, eines Tages war in der Bahnhofs Parfümerie
eine Sorte falsch ausgezeichnet, Birgit sah es auf dem Weg in die Firma,
informierte uns und wir alle kauften.
Eines
Tages war eine Kollegin bei einem Wahrsager gewesen und total begeistert.
Natürlich wollten nun alle ihr Schicksal kennen lernen. Vera wurde zu Rate
gezogen, denn man ließ sich gerne von ihr die Karten legen. Sie hatte schon
vielen Kolleginnen erstaunliche Sachen
berichtet und eigentlich immer richtig gelegen.
Vera
winkte ab. „Wenn jemand die Zukunft vorher sagen kann, ist das eine ziemliche
Belastung und kein Spaß“, meinte sie. „Erinnert ihr Euch noch, als ich Elke
sagte, es stirbt ein männlicher Verwandter? Es sind ja nicht immer schöne
Sachen, die man sieht, und wer damit Geld macht, ist meist ein Betrüger.“
„Na ja“, meinte Birgit, „da du dich ja
auskennst, wäre es sicher ein Riesenspaß, ihn richtig an der Nase herum zu
führen“.
Vera
grinste. „Warum eigentlich nicht, lass uns mal überlegen, wie wir vorgehen
könnten.“ Sie entwarfen einen Plan. An einem Montagnachmittag war es soweit.
Vera und Birgit hatten einen Termin. Sie stellten das Auto einige Straßen zuvor
ab, damit keiner von dem Nummernschild Rückschlüsse auf ihre Herkunft schließen
konnte. Vera nahm Birgits Tochter an die Hand und tat, als sei sie Babsis Mutter. Im Wartezimmer sprachen sie kein Wort
miteinander, damit man nicht über ein verstecktes Mikro Informationen erhielt,
sie hatten an alles gedacht, ……glaubten sie.
Neugierig
sahen sie sich um, nichts war außergewöhnlich, es sah fast aus, wie im
Wartezimmer eines Arztes. Die Tür öffnete sich und der Wahrsager erschien. Vera
und Birgit staunten, kein spitzer Hut, schwarzer Mantel, nichts was auf Hokus Pokus schließen ließ. Herr
Fischmann grinste sie an. Das einzig auffällige an ihm waren seine schwarzen
Augen, die einen zu durchbohren schienen. Eine Weile schwieg er und sah sie
schweigend an, dann gab er jeder von ihnen die Hand und sagte lächelnd:
“Sie
hätten ihr Auto ruhig vor der Türe parken können“, dann wendete er sich an
Birgit „Und sie können ihr Kind wieder selbst nehmen!“ Verblüfft schauten sie sich
an.
„Aber
eines verstehe ich nicht“ sprach er weiter und sah Vera an, “Was wollen Sie
hier, Sie können doch selbst Karten legen.“ Er lächelte und meinte: “Ach ja,
ich verstehe, dann wollen wir mal Überzeugungsarbeit leisten, wer möchte
zuerst?“ „Wir haben keine Geheimnisse voreinander, “ sagten Birgit und Vera gemeinsam und mussten
über die Dualität ihrer Rede lachen.
„Bitte“,
Her Fischmann öffnete die Türe zu einem weiteren Raum. Auch hier wies nichts
auf Magie hin, es war ein ganz normaler Raum, nur ein Kartenspiel lag auf dem
Tisch. Er wies auf zwei Sessel und Birgit und Vera setzten sich Herrn Fischmann
gegenüber.
„Jeder
von ihnen hat eine Stunde“ erklärte er.
„Sie können alles fragen“. Birgit begann, damit Vera Zeit hatte, sich
Fragen zu überlegen. Sie war ja nur an ihrem eigenen Schicksal interessiert.
Erst hatten die Fragen allgemeinen Charakter, Vater tot, Mutter krank, etc.
Plötzlich
meinte Herr Fischmann: „Warum stellen Sie nicht die Frage, die Ihnen am Herzen
liegt? Sie möchten doch wissen, wie ihre Verabredung am Samstag läuft.“
„Sie
irren sich, ich habe einen Freund und Samstag keine Verabredung, “ sagte
Birgit.
„Wenn
Sie das sagen“, sprach Herr Fischmann lächelnd. „Trotzdem sage ich Ihnen, wenn
sie dorthin fahren, kommen sie schwanger zurück.“
Birgit
schwieg.
„Nun
fällt mir nichts mehr ein, “ sprach sie,
sie hatte eine dreiviertel Stunde gebraucht.
„Überlegen
sie in Ruhe“, bot Herr Fischmann an.
„Nun
zu Ihnen.“ wandte er sich an Vera.
„Zuerst
wüsste ich gerne, wie man es fertig bringt, mit dieser immensen Belastung
fertig zu werden“ wollte Vera wissen.
„Wie
werden Sie damit fertig?“ fragte Herr Fischmann zurück. „Ehrlich gesagt gar
nicht, “ gab sie zur Antwort.
„Sehen
Sie, ich auch nicht“, gab er zurück. „Ich werde ihnen nun erst einmal Ihre
persönlichen Fragen beantworten“.
Kurz
und knapp schilderte Her Fischmann Veras Situation, ihre Mutter ist tot, die
Betreuung ihres Vaters überfordert sie usw. Vera staunte, bis Herr Fischmann
sagte: „Nun zu ihrem direkten Umfeld, im nächsten Jahr werden sie sich scheiden
lassen“. Vera begann schallend zu lachen. „Überlebt mein Mann das? wollte sie
wissen. „Aber ja doch, denn Sie lernen einen anderen Mann kennen“, schmunzelte
Herr Fischmann über Veras Temperamentsausbruch.
„Bitte
setzen sie sich doch ins Wartezimmer“, wandte er sich nun an Birgit. Diese
schaute Vera fragend an. Vera nickte zustimmend. Als Birgit den Raum verlassen
hatte, nahm Herr Fischmann Veras Hände und drehte die Handflächen nach oben.
„Dass
Sie Karten legen können, wissen sie, aber welche Macht in ihnen wirklich wohnt,
haben Sie noch nicht begriffen“, sprach er und sah Vera eindringlich an. „Ich
möchte dich zum Medium ausbilden“, meinte er. „Sieh mal, du besitzt in jeder
Handwurzel ein ausgeprägtes Kreuz, daran erkennt man magisch hoch begabte
Menschen. Es wäre eine Schande, diese Fähigkeiten nicht zu nutzen. Du bist
jetzt völlig durcheinander, überleg es Dir, wir telefonieren übermorgen
miteinander“.
Damit
entließ er Vera, die völlig ratlos war.
Auf
dem Weg zum Auto schwiegen Birgit und Vera. Plötzlich rief Birgit“, Verdammt,
dass KANN er nicht gewusst haben“. „Worüber redest du?“ wollte Vera wissen.
„Es
stimmt, ich habe Samstag ein Date, was mach ich nur?“ Vera zuckte die Schultern.
„Du hast gehört was passiert.“ meinte sie.
„Das
glaub ich alles nicht“, murmelte ihre Freundin fassungslos vor sich hin.
Aber
Vera war so mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, dass sie es aufgab mit ihr
zu reden. Still fuhr Birgit Vera nach Hause.
Zwei
Tage kreisten ihre Gedanken nur um Walter. Sie nannte ihn gedanklich beim
Vornamen, nachdem auch er begonnen hatte, sie zu duzen. Als dann am
übernächsten Tage das Telefon schellte, zuckte sie erschrocken zusammen, … das
ist er … durchfuhr es sie. Sie nahm den Hörer ab und hörte Walters Stimme.
„Hast
du dich entschieden?“ fragte er.
Einen
Moment zögerte Vera … wenn ich zusage, wird nichts mehr so sein, wie bisher …
durchfuhr es sie.
„Ja“,
hörte sie sich sagen, ich in dabei.“
„Fein“,
sprach Walter. „Das freut mich sehr, ich hole dich ab und dann besprechen wir
alles weitere, ist es dir recht?“
„Gerne“,
bestätigte Vera, „bitte komm vorbei“.
Als
Walter kurz darauf klingelte, lief sie schon die Treppe hinunter, ihm entgegen.
Sie fuhren in ein kleines Cafe, in dem sie die einzigen Gäste waren. Nachdem
sie bestellt hatten, sah Walter Vera eindringlich an und wieder schauerte sie
unter seinem intensiven Blick.
„Du
hast es auch gemerkt, oder?“ wollte er
wissen: „Wir sind es, die füreinander bestimmt sind“.
„Du
vergisst, dass ich verheiratet bin“, meinte Vera daraufhin. „Und du, dass ich
Magier bin“, entgegnete Walter.
„Was
willst du damit sagen“, fragte Vera, es verschlug ihr die Sprache.
Walter
sah sie an: „Du bist doch eine intelligente Frau und weißt wovon ich rede, wir
alle haben unser Schicksal in der Hand. Also - willst du für mich frei sein?“
Vera
wurde heiß und kalt.
„Walter,
ich mag dich. Sehr sogar. Aber um das zu entscheiden, muss ich einen Tag
Bedenkzeit haben. Was hast du vor?“
„Vera,
damit will ich dich nicht belasten, wenn es an der Zeit ist, werde ich dich
alles lehren. Vorerst ist es besser, du weißt nicht so viel“. Anschließend fuhr
Walter Vera heim.
Am
Abend versuchte sie mit Markus ein vernünftiges Gespräch über ihre marode Ehe
zu führen.
„Was
tätest du, wenn ich mich scheiden ließe?“ wollte Vera wissen.
„Dann
kündige ich und ziehe zu meiner Mutter“, sagte Markus. „Dann gelte ich als
mittellos und Du kannst alle Schulden alleine abtragen“ drohte er. „Überleg dir
das gut“.
Damit
stand Veras Entschluss fest. Als Walter sich am nächsten Tage meldete, sagte
sie nur:
„Mach
es, schaff ihn mir bitte vom Hals.“
„In
Ordnung“ entgegnete Walter. „Es ist besser, wir sehen uns in den nächsten Tagen
nicht, ich melde mich, wenn alles vorbei ist“.
Vera
wartete gespannt, was passieren würde, aber es geschah nichts. Nach einigen
Tagen war Markus schon zu Hause, als Vera aus der Firma heimkam.
„Mir
ist es nicht gut“, meinte er und raste wieder auf die Toilette. Es ging den
ganzen Tag so. Markus wurde immer bleicher und elender.
Nach
einiger Zeit rief Vera den Hausarzt. Der kam, untersuchte Markus und zuckte die
Schultern:
„Sie
haben ihrem Magen ein wenig viel zugemutet, an Alkohol und Zigaretten“, stellte
er die Diagnose. Er ließ eine Medizin da, Markus nahm sie und ging zu Bett.
Vera sagte:“ Ich schlafe auf der Couch, ich muss ja morgen fit sein, für die
Arbeit“. Einige Mal hörte sie Markus stöhnen, wagte aber nicht, nach ihm zu
sehen.
Als
sie am Morgen ins Schlafzimmer kam, rührte er sich nicht. Vera fühlte den Puls,
nichts. Dann rief sie wieder den Arzt. Dieser kam, untersuchte und stellte den
Totenschein aus. „So kann es gehen“, meinte er, „Alkohol, Zigaretten und
Übergewicht ist eine brisante Mischung“. Er sprach Vera sein Beileid aus und
ging.
Am
nächsten Tag rief Walter an. „Wann sehen wir uns?“
Vera
lächelte befreit.
© By Gitte